Sie sind hier: Startseite content Publikationen discussions discussions 1 (2008) - Das Andere im 19. Jahrhundert / L'autre au XIXe siècle F. Keisinger: Der Balkan – zwischen Orient und Okzident?
Benutzerspezifische Werkzeuge
Navigation
 

F. Keisinger: Der Balkan – zwischen Orient und Okzident?

— abgelegt unter:
Der Balkan – zwischen Orient und Okzident?

Discussions 1 (2008)

Florian Keisinger

Der Balkan – zwischen Orient und Okzident?

Die Vielgestaltigkeit der westlich-medialen Wahrnehmung von Krieg und Gewalt auf dem Balkan am Beispiel der Bulgarian atrocities 1876
1


Zusammenfassung

Die balkanischen Nationswerdungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren begleitet von blutigen Kriegen. Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerungen waren fester Bestandteil dieser Kriege, da in ihnen die Trennung zwischen kämpfenden Truppen, marodierenden Banden und Zivilisten kaum mehr funktionierte. Von der westlichen Presse, die die Kriege auf dem Balkan mit großem Interesse verfolgte, wurde dies nicht in Abrede gestellt. Wem jedoch das Gros der begangenen Untaten angelastet wurde, divergierte. Von einer Homogenität der westlichen Balkanwahrnehmung kann – zumindest mit Blick auf die vier Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg – keine Rede sein. Gemeinsam war der deutschen und englischen Presse, dass Krieg im Südosten im Kontext der 'orientalischen Frage' verortet und dementsprechend als ein gesamteuropäisches Problem aufgefasst wurde. Wie jedoch die Antwort auf die 'orientalische Frage' aussehen sollte, hierüber gingen die Meinungen auseinander. Im Gegensatz zu liberalen englischen und nationalistischen irischen Zeitungen, die die Etablierung unabhängiger Balkannationalstaaten einforderten, sah die deutsche, konservative englische und irisch-unionistische Presse in der Türkei einen wichtigen Ordnungsfaktor für Südosteuropa. Die Berichterstattung westlicher Medien anlässlich der Bulgarian atrocities von 1876 verdeutlicht eindrucksvoll, wie unterschiedlich vor diesem Hintergrund Krieg und Gewalt auf dem Balkan wahrgenommen und gedeutet wurden.

Résumé

Les Balkans – entre l’Orient et l’Occident? La multiplicité de la perception des médias occidentaux de la guerre et de la violence dans les Balkans à partir de l’exemple des Bulgarian atrocities de 1876: La formation des nations balkaniques au XIXeet au début du XXesiècles s’accompagna de guerres sanglantes. Les atrocités contre les populations civiles en furent un élément important puisqu’il n’y avait plus guère de séparation entre les troupes combattantes, les bandes de maraudeurs et les civils. Suivant avec beaucoup d’intérêt les guerres dans les Balkans, la presse occidentale ne le contestait pas. Mais elle divergeait sur la question de savoir à qui attribuer la majorité des crimes commis. On ne peut parler d’homogénéité de la perception occidentale des Balkans, du moins pour les quatre décennies précédant la Première Guerre mondiale. La presse allemande et anglaise avaient en commun de replacer la guerre du sud-est européen dans le contexte de la "question d’Orient" et, en conséquence, de la considérer comme un problème concernant toute l’Europe. Cependant, elles n’étaient pas d’accord sur la réponse à apporter à la "question d’Orient". A la différence des journaux anglais libéraux et irlandais nationalistes, qui réclamaient l’instauration d’Etats-nations balkaniques indépendants, la presse allemande, la presse conservatrice anglaise et irlando-unioniste voyaient dans la Turquie un important facteur d’ordre en Europe du sud-est. Les reportages des médias occidentaux sur les Bulgarian atrocities de 1876 manifestent clairement à quel point, dans ce contexte, la guerre et la violence dans les Balkans furent perçues et interprétées différemment.

Forschung

<1>

Ein Schwerpunkt der Balkanforschung liegt seit geraumer Zeit bei der Verortung Südosteuropas auf einer kognitiven Landkarte Europas, einer sogenannten mental map2. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln haben sich seit den 1990er Jahren, angeregt durch die Pionierstudien von Edward Said und Larry Wolff3, zahlreiche Arbeiten mit diesem Thema beschäftigt4. Den ambitioniertesten Beitrag zu dieser Debatte lieferte Maria Todorova mit ihrem 1997 veröffentlichten Buch "Imagining the Balkans"5. Darin argumentiert sie, dass der westliche Balkandiskurs (sie spicht von "balkanism") im Verlauf des 18. sowie 19. Jahrhunderts zunehmend pejorative Züge angenommen habe und spätestens mit den Balkankriegen 1912/13 und dem Ersten Weltkrieg das Negativbild, das man sich sowohl in Europa als auch den USA von der Balkanregion machte, besiegelt worden war6. Die Folgejahre, so Todorova, brachten lediglich eine diskursive Verhärtung sowie Instrumentalisierung dieses Bildes, nicht jedoch seine inhaltliche Modifizierung – was unter anderem durch die Berichterstattung zum Jugoslawien-Krieg der 1990er Jahre, den die Medien zu Unrecht als einen erneuten Balkankrieg bezeichnet hatten, verdeutlicht worden sei. Dementsprechend handle es sich beim Phänomen des "balkanism" um eine der hartnäckigsten kognitiven Schablonen des Westens, derer man sich selbst heute nur schwerlich entledigen könne7 und die stets mit einer Herabsetzung sowie Negativwahrnehmung der Region verbunden sei8.

<2>

Prägendes Kennzeichen dieses "balkanism" ist laut Todorova, dass der Westen den Balkan als eine regelrechte Semiexistenz wahrnahm (und zum Teil immer noch wahrnimmt): "semidevelopd, semicolonial, semicivilised, semioriental"9 unterscheide sich die Region zwar von dem, was Said in seiner Orientalismus-Studie als 'das Andere' bezeichnet hatte, als einen vollwertigen Bestandteil Europas jedoch wollte (und will) man die Halbinsel, obwohl hieran geographisch kein Zweifel bestehen kann, nicht sehen. Bestenfalls sei der Balkan daher mit einer Brücke zwischen Orient und Okzident verglichen worden, in der Regel jedoch glaubte man in ihm die "dunkle Seite" des Kontinents, sein "antizivilisatorisches alter ego" oder schlichtweg eine periphere Region, in welcher "der Krieg niemals aufhört", zu erkennnen10.

