R. Pohle: Das Deutschland des Altertums
Zusammenfassung
Das Ideologem von der Verwandtschaft zwischen Griechen und Deutschen befindet sich noch immer weitgehend im Schatten der deutschen "Gallophobie", obwohl es im 19. Jahrhundert über lange Zeit gleichsam dessen "positives" Gegenstück bildete. Als zugleich fremdes, aber doch verwandtes Vorbild und somit als ideale Projektionsfläche der eigenen Identität sollten die Griechen nach Vorstellung vieler Neuhumanisten nämlich 'endlich' die Dominanz der romanischen, respektive französischen Kultur brechen und so die "verkrüppelte Nation" wieder aufzurichten helfen. Ausgehend von Johann Joachim Winckelmann und der ersten Fixierung bei Wilhelm von Humboldt wird im Beitrag das dazu verwandte Konstrukt einer deutsch-griechischen Verwandtschaft an einigen Beispielen dargestellt und in seinen wechselnden Funktionen beleuchtet. Dabei zeigt sich, dass dieses Konstrukt, anders als zunächst noch bei Humboldt intendiert, sehr schnell eine nationalistische Engführung erfuhr und in der Nationalbildungsbewegung eher zur Abwertung Frankreichs denn zur "Veredelung" der eigenen Nation diente, um schließlich in der Mitte des Jahrhunderts als Defensivargument die Stellung der klassischen Altertumswissenschaften zu legitimieren.
Résumé
L’Allemagne de l’antiquité – Formation de l’identité nationale à travers les Grecs: L’idéologème de la parenté entre les Grecs et les Allemands se trouve encore largement dans l’ombre de la "gallophobie" allemande même si au XIXèmesiècle, il avait depuis longtemps son équivalent "positif". Nombre de nouveaux humanistes considéraient qu’en tant que modèle à la fois étranger, mais apparenté et donc en tant que surface de projection idéale de sa propre identité, les Grecs devaient "enfin" briser la domination de la culture romane, ou plutôt française, et aider ainsi au redressement de la "nation mutilée". Partant de Johann Joachim Winckelmann et de sa première formulation chez Wihelm von Humboldt, cette contribution présente la construction voisine d’une parenté germano-grecque à partir de quelques exemples et en éclaire le changement de fonctions. Il s’avère par ailleurs que, contrairement à l’intention initiale de Humboldt, cette construction subit très vite une réduction nationaliste. En outre, dans le mouvement de formation de la nation, elle servit plutôt à dévaloriser la France qu’à "anoblir" la nation allemande, avant d’être employée au milieu du siècle comme argument défensif pour légitimer la position des antiquisants classiques.
"Das Studium des Menschen gewönne am meisten durch Studium und Vergleichung aller Nationen aller Länder und Zeiten". Was Humboldt hier 1793 in einem Brief an den mit ihm befreundeten Philologen Friedrich August Wolf fordert1, ist nicht nur die erste vage Formulierung seines Ziels einer vergleichenden Anthropologie. Es ist darüber hinaus auch Ausdruck einer für die Zeit der deutschen Klassik prägenden Vorstellung, des Gedankens nämlich, sich selbst in der Konfrontation mit dem Anderen, dem Fremden verstehen zu lernen2. Dass Humboldt diesem Brief dabei einen Entwurf beilegte, der "Über das Studium des Altertums, und des Griechischen insbesondere" überschrieben war, ist dabei kein Zufall. War doch das bevorzugte Objekt eines solchen Vergleichs zu dieser Zeit zweifellos die griechische Antike.
Gut 140 Jahre später, im Jahre 1935 veröffentlichte dann die englische Germanistin Eliza Maria Butler ein damals vielbeachtetes Buch, in dem sie die geistesgeschichtlichen Wurzeln der sich gerade etablierenden NS-Diktatur bloßlegen wollte. Es trug den Titel "The Tyranny of Greece over Germany" und war eine zwar nicht immer faire, dafür aber entschiedene Abrechnung mit dem bei Humboldt noch so selbstverständlich gewählten Objekt deutscher Selbstbespiegelung. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts hätten die Deutschen, so Butlers Vorwurf, aufgrund ihrer Unfähigkeit zu objektiver und distanzierter Betrachtung der griechischen Kultur eine geradezu mythomanische Besessenheit vom antiken Griechenland entwickelt3. Anders etwa als Franzosen oder Engländer, die sich in der berühmten "Querelle des Anciens et des Modernes" wenigstens zum Teil vom Altertum lösen und so ein Bewusstsein von der eigenen Modernität und Identität entwickeln konnten, habe man das Griechentum in Deutschland ganz ergreifen, ja exklusiv besitzen wollen und daher auch sklavischer nachgeahmt als irgendein anderes Volk in Europa4. Das Ergebnis dieser eigentlich aus Unzufriedenheit mit dem eigenen Selbstbild gespeisten Besessenheit sei schließlich, so Butler, die "abnorme Bahn" gewesen, die der deutsche Geist dadurch eingeschlagen habe und die vielfach zu exzentrischen, destruktiven, ja zuletzt gefährlichen Resultaten führte5.
