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S. Maß: Der Andere Mann. Afrikanische Soldaten als Spiegel

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Der andere Mann.

Discussions 1 (2008)

Sandra Maß

Der andere Mann.

Afrikanische Soldaten als Spiegel weißer Männlichkeit und Weiblichkeit (1870-1923)



Zusammenfassung

Die Wahrnehmung der kolonialisierten Männer begleitete den europäischen Kolonialismus von Anbeginn. Sie war nicht nur Bestandteil europäischer Stereotype, sondern diente darüber hinaus der Konstruktion weißer Männlichkeit und Weiblichkeit. Insbesondere die afrikanischen Kolonialsoldaten im Dienst der französischen Armee lösten zahlreiche Debatten aus, die sich mit den politischen, militärischen und geschlechtlichen Diskursen der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaften verbanden.

Résumé

L’autre homme. Les soldats africains, comme reflet d’une masculinité et d’une féminité blanches (1870-1923): Dès le départ, le colonialisme européen s’accompagna d’une manière de percevoir les hommes colonisés. Elle fut non seulement un élément des stéréotypes européens, mais aida en outre à la construction des Blancs, hommes et femmes. En particulier, les soldats coloniaux africains servant dans l’armée française suscitèrent de nombreux débats qui se combinèrent aux discours politiques, militaires et sexuels sur les sociétés pendant la guerre et l’après-guerre.

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Der europäische Kolonialismus hatte die erste massenhafte Migrationsbewegung von Menschen aus Afrika und Asien nach Europa zur Folge. Als Arbeiter und vor allem als Soldaten dienten die kolonisierten Männer als Reservearmee der imperialen Mächte auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Besonders im Fokus der europäischen Öffentlichkeiten standen die afrikanischen Kolonialsoldaten der französischen Armee, die seit dem Krimkrieg (1854-57) auf europäischen Kriegsschauplätzen kämpften und seit dem Deutsch-französischen Krieg 1870/71 auch in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Diese Rekrutierung von als inferior definierten "Kolonialsubjekten" war sowohl in Frankreich und Deutschland stark umstritten. Befürworter und Gegner lieferten sich bis in die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts eine vor allem im und nach dem Ersten Weltkrieg erbittert geführte Debatte über die Vor- und Nachteile ihres Einsatzes in Europa. Während die Befürworter vor allem die Militärtauglichkeit der afrikanischen Männer durch eine noch nicht von der Zivilisation verdorbene "Wildheit" betonten, unterstrichen die Gegner vor allem biopolitische und rassentheoretische Bedenken, die sich aus der Anwesenheit von Afrikanern auf europäischem Boden ergäben.

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Diese Bilder entstammten einerseits einem jahrhundertealten Korpus kolonialer Topoi zur Beschreibung der zu Kolonisierenden. Andererseits waren sie aber in den zeitgenössischen kulturpessimistischen Debatten über Zivilisation, Geschlecht und Nation verwurzelt und fanden darin eine epochenspezifische Verwendung. Diese Debatte, die ihren rassistischen Höhepunkt im Ersten Weltkrieg und in der Kampagne gegen die so genannte "Schwarze Schmach" nach 1918 fand, soll in diesem Beitrag dargestellt werden1. Darüber hinaus scheint es notwendig, die Funktionen und Verweise der Stereotype nicht nur auf eine weitere Variante des europäischen Rassismus zu beschränken. Das Reden über die afrikanischen Kolonialsoldaten war vielmehr auch ein Diskurs über Konzepte weißer Männlichkeit, die im Zuge des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts unter dem Eindruck von Industrialisierung, Kolonialismus und Feminismus starken Angriffen ausgesetzt waren. Im Spiegel angenommener afrikanischer Virilität und Kampfkraft artikulierten sich kulturpessimistische Klagen über eine Krise der europäischen Soldaten und ihrer kämpferischen Männlichkeit. "Wehrhafte Männlichkeit" (Ute Frevert), als das Zeichen und die Voraussetzung nationalstaatlicher Zugehörigkeit im 19. und 20. Jahrhundert, setzte sich selbstverständlich nicht nur von der aus 'weißer' Perspektive beschriebenen 'schwarzen' Männlichkeit ab, sondern positionierte sich beispielsweise im Deutschen Kaiserreich auch gegen die in diesem Aufsatz vernachlässigten Vorstellungen von sozialdemokratischer, jüdischer und, in den späteren Jahren des Kaiserreichs, von homosexueller Männlichkeit2.

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Darüber hinaus boten die afrikanischen Soldaten nicht nur einen Spiegel, um die vermeintliche Degeneration weißer Männlichkeit zu thematisieren, sondern sie wurden auch zur Konstruktion bürgerlicher und weißer Weiblichkeit herangezogen. Vor allem in den deutschen Texten über die Kolonialsoldaten artikulierte sich eine spezifische Figur der bürgerlichen Frau, ein Bild von ihrer Sexualität und ihrem Verhältnis zur Nation3. Im Folgenden soll in einem ersten Teil die französische Perspektive auf den Einsatz von afrikanischen Kolonialsoldaten bis zum Ersten Weltkrieg dargestellt werden. Im zweiten Teil werden die deutschen Gegendiskurse ausgeführt. Die Konkretisierung dieser Debatten auf die Diskurselemente, die auf Vorstellungen von Männlichkeit referieren, bespricht der dritte Teil und in einem vierten Teil werden die bürgerlichen Weiblichkeitsdiskurse im Spiegel des 'anderen Mannes' nachgezeichnet. Der andere, der schwarze Mann diente als Spiegel für Ordnungsvorstellungen der europäischen Nationen, insbesondere für Deutschland und Frankreich, weil er wie kein anderer mit exotistischen Fantasien belegt war, und sich an seiner Figur sexuelle, ethnische, geschlechtliche und klassenspezifische Bedrohungsszenarien durchspielen ließen.