<3>

Todorovas Studie erfuhr breite Rezeption, ihr Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt11. Gleichzeitig jedoch stießen ihre Thesen auf Kritik. So wollte der Berliner Südosteuropa-Experte Holm Sundhaussen Todorovas Konzept eines seit dem 18. Jahrhundert im Westen vorherrschenden und von pejorativen Zuschreibungen geprägten Balkandiskurses nicht gelten lassen. Seiner Meinung nach handelte es sich beim Balkan nicht um den "alteritären", sondern vielmehr um den "vergessenen" und daher weitgehend "unbekannten" Teil Europas12. Von der Existenz einer die westliche Balkanwahrnehmung dezidiert negativ determinierenden kognitiven Schablone könne schon deswegen keine Rede sein, so Sundhaussen, da das Interesse des Westens an der südöstlichen Region im von Todorova untersuchten Zeitraum viel zu gering gewesen sei. Ebenso gut ließe sich, bei einer ähnlich selektiven Quellenauswahl wie derjenigen Todorovas, eine "Europaphobie" der Balkanstaaten konstruieren13.

<4>

Wenn Sundhaussen von einem geringen Interesse des Westens an der Balkanregion ausgeht, so liegt er damit zumindest mit Blick auf das späte 19. sowie frühe 20. Jahrhundert falsch. Dies verdeutlicht bereits ein oberflächlicher Blick in die Presse, die sich in den knapp vierzig Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wiederholt und ausführlich, wenngleich zumeist im Kontext von Kriegen und Gewalttaten, mit der Balkanregion beschäftigte14. Egal ob im Zuge des serbisch-türkischen sowie russisch-türkischen Krieges 1876-78, der serbisch-bulgarischen Auseinandersetzung 1885/86, oder des Konfliktes zwischen Griechenland und der Türkei 1897 – das Interesse der europäischen Medien war stets mit Spannung auf die südöstliche Peripherie gerichtet, von den Balkankriegen 1912/13 ganz zu Schweigen. Und selbst während der Sommermonate 1903, als der Kampf um Makedonien im Ilindenaufstand einen gewalttätigen Höhepunkt erlebte, es jedoch weder zwischen den Balkanstaaten noch mit der Türkei zum Ausbruch eines Krieges kam, waren die Nachrichten-, Leserbrief- und Kommentarspalten der Zeitungen vollgepackt mit Neuigkeiten und Meinungen zu den vermeintlichen Vorgängen in der türkischen Provinz. Selbiges galt für das Jahr 1908, als die von Österreich-Ungarn im Umfeld der jungtürkischen Revolution vorgenommene Annexion Bosniens und Herzegowinas, nicht anders als die einseitige Erklärung der bulgarischen Unabhängigkeit, für helle Aufregung in westlichen Redaktionsstuben sorgten.

<5>

Als zutreffender erweist sich Sundhaussens Kritik dort, wo sie auf den oftmals allzu selektiven Umgang Todorovas mit den Quellen abzielt. Tatsächlich ist das Ausmaß an sowohl Kontinuität als auch Homogenität, das deren "balkanism"-Konzeption auszeichnet, erstaunlich. Zumal das herangezogene Quellenmaterial dem deutschen, englischen, französischen, österreichischen und sogar us-amerikanischen Raum entstammt und darüber hinaus der Zeitrahmen der Untersuchung über gut drei Jahrhunderte angelegt ist. Ausgewertet wurden dabei Erinnerungs- und Tagebücher westlicher Balkanreisender sowie Arbeiten aus dem Bereich der wissenschaftlichen und belletristischen Literatur – zum Teil von Autoren, die mit der Region lediglich vom Hörensagen vertraut waren. Ein zentrales Augenmerk von "Imagining the Balkans" liegt jedoch auf der Darstellung der Balkanregion in westlichen Zeitungen und Zeitschriften, da es nicht zuletzt der journalistische Diskurs war, so Todorova, der maßgeblich zur Entstehung einer westlichen Negativfolie vom Balkan beitrug und in dem "balkanism" in seiner idealtypischen Ausformung zum Vorschein trat15.

Thesen

<6>

In Abgrenzung zu Todorova wird im Folgenden argumentiert, dass der Balkandiskurs westlicher Medien im letzten Drittel des 19. sowie frühen 20. Jahrhundert keineswegs in homogenen Bahnen verlief. Vielmehr erwies sich sein Wesen als recht facettenreich, und dementsprechend vielgestaltig fiel auch das Bild aus, das europäische Zeitungen und Zeitschriften von der Region zeichneten.

<7>

Weder im englischen noch im irischen Fall ist es dabei angemessen, von einer (wie auch immer qualitativ gemünzten) Homogenität des von der dortigen Presse entworfenen Balkanbildes auszugehen. Stattdessen waren es recht unterschiedliche und zum Teil konträre Vorstellungen, die man hier den Lesern von der Balkanhalbinsel sowie den auf ihr gelegenen Staaten zu vermitteln suchte. Lediglich im deutschen Fall scheint es, wenngleich mit Einschränkungen, zulässig zu sein, von einer gewissen Einheitlichkeit des von der Presse entworfenen Balkanbildes auszugehen. Zurückführen ließ sich dies nicht zuletzt auf die besondere Beschaffenheit der deutschen Presselandschaft im Untersuchungszeitraum. So zeichnete sich die liberale Presse während des Kaiserreiches unter anderem dadurch aus, dass in ihr außenpolitischen Themen oftmals unkritischer und regierungsfreundlicher begegnet wurde, als dies bei Themen der Innenpolitik der Fall war. Hierin unterschied sich eine deutsche Partei- und Milieupresse16 von englischen Zeitungen, die sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend als eine ebenso überparteiliche wie selbstbewusste Instanz (eine regelrechte Fourth Estate) im politischen Raum definierten (und sowohl von den Zeitgenossen im Land als auch ausländischen Pressebeobachtern so wahrgenommen wurden)17.