An dieser Einschätzung Butlers ist, wie diese später selbst einräumt, im Einzelnen natürlich vieles überzeichnet und polemisch verzerrt6. Dennoch berührt sie mit der Infragestellung der eigentümlich deutschen "Besessenheit" von den Griechen einen Aspekt, der im Schatten der "Gallophobie", also der identitätsbildenden Abgrenzung gegenüber Frankreich bisher kaum oder nur vereinzelt wahrgenommen wurde:Es ist dies der neuhumanistische Topos von der ganz besonderen, ja eigentlich "verwandtschaftlichen" Beziehung zwischen griechischem und deutschem Geist7, der gleichsam als ein positives Gegenstück zur ubiquitären Ablehnung lateinisch-französischer Kultur einen wesentlichen Anteil an der "kulturellen Nationsbildung" Deutschlands im 19. Jahrhundert hatte8. Worum es sich bei diesem Topos handelt, welche Funktion er hatte und in welchen Kontexten er dabei gebraucht wurde, soll im Folgenden anhand einiger Beispiele erläutert werden.
Das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wirkende Ideologem von der besonderen Affinität von Deutschen und Hellenen taucht zum ersten Mal beim eingangs zitierten Wilhelm von Humboldt und damit an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf. Dennoch ist sein Ursprung untrennbar schon mit dem Namen Johann Joachim Winckelmann verbunden, dem Vater des deutschen Neuhumanismus, von dem Herder schrieb, er sei "der Grieche unserer Zeit" gewesen, "der aus der Asche seines Volkes aufgelebt ist, um unser Jahrhundert zu erleuchten"9. In Winckelmanns 1755 erschienenen "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" heißt es nämlich programmatisch: "Der einzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten […], sonderlich der Griechen"10. Damit bezieht Winckelmann nicht nur klar Stellung gegen die Fraktion der Modernen aus der Querelle, vielmehr gibt er der Debatte eine neue Wendung dadurch, dass er sich ausschließlich auf die Griechen bezieht und dabei dezidiert zwischen griechischem Original und römischer Kopie unterscheidet. "Eine Bildsäule von einer alten römischen Hand wird sich gegen ein griechisches Urbild allemal verhalten, wie Vergils Dido […] sich gegen Homers Nausikaa verhält, welches jener nachzuahmen gesuchet hat"11. Gegenüber dem weitgehend romanozentrischen Antikebild der Querelle, das bis dahin die französische und (zum Leidwesen nicht nur Winckelmanns) auch deutsche Kultur beherrschte12, bedeutete die Feier der "edlen Einfalt und stillen Größe"13 ausschließlich griechischer Kunstwerke nun aber den Ansatzpunkt, an dem der alte Epochenvergleich zwischen Antike und Moderne – von dem die Querelle beherrscht war – zu einem überzeitlichen Kulturvergleich griechisch-römisch werden konnte, wobei letzterer den Dualismus von der 'bloß' römischen Kopie und dem ursprünglichen griechischen Ideal nicht mehr verlieren sollte.
Mit dieser 'Griechenpropaganda' Winckelmanns – mit der sich gleichsam kongenial noch Rousseaus Glaube an einen glücklichen Urzustand verband14 – war nun der Boden bereitet, auf dem Humboldt 40 Jahre später seine, wie er es (in einem Brief an Schiller) nannte, "Grille von der Aehnlichkeit der Griechen und Deutschen" entwickeln konnte15. Am ausführlichsten findet sich diese ausgebreitet in seiner "Geschichte des Verfalls und Untergangs der griechischen Freistaaten" von 1807. Humboldt entwirft dort den Plan einer Geschichte Griechenlands, die ganz darauf hin konzipiert ist, die jüngste Niederlage Preußens gegen das napoleonische Frankreich zu reflektieren. Der Zweck sei, so Humboldt, sich "in eine Zeit zu versetzen, in welcher der tief rührende, aber immer anziehende Kampf besserer Kräfte gegen übermächtige Gewalt auf eine unglückliche, aber ehrenvolle Weise gekämpft ward"16. Die Ursache der auf diese Weise erlittenen Niederlagen, die in dieser Geschichte belegt werden soll, liefert Humboldt gleich mit: da nämlich "der Grieche eine zu edle, zarte, freie und humane Natur besaß, um in seiner Zeit eine, damals die Individualität nothwendig beschränkende politische Verfassung zu gründen" und sich also zu einem Macht- und Nationalstaat zu entwickeln, musste er immer wieder von den "barbarischen Völkern" besiegt werden und seine Zuflucht daher in der "inneren Freiheit" suchen, die – das ist der positive Ausblick für die Deutschen seiner Zeit – doch auf lange Sicht noch alle ihre (barbarischen) "Ueberwinder" (kulturell) überwinden sollte17.