Französische Diskurse für und wider den Einsatz von Kolonialsoldaten

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Das Thema 'Kolonialsoldaten' begleitete die französische Kolonialexpansion von Beginn an. Schon mit der Besetzung Algeriens seit 1830 waren die ersten afrikanischen Soldaten, so genannte Turko-Regimenter, rekrutiert worden und kamen im Krimkrieg zum Einsatz. Diese Maßnahme war auch in Frankreich stark umstritten. Die Befürworter betrachteten sie als ein probates Mittel zur Integration der Kolonialisierten und verwiesen immer wieder auf die Möglichkeit, den Soldaten die französische Staatsangehörigkeit (nicht aber das Wahlrecht) zukommen zu lassen. Die Gegner, vor allem die Kolonisatoren in Algerien, verwiesen dagegen auf die Aufstandsgefahr, die Frankreich drohe, wenn es seine Kolonialuntertanen bewaffne4. Im Hintergrund dieser Argumente rauschte allerdings der bevölkerungspolitische Blätterwald, der ein demographisches Defizit gegenüber dem Deutschen Reich ausmachte und auf die Notwendigkeit und Möglichkeit kurzfristig zu erhöhender Bevölkerungs- bzw. Soldatenzahlen verwies5. Unter Bezug auf die vor allem im Vergleich mit Deutschland niedrige Geburtenrate und das fehlende Bevölkerungswachstum wurden schließlich verstärkt seit der Jahrhundertwende nord- und sukzessive westafrikanische Männer in den französischen Kolonien auf der Basis von Freiwilligenmeldungen rekrutiert. Aufgrund der mangelnden Resonanz griffen die französischen Kolonialherren zur Möglichkeit der Zwangsrekrutierung, die später in einigen Teilen des kolonialen Empires in Wehrpflicht umgewandelt wurde6. Indem man ihnen rechtliche und finanzielle Verbesserungen versprach, die zum Teil auch ihren Familien und Dörfern zugute kommen sollten, versuchte man mittels dieser kolonialen Erpressung den Widerstand der afrikanischen Bevölkerung gegen die Rekrutierung zu verhindern7. Diese Methoden brachten zumeist jedoch nicht den von Frankreich gewünschten Erfolg.

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Seit 1909, in Folge der ersten Marokko-Krise, erhielt das Thema einer force noire verstärkte Aufmerksamkeit und weitete sich publizistisch auf größere Kreise der französischen Öffentlichkeit aus. Der Vorschlag zur massenhaften Rekrutierung auch von westafrikanischen Soldaten wurde nun vor allem von Männern, wie dem späteren General Charles Mangin und anderen führenden französischen Militärs, wie Offizier Maceau und Hauptmann Obissier, Anfang des 20. Jahrhunderts in der Öffentlichkeit platziert, indem sie kontinuierlich auf die Notwendigkeit einer force noire (s.u.) im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung auf europäischem Gebiet hinwiesen8. Der Diskurs verließ den Rahmen militärstrategischer Überlegungen, darauf weist Christian Koller hin, und entwickelte sich zu einer Debatte, an der sowohl die Massenmedien als auch wissenschaftliche Organisationen und diverse populäre Einzelpersonen, wie Schriftsteller und Politiker, partizipierten9.

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Die Befürworter einer umfassenden Rekrutierungspraxis in den französischen Kolonien betonten im Hinblick auf die westafrikanischen Soldaten aus dem Senegal und dem Sudan deren Kriegstauglichkeit. Diese wurde von ihnen mit rassistisch-anthropologischer Argumentation hervorgehoben10: Sie seien insbesondere für die Materialschlachten und den Stellungskrieg prädestiniert, da sie mit "fatalistischer Unbekümmertheit" und einem "Mangel an Nervosität" ausgestattet seien. Als "grands enfants" seien sie treu, ergeben, tapfer, ausdauernd und von großer körperlicher Widerstandskraft, beschrieb Marceau die senegalesischen Männer11. Im Allgemeinen wurden die afrikanischen Männer als willige und gehorsame Diener des Krieges eingeschätzt. Die Militärs kalkulierten mit ihrer Leidensfähigkeit und betonten die ihnen zugeschriebene Andersartigkeit auf der Grundlage der Rassentheorie. Außerdem konnten die ehemaligen Soldaten, die wieder an ihre Heimatorte zurückkehrten, als Multiplikatoren französischer Kolonialpolitik und Hegemonie fungieren12. Innerhalb dieses Diskurses waren auch gegnerische Stimmen zu vernehmen. Auf der einen Seite waren dies die Sozialisten, die den inländischen Einsatz der Kolonialsoldaten zur Aufstandsbekämpfung befürchteten. Auf der anderen Seite waren es ausgesprochene Rassisten, die sich gegen jedwede Existenz von Afrikanern auf europäischem Boden aussprachen und mit Niedergangsprognosen für das französische Volk argumentierten13.

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Der Erste Weltkrieg ließ diese warnenden Stimmen vorerst verstummen und die massenweise Rekrutierung von afrikanischen Soldaten und Arbeitern begann. Die Gesamtzahl der auch für den Arbeitseinsatz in der französischen Armee und Industrie rekrutierten afrikanischen und indochinesischen Männer kann nur geschätzt werden. Christian Koller geht für Frankreich von ca. einer halben Million Soldaten und etwa 220.000 Arbeiter/innen aus, die kriegsbedingt nach Europa kamen14.

Deutsche Diskurse gegen den Einsatz vom Kolonialsoldaten in Europa

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Gleichwohl die Idee der Rekrutierung nicht-weißer Truppen auch in deutschen Gebieten diskutiert wurde und seit dem 17. Jahrhundert vereinzelte afrikanische Männer vor allem als Spielleute in preußischen Regimentern eingesetzt wurden, wurden auf europäischem Gebiet keine Kolonialsoldaten von der deutschen Armee eingesetzt15. Anders verhielt es sich in den kolonialen Kriegen insbesondere zwischen 1914 bis 1918. Vor allem in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tanzania, bestanden die Kampfverbände vornehmlich aus Askari und anderen afrikanischen Hilfstruppen. Die Ablehnung, mit der die Deutschen auf die französische Militärpraxis reagierten, blieb davon jedoch unangetastet.

