E. Gottschlich: Die Aneignung des Fremden
Zusammenfassung
Das idealisierte Bild von Tibet, das in Europa und der westlichen Welt vorherrscht, hat seine Wurzeln in Vorstellungen des 17. Jahrhunderts. Ab Ende des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der Veröffentlichungen über das Land Tibet und seine Bevölkerung immer mehr an. Im 19. Jahrhundert schließlich entwickelte sich der "Tibet-Mythos", der Tibet zunächst in Texten, später auch in Bildern und Filmen als ein Paradies voller Frieden und Spiritualität beschreibt. Während die früheren Berichte noch Widersprüche in sich bargen, wurden diese in den Texten des 19. Jahrhunderts verflacht. Anhand eines englischen Reiseberichts um 1800 und seiner Verwertung in Deutschland möchte ich zeigen, wie sich die Darstellung von Tibet verändert hat.
Résumé
L’appropriation de l’étranger – Samuel Turner et sa contribution au mythe du Tibet:L’image idéalisée du Tibet, qui domine en Europe et dans le monde occidental, tire ses racines des représentations du XVIIesiècle. Le nombre de publications sur le territoire du Tibet et sa population ne cessa d’augmenter à partir de la fin du XVIIIesiècle. Enfin, au XIXesiècle, se développa, d’abord dans des textes, puis également à travers les images et les films, le "mythe du Tibet" décrivant ce pays comme un paradis plein de paix et de spiritualité. Alors que les premiers récits recelaient encore des contradictions, celles-ci s’estompent dans les textes du XIXesiècle. Je voudrais montrer, à l’aide d’un récit de voyage anglais vers 1800 et son exploitation en Allemagne, combien la représentation du Tibet a changé.
Die Auseinandersetzung mit dem idealisierten Tibetbild des Westens hat in der Forschung gerade erst begonnen1. 1998 formulierte der amerikanische Tibetologe Donald S. Lopez, jr. in seinem Buch "Prisoners of Shangri-la" "The search for the real Tibet, beyond representation, lies at the heart of the fantasy of Tibet and contains its own ideology of control, which was put to devastating use during the colonial period"2. Einig ist sich die Forschung darüber, dass die Tibet-Fantasie immer wieder dieselben Zuschreibungen aufruft. Der Züricher Tibetologe Martin Brauen nennt als typische Aspekte, die mit Tibet identifiziert werden: Hort der Weisheit und des Friedens, ein Jungbrunnen- oder Kraftort, ein Ort der (Weiter-)Entwicklung, aber auch als Gegenbild dazu ein "abscheuliches, makabres Tibet" voller Dämonen, Morde und Machtmissbrauch3. Durch diese Idealisierung scheint es für den Westen schwierig, Tibet und die Tibeter als Teil der realen Welt wahrzunehmen. Dieses stark gefärbte Tibetbild wird auch als Tibet-Mythos4 bezeichnet.
Die Frage, woher dieses idealisierte Tibetbild kommt, beantwortet die Forschung mit dem Hinweis darauf, dass im 19. Jahrhundert die mystischen Publikationen der Theosophen den größten Teil dazu beigetragen haben5. Im 20. Jahrhundert waren es die in Tibet stationierten britischen Offiziere, die dieses Ideal stärkten und weiter verbreiteten6.
Betrachtet man jedoch Darstellungen zu Tibet im 17. und 18. Jahrhundert, zeigen sich auch damals schon viele der Zuweisungen, die später fester Bestandteil des Tibet-Mythos wurden. Allerdings stellten diese Berichte, so auch der hier behandelte Bericht von Samuel Turner, neben positiven und neutralen Aspekten auch Unverständliches und moralisch Verwerfliches dar7. In diesem Beitrag möchte ich eine Spur verfolgen, die zeigt, wie sich die Darstellung Tibets am Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte.
Vorstellungen von Tibet im 17. und 18. Jahrhundert
Der Mythos Tibet ist das (keineswegs endgültige) Ergebnis der Begegnungen Europas mit Tibet. Es liegt nahe, seinen Ursprung in den frühen Texten zu Tibet zu suchen. Tatsächlich finden sich einige Elemente dieser Traumwelt Tibet schon im ersten, 1626 veröffentlichten, Reisebericht von Antonio de Andrade wieder8.
