B. Stammberger: Fremdheit am eigenen Körper
Zusammenfassung
Die Konstruktionen des Eigenen und Fremden verlaufen seit dem 19. Jahrhundert entlang einer biologisch-sozialen Konstruktion der Körper. Mit dem wirkungsmächtigen Differenzierungsprojekt der Moderne wird der Körper im Feld der Unterscheidung zwischen dem Normalen und Anormalen synthetisiert und in seiner sozialen und gesellschaftlichen Realität hervorgebracht. Auf der Grundlage dieser Unterscheidung setzt der medizinische Blick zunächst an den pathologischen Phänomenen an. Seit dieser Zeit bezieht sich das medizinische Wissen auf die Normalität. Die Sprache über den Körper beginnt an der biologischen Struktur organischen Lebens und orientiert sich an der Struktur der Polarität zwischen dem Normalen und dem Anormalen, dem Eigenen und dem Anderen, dem Monströsen und dem Normalen. Dem eigenen Körper steht unmittelbar ein ganz anderer Körper gegenüber und wird in den Metaphern über das Eigene in seiner radikalen Fremdheit stetig symbolisiert und bildlich vergegenwärtigt: Es ist das Bild der monströsen, schwarzen Frau. Der monströse Körper wird als ein deviant gewordener Geschlechtskörper permanent inszeniert. In den Naturalisierungsstrategien medizinisch-anthropologischer Diskurse wird die biologische Abweichung als unhintergehbare Faktizität bestimmt und damit die Vorstellungen des Eigenen auf der Definitionsmacht der Normalität festgeschrieben. Das Monströse, als eine dem Leben selbst beinhaltende Größe, rückt in eine gefährliche Nähe zum Normalen und erzeugt neue Wissensimpulse und Aussagesysteme, die die Grenzen zwischen dem Normalen und Anormalen nicht nur zu bestimmen versuchen, sondern in dem performativen Akt der Konstruktion und Dekonstruktion des Monströsen diese Grenzen auch stetig destabilisieren.
Résumé
L’étrangeté devant son propre corps. Représentation scientifique du féminin et du monstrueux: La représentation de soi et de l’étranger évolue depuis le XIXesiècle en fonction de la construction socialo-biologique des corps. Dû à la modernité, le projet de différenciation, qui eut des conséquences très importantes, permet de faire une synthèse du corps à partir de la différence entre le normal et l’anormal et de saisir celui-ci dans sa réalité sociale. Se fondant sur cette différence, le regard médical se pose d’abord sur les phénomènes pathologiques. Depuis cette époque, le savoir médical se réfère à la normalité. Le discours sur le corps commence à la structure biologique de la vie organique et s’oriente vers la structure bipolaire entre le normal et l’anormal, le soi et l’autre, le monstrueux et le normal. Nous sommes face à un tout autre corps que le nôtre, constamment symbolisé par des métaphores sur le soi dans son étrangeté radicale et représenté par des figures: celle de la femme noire, monstrueuse. Le corps monstrueux est en permanence mis en scène en tant que corps sexué ayant subi une déviation. Dans les stratégies naturalistes du discours médico-anthropologique, la déviation biologique est définie comme une facticité incontournable et les représentations du soi sont ainsi établies sur le pouvoir normatif de la normalité. Etant une grandeur contenue dans la vie même, le monstrueux est dangereusement proche du normal. Il stimule la connaissance et produit de nouveaux systèmes d’énoncés qui, non seulement essaient de définir les frontières entre le normal et l’anormal, mais déstabilisent constamment ces frontières par un acte performatif de construction et de déconstruction du monstrueux.
Ordnungen des Wissens
Als im Jahre 1834 der Berliner Physiologe und Anatom Johannes Müller einen Aufsatz "Ueber die äußeren Geschlechtstheile der Buschmänninen" veröffentlichte, knüpfte er an eine lange europäische Tradition an, die sich der Beschreibung und Untersuchung der weiblichen Genitalien afrikanischer Frauen widmete. Bereits im 18. Jahrhundert hatten die Reiseberichte von François LeVaillant und J. Barrow sich tief ins europäische Bewusstsein eingegraben und eine wissenschaftliche Figuration des Weiblichen, des Anderen und des Monströsen gezeichnet. Während die Darstellungen von François LeVaillant auf seinen eigenen Beobachtungen beruhten und die zeichnerische Illustration die abgebildete Wahrheit des Anderen repräsentieren sollen, wurde mit dem Sektionsbericht von Johannes Müller der entscheidende Wandel in der Körperpolitik des 19. Jahrhundert angekündigt, in der die Abweichungen und Missbildungen eine biologisch gesetzte Norm absichern und zugleich zu einer Konvergenz von biologischer Wesenheit und moralischen Aussagen führten.
In den Händen des Mediziners wird die Leiche einer afrikanischen Frau seziert und auseinandergelegt und in der Sprache der medizinischen Wissenschaftslogik wieder zusammengefügt. Auch wenn Müller auf eine lange Tradition der Darstellung von "Hottentottinnen" anknüpft, können beide Texte nicht im Sinne einer fortlaufenden, zunehmend rationalisierten Wissensgenerierung gelesen werden. Während François LeVaillant sich mit dem bloßen Anblick und der Illustration einer lebenden Frau einer bestimmten Wahrheit annähert, deren Funktion in der Abbildung und detailgetreuen Darstellung liegt, nähert sich Müllers Text sprachlich einer anderen Wahrheit.