<8>

Mehr als alles andere, so das hier vertretene Argument, war es die Positionierung gegenüber dem als gesamteuropäisch erachteten Problem der 'orientalischen Frage', in deren Kontext die Kriege im Südosten allesamt verortet wurden, die das Bild determinierte, das man sich bei großen englischen und deutschen Zeitungen vom Balkan machte. Während die Trennlinie hier jedoch seit den 1870er Jahren entlang der umstrittenen Frage verlief, was mit den europäischen Provinzen der Türkei geschehen sollte, sprich, ob an der politisch-territorialen Integrität des Osmanenreiches auch weiterhin festgehalten oder aber diese durch unabhängige Nationalstaaten auf dem Balkan ersetzt werden sollte, war der Blickwinkel, aus dem heraus man in der irischen Presse die Entwicklungen im Südosten verfolgte, ein weitgehend anderer. Zwar spielten die möglichen europäischen Implikationen der Eastern Question auch in der Berichterstattung irischer Blätter eine Rolle. Vielmehr als dies jedoch waren es Aspekte der irischen Nationswerdung, die die dortige Wahrnehmung der Entwicklungen auf dem Balkan in den knapp vier Jahrzehnten zwischen 1876 und 1913 prägten – wobei hier die Trennlinie, wenig überraschend, zwischen dem Lager irischer Unionisten und Nationalisten angesiedelt werden musste.

<9>

Wie unterschiedlich sich die Berichterstattungen, mit denen englische, deutsche und irische Zeitungen die Kriege und kriegsähnlichen Zustände auf dem Balkan begleiteten, zum Teil erweisen sollten, wurde am deutlichsten, wenn es um die mediale Darstellung von Kriegführung und Kriegsgewalt ging. Einig war man sich in der europäischen Presse lediglich dahingehend, dass die im Südosten geführten Kriege sowohl in der Art ihrer Austragung als auch hinsichtlich der in ihnen auftretenden Gewalttaten von vorangegangenen europäischen Kriegen unterschieden. Wie jedoch diese Kriege von Seiten englischer, deutscher und auch irischer Zeitungen wahrgenommen und welcher der Krieg führenden Staaten die Verantwortung an den in ihnen auftretenden Gewalt- sowie Gräueltaten angerechnet wurde, hierüber gingen die Meinungen oftmals auseinander. Während sowohl deutsche als auch konservative englische Zeitungen, nicht anders als die irisch-unionistische Presse, dazu tendierten, die Hauptverantwortung an den mit den Kriegen im Südosten assoziierten Gräueltaten der Seite der Balkanstaaten anzulasten, sah man dies in den Redaktionen nationalistischer irischer sowie liberaler englischer Blätter in der Regel ganz anders. Hier waren es allen voran die osmanischen Besatzer, denen die Schuld daran gegeben wurde, dass die Kriege auf dem Balkan wiederholt in derartig blutigen und gewalttätigen Bahnen verliefen und selbst die Zivilbevölkerungen von ihnen nicht verschont blieben18.

<10>

Ermöglicht wurde eine derartige Vielgestaltigkeit der medialen Lesarten nicht zuletzt dadurch, dass man in den Redaktionen der großen Zeitungen in der Regel selbst nicht genau wusste, was sich auf der Halbinsel am südöstlichen Ende des Kontinents zutrug. Die Kommunikationslinien zwischen den Orten des Geschehens und den Zeitungshäusern in London, Berlin oder Dublin erwiesen sich nicht nur auf Grund der Unwegigkeit der balkanischen Topographie als mangelhaft. Hinzu kamen die zumeist äußerst strengen Zensurmaßnahmen aller an den Kriegen beteiligten Staaten, mit denen die Korrespondenten in Südosteuropa nahezu permanent zu kämpfen hatten. Sie waren dafür verantwortlich, dass die Berichterstattung zu nahezu sämtlichen in der Region ausgetragenen Kriege aus den Hauptstädten oder aber militärischen Hauptquartieren der Krieg führenden Parteien erfolgen musste. Die zahlreichen, während sowie kurz nach den Kriegen veröffentlichten Tage- und Erinnerungsbücher der Reporter geben hierüber eindrucksvoll Aufschluss. Nicht nur der deutsche Offizier Hans Rohde äußerte sich im Zuge der Balkankriege 1912/13 befremdet angesichts des "Unsinns", der in der Presse über den Krieg verbreitet wurde, als ihn in Konstantinopel ein Paket deutscher Zeitungen erreichte: "Die Berichterstatter lassen, da ihnen der Zutritt [zu den Kriegsschauplätzen] verboten ist, ihrer Phantasie freien Lauf [...], nichts ist wahr, alles erfunden", so sein Urteil19. Wo es an verifizierbaren Nachrichten mangelte, jedoch gleichzeitig Kommentarspalten mit Meinungen und Analysen zu einem Krieg gefüllt werden mussten, dessen Austrag im Umfeld einer der sensibelsten Fragen der europäischen Politik anzusiedeln war – der 'orientalischen Frage' –, dort vermochte es nicht zu überraschen, dass Interpretationen und Spekulationen, wenngleich verpackt in Form von kommentatorischen Gewissheiten, blühten.

Die 'orientalische' als 'europäische' Frage

<11>

Sowohl länder- als auch milieuübergreifend bestand in der europäischen Presse Einigkeit darüber, dass es sich bei den auf dem Balkan zwischen 1876 und 1913 ausgetragenen Kriegen nicht lediglich um eine Angelegenheit zwischen dem Osmanenreich und den nach nationaler Unabhängigkeit strebenden Balkanstaaten handelte. Krisen in der Balkanregion, hierin stimmten sämtliche Beobachter überein, bedeuteten stets auch eine akute Gefährdung für das Funktionieren des europäischen Konzerts und somit den Frieden in Europa20. Bereits im Herbst 1876 hatte die Berliner Kreuzzeitung seine Leserschaft auf das "durchaus nicht friedliche Antlitz" in der "Physiognomie Europas" hingewiesen, wobei der Grund hierfür "vielmehr im Occident als im Orient liegt. Wir sind in der traurigen Situation, dass der Friede Europas von irgendwelchen dunklen Entschließungen in Petersburg, Belgrad, Konstantinopel oder sonstwo abhängt"21. Recht treffend fasste die Vossische Zeitung das Grundproblem sämtlicher Mächte Europas beim Umgang mit der Balkanhalbinsel knapp 40 Jahre später zusammen, als es anlässlich des Ausbruches des Ersten Balkankrieges im Oktober 1912 hieß:

Wenn es ein einiges Europa gäbe, dann könnten sich die Balkanvölker bekämpfen bis aufs Messer, sich gegenseitig nach Wohlgefallen die Hälse brechen, einander so schwächen, dass sie zuletzt allesamt ohnmächtig am Boden liegen – wenn es ein einiges Europa gäbe. [...] Bulgarien, Serbien, Montenegro [jedoch sind] nur die Bauern auf dem politischen Schachbrett, denen später die größeren Figuren folgen. Wird das Sandschak Novibazar, durch das der gerade Weg von der Herzegowina nach Saloniki führt, den Türken entrißen, so kann Österreich-Ungarn nicht untätiger Zuschauer bleiben. Greift Österreich-Ungarn ein, so greift Russland an. Hilft Deutschland seinem Verbündeten, so erklären Frankreich und England dem Deutschen Reiche den Krieg. Dann hat man den Weltbrand von Moskau zu den Pyrenäen, von der Nordsee bis Palermo22.