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Schon im Deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde der Einsatz nord- und westafrikanischer Soldaten von der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert. Die Presse, der Reichskanzler Bismarck, aber auch alltaghistorische Zeugnisse, wie etwa Kalenderblätter, verkündeten einhellig, dass die Kolonialsoldaten "Tiere", "Wilde", "bestialisch" in ihren Kampfweisen und "unersättlich" in ihrer geschlechtlichen/sexuellen Ausrichtung seien16. Im Unterschied zu den Diskussionen, die den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland prägten, standen im 19. Jahrhundert jedoch völkerrechtliche Bedenken im Vordergrund17. Der Verweis auf kriegsrechtlich anerkannte Kampftechniken und die Zweifel ob der Einhaltung dieser Spielregeln durch die Kolonialsoldaten waren das dominante Sujet der deutschen Debatten im 19. Jahrhundert. Gleichwohl zeigten sich in diesen Diskursen schon die Bilder, die während des Herero-Nama-Krieges (1904-1907) und der Rheinlandbesatzung nach dem Ersten Weltkrieg virulent werden sollten. Das Abschneiden von Körperteilen, das Ausstechen der Ohren, die Tötung verwundeter Gegner etc. wurden als Charakteristika barbarischer Kriegstechnik beschrieben und wahlweise den Senegalesen, den Marokkanern etc. zugeschrieben. Die deutschen propagandistischen Texte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges betonten demnach, dass die afrikanischen Soldaten zwar mit einigen bei weißen Soldaten vermissten Eigenschaften ausgestattet seien, aber ihr Verhalten nicht den Standards der europäischen Kriegführung entspräche. Da sie die Regeln des Krieges brächen, indem sie die toten weißen Soldaten zerstümmelten, so die deutsche Propaganda, solle man sie nicht in Europa einsetzen:

So haben sie die barbarische Angewohnheit, als Kriegstrophäen abgeschnittene Köpfe und Finger deutscher Krieger mit sich zu führen und abgeschnittene Ohren als Schmuck um den Hals zu tragen. Auf den Schlachtfeldern schleichen sie sich hinterlistig und heimtückisch an deutsche Verwundete heran, bohren ihnen die Augen aus, zerfleischen ihnen das Gesicht mit Messern und schneiden ihnen die Kehlen durch18.

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Als die linksrheinischen Gebiete nach dem Kriegsende von der französischen Armee besetzt wurde und die Besatzungstruppen anfänglich immerhin zu einem Drittel aus Kolonialsoldaten bestanden, war die Empörung in Deutschland gegen diese als "Schwarze Schmach" interpretierte Maßnahme groß.19 Politisch eingebettet in die allgemeine revisionistische Propaganda gegen den Versailler "Schandfrieden" organisierte eine breite politische Bewegung, mit Ausnahme der USPD, eine rassistische Kampagne gegen die afrikanischen Besatzungssoldaten. Die "Schwarze Schmach"-Kampagne konnte insbesondere an die Annahme der inneren Zerrissenheit des deutschen Volkes und der Beschränkung des geographischen Raumes anknüpfen, indem sie Frankreich als Urheber der deutschen Enge bezeichnete. Mit dem Entzug der Kolonien, der Abgabe Elsass-Lothringens an Frankreich, der unbestimmten politischen Zukunft des Saarlandes und vor allem mit der Rheinlandbesetzung habe Frankreich den deutschen Lebensraum beschnitten. In diese Wahrnehmung der Enge drangen die afrikanischen Kolonialsoldaten und lösten eine geradezu hysterische Reaktion der Propagandamaschinerie aus. Frankreich wurde vorgeworfen, mit der Stationierung der Kolonialsoldaten gegen die "Solidarität der weißen Rasse" verstoßen zu haben: "Daß farbige Truppen zu Aufsichtsorganen über Weiße eingesetzt werden, ist in der Tat ein Kulturverbrechen, ein Verrat an dem Solidaritätsgefühl der weißen Rassen und eine Fortsetzung der schon im Kriege begonnenen Politik Englands und Frankreichs"20. Auf einer Freiburger Frauenversammlung 1920 gegen die "Schwarze Schmach" wurde eine entsprechende Entschließung verabschiedet: "Wir protestieren gegen die Schändung unserer nationalen Ehre, wir protestieren gegen die systematische Herabwürdigung und Untergrabung der kulturellen Stellung des Europäers [...]"21.

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Die "Herabwürdigung" des Landes wurde mit körperlichen Metaphern beschrieben. Der Angriff auf den Körper dient in den Texten als Gleichnis für die politische Situation und die Krisen- und Bedrohungswahrnehmung; die Zerstümmelung der deutschen Nation trat nach dem Krieg an die Stelle der weißen Soldatenkörper. Schon der Versailler Vertrag wurde als ein Auseinanderreißen der Gemeinschaft interpretiert, als "schmachvolle Vergewaltigung", indem der Verlust bestimmter deutscher Gebiete damit gleichgesetzt wurde, dass "die feindlichen Mächte Stücke aus dem Leib des Deutschen Reichs gerissen"22 hätten. Als Endzustand wurde die "Zersplitterung Deutschlands" imaginiert23. Wie nach einer Vergewaltigung sei Deutschland ein "gedemütigtes Volk" mit "geschändeter Ehre", so Eberlein, ein regierungsnaher Propagandist in seiner Broschüre gegen die Kolonialsoldaten24.