Allein schon im Hinblick auf diesen gänzlich 'unrömischen' Rückzug in die Innerlichkeit sei es nach Humboldt daher falsch gewesen, bisher nicht sorgfältig zwischen griechischem und römischem Geist unterschieden zu haben. Einzig die Deutschen hätten dies getan, besäßen sie doch nicht nur "das unstreitige Verdienst, die Griechische Bildung zuerst treu aufgefasst, und tief gefühlt zu haben", sondern überhaupt knüpfe sie "ein ungleich festeres und engeres Band an die Griechen, als irgend eine andere, auch bei weitem näher liegende Zeit oder Nation." Und etwas später präzisiert Humboldt noch einmal und stellt fest, dass "Deutschland (fremde Leser mögen der wehmütigen Seite dieser Vergleichung die ehrenvolle verzeihen) in Sprache, Vielseitigkeit der Bestrebungen, Einfachheit des Sinnes, in der föderalistischen Verfassung, und seinen neuesten Schicksalen ein unläugbare Aehnlichkeit mit Griechenland zeigt"18.
Was Humboldt hier an Ähnlichkeiten anführt, ist in nuce schon die ganze Bandbreite dessen, was auch späterhin zur Begründung deutsch-griechischer Verwandtschaft vorgebracht wurde. Auch wenn er grundsätzlich von der Verschiedenheit der einzelnen Nationalgeister und -sprachen ausging, die Griechen also immer noch Fremde blieben, so war für Humboldt die typologische Verwandtschaft und das "ähnliche Gestimmtsein"zwischen Deutschen und Griechen, auf dem alles Verstehen beruhe, doch schlechterdings evident19. Deutlicher als diese (reichlich vage) 'Begründung' ist da schon die Funktion des Theorems, die bei Humboldt ganz auf Kompensation abzielte. Die "neuesten Schicksale", also die politisch-militärischen Niederlagen, die zuletzt gar dazu führten, dass 1806 auch das Römische Reich deutscher Nation zu bestehen aufhörte, sollten dadurch wettgemacht werden, dass an die Stelle politischer Einheit das Bewusstsein von kultureller und durch die Griechen vermittelter Gemeinsamkeit tritt und so – ich erinnere an die kulturelle 'Überlegenheit' der Griechen – ein für die Deutschen letztlich viel größerer Gewinn einträte.
Wenn hier aber das untergegangene alte Reich gleichsam durch ein imaginäres "griechisches Reich deutscher Nation" ersetzt wird, – wie es Walter Rehm in den 1930er Jahren formulieren sollte20 – so ist mit dem privilegierten Zugang zu den Griechen, den Humboldt für die Deutschen behauptet, zwar eine gewisse Exklusivität bereits impliziert, doch wird die nationalistische Konsequenz, daraus dann die eigene Überlegenheit abzuleiten, bei Humboldt ausdrücklich nicht gezogen. Vielmehr bleibt es hier noch beim stets individualistisch verstandenen Ideal der Menschenbildung, dessen "reinste Idee" in den Griechen eben bereits verwirklicht und das von den hier anknüpfenden Nationen jeweils in eigener Weise "anzureichern" war21.
Diese Zurückhaltung vor nationalistischen Schlüssen ändert sich dann bei denen, die sich zur selben Zeit der "Nationalbildung" verschrieben hatten. Inspiriert durch Fichtes 1807/08 gehaltene "Reden an die deutsche Nation" war diese pädagogische Bewegung, die sich als "vaterländischer Sammelplatz" all derer verstand, denen an der "Veredelung der deutschen Nation" gelegen war22, ganz darauf ausgerichtet, die neuhumanistischen Kräfte zu bündeln und durch die Reform des Bildungswesen zur Schaffung einer neuen Wirklichkeit in Staat und Gesellschaft beizutragen. Zwar war auch hier noch vollmundig von allgemeiner "Menschheitsbildung" die Rede, doch sollte dies fortan "mit besonderer Rücksicht auf die eigenthümliche Naturbeschaffenheit der Nation" geschehen23, was die Abwertung anderer Nationen geradezu notwendig mit einschloss. Konkret bedeutete Nationalbildung dabei einmal die Förderung der deutschen Sprache im Unterricht, schließlich sei sie das einigende Band der zu erziehenden Nation. Es bedeutete komplementär dazu aber auch eine Stärkung des Griechischen, dem dringend der Vorzug vor dem Latein sowie allen "neulateinischen" Sprachen eingeräumt werden sollte.