Obwohl beide Texte historisch kaum voneinander abweichen, werden hier ganz verschiedene Prozesse der Wissensproduktion vollzogen, deren Aussagen auf unterschiedlichen epistemologischen Ordnungen des Wissens beruhen1. In seiner Ethnographie zeichnet der französische Reisende nahezu ein vollständiges Bild von Fremdheit, das durchdrungen ist von den Affekten einer zivilisatorischen Überlegenheitsvorstellung. Müllers Text hingegen scheint diese Affekte kaum frei zu legen: Seine erkenntnistheoretischen Fragen orientieren sich an der biologischen, körperlichen Faktizität der anatomisch freigelegten Strukturen. Die Vielzahl der Sektionsberichte afrikanischer Frauen, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, konnten jedoch diesen Anspruch an Affektfreiheit nicht einlösen und zeigen, wie im 19. Jahrhundert das biologisch-teratologische Wissen zunehmend in den Bereich des Sozialen diffundierte2.
Das heißt: nicht eine fortschreitende Akkumulation des Wissens lässt sich zwischen beiden Texten illustrieren, noch kann damit eine Rationalisierung des anderen Körpers oder des Monströsen im sicheren Hafen medizinischer Forschung beschrieben werden3. Die Texte von Müller und François LeVaillant zeigen die Brüche, Diskontinuitäten und die verschiedenen Ordnungen des Wissens. Ein Vergleich beider Texte soll der Frage nachgehen, wie überhaupt Aussagen über das Monströse mit der Kategorie des Geschlechtes verwoben wurden und wie Grenzziehungen und Differenzen als ein drohender Verlust dieser Stabilitäten auch stetig neue Impulse für die Wissensproduktion zur Absicherung seiner Gegenstände erzeugten.
Im 18. Jahrhundert dominierten die Literaten und Ethnographen das Bild des kulturell Fremden, während nur kurze Zeit später die modernen Humanwissenschaften zu einer neuen Politik des Fremden führten. Das Fremde wurde zu einem wissenschaftlichen Gegenstand der Anthropologie, Medizin und Kriminalanthropologie. Das Bild des Anderen, des kulturell Fremden mündete in einer wissenschaftlichen Synthese von Politik und Anatomie, denn die Pathologien des Anderen enthüllten sich in ihrer Anatomie4. Die Entstehung vielfältiger Analysen und wissenschaftlicher Technologien stellen "der politischen Anatomie des Körpers eine moralische Physiologie des Fleisches gegenüber"5.
Die Abweichung des Anderen in seiner anatomischen Zeichenhaftigkeit wurde biologisiert und naturalisiert und in der im 19. Jahrhundert konstituierten Leitdifferenz des Normalen und des Pathologischen positioniert. Die Vielzahl der kleinen Anomalien ist zu einem medizinisch-sozialen Problem geworden, denn im 19. Jahrhundert ist der Fortschritt der bürgerlichen und nationalen Gesellschaften durch die zunehmende soziale Degeneration bedroht.
Die Untersuchungen und Analysen zerfallen in die beiden Bereiche der alltäglichen Anomalien und des Monströsen. Der Körper wird dabei zu einem zentralen Ort der Wissensproduktion, über dessen Analyse und Untersuchung sich eine auf den Körper begründete Wahrheit ergeben musste. Der Körper wird in einem durchgängigen Netz von Wissen und Macht in einem System der Regularitäten und der Norm umzingelt6: Er wird kategorisiert, diszipliniert und differenziert. Die Aussagen zur Sexualität, sowohl als Verhalten als auch als morphologischer Gegenstand ergossen sich in den Bereich der Norm und der Anormalität. Die Körperphänomene werden als gesellschaftliche Erscheinungen verschiedenster Art in einer neuen Weise gedeutet und einem Normierungsdruck ausgesetzt7. Das Wissen über den Anderen setzt nicht an einem neutralen Gegenstand an, sondern das Objekt des Interesses strukturiert die Wissensproduktion und wird durch sie hervorgebracht. Das Monströse, die Abweichung, das Andere muss stetig inszeniert werden. Wie werden die Koordinaten des Monströsen, des Weiblichen und des Fremden im Diskurs über die "Hottentottenvenus" hervorgebracht und in welchen sozialen Kontexten wird das Gelingen der Diskurse über das Anderen abgesichert?