Die Kolonialsoldaten als Spiegel für weiße Männlichkeit in Deutschland

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Die Propaganda gegen die afrikanischen Soldaten verhandelte jedoch nicht nur den Einsatz der afrikanischen und asiatischen Soldaten, sondern implizit auch das imperiale Selbstbild des weißen deutschen Mannes. Heinrich Fonck, ein Ex-Major der deutsch-ostafrikanischen Schutztruppe, beschrieb noch im Krieg die afrikanischen Kolonialsoldaten als ausgesprochen kampfgeeignet, lehnte aber ihren Einsatz auf europäischem Gebiet ab:

Daß Völker, bei denen die Fehde und Kampf untereinander bisher an der Tagesordnung waren, ausgesprochen kriegerischen Sinn besitzen und eine Reihe von Eigenschaften, die zu vortrefflichem Soldatenmaterial geeignet machen, ist selbstverständlich. Der Neger ist genügsam, ausdauernd, kräftig und mit scharfen Sinnen begabt. Er ist geschickt und anstellig für vielfache Verwendung als Arbeiter, Matrose, Maschinist und Handwerker. [...] Ihre natürliche Beweglichkeit, gerader Wuchs, freie Glieder, ihr nicht durch unzweckmäßige Kleidung und einseitige Arbeit verbildeter Körper, ihre natürliche, vollkommene Anpassungsfähigkeit an das Gelände, ihre Disziplin und williges Fügen unter den Befehl des ihnen imponierenden Vorgesetzten machten die Ausbildung auffallend leicht. Dem Führer, der sein volles Vertrauen besaß, folgte der schwarze Soldat blindlings. An gewissen Eigenschaften ist der dauernd im Freien lebende und der Natur überhaupt näher stehende und mit ihr ringende Mensch dem Bewohner industrialisierter Länder überlegen25.

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Foncks Beschreibungen dienten vor allem dazu, die Verweichlichung des deutschen Soldaten durch die Industrialisierung zu bemängeln. Er kombinierte Elemente des Afrikadiskurses, die Weite, die Natur, den (nackten) Körper des Afrikaners und den ritterlichen Krieg, um auf den Veränderungsbedarf unter den weißen Soldaten hinzuweisen.

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Der angebliche Verlust von Kampfesmut und Männlichkeit durch die Industrialisierung wurde in vielen europäischen Ländern beklagt: Die Moderne – so einige Kritiker – habe eine Verweichlichung bzw. Verweiblichung der Soldaten mit sich gebracht. Der französische Colonel Ardant du Picq benutzte ebenfalls den kolonialen Topos des Barbaren, um dies zu unterstreichen. Er schrieb vor dem Ersten Weltkrieg über den verloren gegangenen Krieger: "The warrior is the ideal of the primitive and of the savage, of the barbarian. The more people rise in moral civilization, the lower this ideal falls"26. Der kulturpessimistische Blick auf außereuropäische Armeen pries deren herausragende Kampfeigenschaften. In Deutschland betonte insbesondere Hugo von Freytag-Loringhoven (1855-1924) die besonderen kämpferischen Fähigkeiten der 'halb-zivilisierten' japanischen Armee, die noch aus religiöser Hingabe, welche der einstigen und verloren gegangenen deutschen Vaterlandsliebe entspräche, kämpfen würde27. Keiner der deutschen Militärs ging jedoch so weit, den Einsatz von Kolonialtruppen in Europa zu fordern. Im Gegenteil, sie kämpften und schrieben mit allen Mitteln gegen die anderen Kolonialmächte Frankreich, England und Belgien, die ihre Kolonialsoldaten zum Teil schon im Krieg gegen und später in der Besatzungszeit in Deutschland einsetzten.

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Nach dem Krieg führte die Propaganda gegen die afrikanischen Kolonialsoldaten die alten Schreckensbilder fort. Mit der Verunglimpfung als "französische Gorilloiden"28, die einen "stumpfsinnigen Eindruck"29 machten, als "mit allen Urwaldinstinkten" behaftete "Neger"30, als "Bestien"31 und "Halbwilde"32 knüpften die Bezeichnungen zum Teil wortwörtlich an die Gräuelpropaganda des Krieges an, um nun gegen die Besatzung im Rheinland zu protestieren. Die Texte hoben besonders die Gefährdung der deutschen, weißen Frauen durch die Stationierung der Kolonialsoldaten hervor. Diese wurden nun zu den Opfern der verstümmelnden Brutalität, die im Krieg den deutschen Soldaten gegolten habe. Der Krieg habe sich an die Heimatfront verlagert: "Es ist Wahrheit, [...] daß dort von Farbigen Frauen der Hals, die Wangen, die Brust zerbissen wurden"33. Alle Darstellungen betonten die triebhafte Natur des Kolonialsoldaten, seine sexuelle Energie und die Notwendigkeit, diese Leidenschaften zu kontrollieren: "Der Geschlechtstrieb ist bei den Farbigen eben bar jeder Hemmung und doppelt gefährlich, weil sie über die Dinge anders denken als wir"34, schrieb Bruno Stehle in seiner Schrift "Die farbigen Fronvögte am Rhein". Die damit verknüpfte Bedrohung wurde in erster Linie auf die weißen Frauen projiziert, die die ersehnten Opfer der Kolonialsoldaten seien: Die Vergewaltigung weißer Frauen erschien als logische Konsequenz der ungezügelten Sexualität der Afrikaner.

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Die Verteidigung der kolonialen bzw. nationalen Grenze, die von der weißen Frau und ihrem Haushalt repräsentiert wurde, oblag den deutschen Männern. Mit dem Angriff auf die Frau war, so lassen einen die Propagandaschriften glauben, zum einen die Nation gemeint, deren Grenzen missachtet wurden und deren Souveränität beeinträchtigt sei. Zum anderen verwies der Angriff auf die deutschen Männer und ihre Verantwortung, Frauen und Nation zu schützen und zu verteidigen. Damit wurden auch die deutschen Männer zur allegorischen Darstellung einer Nation, die schwach, wehrlos und feige sei. Dies knüpfte an die völkische Aufladung von Schwäche an, derzufolge diese ein Zeichen der "Verjudung" Deutschlands sei. Der Völkische Beobachter verband die Betrachtung der Verteidigungsfähigkeit der deutschen Männer mit seiner nationalsozialistischen Kritik an der weichlichen, d.h. jüdischen Regierung: "Um deutsche Frauen vor rohen Vergewaltigungen schwarzer Bestien zu schützen [...] dazu gehört [...] keine verjudete Regierung am jüdischen Leitseil, sondern deutsche Männer"35. Graf Maximilian von Montgelas, zeitweiliger Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und "Kriegsschuldforscher"36, schrieb in einem Brief an den deutschen Außenminister, wie unzufrieden er mit der Leistung der deutschen Männer sei, deutsche Frauen gegen die afrikanischen Soldaten zu verteidigen:

Im übrigen muß ich schon auch sagen, ohne einem systematischen Lynchen das Wort reden zu wollen, daß unsere Männer im besetzten Gebiet verächtliche Feiglinge sind. Amtlich sind jetzt 120 Fälle von Notzucht, Notzuchtversuchen, Päderastie und Versuchen dazu, Mord, Totschlag, Beraubung und Überfall durch Farbige bekannt, und noch nicht einmal hat meines Wissens ein Deutscher gewagt zu mucksen, wenn eine deutsche Frau vergewaltigt wurde37.

Die deutschen Männer seien nicht "mannhaft und deutsch" genug, sie würden vor den Feinden "willenlos und würdelos" erscheinen, schrieben die Hamburger Nachrichten, nachdem die Hamburger Protestversammlung gegen die "Schwarze Schmach" 1921 verboten worden war38. Auch Ray Beveridge betonte den Verlust männlicher Wehrhaftigkeit durch die Rheinlandbesetzung: "Gott, ist es denn möglich, daß die deutschen Männer im besetzten Gebiet so tief gesunken sind, so versklavt worden sind in dieser kurzen Zeit, daß sie nicht zu helfen wagen, wenn eine deutsche Frau angegriffen wird!"39

Die Kolonialsoldaten als Spiegel für bürgerliche Weiblichkeit in Deutschland

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Gegen dieses Bild männlichen Versagens präsentierte die auch von Frauenverbänden getragene Propagandakampagne ein Bild der aufrechten weißen Staatsbürgerin. Die Rheinische Frauenliga (RFL)40, die bedeutendste Gruppe in der Schwarzen Schmach-Kampagne, verwies auf die staatsbürgerliche Verantwortung, die die deutschen Frauen seit dem Ende des Ersten Weltkrieges trugen. Aus der bürgerlichen Gleichstellung leiteten alle in der RFL organisierten Frauenverbände (KFD, DEF, BDF) eine zentrale Rolle der Frauen im Kampf gegen die "Schwarze Schmach" ab. Eine der populärsten Resolutionen, die von der Frauenliga vorbereitet und bei den zahlreichen Protestveranstaltungen im unbesetzten Deutschland immer wieder verabschiedet wurden, betonte die Verantwortung als Frauen, als Deutsche und als Europäerinnen gegen die Kolonialsoldaten zu protestieren, die geschlechtliche wie die nationale Ehrverletzung zu beklagen und die Umkehrung der kolonialen Herrschaftsverhältnisse zu kritisieren:

Als Frauen protestieren wir gegen die unerhörten schmachvollen Leiden und Gefahren, denen unsere Schwestern und Kinder in dem von farbigen Franzosen besetzten Gebiet preisgegeben sind. Als Deutsche protestieren wir gegen die Schändung unserer nationalen Ehre, die durch die niederträchtige und unehrenhafte Anordnung der Bewachung durch Schwarze gekränkt werden soll. Als Europäerinnen protestieren wir gegen die systematische Herabwürdigung und Untergrabung der kulturellen Stellung des Europäers überhaupt als einer unvermeidlichen und verhängnisvollen Folge dieser von keiner Notwendigkeit, sondern lediglich von niederen Motiven des Hasses, der Rachsucht und der Furcht diktierten Maßnahmen41.

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Die RFL machte die Bedrohung der Frauen in den besetzten Gebieten zum Ausgangspunkt ihrer Argumentation gegen die Kolonialsoldaten. Die in den Propagandabroschüren aufgezählten Vergewaltigungen von deutschen Frauen im Grenzgebiet entwickelten sich zu einer allegorischen Darstellung der bedrohten Einheit und Stärke der Nation. Die RFL nutzte die gleiche Semantik, um einerseits von einem "bedrängten und vergewaltigten Volk" zu sprechen und andererseits die "vergewaltigten Frauen" zu beklagen42. Obwohl die RFL die öffentliche Zurschaustellung von Sexualität zum Beispiel in Form von Prostitution kritisierte, benutzte sie selbst einen stark sexualisierten Diskurs, um den angeblichen Niedergang und Verfall der Nation zu symbolisieren. Sich selbst sprachen sie eine asexuelle, "anständige"43 Rolle zu. Als bürgerliche Frauen grenzten sie sich zudem deutlich von Arbeiterinnen ab, deren räumliche Nähe zu den Kolonialsoldaten betont wurde: "[...] und ich muß sagen, dass mein schlimmster Eindruck überhaupt der des von vielen kinderreichen Arbeiterfamilien bewohnten großen Mietshauses in Ludwigshafen ist, in dessen ersten Stockwerk das Bordell für Madagassen sich befindet"44. Die bürgerliche Frau dagegen zeichne sich durch ihre räumliche und moralische Distanz zu den Kolonialsoldaten und auch zu den "unehrenhaften" Frauen aus, so schreibt der Propagandist August Eberlein:

Nein, die deutsche Frau steht viel zu hoch, als daß gallische Schmierfinken sie mit ihrem Geifer besudeln könnten [...]. Darum ist es Pflicht jeder anständigen Frau, zum Schutze ihrer Weiblichkeit, für ihre Ehre, für ihre Würde eine scharfe Grenzlinie zu ziehen zwischen sich selbst und solchen Geschlechtsgenossinnen, welche jene bewußt in den Staub treten, oder auch nur der äußeren Form nach nicht zu wahren wissen45.