Im Zuge des Entdeckungszeitalters erkundeten die Europäer ab dem 17. Jahrhundert auch China, Sibirien und die Tartarey. Zuerst waren es die Missionare, die Tibet besuchten. Ab Ende des 18. Jahrhunderts stießen dann Gesandte, Wissenschaftler und Abenteurer in das Innere des Himalayas vor. Die Nachrichten aus Tibet nahmen zu, und so wurde Tibet für ein breiteres Publikum interessant. Das europäische "knowledge building project"9 war in vollem Gange und erfasste nun auch Zentralasien.
In den Reiseberichten und Lexika des 17. und 18. Jahrhunderts findet man bereits eine Vorstellung von Tibet. Die ersten britischen Gesandten brachen also keineswegs in ein völlig unbekanntes Land auf. Die Grundkonstanten der Stereotypen waren schon gelegt: Tibeter sind gutmütig und fromm, ihre Religion liegt dem Christentum nahe, ihre Kultur ist fortgeschritten10. So beschrieben die Missionare des 17. und 18. Jahrhunderts das Land und das Volk im Himalaya. Bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts waren es ausschließlich Jesuiten aller Nationen, die nach Tibet kamen, dann übernahmen die Kapuziner Tibet als Missionsgebiet. Die jesuitischen Berichte an den Oberen wurden in zwei Kompendien zusammengefasst: der "China illustrata" von Athansius Kircher (1667) und der "Histoire de la Chine" von Jean-Baptiste du Halde (1735), beide wurden rasch in andere Sprachen übersetzt11.
Vorstellungen von Tibet im 19. Jahrhundert
Auch nach 1800 stammten die meisten Informationen über Tibet zunächst von Missionaren12, da diese oft viele Jahre mit den Tibetern lebten und Tibetisch systematisch erlernten. Wissenschaftler im Sinne Humboldts wie die Brüder Schlagintweit brachten dann ab etwa 1830 neue Erkenntnisse über Tibet nach Europa. Im Unterschied zu vorher sammelten die Reisenden nun systematisch ethnographische, geologische und geographische Informationen über die Länder im Himalaya. Durch die größere Zahl der Reisenden vermehrten sich ab 1800 die Publikationen über Tibet sprunghaft: In den zwei Jahrhunderten zuvor erschienen etwa ein halbes Dutzend Reiseberichte, die in China-Lexika und Enzyklopädien verwertet wurden, sowie eine ausführliche Länderkunde zu Tibet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts findet man einige Artikel in diversen Zeitungen und Zeitschriften. Im 19. Jahrhundert wurden nun die Berichte der britischen Gesandtschaften viele Male übersetzt, neu aufgelegt und verarbeitet. Die Journale der wissenschaftlichen Gesellschaften publizierten zeitnah die Ergebnisse der Forscher vor Ort; diese Artikel ersetzten oft das Reisetagebuch. Die Veröffentlichungen zu Tibet wurden kürzer. Dafür wurde aber immer häufiger über Tibet geschrieben, so dass die Anzahl der Publikationen über Tibet ab Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrer Anzahl unüberschaubar wurden.
Neben Turner verfassten bis 1840 hauptsächlich Angestellte der East India Company Berichte. Ab den 1830er Jahren veröffentlichten Gelehrte ihre Werke in den Schriften der Royal Societies, vor allem der Geographical Society13. Auch der ungarische Sprachforscher Alexander Csoma de Korös (1784-1842) wurde für seine Studien der tibetischen Sprache von der britischen Regierung unterstützt14. Schon früh hatten die Briten ein Interesse an dem verborgenen Land im Himalaya entwickelt15.
Die britischen Gesandtschaften nach Tibet
Ende des 18. Jahrhunderts entsandte Warren Hastings, der britische Generalgouverneur Bengalens, zweimal Boten nach Tibet. Sein Ziel war es, Handel mit Tibet und dann über den Landweg auch mit China zu treiben16. Tibet war für ihn ein potentieller Handelspartner, der Empfänger diplomatischer Bemühungen und kein primitives Land, das zivilisiert werden musste.
1774 betrat George Bogle (1746-1781) als erster britischer Gesandter Tibet und knüpfte während seines fünfmonatigen Besuches eine enge Beziehung zum dritten Panchen Lama Lobsang Palden Yeshe (1738-1780), in den Berichten auch Tashi oder Teshu Lama genannt. Bogle und der Lama starben, bevor ein zweites Treffen stattfinden konnte. Bogle gilt als der erste Brite, der Tibet betrat, der Erste, der nicht als Missionar kam.