Franz Passow, einer der beiden Herausgeber des einflussreichen "Archivs Deutscher Nationalbildung", begründet diese Forderung wiederum mit der deutsch-griechischen Verwandtschaft: so sei der Jugend als "dem beginnenden Glied der Menschheit dasjenige am nächsten zu stellen […], was die innigste Verwandtschaft hat mit dem in ihm zu entwickelnden, und zugleich das vollkommenste, dem Ideal nächste Gegenbild davon aufstellt"24. Diese Anforderung aber erfülle nur das Griechische, das mit dem Deutschen den Vorzug teile, eine unverfälschte und lebendige "Ursprache" zu sein, wie sie bereits von Fichte als Vorzug und primäres Differenzkriterium gegenüber anderen Nationen gepriesen wurde25. Das Lateinische dagegen sei, so Passow, in seiner "einseitigen Intensivität" davon nurmehr ein Schatten – und dessen romanische "Töchtersprachen" kaum mehr als "Schutt und Moder von diesem Schatten, durch fremdartige, unverkochte Beimischungen zum Theil barbarischer Zungen zu mangelhaftem Geb[r]äu zusammen gekrüppelt." Damit also der noch nicht gefestigten Nation, wie es Passow formulierte, "das angeborene Idiom nicht etwa als verkrüppeltes Zerrbild zurückgespiegelt" würde, müsse, so die immer wiederholte Forderung, die Bildung primär durch das Griechische erfolgen26.
Wie schon bei Humboldt so ist auch hier die Ebene der behaupteten Verwandtschaft die der Sprache, von der direkt auf den Charakter und die Vorzüge einer Nation geschlossen wurde. Deutlich ist jedoch die Verschiebung, die ganz offensichtlich der Nationalismus am Vorabend der Befreiungskriege bewirkt hat. Nicht mehr um Anreicherung der höchsten Idee der Menschheit geht es hier, sondern vor allem anderen darum, sich ganz vom Einfluss der romanischen, respektive französischen Kultur zu lösen und ein neues Gegenbild zu finden, an dem die kulturell wie politische angeblich "verkrüppelte" Nation wieder aufgerichtet werden könnte. Da man hierzu jedoch von politischer Seite nichts erwarten könne, müsse, so Passow in einem Brief an Johannes Schulze, den späteren preußischen Referenten für das Gymnasialwesen, "die ganze Wiederherstellung der Nationalität von denen und durch diejenigen beginnen, welche die Depositärs der deutschen Art und Kunst sind, also durch den Lehrstand"27.
Wie sehr das Griechische als Lehrfach und das Griechentum als bevorzugter Lehrgegenstand nach den Reformen des Bildungswesens (nicht nur in Preußen) dann tatsächlich diese Funktion der Nationalbildung einnehmen sollte, zeigen die Erinnerung des Kulturhistorikers Wilhelm Riehl an seine Gymnasialzeit der frühen 1840er Jahren, in denen das neuhumanistische Bildungskonzept längst institutionalisiert und internalisiert war. Im Rückblick schreibt er: "Es fiel uns im Traume nicht ein, zu fragen, was uns denn überhaupt jenes kleine, ferne Land Hellas angehe und jenes fremde, längst versunkene Volk der Hellenen, da die Griechen doch keine Deutschen gewesen seien und Attika nicht im Herzogtum Nassau liege. Wir sahen Griechenland als unsre zweite Heimat an; […] Ja wir glaubten sogar, daß das alte Griechenland eigentlich zu Deutschland gehöre, weil die Deutschen unter allen neueren Völkern das tiefste Verständnis für den hellenischen Geist, für hellenische Kunst und Lebensharmonie gewonnen hätten. Wir glaubten dieses nicht im Gefühle nationaler Schwäche, sondern im Ueberschäumen eines nationalen Uebermutes, kraft dessen wir die Deutschen überall für das erste Kulturvolk der modernen Welt, für die modernen Hellenen erklärten. […] Wir begeisterten uns für unser Vaterland, indem wir uns für Griechenland begeisterten"28.
Selbst wenn man hier den leicht verklärenden Blick Riehls auf seine Schulzeit in Rechnung stellt, so scheinen die Ziele der Neuhumanisten und Nationalbildner angesichts solch symbiotischer Vorstellungen weitgehend aufgegangen zu sein. Doch alle modische Antikenrezeption – die bis 1848 freilich mehr zu einem Anwachsen der Übersetzungsliteratur griechischer Werke führte als zu begeisterten Lesern der Originaltexte29 – kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hellaspassion keinesfalls unumstritten war und damit auch der Plan, das Griechische flächendeckend als erste Sprache auf dem humanistischen Gymnasium durchzusetzen, letztlich scheiterten sollte. So gab es schon sehr bald die vielfach geäußerte Befürchtung, dass sich die Jugend in ihrer Begeisterung für das griechische Altertum mit republikanischen Ideen oder einem falschen Kosmopolitismus infizieren könnte und durch die Zurückdrängung der christlichen Traditionen an den Schulen gar an ihrem religiös-sittlichen Bewusstsein Schaden nähme30. Diesen Angriffen, vor allem aber der seit der Romantik zunehmenden Konkurrenz durch die sich emanzipierende Germanenforschung, begegneten nun die der Vertreter der klassischen Altertumswissenschaften wiederum damit, dass sie den belebenden Einfluss der griechischen Antike auf die deutsche Nationalkultur thematisierten.