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Während die Afrikaner per se eine Bedrohung darstellten, wurde das Verhalten der deutschen Frauen im Rheinland als latente Gefahr für die 'Volksgemeinschaft' betrachtet. Selten fehlte in den Propagandatexten der Hinweis auf die so genannte "weiße Schande": Bezeichnet wurden damit "ehrvergessene Frauen", die sich – freiwillig – auf eine sexuelle Beziehung mit einem afrikanischen Besatzungssoldaten eingelassen hätten46. Der Propaganda gelang es nicht, das Faktum zu leugnen, dass die afrikanischen Soldaten im Rheinland nicht immer auf Ablehnung und Furcht gestoßen waren. Freiwillige (Liebes-)Beziehungen bestanden zwischen deutschen Frauen und den Soldaten. Sie wurden jedoch unter dem Schlagwort der "weißen Schmach" bzw. "Schande" in die Kampagne integriert47. Diese 'Fraternisierung' wurde von allen politischen Richtungen der Propaganda und sogar von deren Gegner/innen beklagt. Während rechte Zeitungen und Gruppierungen damit den inneren Niedergang der 'weißen Rasse' beschreiben wollten, diente die "weiße Schmach" den Linken als ein Argument gegen den Vorwurf der von den Kolonialsoldaten ausgehenden Gewalttätigkeit48.

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Prostituierte, Partnerinnen von afrikanischen Männern und Mütter afrodeutscher Kinder wurden damit aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen, Sexualität mit afrikanischen Männern galt als Zeichen ihres Verrats, war letztlich Rassenschande, so die RFL: "In jedem Land gibt es Ehrvergessene, die ihre weibliche Würde um Geld verschachern. [...] Wir haben alles Recht, uns zu weigern, die Frauen, vor denen die Farbigen geschützt werden müssen, als deutsche Frauen anzuerkennen"49. Die "schweigende Abwehrfront", der "Zug gequälter Opfer", die "Denkmäler ewiger Schande"50: Diese Bilder von den standhaften Frauen erscheinen wie das Gegenbild zur redundanten und geschwätzigen Propaganda der RFL über die sexuellen und gewalttätigen Vorkommnisse im Rheinland. Sie waren der Versuch, Stärke, Leiden und Beständigkeit als zentrale Charakteristika weißer, bürgerlicher Frauen zu etablieren. Sexualität dagegen galt als Zeichen der Anderen, der nicht-bürgerlichen Frauen und der afrikanischen Männer. Französische und deutsche Prostituierte oder gar deutsche Hausfrauen, die mit "alle[n] Mittel[n] der Verführung, der wirtschaftlichen Belästigung und Schädigung", bearbeitet würden, um "gefügig"51 zu werden, bedrohten die Inszenierung der weißen und tugendsamen Bürgerin, wie sie von der Frauenliga und anderen entworfen wurde, um die ehrenhafte Nation zu repräsentieren. Das "schamlose Sichgebärden mancher sogenannter deutscher Mädchen und Frauen, die sich solchen Lüstlingen in die Arme werfen" bezeichneten sie konsequent als Prostitution52.

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Die Klagen über Vergewaltigungen waren Ausdruck des Ressentiments gegenüber den afrikanischen Männern, die den ihnen zugewiesenen sozialen Platz verlassen hatten53. Ähnlich wie in den europäischen Diskursen über Vergewaltigungen von weißen Kolonialistinnen durch afrikanische Männer wurde nicht die Vergewaltigung selbst beklagt – dafür war sie als Praxis weißer Männer viel zu akzeptiert – sondern die Überschreitung der sozialen Grenze, einer 'rassischen' Grenze, wie sie von den Kolonialisten festgelegt worden war. Der Zugang zur weißen Frau, dem Herz der europäischen Familie und Nation, war die gröbste Grenzverletzung sowohl in der kolonialen Gesellschaft wie in den kolonialen Imaginationen. In der Propaganda gegen die "Schwarze Schmach" waren es Frauen und Männer, die ihre gesellschaftliche Unsicherheit beklagten, die die vermeintlichen Vergewaltigungen von Frauen durch Besatzungssoldaten als Abbildung der gesellschaftlichen Verhältnisse bezeichneten und mit ihrem Rekurs auf 'respektable Sexualität' die Abgrenzung der bürgerlichen Frauen von den Arbeiterinnen und Prostituierten vollzogen. Dies diente nicht nur der Herrschaftssicherung weißer Männer, sondern auch der Stabilisierung der gesellschaftlichen Position von weißen Bürgerinnen.

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Als Besatzungssoldat und als potenzieller Sexualpartner oder Vergewaltiger deutscher Frauen in den Propagandatexten vorgestellt, verkörperte der afrikanische Soldat die deutsche Niederlage in doppelter Weise. Schon im Ersten Weltkrieg wurde die Kriegsgewalt auf die Kolonialsoldaten projiziert, indem die Propaganda suggerierte, dass die Verstümmelung des weißen Männerkörpers auf die Kriegsteilnahme von Afrikanern zurückzuführen sei. Dass der Kolonialsoldat als Besatzer zudem den deutschen Mann verdränge, dass er sogar bis in die Familie, bis in die Küche hinein vordringe, verdeutliche, dass der deutsche Mann nicht mehr als Beschützer der familiären und nationalen Grenzen funktioniere. Der Topos von der Vergewaltigung der weißen Frauen durch Kolonialsoldaten verwies in seiner Konsequenz letztlich auf die Krise wehrhafter Männlichkeit in Deutschland nach 1918. Mit dem beständigen Verweis auf die Kampfkraft und sexuelle Potenz repräsentierte die Propaganda die von den Kolonialsoldaten ausgehende Bedrohung für die weißen deutschen Männer, die angesichts des verlorenen Krieges, der Demilitarisierung und des Zusammenbruchs des imperialen Systems die Sicherheit des wilhelminischen hegemonialen Selbstbildes verloren hatten.

Autorin

Dr. Sandra Maß
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie
Universität Bielefeld
Postfach 100131
D-33601 Bielefeld
sandra.mass@uni-bielefeld.de

1 Der vorliegende Text basiert in weiten Teilen auf meiner Publikation: Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland, 1918-1964, Köln 2006.

2 Vgl. dazu George Mosse, Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion moderner Männlichkeit, Frankfurt a. M. 1997; Ute Frevert, Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001.