Bogles Bericht über seine Tibetreise gelangte erst 1876 durch die Edition von Clements R. Markham an die Öffentlichkeit. Diese Ausgabe trug zu Bogles Ruhm im folgenden Jahrhundert bei. Hallvard Kåre Kulöy, der Markhams Buch 1970 in der Bibliotheca Himalayica neu auflegte, schrieb: "Bogle’s is an indispensable source in the study of early Anglo-Tibetan political and commercial relations and represents a fine description of Tibet and the Tibetans by a sympathetic observer"17. Auch im "Oxford Dictionary of National Biography" ist zu lesen, Hastings hätte bei der Besetzung der Tibetmission eine außerordentlich gute Wahl getroffen. Die damalige Beurteilung "it is difficult to think of anyone who fits the colonial stereotype less than Bogle"18, entspricht allerdings nicht mehr dem Stand der heutigen Forschung19. Bogles Bericht stimmt in Ausdrucksweise und Urteilen über Tibet mit seiner Zeit überein. Mit dem Blick eines Europäers und Vertreter einer Kolonialmacht beschrieb und beurteilte er Aussehen und Lebensweise der Menschen, benannte er Pflanzen und Tiere und begutachtete die Landschaft20.
Samuel Turner und die Reise nach Tibet (1783-84)
Da Hastings auch nach Bogles Tod an weiterem Kontakt zu Tibet sehr gelegen war, schickte er 1783 Samuel Turner (1759-1802) dorthin – offiziell um zur Wiedergeburt des Teshu Lamas zu gratulieren. Turners biographischer Hintergrund machte ihn zu einem geeigneten Kandidaten für den diplomatischen Auftrag Hastings. Samuel Turner wurde 1759 in Gloucester geboren und war ein Cousin Warren Hastings. Er verbrachte seine gesamte militärische Laufbahn von 1780 bis 1800 in Indien. Nachdem er 1800, pensioniert und nach England zurückgekehrt, seinen Bericht über die Reise nach Tibet veröffentlicht hatte, erhielt er einen Ehrendoktortitel der Universität Oxford und wurde 1801 zum Mitglied der Royal Society gewählt. Im Januar 1802 starb er nach kurzer Krankheit21.
Das einzige Mal, dass er Indien während seines Dienstes verließ, war die Entsendung nach Tibet22: 1783 erreichte er Tashilünpo, den Hauptsitz des Teshu Lama und traf dort den 1½jährigen vierten Panchen Lama Lobsang Tenpe Nyima (1782-1853) und seine Regenten. Turner folgte Bogles Gesandtschaft und seinen Spuren. Bei ihm scheint die Gesandtschaft weitaus förmlicher verlaufen zu sein als bei Bogle, der wohl eine Tibeterin heiratete23.
Turner hatte wie Bogle den Auftrag, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, vor allem was Handelsprodukte, politische Informationen und die Möglichkeit eines Landverkehrs nach China betraf24. In einem war Turner Bogle allerdings voraus: Er veröffentlichte seinen Bericht, da ihm bewusst geworden sei, dass sein Journal möglicherweise die öffentliche Neugier befriedigen könne25. 1800 wurde sein Text auf Englisch sowie in französischer Übersetzung herausgegeben, 1801 auf Deutsch und Holländisch, 1817 auf Italienisch. Weitere Auflagen folgten. In Asien wird das Buch bis heute verlegt26.
Ganz im Sinne des 18. Jahrhunderts gab er seine Reise im Bericht auf den ersten Blick unbeeindruckt und sachlich wieder und schilderte ergänzend die Vegetation und den Tierbestand der Gegenden. Auffällig ist an einzelnen Stellen eine gewisse Ironie, auch die Fremdartigkeit der Kultur wird durch scheinbar objektive Beschreibungen bloß gestellt27.
Es ist Turners Bericht, auf den bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in den deutschsprachigen Quellen verwiesen wird, wenn von Tibet die Rede ist28. Dies wird in der aktuellen Forschung zu den frühen Begegnungen zwischen Europa und Tibet wenig beachtet, und es werden andere Reisende in den Vordergrund gerückt und gelegentlich fast mythisch verklärt. So erschienen in den letzten Jahren Werke zu George Bogle29, zu Alexander Csoma de Körös30 und zum deutschen Missionar und Experten für Mongolistik und Tibetologie Isaak Jakob Schmidt (1779-1847)31, in denen die Protagonisten zu Helden stilisiert werden. Das mag an deren starken Persönlichkeiten und Lebensgeschichten liegen. Turners Reisebericht ist jedoch, wenn auch vielleicht etwas langatmig, keineswegs langweilig und ganz sicher eine wertvolle Quelle für die historische Forschung.