<12>

Vor diesem Hintergrund war es, dass man beim englischen Clarion bereits im Zuge der griechisch-türkischen Auseinandersetzung 1897, und somit gut anderthalb Jahrzehnte vor Ausbruch des Ersten Balkankrieges, vorgeschlagen hatte: "What we call the Eastern Question might be more properly called the European Question"23. Die Londoner Times erblickte im orientalischen Problem nicht weniger als "the nighmare of European diplomacy"24. Und auch im Lager irischer Nationalisten war man sich der besonderen Qualität der "Eastern Question" schmerzlich bewusst, die sich, wie das Freeman’s Journal einmal betonte, ihn ihrem Wesen ganz maßgeblich von der "Western Question" – der "irischen Frage" – unterscheide: "The Eastern Question is a European problem that must be settled one way or another. Not so the Western Question with which England has to deal"25.

<13>

Man war sich somit in der englischen, deutschen wie auch irischen Presse milieuübergreifend darin einig: "Die orientalische Frage berührt nicht weniger als Alles in Europa Bestehende"26. Ein einiges Europa, wie man es sich bei der Vossischen Zeitung gewünscht hätte, gab es beim Blick auf den Balkan nicht. Die russischen Interessen in Südosteuropa liefen denjenigen Österreich-Ungarns und auch Deutschlands diametral entgegen, auf die Rivalitäten zwischen St. Petersburg und London, die in den 1850er Jahren bereits zum Ausbruch eines europäischen Krieges und zwei Jahrzehnte später erneut an den Rand eines solchen geführt hatten, muss nicht näher hingewiesen werden. Die Meerengen-Problematik stellte im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts einen ebenso neuralgischen Punkt der internationalen Beziehungen dar wie die Frage, welche Fahne über den Dächern Konstantinopels wehen sollte.

<14>

Dass die tatsächlichen Implikationen der 'orientalischen Frage' auf den Frieden Europas von den Zeitgenossen vielfach überschätzt wurden, hierauf ist von verschiedener Seite hingewiesen worden27. Zweifellos müssen zahlreiche Konflikte auf dem Balkan, von denen man glaubte, dass sie auf die Beziehungen der europäischen Großmächte unmittelbar rückwirken, im Nachhinein als eher harmlose Strohfeuer eingestuft werden. Die Auseinandersetzung in und um Makedonien 1903 oder der griechisch-türkische Krieg 1897 waren solche Fälle. Hinzu kamen Situationen, in denen der von dem einen oder anderen Staat befürchtete militärische Schritt auf Grund bündnispolitischer, rüstungstechnischer oder anderweitiger strategischer Bedingungen alles andere als wahrscheinlich war28. So zum Beispiel 1908, als Russland in Folge der schweren Niederlage im japanischen Krieg kaum im Stande gewesen wäre, das Abenteuer eines erneuten militärischen Konfliktes, sei es mit Österreich oder, wie mancherorts befürchtet wurde, mit England, zu wagen29. Dies alles jedoch konnten die Zeitgenossen, die Tag für Tag den Berichten und Kommentaren der europäischen Zeitungen anhingen, freilich nicht wissen. Wie sollten sie auch, wenn bereits beim kleinsten griechisch-türkischen Scharmützel in Grenznähe zu Makedonien das Horrorszenario eines gewaltigen Weltbrandes publizistisch vor ihnen ausgebreitet wurde?

<15>

Von der historischen Forschung ist die europäische Dimension der 'orientalischen Frage' bisher weitgehend vernachlässigt worden. Misha Glenny hat hierauf zu Recht hingewiesen: "I was struck by the absence of any broad history that seeks to trace the relationship between the great powers and the Balkans over the past two centuries", heißt es in der Einleitung zu seiner bemerkenswerten Geschichte des Balkanraumes30. Bereits Jahre zuvor hatte Lothar Gall kritisiert, dass die historische Bedeutung des Objekts "Balkan" für die internationalen Beziehungen im 19. Jahrhundert oftmals unterschätzt werde31.

<16>

Dass die 'orientalische Frage' eine, wenn nicht gar die zentrale Gefährdung für das Funktionieren der europäischen Mächtebeziehungen im langen 19. Jahrhundert darstellte, hierüber herrschte Konsens bei den Beobachtern großer Zeitungen in England, Deutschland und Irland. Wie es jedoch galt, der Problematik von Seiten Europas zu begegnen, sprich, wie eine mögliche Antwort auf die Eastern Question aussehen sollte, darüber war man sich in den Redaktionsstuben der verschiedenen Blätter während der knapp vierzig Jahren zwischen serbisch-türkischem Krieg 1876 und den beiden Balkankriegen 1912/13 alles andere als einig. Vielmehr erwiesen sich die Optionen, die dahingehend auf den Kommentarseiten großer englischer und deutscher Zeitungen diskutiert (und propagiert) wurden, als in weiten Strecken konträr. Tendierte man im konservativen Spektrum der englischen Publizistik, nicht anders als bei einer überragenden Mehrzahl deutscher Blätter, dazu, im Bestand der politisch-territorialen Integrität der europäischen Türkei einen elementaren Pfeiler für Stabilität und Frieden sowohl für die Balkanregion als auch für Europa zu erblicken, konnte hiervon in einer liberalen englischen Presse keine Rede sein. Stattdessen war man in den Redaktionen liberaler Zeitungen davon überzeugt, dass durch ein künstliches Festhalten am Status quo in Südosteuropa, in der Hoffnung, die Situation werde sich eines Tages von selbst bereinigen, ein Problem am Leben erhalten (und damit verschärft) werde, das seit geraumer Zeit reif für seine Beilegung sei. Zumal, so wurde argumentiert, mit dem Nationalitätsprinzip als Ordnungsfaktor für die Balkanregion bereits eine Antwort auf die 'orientalische Frage' existiere, von deren Implementierung nicht nur die Balkanstaaten als die rechtmäßigen Erben der Türkei, sondern darüber hinaus auch Europa profitieren würden.

