A. D. Bernstein: Von der Balance of Power zur Hegemonie (Reiner Marcowitz)
Amir. D. Bernstein, Von der Balance of Power
zur Hegemonie. Ein Beitrag zur europäischen Diplomatiegeschichte
zwischen Austerlitz und Jena/Auerstedt 1805–1806, Berlin (Duncker &
Humblot) 2006, 290 S. (Historische Forschungen, 84), ISBN
978-3-428-12126-7, EUR 74,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Reiner Marcowitz, Metz
Die Revolution von 1789 veränderte nicht nur grundlegend die innenpolitischen Verhältnisse in Frankreich, sondern sehr bald auch die Außenpolitik des Landes und letztlich die politische Lage in ganz Europa. Der eigene Erfolg suggerierte den französischen Revolutionsheeren einen Missionsanspruch, der sie scheinbar berechtigte, ja ihnen zur Pflicht machte, auch ihre Nachbarn an den Idealen von liberté, égalité, fraternité teilhaben zu lassen. Das ursprüngliche Kalkül der übrigen europäischen Großmächte, dass die Umwälzung in Frankreich eine innere Angelegenheit des Landes bleiben und dessen internationales Gewicht eher schwächen werde, stellte sich daher bald als irrig heraus. Der furor gallicus wirbelte die politische und territoriale Ordnung Europas seit Anfang der 1790er Jahren völlig durcheinander. Das Ausmaß des französischen Bellizismus’ und Dominanzstrebens, vor allem unter Napoleon I., sprengte jedes geläufige Maß in einer auch bis dahin an großen Kriegen und hegemonialen Versuchungen nicht armen europäischen Geschichte.
Somit erschütterte die Französische Revolution zeitweise nachdrücklich die inneren und äußeren Grundlagen des bisherigen europäischen Staatensystems, in dem sie dessen Prinzipien – monarchische Legitimität und Selbstherrschaft ebenso wie das relative Gleichgewicht zwischen den fünf europäischen Großmächten Frankreich, Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen – erfolgreich negierte. Dieser Sachverhalt hat seit Mitte der 1990er Jahren in der internationalen Geschichtswissenschaft wieder verstärkt Interesse geweckt, nachdem Paul W. Schroeder in seinem Opus magnum »The Transformation of European Politics 1763–1848« (Oxford, New York 1994) die Nachkriegsordnung des Wiener Kongresses von 1814/15 als Ausweis eines tief greifenden Umdenkungsprozesses der beteiligten Politiker interpretiert hat, die bewusst die richtigen Lehren aus dem Zusammenbruch des internationalen Systems im Ancien Régime gezogen hätten.
Es ist das Verdienst von Bernstein, in diesem Zusammenhang an die Bedeutung der Schlüsseljahre 1805/06 zu erinnern. Die Phase von der schweren Niederlage Österreichs und Russlands in Austerlitz im Dezember 1805 und jener noch viel verheerenderen Preußens bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 markiert für ihn zu Recht eine entscheidende Zäsur in der europäischen Diplomatiegeschichte: An die Stelle der bisherigen, beileibe nicht konfliktfreien, aber doch weitgehend austarierten und militärische Konflikte stark einhegenden Balance of Power drohte nach Austerlitz eine kaum verhüllte Hegemonie Napoleons I. zu treten – es sei denn, es gelang in Verhandlungen der fünf Großmächte ein neues und dauerhaftes System zu schaffen, das ungeachtet der französischen Stärke auch den übrigen staatlichen Akteuren mehr als nur einen Satellitenstatus beließ. Auf Seiten Großbritanniens, Russlands, Österreichs und Preußens bestand hierzu grundsätzlich Bereitschaft. Noch war hier die Erinnerung daran nicht verblasst, dass Napoleon I. einst zur Erleichterung des übrigen Europa die Exzesse der Französischen Revolution überwunden hatte und sein Land damit auch wieder zum kalkulierbaren außenpolitischen Partner gemacht zu haben schien. In der französischen Führung wiederum gab es – wie Bernstein sehr viel detaillierter als in der bisherigen Forschung und daher mit einigem Neuigkeitswert herausarbeitet – mit Außenminister Talleyrand ebenfalls einen energischen Befürworter einer solchen Regelung.
Letztlich scheiterten diese Bemühungen für Bernstein an einer Fehlperzeption: Talleyrands Verhandlungspartner seien unfähig gewesen, »zwischen seinem Friedensprojekt und der Hegemonialpolitik Napoleons zu unterscheiden« (S. 231). Indes scheint dies nur die halbe Wahrheit zu sein, denn Talleyrand musste sich im Zweifelsfall ja tatsächlich immer Napoleons Konzeption unterordnen: Diese aber sah gerade nicht vor, Frankreich dauerhaft in ein stabiles Staatensystem einzubinden, das seinen hegemonialen Ehrgeiz begrenzte und damit auch den anderen Großmächten ihre Herrschaftsansprüche sicherte. Der französische Kaiser wollte keine aus gegenseitiger Abhängigkeit resultierende Sicherheit, sondern vielmehr eine aus einseitiger Kontrolle erwachsende Vorherrschaft. Nach Jena und Auerstedt schien ihm der Weg für dieses unilaterale System frei. Zutreffend resümiert Bernstein denn auch, »die Doppelschlacht markierte nicht nur den inneren Umbruch im preußischen Staat, sondern in erster Linie den Umbruch im Staatensystem«, d. h. das Ende des Zeitalters der Balance of Power (S. 228). Hingegen muss der Leser die destruktiven Konsequenzen des konzeptionellen Gegensatzes zwischen Talleyrand und Napoleon mehr zwischen den Zeilen rezipieren, denn expressis verbis formuliert Bernstein sie nicht. Hier scheint ihm sein eigener Anspruch, mit seiner Studie gleichzeitig auch zur »Erneuerung der Disziplin« (S. 12) beitragen zu wollen, im Weg gestanden zu haben: So wenig gegen eine Betonung »der Erklärungskraft des Ephemeren« (S. 13), d. h. die Konzentration »auf wenig oder unbeachtete Nebenlinien der Geschichte« (ebd.) – in diesem Fall der Versuch Talleyrands, ein neues Gleichgewichtssystem in Europa zu schaffen –, einzuwenden ist, so sehr darf dabei natürlich nicht die Hauptlinie der historischen Entwicklung, hier also die Dominanz von Napoleons Alleinherrschaftsanspruch, ignoriert werden.
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