Noch 1852, im Jahr der Eröffnung der großen Germanischen Museen in Mainz und Nürnberg, in denen sich der Aufschwung der Konkurrenz um historische Sinnstiftung manifestierte, antwortete der Historiker und Philologe Wilhelm Herbst diesem zusehends schwindenden Einfluss der klassischen Studien31. Herbst beobachtete den Wechsel des öffentlichen Interesses hin zur deutschen und mittelalterlichen Vergangenheit genau32, sah darin aber gerade keine Rückkehr zur deutschen "Wesen", im Gegenteil. Vielmehr sei dies bereits wieder "das Verlassen der von Natur und Geschichte uns angewiesenen Bahnen", habe sich doch in der Weimarer Klassik und im Umgang mit den Griechen so etwas wie eine deutsche "Nationalliteratur" überhaupt erst bilden können33. Der Niedergang der neuesten Literatur, wie ihn Herbst zu konstatieren meinte, zeige vielmehr, dass es hier keinesfalls eines beliebigen Gegenbildes bedürfe, sondern eines sowohl neutralen und der Tagespolitik enthobenen wie, und darauf kommt es hier an, zugleich verwandten Musters, wie es für die Deutschen eben nur die Griechen seien34. In den zentralen Kapiteln seiner Apologie geht es Herbst deshalb darum, diese Verwandtschaft ausführlich zu begründen. Wie die Autoren vor ihm bedient auch er sich dabei des Dualismus von römischem und griechisch-germanischem Geist, der zur Folge habe, "dass wir den Griechen […] innerlich näher stehen als z.B. den Franzosen"35.
Die Gründe hierfür liegen wie schon bei Humboldt in einer ganzen Reihe von konstruierten Ähnlichkeiten. Nicht nur gebe es da eine gleiche "Naturanlage", in der "das wesentlich geistige und ideelle Element" überwiege36, auch der Charakter sei, so Herbst, bei beiden Völkern durch den "Hang zur Freiheit und Unabhängigkeit" ebenso geprägt wie durch ”einen hohen Grad von Dehnbarkeit“ auf praktischem wie geistigem Gebiet. Außerdem litten beide unter denselben politischen Erlebnissen: Nicht nur der Dualismus Österreichs und Preußens fände nämlich seine Analogie bei den Griechen – hier im Konflikt Spartas und Athens –, sondern auch die jüngsten Freiheitskämpfe sehe man dort vorgebildet, denn, so Herbsts rhetorische Frage, "unsre Freiheitskriege, sehn die den hellenischen [gegen die Perser, R.P.] nicht schlagend ähnlich?" Überhaupt zeigten sich für Herbst alle neueren Schicksale Deutschlands in Hellas gleichsam komprimierter, einfacher und klarer, weshalb den Deutschen eine "gewisse Sympathie für das so vielfach gleichgeartete und gleichgeführte Volk" mehr liege als irgend einem anderen. Und noch ganz im Rausch der Analogien schließt Herbst seine Aufzählung mit dem Ausruf: "Ja, Griechenland ist das Deutschland das Alterthums"37.
So bestimmt diese Gleichsetzung dabei aber auch klingen mag, so ändert es doch nichts daran, dass es sich hier, anders als bei Humboldt oder Passow, kaum mehr als um ein Verteidigungsargument handelt, das angesichts der Kritik an der gesellschaftlichen Relevanz der Altertumswissenschaft verstärkt auf die nationalistische Karte setzte38. Auch bei Ernst Curtius, dem berühmten Ausgräber Olympias und Erzieher des späteren Kaisers Friedrich III., finden sich zeitgleich ähnliche Argumentationsmuster. So stellt Curtius selbst die Möglichkeit in den Raum, dass die "umbildende Kraft" der Hellenen als "gefährlich" angesehen und "unheimliche Besorgniß" erwecken könnte, wolle man sich "doch nicht selbst verlieren, noch auf die besondere Berechtigung unserer Zeit und unserer Nation verzichten"39. Er entgegnet dieser offensichtlich virulenten Sorge wie schon Herbst mit dem Verweis auf die deutsche Klassik. Statt als Nation unterzugehen, habe es dort doch "die innigste Verschmelzung des hellenischen und deutschen Geistes" gegeben, so dass man Goethes Dichtungen "eben sowohl hellenisch wie deutsch nennen könnte". Ja noch mehr als das. In dieser "hellenisch angeregten Zeit" sei zum ersten Male überhaupt wieder der "Zusammenhang mit unserer germanischen Vorzeit wiederhergestellt" worden, denn: "Durch Homer sind wir zu den Nibelungen gekommen, die Hellenen haben uns zu uns selbst und zur Natur zurückgeführt"40.