Reise in das Innere von Afrika
Auf seiner Reise in das Innere von Afrika in den Jahren 1780-1782 fertigte François LeVaillant die Zeichnung einer "Hottentottin" an und erzählte, dass es ihn viele Überredungskünste und Mühen kostete, "das zu betrachten, was der Leser in meiner getreuen Zeichnung auf der beiliegenden Kupfertafel sehen wird"8. Das, worüber LeVaillant berichtete, war eine "physiologische Seltenheit" der weiblichen Genitalien, deren innere Schamlippen wie eine Schürze herabhänge. Deshalb bezeugte François LeVaillant sein großes Interesse an der möglichen Darstellung weiblicher Genitalien, deren besondere Bildung er "bis auf diesen Augenblick für ein Märchen gehalten hatte". Und das Seltsame dieser Besonderheit, das, was sich in den Zeichen der Lächerlichkeit und des Amüsierens seiner Mitreisenden offenbart, ist, "wenn man will, so lächerlich, dass der bloße Anblick seiner Wirkung selbst aus der Seele des niedrigsten Wollüstlings jede Begierde verdrängen und das Toben der ausgelassensten Leidenschaft bei ihm in ein unwiderstehliches Lachen verwandelt"9. Das Begehren, die Erotik des anderen Körpers wird gänzlich von einer Fremdheitserfahrung verdrängt, die sich als Lächerlichkeit zeigt. Diese Fremdheit muss gezeichnet, dargestellt und abgebildet werden. Im Augenblick der zeichnerischen Illustration vollzieht sich die Wahrheit am abgebildeten Gegenstand.
Im anatomischen Zeitalter des 17. und 18. Jahrhundert ging es mit den Zeichnungen und Darstellungen körperlich sichtbarer Zeichen um Abbildungen der Natur und der Veranschaulichung ihrer schöpferischen Vielfalt. Das Sammeln von Gegenständen ist der eigentliche Impuls für die Wissensproduktion, einer Repräsentation des Anderen. In seinem Reisebericht stellte LeVaillant zunächst die in der Natur vorgefundenen Tatsachen dar. Seine Einschätzung und Bestimmung der Ursachen dieser körperlichen Fremdheit beruhen auf Aussagen und Beobachtungen, die der Reisende während seines Aufenthaltes in Afrika machen konnte.
Für LeVaillant liegen die Ursachen der körperlichen Differenzen in den unterschiedlichen kulturellen Praktiken begründet, welche sich in den jeweiligen Lebensbedingungen und fremden Vorstellungen über Schönheitsideale ausdrücken. Wenn auch der Lächerlichkeit preisgegeben, beruhte das Interesse einzig auf den Möglichkeiten der Sammlung und Darstellung von Seltenheit und Abweichung. Die Unterschiede zwischen den Menschen seien in den jeweiligen kulturellen Praktiken zu suchen, die zwar eine verstörende Fremdheitserfahrung erzeugten, aber deren Wesenheiten noch nicht mit biologischen Argumenten und Normen begründet wurden. Der Blick des Betrachters verweilt auf der Oberfläche des anderen Körpers und das Monströse zeigt sich im Moment des Anblicks. Als körperliche Einheit offenbart sich das Monströse noch in der Figur der großen Andersheit10.
Das Monströse ist noch nicht in die einzelnen Fragmente all der kleinen Anomalien zergliedert worden. Die Konstruktion des Anderen vollzieht sich im passiven Anblick, dessen radikale Fremdheit in der Repräsentation des Monströsen mündete. Die körperliche Abweichung befindet sich als Singularität noch auf der Oberfläche des Körpers. Die Aneignung des monströsen Objektes findet im Vollzug einer illustrativen Darstellung seiner Lebendigkeit, einer Signatur von körperlicher und kultureller Fremdheit statt.
Die Pathologie des Anderen
Im 19. Jahrhundert haben sich die Darstellungen und Konstruktionen des Monströsen entscheidend verändert. Als Gegenstand wissenschaftlicher Diskurse wird das Monströse zur Pathologie morphologischer Fragmente, als freigelegte Struktur wird das Monströse in die einzelnen Teile zerlegt, zerstückelt und im Gestus der medizinisch-anthropologischen Wissenschaftssprache neu zusammengesetzt. Im Übergang vom passiven Zuschauer zum aktiven Initiator werden die Repräsentationen des Monströsen neu konfiguriert. Wie Zürcher anschaulich dargestellt hat, kommt es zu einer Zerfaserung des Monströsen. Die Teratologie, die im 19. Jahrhundert zur ihrer Spitze gelangte, um am Ende des Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung zu verlieren, orientiert sich zwar weiter an einer Positivierung des Wissens, jedoch setzt seit dieser Zeit ein neuer Prozess ein, der das Verhältnis zwischen dem Monströsen und dem Körper neu bestimmte: "Dieser Prozess bedingt eine Abspaltung der monströsen Zeichen vom Referenten, vom monströsen Körper"11, die Orte des Monströsen dringen immer weiter in das Körperinnere ein. In diesen Räumen entwickelt das Monströse eine hohe Dynamik und entfaltet sich zu einer Kategorie der inneren Bedrohung. In welchem Zusammenhang stehen die anatomischen Beschreibungen von afrikanischen Frauen mit dem Prozess der Bedeutungsverschiebungen körperlicher Abweichung?
Wie Sander Gilman in seiner Interpretation der "Hottentottenvenus" anschaulich gezeigt hat, fand im 19. Jahrhundert eine entscheidende Wende für die Beschreibung der körperlichen Andersheit statt. Mit den zahlreichen Autopsien des weiblichen, afrikanischen Körpers richtete sich das medizinische Interesse auf die Genitalien, deren Abweichungen und scheinbare Pathologien als Zeichen für eine atavistische Monstrosität gelesen wurden. Vielfache Untersuchungen entstanden im 19. Jahrhundert, die sich auf die Genitalien afrikanischer Frauen konzentrierten und mit denen man Daten zu Verfügung stellen wollte, die die Nichteinheitlichkeit der Rassen begründen sollten.