Deutsche Versionen von Turners Reisebericht
Turners Reisebericht erscheint 1801 parallel in Hamburg32 und Weimar. Der Publizist Matthias Christian Sprengel veröffentlichte ihn in Weimar "in einem gedrängten Auszuge" in der "Bibliothek der neuesten und wichtigsten Reisebeschreibungen"33. Er meinte, dass Turner nur mangelhafte Vorkenntnisse und keinerlei Fähigkeiten habe, "unsere bisherige Kundschaft beyder Länder [Bhutan und Tibet] zu bereichern" und publizierte ihn nur in Auszügen: "Unsere Leser aber erhalten darin alles, was nur einigermaßen auf Butan oder Tibet Bezug hat"34.
Im zwischen 1809 und 1811 herausgegebenen "Brockhausschen Conversationslexikon" ist zu lesen: "Alle diese nähern Kenntnisse von Tibet haben wir dem Englischen Gesandten, Samuel Turner, zu verdanken [...]"35. Wilhelm Harnisch fasste den Bericht 1824 als Band seiner Reihe "Die wichtigsten neuern Land- und Seereisen" zusammen36. Im Vorwort schrieb er: "Seine [Turners] Reise theilen wir, da seit der Zeit keine andere nach Tibet bekannt geworden ist, mit Benutzung aller übrigen Nachrichten im Folgenden mit"37.
1834 diente Turners Text Heinrich Berghaus als Grundlage für seine "Historisch-geographische Beschreibung von Assam und seinen Nachbar-Ländern"38. Noch 1841 veröffentlichte das "Bilder-Conversationslexikon" unter dem Stichwort Tibet einen Stich, der nach einer Illustration Turners gefertigt wurde, nimmt sonst aber keinen Bezug auf seinen Bericht39.
Die deutschen Herausgeber übersetzten Turners Bericht nicht nur, meistens fassten sie auch die knapp 500 Seiten zusammen (etwa Sprengel auf 151, Harnisch auf 75 Seiten). Seine Nachrichten blieben über die Jahrhundertmitte hinaus bedeutend für die Vorstellungen über Tibet, da sie in Reisesammlungen, Länderbeschreibungen und Konversationslexika aufgenommen wurden. Obwohl Turner als wesentliche Quelle herangezogen wurde, blieb das Tibetbild nicht gleich, denn die Übersetzungen und Zusammenfassungen seines Berichts sind jeweils stark von den jeweiligen Verfassern geprägt. Durch Betonung und Auslassung setzten sie ihre eigenen Akzente und verschoben die Perspektive. Dies soll im Folgenden anhand eines Beispiels verdeutlicht werden.
Der Grenzübertritt – der erste Blick auf Tibet
Die Szene des Grenzüberganges von Bhutan nach Tibet beschreibt nicht nur den bloßen Grenzübertritt:
[...] a long row of little inscribed flags, fixed in rude heaps of stones, were fluttering in the wind. They mark the boundaries of Tibet and Bootan; and are supposed, at the same time, to operate as a charm over the Dewtas, or genii loci, who are paramount here40.
Turner schließt eine nähere Beschreibung der Berggeister an und wendet sich im nächsten Absatz dem zu, was ihm in Tibet als erstes begegnet:
We descended [...] towards the plain of Phari; and as we proceeded, the first object viewed upon it, from the road, was a low hill, rising abruptly from a dead flat, and crowned with a square stone building, dedicated, as I was told, to funeral ceremonies41.
Turner lenkte den Blick auf eine Totenstätte, um seinen ersten Eindruck von Tibet zu beschreiben und auf die fremdartigen Bestattungsriten der Tibeter einzugehen:
According to the custom of Tibet, which, in this respect, is in direct opposition to the practice of almost all other nations, instead of that pious attention which is shewn to the remains of the dead, in the preservation of their bodies from pollution, by depositing them in the ground, they are here exposed, after their decease, like the Persees of India, in the open air, and left to be devoured by ravens, kites, and other carnivorous birds. In the more populous parts, dogs also come in for a share of the prey, and regularly attend the consummation of the last obsequies42.