Die Strategie Curtius' ähnelt hier wieder ganz derjenigen bei Herbst. Unter äußeren Legitimationsdruck geraten argumentieren beide damit, dass erst durch die "innigste Vermählung des hellenischen und deutschen Geistes" eine deutsche Nationalkultur habe entstehen können, die sich von der "geistigen Fremdherrschaft" der romanischen Kultur befreien und damit "zu sich selbst" kommen konnte41. Die besondere Affinität beider "Volksgeister", die das griechische Erbe in den Bestand nationaler Identifikationsmuster hinüberretten sollte, geht also auch hier wieder mit der Preisgabe alles Romanischen einher.
Die bisher geschilderte Reihe konstruierter deutsch-griechischer (Wahl-) Verwandtschaften ließe sich ohne weiteres bis weit ins 20. Jahrhundert fortsetzen, wobei sich (parallel zum schleichenden Bedeutungsverlust der griechischen Sprache) an der defensiven Funktion wenig ändert42. Die enge Bindung dieses Theorems an den aufkommenden Nationalismus und damit auch an den so verhängnisvollen Gegensatz Deutschlands und Frankreichs dürfte aus dem Bisherigen aber hoffentlich deutlich geworden sein. Wie groß dabei der Anteil des auf diesem Theorem beruhenden pädagogischen Konzepts an der Festigung und Perpetuierung dieses Gegensatzes war, ist zwar nicht mit letzter Bestimmtheit zu sagen, wohl aber lässt sich die Bedeutung erahnen, die sie in Verbindung mit der Griechen-Römer-Antithese für die Bildung einer nationalen Identität haben konnte – bot sie doch nicht nur ein geschichtlich mehr oder weniger fundiertes Sample an ausnahmslos positiven Bezugspunkten für die Bildung der eigenen Identität, sondern enthielt auch genug Anknüpfungspunkte für die Legitimation zeitgenössischer Xenophobien. Dass sich die Griechenfeier der frühen Neuhumanisten (Humboldts oder Schillers) dabei zu einer solchen Tyrannei der Aufrechnung nationaler Eigenheiten verkehren konnte, das ist bis heute eine Mahnung, die nicht zuletzt durch Butlers damals durchaus mutiges Buch noch immer wie ein Stachel im Fleische der Humanisten sitzt.
Autor
Richard Pohle, M.A.
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Philosophische Fakultät I
Institut für Geschichte
06099 Halle-Wittenberg
richard.pohle@geschichte.uni-halle.de
1 Wilhelm von Humboldt, Über das Studium des Altertums, und des Griechischen insbesondere (1793), in: Ders., Werke Bd. 1, hg. von Albert Leitzmann, Berlin 1903, S. 255-281, hier S. 264.
2 Vgl. Günter Oesterle, Kulturelle Identität und Klassizismus, in: Bernhard Giesen (Hg.), Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit, Frankfurt 1991, S. 304-349, der dieses sogar zu der "Grundfigur des Klassizismus" erhebt.
3 Eliza Maria Butler, The Tyrrany of Greece over Germany, Cambridge 1935, S. 332-336.
4 Ibid., S. 6. Vgl. auch Manfred Fuhrmann, Die 'Querelle des Anciens et des Modernes', der Nationalismus und die Deutsche Klassik, in: Bernhard Fabian, Wilhelm Schmidt-Biggemann, Rudolf Vierhaus (Hg.), Deutschlands kulturelle Entfaltung. Die Neubestimmung des Menschen (Studien zum achtzehnten Jahrhundert, Bd. 2/3), München 1980, S. 49-67.
5 Butler, Tyrrany (wie Anm. 3), S. 334f.
6 Zu den Hintergründen der "Hassliebe" Butlers zu Deutschland siehe jetzt Sandra J. Peacock, Struggling with the daimon: Eliza M. Butler on Germany and Germans, in: History of European Ideas 32 (2006), S. 99-115, bes. S. 102ff.
7 Vgl. exemplarisch Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feinbegriff und Selbstverständnis in Deutschland 1792-1918 (Sprache und Geschichte, Bd. 19), Stuttgart 1992. In Studien zum Neuhumanismus fand sie dagegen durchaus Beachtung. Vgl. etwa Fuhrmann, Querelle (wie Anm. 4); Walter Rüegg, Die Antike als Begründung des deutschen Nationalbewußtseins, in: Wolfgang Schuller (Hg.): Antike in der Moderne (Xenia, 15), Konstanz 1985, S. 267-287; Manfred Landfester, Humanismus und Gesellschaft im 19.Jahrhundert, Darmstadt 1988 sowie Ders., Griechen und Deutsche: Der Mythos einer "Wahlverwandtschaft", in: Helmut Berding, Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit III, Frankfurt 1996, S. 198-219.