<17>

Gemeinsam war sowohl der deutschen als auch der englischen Presse, dass die Frage, ob es sich bei den zwischen 1876 und 1913 auf dem Balkan ausgetragenen Kriegen um gerechtfertigte Waffengänge handelte, nicht losgelöst davon gelesen werden konnte, welchen Optionen im Umgang mit dem Problem der 'orientalischen Frage' das betreffende Blatt den Vorzug gab. Anders formuliert: ob die balkanischen Kriege in den Augen einer deutschen bzw. englischen Presse als legitime Kriege erachtet wurden, hing maßgeblich davon ab, welche Antwort das jeweilige Blatt auf die Eastern Question zu geben wusste.

<18>

In derartig unterschiedlichen Deutungszusammenhängen verortet konnte es kaum überraschen, dass die Lesarten der Kriege in der Balkanregion, wie man sie auf den Kommentarseiten der englischen und deutschen Presse in den vierzig Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorfinden konnte, alles andere als einheitlich ausfielen.

Die Bulgarian atrocities von 1876

<19>

Sicherlich den eindrucksvollsten Beleg für das janusköpfige Antlitz des Bildes, das westliche Medien ihren Lesern von der Gewalt in der Balkanregion zeichneten, lieferte die Berichterstattung anlässlich der Bulgarian atrocities 1876.

<20>

Nach Aufständen in der Herzegowina war es im Frühsommer 1876 in Bulgarien, in der Gegend um die Stadt Philippopolis, zu vereinzelten Ausschreitungen der Landbevölkerung gegen die türkischen Besatzer gekommen. Da zeitgleich in einen Krieg mit Serbien und Montenegro verwickelt, sah man sich in Konstantinopel mit dem Problem konfrontiert, dass die Mehrzahl der auf dem Balkan stationierten türkischen Truppen bereits gebunden waren, während es zugleich galt, eine Ausweitung der bulgarischen Unruhen auf angrenzende Gebiete unter allen Umständen zu verhindern. Die führte schließlich dazu, dass nicht nur reguläre Heeresteile, sondern auch zahlreiche irreguläre Bashi Bazouks bei der Unterdrückung der bulgarischen Erhebung zum Einsatz kamen. Erste Nachrichten von den in Bulgarien verübten türkischen Gräueltaten fanden im Juni 1876 ihren Weg in die englische Presse32.

<21>

In den Redaktionen liberaler englischer Zeitungen reagierte man auf das Eintreffen der Gräuelnachrichten mit Entsetzen. "The Bulgarian peasantry [is] exposed to sufferings which can only be described as heartrending", hieß es beim Manchester Guardian Anfang Juli 1876:

Their can be no doubt that women and children have been butchered by thousands, that whole towns had been delivered up to the unbridled barbarities of a horde of savages, and that over considerable tracts of fertile country the harvest is rotting because the people who should gather it have been killed. This was what happened. It happened within about two hundred miles of Constantinople, within a hundred miles of Adrianople33.

<22>

Nahezu gleichlautend fielen die Kommentare des Daily Chronicle aus. Dort wurde den Lesern das Beispiel der bulgarischen Ortschaft Batok vor Augen geführt, die noch im Frühjahr von 9.000 Menschen bewohnt gewesen sei und deren Einwohnerzahl sich in Folge der türkischen Massaker auf 1.200 reduziert habe. "In Batok", so das Blatt, "women and children have been burnt alive"34. An anderer Stelle war von einem bulgarischen Offizier die Rede, der nur durch Zufall den Türken entkommen sei und daraufhin seine Erfahrungen einem Korrespondenten des Daily Chronicle anvertraut habe. Von durch Leichen vergiftete Brunnen wusste dieser zu berichten, sowie grausamen Foltermorden ("killed by truly oriental tortures"), zu deren Opfern nicht nur bulgarische Soldaten zählen würden, sondern jeder, der das Pech gehabt habe, den Türken in die Hände zu fallen35. Dass die von der englischen Kommission eingesetzte Kommission zur Untersuchung der bulgarischen Vorgänge36 dennoch 'nur' auf eine Zahl von 12.000 ermordeten Bulgaren sowie 90 niedergebrannten Dörfern gekommen sei, so der Daily Chronicle, lasse sich darauf zurückführen, dass die Türkei die Arbeit der Kommission systematisch manipuliert habe:

Mr. Baring is honestly desirous of obtaining the truth, but is always accompanied by a Turkish escort, which frightens the peasantry. Mr. Garachino, the interpreter, is unfairly prejudiced. He browbeats and bullies the Bulgarians, but it polite and forbearing to the Turks. One whole day he accompanied Tussum Bey, the leader of the Bashi-Bazouks, when visiting the villages which Tussu Bey burnt. The peasantry afterwards told […] that they were afraid to come and testify37.

<23>

Um überhaupt einen angemessenen Vergleich für die von der Türkei im Sommer 1876 in Bulgarien verübten Gräueltaten zu finden ("if it can be found"), betonte das liberale Blatt an anderer Stelle, "it is necessary to go centuries backwards in the annals of Europe"38.

<24>

Dies sah man im Lager einer irisch-nationalistischen Presse im Verlauf des Sommers 1876 nicht anders. Das Freeman’s Journal berichtete ausführlich über die von Türken in Bulgarien begangenen Gräuel, in deren Verlauf rund 40.000 Menschen dem Wüten sowohl regulärer türkischer Truppen als auch irregulärer Bashi Bazouks zum Opfern gefallen seien. "That unhappy province", so das Fazit der auflagenstärksten irischen Tageszeitung, "has just past through horrors worse than those which befell Wicklow in 1798"39.

<25>

Diese Meinung teilte man jedoch nicht bei allen irischen Zeitungen. "The much exaggerated 'Bulgarian atrocities' […] have been far outdone by the hideous barbarities perpetrated by the Russians on the wretched Mahometan populations both in Europe and Asia", hieß es von Seiten der unionistischen Irish Times lediglich wenige Wochen nach Ausbruch des russisch-türkischen Krieges 187740.