Es ging nicht mehr um die Sammlung oder Darstellung der körperlichen Abweichungen, sondern die biologischen Beweisführungen sollten die Ansichten über die Nichteinheitlichkeit der Rassen demonstrieren: Die polygenetischen Argumente waren "die ideologische Basis für all die Autopsien dieser Frauen"12. Medizinisches Wissen vollzieht sich damit in einem sozialen Kontext. Dabei wurden physiologische Aussagesysteme mit moralischen Argumenten verbunden. Diese Vernetzungen stellen nicht die Medizin unter Ideologieverdacht, so als gäbe es einen privilegierten geisteswissenschaftlichen Zugang zum Wissen über den Körper. Vielmehr zeigt Gilman, dass das Wissen über den Körper historisch verfasst ist und jeder Anspruch auf Objektivität und Affektfreiheit selbst einen Machtanspruch beschreibt.
Die physiologischen Diskurse des 19. Jahrhunderts zeugen von einer Figuration des Monströsen, des Weiblichen und des Fremden, das nun im engsten ethnitisiert und genitalisiert war und der "Stabilisierung eines offenbar prekär gewordenen klassischen europäischen Weiblichkeitsideals" diente13.
Saartje Baartman als die Venus der "Hottentotten"
Als im Jahre 1810 die aus Südafrika stammende Saartje Baartman Europa erreichte, war der Mythos um die weibliche, afrikanische Sexualität schon längst im europäischen Bewusstsein angekommen: Auf der untersten Stufe der menschlichen Evolution verkörperten die "Hottentottinnen" das Sinnbild ungezügelter afrikanischer Sexualität, das als Gegenbild zum europäischen Weiblichkeitsideal sexueller Enthaltsamkeit und Sittsamkeit im Schein objektiver Wissenschaftlichkeit gezeichnet wurde. Saartje Baartman, die als Sklavin in den südafrikanischen Kolonien lebte, wurde zunächst in London und einige Jahre später in Paris wegen ihres ungewöhnlichen Körperbaus ausgestellt. Sie war ein Objekt: Als Schauobjekt wurde sie in engen Kostümen in einem Käfig den Blicken eines neugierigen und zahlungskräftigen Publikums ausgeliefert. Als wissenschaftliches Objekt wurde sie untersucht und über ihren Tod hinaus seziert, zerstückelt und ausgestellt.
Zahlreiche Abhandlungen zur Frage der Unterscheidungsmerkmale von Rassen, der Prostitution oder zur Anomalie weiblicher Genitalien wurden im 19. Jahrhundert veröffentlicht. Man sucht in den Registern dieser Werke vergeblich ihren Namen. Schlägt man jedoch unter ihrer ironisch, zynischen Bezeichnung "Hottentottenvenus" nach, so finden sich zahlreiche Verweise innerhalb physiologischer Diskurse von Anatomen, Mediziner und Kriminologen. Saartje Baartman fungierte als Zeichen einer atavistischen Monstrosität. Die Darstellungen über ihren Körper verweisen auf einen "einschneidenden Wandel in der Körperpolitik" des 19. Jahrhunderts14.
Zur Synthese von Monstrosität und Tod
Die Übertragung des Fremden in seine Abbildung, wie sie noch von François LeVaillant vorgenommen wurde, ist kennzeichnend für die Wissensproduktion des 18. Jahrhunderts. Es ging um die Überführung des Wissens in ein taxonomisches Modell der Natur. Im 18. Jahrhundert versuchte man den geordneten Kosmos abzubilden, denn "die Natur konnte ins Tableau überführt werden, weil sie selbst als Tableau wahrgenommen werden konnte"15. Der Erfahrungsdruck und der Empirisierungszwang, wie Lepenies den Übergang der Wissenschaften zur Moderne charakterisiert, führten dazu, dass im 19 Jahrhundert neue Methoden und Hilfsmittel entwickelt werden mussten, "mit denen man den Fortschritt des Wissens bewältigen kann"16. Dabei ging es weniger um die reinen Klassifizierungen oder um das Aufstellen von Ordnungen, vielmehr brachte der rasante Wissenszuwachs die alten Ordnungen wissenschaftlicher Systeme in die Kritik und forderte zugleich eine Dynamisierung des Denkens.
Seit dem 19. Jahrhundert etablieren sich zahlreiche wissenschaftliche Aussagesysteme und disziplinäre Diskurse, die die Symptome des Monströsen freilegen und im Gestus der disziplinären wissenschaftlichen Zusammensetzung seine Wesenheiten und Ursachen zu bestimmen versuchen. In seinem Sektionsbericht schreibt Müller, dass ihm durch das Bemühen eines am Kap ansässigen Arztes die schon in Verwesung übergegangene Leiche einer afrikanischen Frau zum Zwecke anatomischer Untersuchungen zur Verfügung gestellt wurde. Wenn gleich auch schon an einigen Stellen in Fäulnis übergangen, so scheint "seine" Leiche doch in vielerlei Hinsicht interessant: "namentlich durch die noch mögliche Untersuchung der sogenannten Schürze, durch den Mangel des sonst bei Buschmänninen und Hottentottinnen vorkommenden Fettpolsters"17. Das Ziel seiner Untersuchung der weiblichen Genitalien sei es, die "Nachrichten über diesen Gegenstand zu sammeln" und mit seinen eigenen Beobachtungen zu ergänzen.