3 Eine Untersuchung über die französische Perspektive wird gerade von Marc Schindler-Bondiguel erstellt.

4 Christian Koller, "Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt". Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930), Stuttgart 2001, S. 65.

5 Siehe dazu: Myron Echenberg, Race, Ethnicity, and Social Class in the French Colonial Army: The Black African Tirailleurs, 1857-1958, in: N.F. Dreisziger (Hg.), Ethnic Armies. Polyethnic Armed Forces from the Time of the Habsburgs to the Age of the Superpowers, Waterloo 1990, S. 50-68; Ders., Colonial Conscript: The Tirailleurs Senegalais in French West Africa, 1857-1960, Portsmouth 1991. Zu Nordafrika: Marc Michel, L’Appel à l’Afrique – Contributions et réactions à l’effort de guerre en A.O.F. 1914-1919, Paris 1982.

6 Werner Glinga, Ein koloniales Paradoxon - Blaise Diagne und die Rekrutierungsmission 1918, in: Janós Riesz (Hg.), "Tirailleurs Sénégalais". Zur bildlichen und literarischen Darstellung afrikanischer Soldaten im Dienste Frankreichs, Frankfurt a. M. u.a. 1989 (Bayreuther Beiträge zur Literaturwissenschaft, 13), S. 21-37, hier S. 21. In einigen französischen Kolonien wurde 1921 die Wehrpflicht für afrikanische Männer eingeführt. Ibid., S. 24.

7 Shelby C. Davis, Reservoirs of Men: A History of the Black Troops of French West Africa, Geneva 1934, S. 146; Rudolf von Albertini, Albert Wirz, Europäische Kolonialherrschaft 1880-1940, Zürich 1976, S. 232f. Im Zuge der Rekrutierungsmaßnahmen kam es im Sudan, in Benin, an der Elfenbeinküste, in Guinea und Niger zu Aufständen unter der afrikanischen Bevölkerung. Vgl. dazu auch: Michel, L’appel (wie Anm. 5); Echenberg, Conscript (wie Anm. 5), S. 71ff.; Elie Biagui, Effort de guerre et résistance au recrutement des tirailleurs en Guinée pendant la première guerre mondiale. Mémoire de maîtrise. Université de Dakar 1980/81; Hélène D'Almeida-Topor, Les populations dahoméennes et le recrutement militaire pendant la première guerre mondiale, in: Revue française d'histoire d'outre-mer 60 (1973), S. 196-241.

8 Charles Mangin, La force noire, Paris 1910; Hippolyte-Victor Marceau, Le tirailleur soudanais, Paris, Nancy 1911; Louis-Jules Obissier, Notice sur les tirailleurs sénégalais (Extrait de la Revue des Troupes Coloniales), Paris 1909.

9 Koller, Diskussion, (wie Anm. 4), S. 69. Siehe auch Jean-Yves Le Naour, La honte noir. L’Allemagne et les troupes coloniales françaises, 1914-1945, Paris 2003.

10 Echenberg, Conscript (wie Anm. 5), S. 29.

11 Hans-Jürgen Lüsebrink, "Tirailleurs Sénégalais" und "Schwarze Schande" - Verlaufsformen und Konsequenzen einer deutsch-französischen Auseinandersetzung (1910-1926), in: Janós Riesz (Hg.), "Tirailleurs Sénégalais". Zur bildlichen und literarischen Darstellung afrikanischer Soldaten im Dienste Frankreichs, Frankfurt a. M. 1989, S. 57-74, hier S. 58.

12 Janós Riesz, Die Heimkehr des Helden. "Tirailleurs Sénégalais“ in der französischen Kriegs- und Kolonialliteratur nach dem Ersten Weltkrieg, in: Ders., Koloniale Mythen – Afrikanische Antworten. Europäisch-afrikanische Literaturbeziehungen I, Frankfurt a. M. 1993, S. 109-124, hier S. 110.

13 Koller, Diskussion (wie Anm. 4), S. 73.

14 Ibid., S. 96.

15 Peter Martin, Schwarze Teufel, edle Mohren. Afrikaner in Bewusstsein und Geschichte der Deutschen, Hamburg 1993.

16 Maß, Helden (wie Anm. 1), S. 169-176; Koller, Diskussion (wie Anm. 4), S. 49f.

17 Zur völkerrechtlichen Dimension der Debatte siehe Christian Koller, "Wilde" in "zivilisierten" Kriegen: Umrisse einer vergessenen Völkerrechtsdebatte im kolonialen Zeitalter, in: Zeitschrift für neuere Rechtsgeschichte 23 (2001), S. 30-50.

18 Tr. Mann, Damit wir es nicht vergessen. Ein Rückblick auf die Unmenschlichkeiten und Völkerrechtsverletzungen der Feinde, Charlottenburg 1917, S. 25.

19 Speziell zur "Schwarzen Schmach" siehe: Iris Wigger, Die "Schwarze Schmach am Rhein". Rassistische Diskriminierung zwischen Geschlecht, Klasse, Nation und Rasse, Münster 2007.

20 Die Wahrheit ins Ausland! Die schwarze Schmach, in: Berliner Börsen-Zeitung v. 24.2.1921; Politisches Archiv Auswärtiges Amt (PAAA), R 74419. Weitere Beispiele einer unbegrenzten Anzahl derartiger Kommentare: "Die deutsche Regierung muß sich auf das schärfste dagegen verwahren, daß der Bevölkerung des von der Entente besetzten deutschen Gebiets eine farbige Besatzung zugemutet werde. [...] Die Besetzung des linksrheinischen deutschen Gebiets erfolgt nicht im Wege kriegerischer Eroberung, sondern friedlich, auf Grund eines abgeschlossenen Vertrages. Die Ueberführung farbiger Truppen ist ein Hohn auf das Gefühl der Gemeinschaft der weißen Rasse". Protest gegen die schwarzen Besatzungstruppen, in: Vossische Zeitung v. 3.12.1918. "Die Verwendung dieser Farbigen, die sich mit der Bevölkerung nicht verständigen können, als Wachen, Paßkontrolleure usw., wird als schwere Bedrohung der Bevölkerung empfunden". Hamburg und die Schwarze Schmach, in: Hamburger Nachrichten v. 12.5.1921; PAAA, R 74420.