<26>

Und auch bei zahlreichen englischen Blättern ging man bereits im Sommer 1876 davon aus, dass man auf das falsche Pferd gesetzt habe41. Nicht die Türken hätten in Bulgarien Verbrechen begangen, wusste man bei der Times, sondern aus dem Kaukasus eingewanderte Tscherkessen ("a bold and warlike race"), von denen geschätzte 100.000 in den balkanischen Bergen siedeln würden. Den Beutezügen dieser Banditen seien im Verlauf des Sommers 1876 nicht nur Bulgaren, sondern auch zahlreiche türkische Bewohner der Region zum Opfer gefallen, denn, so das Blatt weiter:

The present troubles of Turkey offer an opportunity not likely to be lost by these brigands and robbers, and they, therefore, pounce upon villages, plunder and murder the inhabitants in the name of authority, and are away to their mountain fastnesses to spread the report far and wide that the atrocities they have committed are the work of Bashi-Bazouks, setting under Turkish authority.

<27>

Als im weiteren Verlauf des Sommers 1876 jedoch mehr und mehr klar wurde, dass es sehr wohl zu türkischen Gewaltmaßnahmen in Bulgarien gekommen war, schloss man sich bei der Times einer Lesart der Ereignisse an, die auch in anderen sowohl englischen als auch deutschen Zeitungen vorzufinden war. Diese umfasste im Kern zwei Punkte. Zum einen, so wurde hervorgehoben, seien die türkischen Repressionen in Bulgarien von den Regierungen der Balkanstaaten bewusst provoziert und sogar inszeniert worden, was nicht zuletzt auch einer Vielzahl von Türken das leben gekostet habe. Zum anderen handle es sich bei den in liberalen englischen Kreisen zirkulierenden Opferzahlen um maßlose Übertreibungen, deren Verbreitung einzig mit der Intention der politischen Instrumentalisierung der vermeintlichen Ereignisse betrieben werde.

<28>

So hätten sich die Aufständischen in Bulgarien nicht nur gegen die türkischen Besatzer erhoben, wusste der Daily Telegraph, sondern ebenso gegen Ortschaften, "where the Christians were indisposed to rise", wohlwissend, dass die Schuld daran den Türken in die Schuhe geschoben würde42. Selbige Einschätzung findet sich auf den Kommentarseiten der Times43.

<29>

Und auch die Kölnische Zeitung ging im Sommer 1876 davon aus, dass die Aufständischen in Bulgarien um einiges schlimmer gewütet hätten als die Türken, wobei jedoch deren Untaten in Europa durch “systematisches Verschweigen“ unterdrückt worden seien44. Zwar dürften die von der Türkei verübten Grausamkeiten nicht unter den Teppich gekehrt werden, so das Blatt an anderer Stelle, man müsse dabei jedoch in Erinnerung behalten, "dass für die Gräuel eines Krieges zunächst derjenige verantwortlich ist, der den Krieg angefangen hat"45. Dass die Meldungen über die "sogenannten türkischen Grausamkeiten" in Bulgarien zudem "primär auf slawischen [und natürlich englischen] Quellen" beruhen, hierauf wies die Allgemeine Zeitung ihre Leser hin46. Für jede Brandstiftung, jede Verwüstung und jeden Toten in der Region, so das Blatt, sei die Türkei verantwortlich gemacht worden, wobei in Wahrheit die Aufständischen selbst den ausdrücklichen Befehl gehabt hätten, nach belieben zu Morden und zu Brandschatzen. Bereits Anfang Juli 1876 hatte die Berliner Kreuzzeitung die "abwartende Gelassenheit" der Türkei im Umgang mit der Balkanhalbinsel gelobt, der es in der Vergangenheit wiederholt zu verdanken gewesen sei, "dass nicht jedes Geplänkel [...] zum hell-lodernden Krieg wurde"47.

<30>

Neben der mangelnden Kontextualisierung war es jedoch allen voran der Umstand, "dass die Bedeutung dessen, was in der Bulgarei vorgefallen ist, maßlos übertrieben wird", der in der deutschen und englischen Presse gleichermaßen für Unmut sorgte. Während man dem Bericht der britischen Untersuchungskommission eindeutig entnehmen könne, dass weniger als 12.000 Menschen in Bulgarien ums Leben gekommen seien, kursiere in England nach wie vor die Zahl von 60.000 ermordeten Bulgaren, beschwerte sich die Kölnische Zeitung Ende September 187648. Dabei "hat der amtliche Bericht des Herrn Baring nachgewiesen", so das Blatt, "daß die Verbrennungen von vierzig bulgarischen Mädchen, die Wagenladungen von abgeschnittenen Köpfen, kurz all die gröbsten Geschichten [...] nicht bloß übertrieben sondern ganz erfunden sind"49. Wenig später wurden die Leser der Kölnischen Zeitung darüber informiert, dass es sich selbst bei der von der Kommission genannten 12.000 Toten um eine Übertreibung handle und tatsächlich – "Geht man davon aus, dass zahlreiche Bulgaren wohl in die Berge und Wälder geflohen sind" – weniger als 3.000 Bulgaren den Türken zum Opfer gefallen sein dürften. "Das", so das Blatt abschließend, "sind die sogenannten 'Bulgarian atrocities'"50.

<31>

Ganz ähnliche Rechnungen fanden sich auf den Kommentarseiten des Daily Telegraph. Dabei wurde davon ausgegangen, dass die Gesamtzahl der 1876 Ermordeten bei unter 3.500 liegen dürfte – "including the Turks massacred by the Bulgarians"51. Und auch in der Times war die Rede davon – wenngleich man sich hier nicht an den Zahlenspielen anderer Blätter beteiligte –, dass die aus Bulgarien gemeldeten Gräuel auf gewaltigen Übertreibungen beruhten. Was sich in dem Land tatsächlich zugetragen habe, so das Blatt, entziehe sich schlichtweg unserer Kenntnis. Und den Berichten der Korrespondenten vor Ort sei allensamt gemeinsam, dass sie auf Hörensagen ("on hearsay") beruhen und man vergeblich nach der Passage sucht, "in which the author says 'I have seen'"52.