Tibet wirkt auf Turner anscheinend sehr fremd: Flatternde Fahnen markieren die Grenze, Berggeister bewohnen diese Berge, als erstes begegnet ihm eine Begräbnisstätte und er weist auf den völlig anderen Umgang mit den Toten hin. Verurteilt er die tibetischen Totenriten? Er verweist auf die Ähnlichkeit der Rituale mit denen der Parsen, die den Briten aus Indien bekannt waren. Die Parsen wurden von den britischen Kolonialherren als einheimische Elite und weit über anderen Eingeborenen stehend betrachtet43. Eine Verurteilung ist damit also nicht verbunden. Ebenso schafft er bei den Berggeistern durch die lateinische Benennung eine Verbindung zum eigenen Kulturkreis und deutet gleichzeitig wissenschaftliche Distanz an. Die Wortwahl weist vielleicht darauf hin, dass Turner mit diesen fremden Bräuchen zu kämpfen hat: Tibets Sitte ist direkt entgegengesetzt zur frommen Achtsamkeit gegenüber den toten Menschenkörpern in fast allen europäischen Ländern. Statt die sterblichen Überreste zu schützen, werden sie "entblößt" oder weniger emotional übersetzt "freigelegt" und "verschlungen" ("gefressen"?). Im Allgemeinen verhält sich Turner in seinem Bericht respektvoll gegenüber der fremden Kultur44. Er verlässt aber kaum die überlegene Position des Europäers und seine dadurch bedingte, scheinbar objektive Beobachtungsposition45.
Zurück zur Grenze: Die Grenze zwischen Bhutan und Tibet war für die Europäer eigentlich keine, denn Bhutan wurde als Teil Tibets betrachtet. Turner selbst kontrastiert gelegentlich natürliche Beschaffenheit und Bewirtschaftung der zwei Länder, stellt aber genauso oft heraus, wie sie sich in gesellschaftlichen und religiösen Dingen ähneln46.
Es wirkt so, als sei das Betreten Tibets für Turner mystisch aufgeladen: Zunächst überquert er die Berggipfel mit den Berggeistern, dann betritt er ein Land, das seine Toten den Geiern anbietet. Später nennt er eine andere dieser Totenstätten "Golgatha"47. Bishop meint, dass George Bogle und Turner das Land noch nicht als geheimnisvoll und faszinierend wahrgenommen haben: "Tibet represented an extreme of Otherness. It was a truly unknown place"48. Es ist nicht ganz richtig, dass Tibet ein unbekannter Ort war, auch Turner hatte von Hastings mindestens eine Zusammenstellung seines Vorwissens erhalten49. Das Fremd-Sein drückt Turner in seinem Text deutlich aus – auch noch 17 Jahre nach seiner Reise. Versteht man Bishops "geheimnisvoll und faszinierend" als Teil der Sicht, die den Tibet-Mythos verkörpert, mag er recht haben, da Tibet in Turners Bericht nicht zu einem verbotenem Land, einem unerreichbaren Paradies hochstilisiert wird.
Bearbeitungen des Berichts durch Matthias Christian Sprengel, Wilhelm Harnisch und Heinrich Berghaus
Betrachtet man nun die Übersetzungen von Sprengel, Harnisch und Heinrich Berghaus, fällt auf, dass sie Turner auf ihre jeweils eigene Weise verstehen (oder interpretieren). Sprengel, zeitlich der Originalveröffentlichung am nächsten, gibt den Grenzübergang recht nah an Turners Text wieder. Während er allerdings auf die Geister kaum eingeht und ihre Existenz in Frage stellt ("... die Geister dieser Gegend ..., welche die Reisenden beunruhigen sollen." Hervorhebung EG), beschreibt er die Machart der Grenzfähnchen, die Turner nicht erwähnt. Er hat seinen Text also aus anderen Quellen ergänzt. Seine Beschreibung des Totenplatzes und der Bestattungsriten könnte nicht sachlicher ausfallen:
Die Tibetaner begraben ihre Todten nicht, sondern bringen sie nach einem dieser freyen mit Mauern umgebenen Plätze, um sie von Geyern und Raben verzehren zu lassen. In den bevölkerten Gegenden läßt man auch Hunde herein50.
Sprengel distanziert sich von Turners Befremden. Streng rational lässt er an dieser Stelle alles weg, was nicht faktisch ist. Keine Vergleiche, um das Fremde begreiflich zu machen, keine Interpretationen dessen, was Turner sieht und erfährt. Stattdessen ergänzt er den Reisebericht um weitere sachliche Informationen, wie z.B. um die detaillierte Beschreibung des Aufbaus der Fahnen.