21 Protest der Freiburgerinnen gegen die "schwarze Schmach", in: Freiburger Bote v. 2.10.1920; Bundesarchiv (BArch), R 1603, 2213.

22 Deutsche Schmach, in: Süddeutsche Zeitung v. 15.6.1921; PAAA, R 74420.

23 "Eins der französischen Ziele ist die Zersplitterung Deutschlands. Es hat aber das Entgegengesetzte erreicht; das deutsche Volk ist in seinem Haß gegen den Erbfeind zusammengeschweißt worden". Frankreich und die schwarze Schmach, in: Grenzlandkorrespondenz v. 6.12.1922; PAAA, R 74423.

24 August Eberlein, Schwarze am Rhein. Ein Weltproblem, Davos 1921, S. 2.

25 Heinrich Fonck, Farbige Hilfsvölker. Die militärische Bedeutung von Kolonien für unsere nationale Zukunft, verfaßt im Auftrage des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees, Berlin 1917, S. 13. Siehe auch Ders., Deutsch Ost-Afrika: Eine Schilderung deutscher Tropen nach 10 Wanderjahren, Berlin 1910.

26 Zit. nach Antulio J. Echevarria, On the Brink of the Abyss. The Warrior Identity and German Military Thought before the Great War, in: War & Society 13 (1995) 2, S. 23-40, hier S. 25.

27 Siehe dazu auch Ute Mehnert, Deutschland, Amerika und die "Gelbe Gefahr". Zur Karriere eines Schlagwortes in der Großen Politik 1905-1917, Stuttgart 1995, S. 57.

28 Schwarze Schmach – Rote Schmach?, in: Hamburger Nachrichten v. 29.4.1921; BArch; R 1603, 2235.

29 Heinrich Distler, Volk in Not 1, 1921; BArch, R 1693, 2220.

30 Aus der Welt des Films. Die schwarze Schmach, in: Deutsche Allgemeine Zeitung v. 26.4.1921; BArch, R 1603, 2855.

31 Adolf-Viktor von Koerbe, Bestien im Land. Skizzen aus der mißhandelten Westmark, München 1923.

32 Die "Manneszucht" der Besatzungsarmee, in: Fränkischer Kurier v. 2.5.1929; BArch; R 1602, 1853.

33 Anonym, Was droht Dir, Europa?, München 1921, S. 3f.

34 Bruno Stehle, Die farbigen Fronvögte am Rhein. Eine Tragödie, München 1922, S. 13.

35 Fritz Malende, Die schwarze Pest, in: Völkischer Beobachter v. 1.2.1922, zit. nach Koller, Diskussion (wie Anm. 4), S. 247.

36 Ulrich Heinemann, Die Last der Vergangenheit. Zur politischen Bedeutung der Kriegsschuld- und Dolchstoßdiskussion, in: Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke, Hans-Adolf Jacobsen (Hg.), Die Weimarer Republik 1918-1933, Politik-Wirtschaft-Gesellschaft, Bonn 1998, S. 371-386, hier S. 376.

37 Max Montgelas an den Außenminister v. 29.9.1920; PAAA, R 74418.

38 Hamburg und die Schwarze Schmach, in: Hamburger Nachrichten v. 1.5.1921; PAAA, R 74420.

39 Ray Beveridge, Die schwarze Schmach. Die weisse Schande, Hamburg 1922, S. 28.

40 Zur Geschichte der Rheinischen Frauenliga siehe Sandra Maß, Von der "schwarzen Schmach" zur "deutschen Heimat". Die Rheinische Frauenliga im Kampf gegen die Rheinlandbesetzung, 1920-1929, in: WerkstattGeschichte 11 (2002), H. 32, S. 11-33.

41 Frauenprotest gegen die farbige Schmach im Rheinland, in: Bergisch-Märkische Zeitung v. 19.10.1920; BArch, R 1603, 2213.

42 Rheinische Frauenliga, Farbige Franzosen am Rhein. Ein Notschrei deutscher Frauen, 4. Aufl., Berlin 1923, S. 3.

43 Ibid., S. 47.

44 Gärtner, Redemanuskript (o.J.); BArch, R 1603, 2214.

45 Eberlein, Schwarze (wie Anm. 24), S. 145; siehe auch "Deutsche Frauen, deutsche Mädchen! [...] Umgürtet Euch mit dem ganzen Stolze deutscher Frauenwürde, keuscher Weiblichkeit, und vergeßt nie und nimmer, daß auch in Eurer Hand, im Blick Eurer Augen, im Ausdruck Eurer Mienen die Ehre Deutschlands liegt". Ibid., S.147.

46 RFL, Notschrei (wie Anm. 42), S. 57f; siehe auch Französische Gegenpropaganda, in: Deutsche Tageszeitung v. 4.4.1921. PAAA, R 74419.

47 Ibid.

48 Die weiße Schmach, in: Freiheit v. 7.5.1921; PAAA, R 74419.

49 RFL, Notschrei (wie Anm. 42), S. 57.

50 Ibid., S. 3.

51 Die schwarze und die weiße Schmach, in: Tägliche Rundschau v. 21.4.1921; BArch, R 8034II, 9079.

52 Aus rheinischer Franzosentid, in: Münchner Neueste Nachrichten v. 28./29.5.1921; PAAA, R 74420.

53 Ann Stoler, Carnal Knowledge and Imperial Rule. Race and the Intimate in Colonial Rule, Berkeley u.a. 2002, S. 59.

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S. Maß: Der Andere Mann. Afrikanische Soldaten als Spiegel
In: discussions, discussions 1 (2008) - Das Andere im 19. Jahrhundert / L'autre au XIXe siècle
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Dokument zuletzt verändert am: 11.06.2010 11:10
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