<32>

Dies war es, was mancherorts dazu veranlasste, vor einer Instrumentalisierung der bulgarischen Ereignisse zu politischen Zwecken zu warnen. Bei der "Inscenierung der gegenwärtigen orientalischen Krise", inklusive der sie begleitenden englischen "Entrüstungsmeetings über die bulgarischen Gräuel", handle es sich, betonte die Kölnische Zeitung, um "ein Capitel politischer Moral, wie es lehrreicher kaum gemacht werden kann"53. Beim Daily Telelgraph glaubte man klare Anzeichen dafür zu erkennen, dass die 'atrocities in Bulgaria' von manchen Kreisen der englischen Gesellschaft dazu benutzt würden, eine Politik zu propagieren, die sowohl den englischen als auch europäischen Interessen diametral entgegenlaufe. Dass ein derartiges Ansinnen jedoch von Erfolg gekrönt werde, stellte das konservative Blatt, nicht zuletzt mit Blick auf die englische Regierung, in Frage: "It is already manifest that, even in direct appeals to popular assemblies, the headless politicians who would base our conduct as a nation on narrow and one-sided views of a situation which has so many faces, will not be allowed to have it all their way"54. Dabei gehe es keineswegs um die Verteidigung von "Mussulman fanaticism", wie ausdrücklich betont wurde, sondern einzig um die Frage: "what better for the present can be set up in its place? " Hierauf jedoch, so der Daily Telegraph, könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine befriedigende Antwort gegeben werden, zumal wenn man sich Erinnerung rufe, "that the Prince of Montenegro has rows of Turk heads set on spikes in front of his residence".

<33>

Das Beispiel der Bulgarian atrocities von 1876 verdeutlicht somit eindrucksvoll, wie vielgestaltig das Bild war, das sich westliche Medien vom Balkan machten. Zwar wurde von keiner der untersuchten deutschen, englischen und irischen Zeitungen geleugnet, dass es im Sommer 1876 in Bulgarien zu Grausamkeiten gekommen war. Deren Ausmaß jedoch, sowie die Frage, wer für sie verantwortlich war, wurden kontrovers diskutiert. Während man in der liberalen englischen Presse von über 60.000 bulgarischen Opfern ausging, veranschlagten konservative englische und deutsche Zeitungen die Zahl der getöteten Bulgaren bei 3.000 bis 3.500. Dies seien jedoch nicht von Teilen der türkischen Armee getötet worden, sondern von eingewanderten Tscherkessen-Banden, die seit geraumer Zeit auf dem Balkan ihr Unwesen treiben würden. Allenfalls irreguläre türkische Truppenteile hätten sich an deren Massakern beteiligt, wofür jedoch der offiziellen Türkei keine Verantwortung angelastet werden könne. Zumal sich diese nicht nur mit von Russland angezettelten Aufständen in Bulgarien auseinandersetzen müsse, sondern zudem in einen gleichfalls von Russland unterstützten Krieg mit Serbien verwickelt sei.

<34>

Entsprechend warnten konservative englische und deutsche Blätter vor einer Instrumentalisierung der bulgarischen Ereignisse zu innenpolitischen Zwecken, die man v.a. in der Berichterstattung liberaler englischer Zeitungen zu erkennen glaubte. Eine solche Politik wurde nicht nur für Südosteuropa als gefährlich erachtet, sondern darüber hinaus für den gesamten europäischen Kontinent. Sowohl deutsche wie auch englische Zeitungen erblickten in der europäischen Türkei einen zentralen Ordnungsfaktor für Europa. Diesen galt es, davon war man nicht nur 1876, sondern ebenso in den Folgejahren überzeugt, zu bewahren. Das nationale Unabhängigkeitsstreben der Balkanstaaten, in welchem englische Liberale eine Antwort auf die 'orientalische Frage' zu erkennen glaubten, lief dieser Position diametral entgegen. Entsprechend konträr fiel die Beurteilung der Ereignisse aus. Noch knapp vier Jahrzehnte später, während der Balkankriege 1912/13, bestand der konservative Daily Telegraph darauf, mit Blick auf 1876 von den "so-called Bulgarian atrocities" zu sprechen55.

Autor

Florian Keisinger
SFB 437 – Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit
Brunnenstraße 30
D-72074 Tübingen
florian.keisinger@landtag.nrw.de

1 Ausführlich vgl. Florian Keisinger, Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa? Die Balkankriege und die öffentliche Meinung in Deutschland, England und Irland 1876-1913, Paderborn 2008.

2 Frithjof Benjamin Schenk, Mental Maps. Die Konstruktion von geographischen Räumen in Europa seit der Aufklärung, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 493-514.

3 Edward Said, Orientalism, London 1978; Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The map of civilization on the map of enlightenment, Stanford 1994.

4 Aus dem Blickwinkel der Linguistik vgl. Paul Garde, Le discourse balkanique. Des mots et des homes, Paris 2004; aus literaturwissenschaftlicher Perspektive vgl. Vesna Goldworty, Inventing Ruritania. The Imperialism of the Imagination, New Haven, London 1998; mit britischen Berichten aus und über Serbien beschäftigte sich Slobodan Markovich, British perceptions of Serbia and the Balkans, 1903-1906, Paris 2000; selbiges gilt für Andrew Hammond, Through Savage Europa. The gothic strain in British balkanism, in: Third Text 21/2 (2007), S. 117-127; deutsche und österreichische Reiseberichte untersuchte (wenngleich methodisch weniger ambitioniert) Mechthild Golczewski, Der Balkan in deutschen und österreichischen Reise- und Erlebnisberichten 1912-1918, Wiesbaden 1981; vgl. zudem Gerhard Grimm, Das 'Balkan-Bild' des Brockhaus im 19. Jahrhundert, in: Jürgen Elvert, (Hg.), Der Balkan. Eine europäische Krisenregion in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 1997, S. 59-75.

5 Maria Todorova, Imagining the Balkans, New York, Oxford 1997.

6 Ibid., S. 19.

7 Wenngleich Todorova einräumt, dass der zeitgenössische akademische Diskurs es in Teilen vermocht hat, sich der Brille des "balkanism" zu entledigen, vgl. Todorova, Imagining the Balkans (wie Anm. 5), S. 19-20.

8 Dies., Der Balkan als Analysekategorie: Grenzen, Raum, Zeit, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 471ff.

9 Dies., Imagining the Balkans (wie Anm. 5), S. 16.

10 Dies., Der Balkan als Analysekategorie (wie Anm. 8), S. 473.

11 Die deutsche Ausgabe trägt den bezeichnenden Titel: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999.

12 Holm Sundhaussen, Der Balkan: Ein Plädoyer für Differenz, in: Geschichte und Gesellschaft 29 (2003), S. 609ff; zur Kritik an Todorova siehe auch Ders., Europa balcanica. Der Balkan als historischer Raum Europas, in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999), S. 626-653.