Zunächst ging Müller davon aus, dass sich François LeVaillant irrte, wenn er behauptete, dass die "Schürze bei den Hottentottinnen" nicht allgemein, sondern nur selten vorkomme18. Den Grund für diese falsche Behauptung sieht Müller darin, dass den älteren Berichterstattern die "anatomischen Kenntnisse fremd waren". Müller hat sich sowohl mit den Reiseberichten von François LeVaillant und J. Barrow auseinandergesetzt, als auch mit wissenschaftlich-medizinischen Untersuchungen. In ihrer Leugnung – wie in der älteren Reiseliteratur behauptet wurde, eines rassenspezifischen Auftretens der "Hottentottenschürze" "haben sich unwillkührlich Irrthümer fortgepflanzt", die der Anatom durch die Sektion einer Leiche und den privilegierten disziplinären Zugang der Medizin ausräumen möchte. Müller unterscheidet hier deutlich zwischen der älteren Reiseliteratur und den medizinischen Texten. Während in den Reiseberichten die Aussagen nur auf der Grundlage von Gehörten und dem bloßen Anschauen beruhten, konnten die Ergebnisse der Beobachtungen eher zufällig gestreut werden. Die Heterogenität der verschiedenen Aussagen über die Existenz einer speziellen Morphologie weiblicher Genitalien, die in diesen Texten vorherrschte, zeugte für Müller nicht nur von der Uneinigkeit der beobachtenden Objekte, sondern von einer unzureichenden Möglichkeit der Aneignung von Wissen. Er erklärte gleich zu Beginn seiner Untersuchungsergebnisse, dass er "die vielen sich widersprechenden älteren und wenig lehrreichen Nachrichten"19 nicht berücksichtigen wird. Bezug nehmend auf frühere medizinwissenschaftliche Texte beansprucht Müller die wissenschaftlich physiologischen Aussagesysteme für die Herausbildung von Wahrheit. Mit den Ergebnissen der anatomischen Zerlegung sichert Müller die Wahrheit seines Objektes ab. Die scheinbare Objektivität verbürgt sich in der biologisch morphologischen Struktur.
In den Berichten der Reisenden wurden Fremdheit und körperliche Andersartigkeit synthetisiert. Fragen der Anatomie wurden zwar verhandelt, blieben jedoch auf den Bereich des Beobachtbaren beschränkt. In Müllers Text über die Sektion einer afrikanischen, weiblichen Leiche hingegen geht es um die Aufklärung körperlicher Wesenheit, die sich in einer Rassensystematik klassifizieren lassen soll. Die Singularität der Morphologie hebt Müller als legitimen Ausgangspunkt seiner Untersuchungen mit Bezug auf Cuvier hervor, denn die "Hottentottenschürze" habe "nichts mit den verschiedenen Theilen des sexuellen Apparates der Weiber andere Völkerschaften gemein"20. Diese Singularität, die Müller beansprucht, eröffnet sich auf der Matrix von Geschlecht, Rasse und Fremdheit. Das Fremde wird dabei so radikalisiert, dass es als Singularität seinen Seltenheitswert erhält und Müllers Erkenntnisinteressen strukturiert. Zunächst geht es darum, die Heterogenität der Aussagen zu bündeln und deren Glaubwürdigkeit auf Grund disziplinärer Zugänge zu legitimieren oder abzuweisen und die Existenz der morphologischen Struktur weiblicher Genitalien zu ethnisieren.
Die Untersuchungen von Georges Cuvier und Adolph Wilhelm Otto haben gezeigt, wie Müller betont, dass die "Existenz des Organs bei den Weibern" überhaupt nicht mehr bezweifelt werden kann. Allerdings haben diese medizinischen Texte nur dazu beigetragen, zu klären, "was die Hottentottenschürze nicht ist"21. Ausgehend von diesen Erkenntnissen muss das Interesse anatomischen Arbeitens darin liegen, nun aufzuzeigen, "was sie ist". Es geht um die Bestimmung von Wesenheiten, die im Prozess einer anatomischen Sektion produziert und bestätigt werden, "bei welcher das Zerstreute in den Zustand der Sammlung, das Zufällige in die natürlichen Gesetzmäßigkeiten, das Fragmentierte in das Vollständige überführt wird"22.
Zerfall, Dynamik und Bedrohung: Wissensproduktion im Moment des Todes
Die ästhetische Inszenierung des wissenschaftlichen Blickes führt zu einer physischen Aneignung des Körpers. Im "Verfahren der totalen Vermessung"23 wird der Körper zerstückelt, gegliedert und auf die räumlichen Koordinaten naturwissenschaftlicher Messungen übertragen. Diese Transformation findet nicht in einem neutralen Modus einer objektiven Beschreibung statt, in dem die scheinbaren körperlichen Abweichungen nur abgebildet werden. Die technologisch-medizinische Methode zur Erfassung und Bestimmung des anderen Körpers steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Wissenstand und dem Erkenntnisinteresse des Mediziners.