8 Der Rolle der Römer in diesem Prozess, die vor allem nach Erscheinen von Theodor Mommsens dezidiert politischer konzipierter "Römischer Geschichte" (1854-1856) ebenfalls nicht unterschätzt werden darf, kann hier nicht nachgegangen werden. Für die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts käme hier auch allenfalls Barthold Georg Niebuhr und sein (wohl in erster Linie individualpsychologisch zu deutendes) Ideal des "gesunden römischen Bauern" in Betracht, das, wenn ich recht sehe, auch nur von seinen unmittelbaren Schülern (Schwegler, Nitzsch und Mommsen) aufgenommen wurde und das zumindest bis zur Jahrhundertmitte als kulturelles Vorbild eher marginale Bedeutung hatte. Vgl. dagegen Zvi Yavetz, Why Rome?, in: The American Journal of Philology 97, 3 (1976), S. 276-296 (auf deutsch in: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte Tel-Aviv 7 (1978), S. 255-276.).
9 Johann Gottfried Herder, Sämtliche Werke, hg. von Bernhard Suphan, Bd. 3, Berlin 1978, S. 186f.
10 Hier zitiert nach Ludwig Uhlig (Hg.), Griechenland als Original. Winckelmann und seine Rezeption in Deutschland (Deutsche Text Bibliothek, Bd. 4), Tübingen 1988, S. 23.
11 Ibid., S.24.
12 Vgl. Fuhrmann, Querelle (wie Anm. 4), S. 53f.
13 Zit. nach Uhlig, Griechenland (wie Anm. 10), S. 38.
14 Fuhrmann, Querelle (wie Anm. 4), S. 55.
15 So zum ersten Mal in einem Brief an Schiller vom 22.09.1795, zitiert nach Schillers Werke, Nationalausgabe Bd. 35: Briefe an Schiller 1794-1795, hg. von Günter Schulz, Weimar 1964, S. 349.
16 Wilhelm von Humboldt, Geschichte des Verfalls und Untergangs der Griechischen Freistaaten, in: Ders., Werke Bd. 3, hg. von Albert Leitzmann, Berlin 1904, S. 171.
17 Ibid., S.171-174. Vgl. auch S. 183: "…so bildete Rom in vielfacher Hinsicht immer den Körper, dem Griechenland die Seele einhauchen sollte."
18 Ibid., S. 184f. Vgl. auch ders.: Latium und Hellas oder Betrachtungen über das klassische Altertum (1806), in: Ibid., S. 136-170.
19 Humboldt, Verfall, (wie Anm. 16), S. 215: Schließlich müsse man den Griechen "gewissermaßen schon ähnlich gestimmt seyn, um sie zu verstehen". Das einzige auf der Identität von Sprache und Nationalgeist beruhende Argument entwickelt Humboldt hier anhand der griechischen "Sehnsucht" nach Freiheit, für die er außer im Deutschen keine sprachlichen Äquivalente sehe. Vgl. ibid., S. 203-206.
20 Siehe zu dieser Formulierung Walther Rehm, Griechentum und Goethezeit. Geschichte eines Glaubens (Das Erbe der Alten, Zweite Reihe Bd. 26), Leipzig 1936, S. 16.
21 Vgl. etwa Humboldt, Verfall (wie Anm. 16), S. 213 sowie dazu Rüegg, Antike (wie Anm. 7), S. 275f.
22 Archiv Deutscher Nationalbildung, hg. von Reinhold Bernhard Jachmann und Franz Passow, Berlin 1812, S. III.
23 Reinhold Bernhard Jachmann, Ideen zur National-Bildungslehre, in: Archiv (wie Anm. 22), S. 1-45, hier S. 15.
24 Franz Passow, Die Griechische Sprache: nach ihrer Bedeutung in der Bildung deutscher Jugend, in: Archiv (wie Anm. 22), S. 99-140, hier S. 115.
25 Vgl. Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, Berlin 1808, S. 140f.
26 Passow, Griechische Sprache (wie Anm. 24), S. 116. Ähnliche Ausfälle gegen die "Gallomanie" finden sich in dieser Zeit auch beim Gießener Philologen Friedrich Gottlieb Welcker. Vgl. ders., Warum muß die Französische Sprache weichen und wo zuerst, Gießen 1814.
27 Brief Passows an Johannes Schulze vom 24.03.1811, Deutsches Zentralarchiv Merseburg, Historische Abteilung II, Rep. 92, Nachlass Schulze Nr. 28, zitiert nach Landfester, Humanismus (wie Anm. 7), S. 35.
28 Wilhelm Heinrich Riehl, Kulturgeschichtliche Charakterköpfe, Stuttgart 1891, S. 44f.
29 Beispielhaft genannt sei hier nur Schwabs populäre Darstellung: “Die schönsten Sagen des Klassischen Altertums“ (1838-40) oder die “Griechischen Prosaiker in neuen Übersetzungen“ (1827) von Osiander Tafel und Gustav Schwab. Vgl. dazu Landfester, Humanismus (wie Anm. 7) S. 50-55.