13 Todorova, Der Balkan als Analysekategorie (wie Anm. 8), S. 617.

14 Zu dieser Feststellung, wenngleich auf die Jahre 1912/13 beschränkt, kam auch Martin Schramm, Das Deutschlandbild der britischen Presse, 1912-1919, Berlin 2007, S. 132ff.

15 Todorva, Imagining the Balkans (wie Anm. 5), S. 19. "journalistic and quasi-journalistic literary forms […] have been the most important channels and safeguards of balkanism as an ideal typus".

16 Jörg Requate, Öffentlichkeit und Medien als Gegenstände historischer Analyse, in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999), S. 26.

17 Andreas Schulz, Der Aufstieg der 'vierten Gewalt'. Medien, Politik und Öffentlichkeit im Zeitalter der Massenkommunikation, in: Historische Zeitschrift 270 (2000), S. 65ff.; George David Boyce, The Fourth Estate: the reappraisal of a concept, in: George David Boyce, James Curran, Pauline Wingate (Hg.), Newspaper History from the seventeenth century to present, London 1978, S. 21.

18 Ausführlich zur Gewaltintensität der im Zuge der balkanischen Nationswerdung geführten Kriege im 19. und 20. Jahrhundert vergleiche Wolfgang Höpken, 'Blockierte Zivilisierung'? Staatsbildung, Modernisierung und ethnische Gewalt auf dem Balkan (19./20. Jahrhundert), in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 4 (1997), S. 518-538.

19 Hans Rohde, Meine Erlebnisse im Balkankrieg und kleine Skizzen aus dem türkischen Soldatenleben, Charlottenburg 1913, S. 110.

20 Wilfried Baumgart, Die 'orientalische Frage' – redivius? Große Mächte und kleine Nationalitäten 1820-1923, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXVIII (1999), S. 33-55; Lothar Gall, Die europäischen Mächte und der Balkan im 19. Jahrhundert, in: Ralph Melvielle, Hans-Jürgen Schröder (Hg.), Der Berliner Kongress 1878. Die Politik der Großmächte und die Probleme der Modernisierung in Südosteuropa in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Wiesbaden 1982, S. 1-16.

21 Kreuzzeitung, 14. November 1876.

22 Vossische Zeitung, 15. Oktober 1912.

23 Clarion, 22. Mai 1897.

24 The Times, 8. Oktober 1908.

25 Freeman’s Journal, 7. Oktober 1912.

26 Kreuzzeitung, 15. November 1876.

27 M.S. Anderson, The Eastern Question, 1774-1923, London 1968, S. 397. "Because the Near East was often the scene of great international tension it was easy to exaggerate its real importance".

28 Wobei nicht in Frage gestellt werden soll, dass es nicht auch Situation zwischen 1876 und 1913 gab, in denen, ausgehend von Verstrickungen im Südosten, der europäische Friede zur Disposition stand. Die Zeitspanne zwischen dem Bekanntwerden der Friedensbedingungen von San Stefano und dem Zusammentritt des Berliner Kongresses, als sich an den Ufern des Bosporus das russische Heer und die englische Flotte nur wenige Kilometer voneinander entfernt gegenüberstanden, muss wohl zu diesen Momenten gerechnet werden.

29 Jost Dülffer, Martin Kröger, Rolf-Harald Wippich, Vermiedene Kriege: Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krim-Krieg und Erstem Weltkrieg, 1856-1914, München 1997, S. 604.

30 Misha Glenny, The Balkans. 1804-1999. Nationalism, War and the Great Powers, London 1999, S. xxv.

31 Gall, Die europäischen Mächte und der Balkan (wie Anm. 20), S. 4.

32 Zur Ereignisgeschichte der Bulgarian atrocities siehe Richard Millman, Britain and the Eastern Question 1875-1878, Oxford 1979, S. 121-145; näheres zur Debatte in der englischen Presse siehe Richard T. Shannon, Gladstone and the Bulgarian Agitation, 1876, London 1979.

33 Manchester Guardian, 8. August 1876.

34 Daily Chronicle, 9. August 1876.

35 Daily Chronicle, 3. Oktober 1876.

36 Eine solche Kommission wurde vom englischen Parlament 1876 eingesetzt, sie wurde geleitet vom britischen Botschafter in Konstantinopel, Walter Baring.

37 Daily Chronicle, 5. September 1876.

38 Daily Chronicle, 5. Oktober 1876.

39 Freeman’s Journal, 11. Juli 1876.

40 Irish Times, 17. Juli 1877.

41 The Times, 11. Juli 1876. “The saddle has been fitted on the wrong horse”.

42 Daily Telegraph, 1. Juli 1876. "and then word will be sent round to Europe that the villages have been destroyed, the peasants slain, and other outrages committed by the guilty Turks".

43 The Times, 2. August 1876. "It was stated that the insurgents had burnt, not only some Turkish villages, but even some of the Christian habitations, in hope of inducing the peasantry whom they thus rendered homeless to join their ranks".

44 Kölnische Zeitung, 10. August 1876. Siehe auch Kölnische Zeitung, 6. August 1876. "Überdies versteht sich der Slave besser aufs Lügen als der Türke".

45 Kölnische Zeitung, 14. September 1876.

46 Allgemeine Zeitung, 12. September 1876.

47 Kreuzzeitung, 1. Juli 1876.

48 Kölnische Zeitung, 23. September 1876.

49 Kölnische Zeitung, 5. Oktober 1876.

50 Kölnische Zeitung, 5. März 1878.

51 Daily Telegraph, 16. August 1877.

52 The Times, 1. August 1876.

53 Kölnische Zeitung, 2. November 1876.

54 Daily Telegraph, 17. August 1876, ebenso folgende Zitate.

55 Daily Telegraph, 9. Oktober 1912.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Artikelaktionen
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
F. Keisinger: Der Balkan – zwischen Orient und Okzident?
In: discussions, discussions 1 (2008) - Das Andere im 19. Jahrhundert / L'autre au XIXe siècle
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/discussions/discussions-1-2008/singer_balkan
Dokument zuletzt verändert am: 11.06.2010 11:13
Zugriff vom: 07.02.2012