Die Visualisierung einer morphologischen Struktur und deren Übertragung in eine textliche Ebene vollziehen sich im Prozess wissenschaftlicher Teilung oder Fragmentierung des Monströsen. Das Monströse wird auf die Orte seiner Kausalität hin untersucht und zerfällt geradezu in die kleinen Einheiten seiner körperlichen Struktur, die dann in einem größeren Bedeutungszusammenhang scheinbarer Objektivierungen wissenschaftlich synthetisiert werden. Wie Zürcher betont, ist die Darstellung der körperlichen Abweichungen nur scheinbar eine Abbildung von anatomischen Tatsachen, verweise jedoch die wissenschaftliche Inbesitznahme der Leiche auf ganz andere Strukturen, die weit mehr sei, als nur eine wissenschaftliche Abbildung. Die Bedeutung des Monströsen wird aus einer realen Ordnung herausgelöst und in einem "Zeichensystem der Wissenschaft verwirklicht, also sichtbar, standardisierbar, reproduzierbar, im eigentlichen Sinn wissbar"24 gemacht.
Das Monströse, das bereits als wissenschaftliche Tatsache die Legitimation für die Sektion einer Leiche war, lag schon vor dem Vollzug der medizinischen Abbildung in seiner Bedeutung als Abweichung vor. In Bezug auf die wissenschaftlichen Texte von Cuvier und Otto referiert Müller den unbestimmten Charakter, die fehlenden Beschreibungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Festlegung der Frage, was die "Hottentottenschürze" denn nun sei. Man könnte meinen, Müllers Zugang zu seinem Objekt realisiert sich durch die Sektion, in dem hier eine Ausweitung des methodischen Zugangs stattfindet: Die wissenschaftliche Beschreibung repräsentiere allein sein Objekt. Im Gegensatz zu François LeVaillant gelangt Müller an die tieferen Strukturen der Bedeutungen und scheinbar argumentiert er auf einer biologisch-natürlichen Ebene unhintergehbarer Tatsache. Es fällt jedoch auf, dass die Aneignung seines Objektes keineswegs immer gelingen will. Denn ungehindert seiner eigenen Beobachtung einer einzigen Leiche ist es Müllers Bemühen, wesenhafte Bestimmungen zu machen, die er letztlich auf die "mündlich mitgetheilten Bemerkungen" eines Arztes, der in Südafrika tätig war, stützt, da dieser "wohl mehr Gelegenheit zur Beobachtung gehabt" haben müsste25. Gleichzeitig weist Müller auf die vielfältigen Widersprüche hin und die zahlreichen Interpretationen. Diese vielfältigen Ebenen der Bestimmung zeigen die Instabilität seines Objektes.
Von Krankheit, Tod und radikaler Abweichung gezeichnet, ist es zunächst die Fremdheit seines Objektes, die die Legitimation der wissenschaftlichen Annäherung bereithält. Der Tod und das Fremde werden hier zu einem Ort der doppelten Fremdheit: als das dem Leben Fremde und als kulturell Fremdes. Diese Doppelung von Fremdheit erlaubt die Konstruktion von Monstrosität auf der Matrix des weiblichen Geschlechts. Die Leiche hält sozusagen nicht nur den Ort der Fremdheit bereit, sondern ist bereits in die Phase einer Instabilität eingetreten26. Die Wissensproduktion muss dieser Dynamik einen sicheren Ort der Stabilität und des Zustandes entgegenhalten, damit das Objekt als wissenschaftliche Tatsache überhaupt beschreibbar und erfassbar wird.
Die Sektion wird zu einem Ort der doppelten Absicherung, indem das Objekt naturalisiert wird. Was als reale oder natürliche Bedeutung vorliegt, muss in einen größeren Zusammenhang eingefügt werden, damit es als körperlich biologische Tatsachen bestimmbar wird. Wenn Zürcher schreibt, dass die Natur naturalisiert wird27, so erscheint das Monströse nicht als Ausgangspunkt, gewissermaßen am Anfang einer durch die Natur vorgegebenen Tatsache, sondern wird erst im Ergebnis und in Berufung auf natürliche Tatsachen zum Produkt naturwissenschaftlicher Aneignungssysteme. Insofern steht die Natur oder der Körper zwar am Anfang eines Systems von Aussagen, aber als naturalisiertes Objekt ist es zugleich das Resultat von Naturalisierungspraktiken. Das Monströse wird damit erst im Prozess der körperlichen Vereinnahmung als natürliche Tatsache hergestellt, d.h. es muss erst als eine natürliche Tatsache konstruiert werden. Die "naturalisierte Natur" macht das Monströse zu einer biologischen Faktizität, wobei der Körper und das Monströse eine Beziehung der natürlichen Referenz eingehen und dabei als Ort für die Wahrheitsproduktion fungieren können.