Harnisch übernimmt diese Stelle auf den ersten Blick ähnlich, aber weniger eloquent als Sprengel. Auch er schreibt – noch zweifelnder als Sprengel: "... Geister, welche an den Gränzen ! besonders ihr Reich zu haben scheinen Hervorhebung EG" und verliert kein weiteres Wort mehr darüber. Interessanterweise setzt er den unmittelbaren Grenzübertritt früher an, beschreibt kurz das Vieh und die Nomaden und kommt erst dann zum Steinhaufen und zur Begräbnisplatz. Bei Turner und Sprengel steht die Szene am Anfang eines Kapitels oder Abschnitts – Harnisch nimmt ihr ihre Bedeutung, indem er sie in einen weiteren Kontext setzt. Bei ihm ist der erste Eindruck von Tibet nicht die Totenstätte, sondern das Weidevieh und seine Hirten. Bemerkenswert ist noch, dass er die Bestattungsplätze "Kirchhöfe" nennt – also ein für seine Leser vertrautes Wort verwendet. Auch er urteilt nicht explizit über die Rituale und kommentiert sie nicht.
Berghaus bedient sich in dem Memoir zu seinem Atlas 1834 hauptsächlich der Naturbeschreibungen Turners. Anders als die anderen beiden nimmt er Abstand von Turners Ich-Erzählung und stellt sie in der dritten Person dar, aufgelockert durch einige wörtliche Zitate. Auch er beschreibt als Grenzmerkmal den Steinhaufen mit Fähnchen. Im nächsten Satz jedoch stellt er eine viel deutlichere Grenze zwischen Tibet und Bhutan dar. "... die Natur hat eine weit schärfere Scheidelinie gezogen und zeigt einen Kontrast, der vielleicht nirgend auf der Erde in so außerordentlicher Gestaltung wieder vorkommt"51. Er schildert Bhutans kultivierte, blühende Landschaft auf der einen Bergseite, während auf der anderen tibetischen Seite nur karges Land sei und kein Baum wachse.
So sagt man im Verlauf von weniger als einer Meile dem fruchtbarsten mit ewigen Grün bekleideten Boden Lebewohl und betritt ein Land, dessen Erdreich und Klima der Erzeügung ! irgend einer Pflanze abhold zu sein scheint52.
Turner vergleicht die Landschaften Bhutans und Tibets an ganz anderer Stelle53 und viel weniger kontrastiv. Es ist unverständlich, wie Berghaus zu dieser zugespitzten Darstellung kommt. Er grenzt Tibet ab, doch wovon? Vielleicht könnte man sagen: von der zivilisierten Welt. Einige Sätze weiter erwähnt er den "Begräbnisort", geht aber nicht auf die Totenrituale der Tibeter ein. Er lässt allerdings nicht alle kulturellen Schilderungen weg, sondern beschreibt die Lebensweise der Nomaden und die Ähnlichkeit der buddhistischen und der katholischen Religion54. Es scheint, als vermeide er alle Stellen, die zu Entrüstung und Diskussionen führen könnten, wie etwa die Mitteilung über die tibetische Polyandrie, die der europäischen Kultur noch ferner liegt als die Polygamie.
Veränderte Tibetwahrnehmung – Distanz, Aneignung und Ordnung
Wie anhand dieser Ausführungen zu erkennen ist, findet im Laufe der Verarbeitung des Textes von Turner eine Vereinfachung statt. Die Vergleiche anderer Stellen aus Turners Bericht mit den Verarbeitungen zeigen dies ebenfalls55. Turners Text enthält noch die Unsicherheit im Umgang mit Tibet. Die Bearbeiter seines Reiseberichts nutzen ihn auf unterschiedliche Weise. Sie gebrauchen verschiedene Mittel, um die Widersprüche aufzulösen, die Turners Text in sich birgt. Gemeinsam ist ihnen, dass die Übersetzungen weniger persönlich, sondern abstrakter werden.