30 Siehe zu diesen Vorwürfen ebenfalls Landfester, Humanismus (wie Anm. 7), S. 59-66.
31 Vgl. Suzanne L Marchand, Down from Olympus. Archaeology and Philhellenism in Germany, 1750-1970, Princeton 1996, S. 168-174 sowie zuletzt Esther Sophia Sünderhauf, Griechensehnsucht und Kulturkritik. Die deutsche Rezeption von Winckelmanns Antikenideal 1840-1945, Berlin 2004, S. 46-53.
32 Vgl. Wilhelm Herbst, Das classische Alterthum in der Gegenwart. Eine geschichtliche Betrachtung, Leipzig 1852, S. 58 u. 64: So nähmen die Studien der deutschen Geschichte "als Kinder und Lieblinge der Zeit und der öffentlichen Meinung ganz die Stelle der classischen Philologie ein. […] Nicht, dass die classischen Studien aufgehört hätten, aber sie traten in der öffentlichen Meinung zurück und an ihre Stelle die germanischen".
33 Ibid., S. 147f. Dabei könne, so Herbst (ibid., S. 142), "von einer Nachahmung, auch nur der Form, [bei der dt. Klassik, R.P.] natürlich keine Rede sein, sondern nur von einer indirecten Einwirkung auf das Vermögen, unsern innern Gehalt zu gestalten."
34 Ibid., S. 148f.
35 Ibid., S. 150.
36 Vgl. auch zum Folgenden ibid., S. 151-162. Zur Verwandtschaft der “reingeistigen Aeusserungen“ vgl. ibid., S. 162f.
37 Ibid., S. 162. Diese Formulierung von Griechenland als dem "Deutschland des Alterthums" findet sich auch schon im Vorwort zur zweiten Auflage von Niebuhrs Übersetzung der ersten philippischen Rede des Demosthenes, die dieser 1805 dem russischen Zaren gewidmet hatte und die er 1831 kurz vor seinem Tod noch einmal veröffentlichte. Vgl. Demosthenis erste philippische Rede. Im Auszug übersetzt und mit einem Vorwort von Barthold Georg Niebuhr, Hamburg 1831, S. 6.
38 Zu diesem "defensiven Nationalismus" vgl. Sünderhauf, Griechensehnsucht (wie Anm. 32). Zahlreiche Belege finden sich dazu auch in den einschlägigen Artikeln der vom Württemberger Gymnasialdirektor K.A. Schmid 1859-1875 herausgegebenen "Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens", in denen litaneiartig die Bedeutung der Klassischen Studien für die Bildung des Nationalbewusstseins herausgestellt wird. Vgl. dazu auch Rüegg, Antike (wie Anm. 7), S. 271-274.
39 Ernst Curtius, Die Kunst der Hellenen (1853), in: Ders., Alterthum und Gegenwart. Gesammelte Reden und Vorträge, Bd. 1, Berlin 1882, S. 78-93, hier S. 89f.
40 Ibid., S. 90.
41 Ibid., S. 91 und Ernst Curtius, Der Weltgang der griechischen Kultur (1853), in: Ibid., S. 74. In Curtius' singulärem Verweis auf die Pelasger als "einem uns verwandten Zweige der arischen Völkerfamilie" zudem die Konstruktion einer stabilen Verwandtschaft auf "rassischer Grundlage" zu sehen, wie dies Sünderhauf, Griechensehnsucht (wie Anm. 32), S. 49 anregt, übersieht m. E. aber die Bedeutung der vielen transitorischen Metaphern (Verschmelzung, Verbindung, Vermählung etc.), die gerade den tätigen Prozess der Aneignung (und nicht nur Nachahmung) betonen sollen.
42 Vgl. etwa Gustav Roethe, Humanistische und nationale Bildung (1905), 2. Auflage, Berlin 1913, S. 28: "Rom und Hellas bergen die Schlüssel zur nationalen Selbsterkenntnis." Während Rom die Deutschen nämlich durch "harte, aber unendlich segensreiche Schule" bildete, habe "Hellas […] uns in wunderbarer Kongenialität gesteigert über uns selbst hinaus und doch auf unserer Bahn." Einen Sonderfall stellen hier jedoch die abstrusen Versuche dar, im Kontext des Nationalsozialismus eine "leib-seelische Verwandtschaft der alten Griechen mit der nordischen Welt" zu konstruieren, scheint es doch dort mehr darum gegangen zu sein, die eigene Gegenwart zu "veredeln", als die Altertumswissenschaften zu legitimieren; vgl. Paul Böckmann, Hellas und Germanien. Entstehung und Bedeutung der griechisch-deutschen Lebenseinheit, in: Von deutscher Art in Sprache und Dichtung, Stuttgart 1941, S. 341-404 (Zitat S. 341); Erich Rudolf Jaensch, Hellas und wir, Athen 1939 oder Alfred Bäumler, Hellas und Germanien, in: Ders., Studien zur deutschen Geistesgeschichte, Berlin 1937, S. 295-311.
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