Wie Zürcher gezeigt hat, verbinden sich hier Bild und Text in einem "System identischer Referenten: Wir sehen, wovon gesprochen wird"28. Die Visualisierung eines Objektes wird in eine sprachliche Struktur transformiert und zugleich muss sich dieser Blick der bereits epistemischen Struktur fügen. Die Synthese von Blick und Text ist weit mehr als eine bloße Übertragung des Referenten in den Modus seiner Repräsentation. Müllers Interesse an der Leiche wurde durch das, was der Anatom bereits wusste, in ein wissenschaftliches System überführt. Die Koordinaten dieses Wissens fügen das Monströse, das Weibliche, das Bedrohliche und das Unbestimmte zusammen.
Die bereits in Verwesung übergegangene Leiche offeriert zwar noch vorhandene Möglichkeiten der Bestimmbarkeit, führt jedoch den Betrachter in den Zustand seiner eigenen Zeitlichkeit und Vergänglichkeit. Die Zerstückelung der Leiche hält die einzelnen Segmente zur Herausbildung eines Wissens bereit, diese Fragmente werden gezeichnet, konserviert und beschrieben und im Moment des drohenden Verlustes festgehalten. Um die einzelnen Segmente in einen größeren System wissenschaftlicher Aussagen zu verbinden, denn Müllers Herausforderung besteht ja in der Bestimmung wesenhafter Eigenschaften der von ihm untersuchten morphologischen Tatsachen, müssen diese einzelnen Segmente wieder zusammengefügt werden, d.h. im Modus der wissenschaftlichen Aneignung wieder als Ganzes erscheinen. Die Abweichungen eines Objektes müssen sozusagen in die Differenz zum Normalen überführt werden. In diesem Transformationsprozess, der den Blick, das Visualisierbare in die textliche Struktur überführt, wird der drohende Verfall, das Krankhafte, Abnorme und das Flüchtige des vergänglichen Objektes der Anschauung in die Stabilität seiner Zeichenhaftigkeit übersetzt29.
Die wissenschaftliche Figuration des Monströsen und des Weiblichen vollzieht sich in einem Transformationsprozess an dessen Anfang ein instabiles, bedrohliches Objekt steht, welches zu einem epistemischen Wissenskörper übersetzt wird. In einem System von Visualisierbaren und textlicher Struktur wird das Monströse in der Produktion von Wissen als naturalisierte Tatsache erzeugt. Die zahlreichen Interpretationen in medizinwissenschaftlichen Texten des 19. Jahrhunderts, die die traurige Popularität von Saartje Baartman bezeugen, können jedoch nicht im Hinblick auf scheinbar falsche Voraussetzungen hin untersucht werden, wie es Stephen Jay Gould betont30. Seine Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Objektivierungen bemüht sich, die zweifelhaften Argumentationen dieser Texte aufzudecken. Wenngleich viele Voraussetzungen vom heutigen Wissensstand her bestritten werden können, so besteht Gould weiterhin auf einer Anschauung der fortschreitenden Akkumulation rationalisierbaren Wissens, so als könne man eine falsche Erklärung durch das Hinzufügen biologischer Fakten aufdecken.
Wie gezeigt werden konnte, sind es gerade die Naturalisierungspraktiken, die eine wissenschaftliche Tatsache erzeugen, in dem der andere, abnorme Körper als Ort der Wissensproduktion fungieren kann. Das epistemische Potenzial des anderen, toten Körper wird im wissenschaftlichen Zugang seiner Zergliederung materialisiert und stabilisiert und in ein wissenschaftliches Bezugsystem eingefügt. Wie Bronfen betont, ist die Monstrosität zugleich eine Auto-Ikone, die den Wunsch bereithält, den Punkt des Todes zu materialisieren und den Tod als Prozess rückgängig zu machen31. Die Erkenntnisse, die sich im wissenschaftlichen Zugang der Sektion einer afrikanischen Frauenleiche der Anatom verspricht, vollziehen sich nicht in einem neutralen, unberührten Raum. Vielmehr werden hier Wahrheiten beansprucht, die im Gestus der körperlichen Beschreibung erfolgen, jedoch immer kultur- und kontextabhängig sind. Bereits schon lange eingebunden in eine Differenz des Normalen und Pathologischen werden hier Begriffe von Degeneration, Abweichung und Monstrosität verhandelt. Eingebettet in diese Differenzen erhält der Körper einer afrikanischen Leiche den Ort bereit, an dem eigene kulturelle Normen verhandelt und festgeschrieben werden.
Autorin
Birgit Stammberger, M.A.
Leuphana Universität Lüneburg
birgit.stammberger@uni-lueneburg.de
1 Foucault hat mit der Entstehung der modernen Humanwissenschaften diesen radikalen Einschnitt in den Ordnungen des Wissens untersucht. Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt a.M. 1999, S. 413ff. und Ders., Geburt der Klinik, Frankfurt a.M. 1996.
2 Markus Dederich, Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies, Bielefeld 2007, S. 93.
3 Die Annäherung an das Thema der Figuration des Weiblichen und Monströsen im medizinischen Diskurs darf sich nicht nur an den Veränderungen einer zunehmenden Rationalisierung und Naturalisierung durch die wissenschaftliche Behandlung des Monströsen orientieren. Wie Hagner fordert, können diese Ansätze allenfalls eine erste Annäherung an dieses Thema darstellen. Es kann deutlich gezeigt werden, dass die Kategorien des Geschlechts und des Körpers immer eine Konvergenz eingehen, damit Monstrositäten als soziale Artefakte konstruiert werden können. Dass Hagner auf diese Konvergenz kaum hinweist, kann an dieser Stelle jedoch nicht weiter verfolgt werden. Vgl. Michael Hagner, Vom Naturalienkabinett zur Embryologie, in: Ders. (Hg.), Der falsche Körper. Beiträge zu einer Geschichte der Monstrositäten, Göttingen 2005, S. 73-107, hier S. 74.