Sprengel versachlicht den Bericht und reichert ihn mit zusätzlichen Informationen an. Er erklärt die fremden Dinge, zum Beispiel die Fahnen. Das Fremde wird so detailliert und so oft beschrieben, dass der europäische Leser den Eindruck gewinnt, er kenne diese Dinge. Die Autoren abstrahieren und entfernen sich mehr und mehr vom eigentlichen Reisebericht. Der gebildete Leser "weiß" nach der Lektüre mehr über das Land, als der Reisende selbst. Diese Einstellung entspricht dem, was Sprengel in seiner Kritik an Turner äußert:
Sie [die Reise] beweist indessen hinlänglich, daß ihrem Verf. die erforderlichen Kenntnisse fehlten, unsere bisherige Kundschaft beyder Länder zu bereichern, und er weder vor noch nach der Reise einen von seinen Vorgängern zu Rathe gezogen, oder einmal Bogles litterarischen Nachlaß angesehen habe.56
Harnisch hingegen benutzt in hohem Maße Vergleiche mit Europa, um das Erzählte für seine Leser erfahrbar zu machen. Wie Harnisch stillschweigend Konflikte einebnet, zeigt, dass er Tibet seinen Vorstellungen anpasst oder denjenigen, die er beim Publikum erwartet. Ein gutes Beispiel ist hier die Szene von Turners Besuch bei dem 1½jährigen Panchen Lama57. Turner schwankt zwischen Begeisterung und Skepsis, als er die Begegnung schildert. Harnisch hingegen enthält sich jeder kritischen oder verwunderten Bemerkung und vergleicht die Mutter des Lamas mit der Muttergottes.
Berghaus schließlich übernimmt für sein Werk von vorne herein nur die Natur- und Landschaftsszenen und erwähnt die tibetische Kultur nur sehr allgemein. Seine Dramatisierung der Grenze scheint auf den ersten Blick den Methoden der beiden anderen Autoren entgegen zu stehen. Sie passt aber ideal ins Bild, wenn man betrachtet, dass alle drei Distanz herstellen zu Turners Erfahrung von Unsicherheit und Erwartungsbrüchen. Bei Berghaus erhält die Distanzierung eine neue Qualität: Tibet wird abgegrenzt.
Indem die Übersetzer sich die Elemente aneignen, die Tibet zugesprochen werden, schaffen sie Abstand zu einem widersprüchlichen, unverständlichen Tibet. Die Einteilung in klare Kategorien mündet in eine verständliche, beherrschbare Ordnung. Diese kann auch wie bei Berghaus zwei Pole haben: das Anheimelnde hier, das Erschreckende dort. Zuschreibungen, die in früheren und in Turners Bericht noch nebeneinander stehen konnten, werden vereinfacht und zu einem Element, einer Kategorie der westlichen Vorstellungswelt zu Tibet. Diese Elemente werden positiv, negativ oder neutral bewertet und ändern mit der Zeit auch diese Konnotationen58. So wird zum Beispiel die tibetische Religion von dem Christentum überlegen bis hin zum Dämonenkult eingeschätzt59.
Ergebnisse und Schluss
Es wird deutlich, dass Turners Reisebericht in der deutschsprachigen Literatur zur Länder- und Völkerkunde bis etwa 1840 eine wichtige, wenn nicht sogar die maßgebliche Quelle zu Tibet ist. Er wurde also im 19. Jahrhundert keineswegs so gering geschätzt, wie es in der Forschung heute scheinen mag60.
Weiterhin zeigt sich, dass die Autoren, die seinen Bericht im 19. Jahrhundert bearbeiten, sich Tibet aneignen, indem sie Widersprüche in Turners Bericht auflösen. Sie machen sich die Aspekte Tibets zu Eigen, indem sie sie "europäisieren", kategorisieren und so Wissen zu den einzelnen Themen ansammeln und "Experten" werden. Übereinstimmend mit dem, was die heutige Forschung zum Mythos Tibet herausgefunden hat, gibt es im 19. Jahrhundert eine Idealisierung Tibets, die aber noch ihr negatives Spiegelbild behält. Erst im 20. Jahrhundert verschwinden die Gegensätze bzw. integrieren sich in die unterschiedlichen Tibetbilder: in das idealisierte oder in das finstere Bild in ihren jeweils vielfältigen Ausprägungen61.
Diese Ergebnisse passen zur These Jürgen Osterhammels, mit der er beschreibt, wie im 18. Jahrhundert der europäische Interessensraum weltweit ausgeweitet wurde. Durch die Konfrontation mit einer Vielzahl von neuen Informationen und Erkenntnissen, so Osterhammel, sei ein aufrichtiges Interesse am fremden Anderen entstanden: "Diese science de l'homme war übernational, transkulturell und – wie Burke und Demeunier andeuteten – vergleichend angelegt; ..."62.