4 Sander Gilman, Hottentottin und Prostituierte. Zu einer Ikonographie der sexualisierten Frau, in: Ders., Rasse, Sexualität und Seuche. Stereotypen aus der Innenwelt der westlichen Kultur, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 119-154, hier S. 147.
5 Michel Foucault, Die Anormalen, Frankfurt a.M. 2003, S. 258.
6 Ibid., S. 83.
7 Vgl. Philip Sarasin, Jakob Tanner, Physiologie und industrielle Gesellschaft. Bemerkungen zum Konzept und zu den Beiträgen dieses Sammelbandes, in: Dies. (Hg.), Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1998, S. 12-43, hier S. 20.
8 François LeVaillant, LeVaillant's erste Reise in das Innere von Afrika während der Jahre 1780-1782. Mit Anmerkungen von Johann Reinhold Förster, Berlin 1790, S. 398.
9 Ibid., S. 399.
10 Vgl. Foucault, Die Anormalen (wie Anm. 5), S. 141. Foucault zeigt auf, wie sich seit dem 19. Jahrhundert die Felder der Anomalien und der Anormalitäten ausgehend vom Begriff des Monsters in zahlreiche Felder auffächern und sich ein moderner Begriff der Anormalen herausgebildet hat. Das Monster war zunächst ein natürliche Verstoß gegen die Gesetzte der Natur, als biologisch-rechtliche Kategorien wurde es immer weiter in die gesellschaftlichen Diskurse hineingeholt, die es zunehmend bestimmte. Die Techniken der Normalisierung und Disziplinierung, die Vervielfachung räumlicher Monstrositäten haben einen "Übergang vom Monster zum Anormalen" (ibid., S. 144) ausgelöst, der selbst die vertrautesten Objekte bis in seine kleinsten Spuren hinverfolgt (ibid., S. 213).
11 Urs Zürcher, Monster oder Laune der Natur. Medizin und Lehre von den Missbildungen 1780-1914, Frankfurt a.M. 2004, S. 204.
12 Gilman, Hottentottin und Prostituierte (wie Anm. 4), S. 128.
13 Katharina Sykora, Weiblichkeit, das Monströse und das Fremde. Ein Bildamalgam, in: Annegret Friedrich, Birgit Haehnel (Hg.), Projektionen, Rassismus und Sexismus in der visuellen Kultur, Marburg 1995, S. 132-149, hier S. 144.
14 Ibid., S.132. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den medizinhistorischen Texten und aktuellen Interpretationen kann an dieser Stelle leider nicht erfolgen. In meinem Dissertationsprojekt "Moderne Monstrositäten. Eine Geschichte der Freaks" setze ich mich ausführlich mit diesen Texten auseinander. Vgl. auch Birgit Stammberger, Die "Hottentottenvenus" als moderne Monstrosität: zur Physiologie des 19. Jahrhundert, in: Diskurs. Politikwissenschaftliche und geschichtsphilosophische Interventionen, Leipzig 2007, S. 107-119.
15 Gunnar Schmidt, Anamorphotische Körper. Medizinische Bilder vom Menschen im 19. Jahrhundert, Köln 2001, S. 8.
16 Wolf Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1978, S. 24.
17 Johannes Müller, Ueber die äußeren Geschlechtstheile der Buschmänninen, in: Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin, Leipzig (34) 1834, S. 319-345, hier S. 319.
18 Müller ging es zwar darum nachzuweisen, dass es sich bei der von Cuvier, der die Sektion von Saartje Baartman leitete, nicht wie von ihm vermutet um eine "Buschmänin" sondern um eine "Hottentottin" handelte. Dieser Rassensystematisierung werde ich im Folgenden nicht weiter nachgehen, weil es für mein Thema keine Relevanz hat und eine unkritische Herangehensweise an diese Problematik wäre.
19 Müller, Ueber die äußeren Geschlechtstheile (wie Anm. 17), S. 319.
20 Ibid., S. 321.
21 Ibid.
22 Zürcher, Monster oder Laune der Natur (wie Anm. 11), S. 194.
23 Vgl. ibid., S. 187.
24 Ibid., S. 189.
25 Müller, Ueber die äußeren Geschlechtstheile (wie Anm. 17), S. 340.
26 Vgl. Elisabeth Bronfen, Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhethik, München 1994, S. 154.
27 Vgl. Zürcher, Monster oder Laune der Natur (wie Anm. 11), S. 189.
28 Ibid.
29 Bronfen, Nur über ihre Leiche (wie Anm. 26), S. 19.
30 Vgl. Stephen Jay Gould, Das Lächeln des Flamingos. Betrachtungen zur Naturgeschichte, Frankfurt a.M. 1995, S. 237.
31 Vgl. Bronfen, Nur über ihre Leiche (wie Anm. 26), S. 153.
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