Im 19. Jahrhundert teilte sich dieses neue Wissen in die einzelnen Fachdisziplinen auf, nach Osterhammel so, dass Spezialwissenschaften wie die Indologie in Nischen verbannt wurden und Europa hauptsächlich um sich selbst kreisen konnte. "Die geordnete Welt wird verfügbar"63. Turners eher offene Sicht war schon zur Zeit der Veröffentlichung nicht mehr zeitgemäß, aus Ermangelung einer frischeren Quelle wurde sein Bericht jedoch verwendet, das Wissen, das er lieferte, aufbereitet.
Die Informationen zu Tibet waren auch noch bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts unbefriedigend, da das Land nur schwer zugänglich war. Das änderte sich erst mit dem gewaltsamen Vordringen der Briten nach Lhasa 1904. Dies förderte sicherlich u.a. die Fantasie über dieses geheimnisvolle Land und die Verbreitung der esoterischen, "fantastischen" Schriften zu Tibet. Die Begegnung mit Tibet im 18. Jahrhundert war von politischen und ökonomischen Interessen bestimmt, aber auch von Neugier geprägt. Im 19. Jahrhundert wurde das wenige Wissen strukturierter und damit festgeschriebener. Die persönliche Distanz zum Gegenstand wurde größer, die Betrachtung förmlicher.
Die historischen Stereotype bestimmen bis heute in hohem Maße unser Verhältnis zu Tibet. Die Besetzung Tibets durch die Chinesen hat dem Tibet-Mythos in die Hände gespielt: Tibet als unerreichbares Paradies, als Utopia, das unwiederbringlich zerstört ist und die Tibeter als ewige Flüchtlinge sind zwei Elemente, die das Tibetbild weiter romantisiert haben, aber nicht zur Aufklärung der realen Verhältnisse beitragen. Die Tibetologie erachtet es deshalb und zur eigenen Selbstreflexion für wichtig, den Tibet-Mythos zu hinterfragen.
Erfreulicherweise arbeiten westliche und tibetische Forscher zusammen, um die westlichen Tibetvorstellungen zu untersuchen. Für die Tibeter ist die Bestimmung und Auflösung des Mythos' jedoch weitaus dringlicher. Der Tibetologe Tsering Shakya drückt es so aus:
Die westliche Wahrnehmung Tibets und die akkumulierten Tibetbilder sind der politischen Sache Tibets hinderlich. Die ständige Mythologisierung Tibets hat die wahre Natur des tibetischen politischen Strebens in den Schatten gestellt und undeutlich gemacht64.
Auch Jamyang Norbu, der Mitbegründer des Amnye Machen Institute for the Study of Neglected Aspects of Tibetan Culture, und der in Bonn lehrende Tibetologe Loden Sherab Dagyab sehen einen Zusammenhang zwischen dem idealisierten Tibet und der Missachtung der aktuellen politischen Lage Tibets und des tibetischen Volkes. Sie beklagen, dass teilweise ihre eigenen Landsleute dem Mythos Tibet erlegen seien und ihn pflegten65.
Um dieses Vorhaben zu unterstützen, sind ein weitestgehend unvoreingenommenes Interesse an allen Aspekten der tibetischen Kultur und ein Streben nach einem realistischeren Bild gefragt. Daneben kann es hilfreich sein, auf die frühen Quellen und den Mechanismus der Idealisierung zu blicken. Das 19. Jahrhundert hat unser einseitiges Bild von Tibet geformt. Der Tibet-Mythos verstellt den Blick auf das komplexe Bild von Tibet und das Verhältnis zwischen Europa und Tibet. Indem wir versuchen, Tibet in seiner Komplexität und Ambivalenz wahrzunehmen, kann diese Distanz zwischen einem "realen" Tibet und dem europäischen Bild von Tibet überwunden werden.
Autorin
Evelyn Gottschlich
Justus-Liebig-Universität Gießen
International Graduate Centre for the Study of Culture
(GCSC)
Alter Steinbacher Weg 38
D-35394 Giessen
evelyn@gottschlich.org
1 Martin Brauen, Traumwelt Tibet. Westliche Trugbilder, Bern, Stuttgart, Wien 2000; Donald S. Lopez, jr., Prisoners of Shangri-La. Tibetan Buddhism and the West, Chicago 1999; Michael von Brück: Religion und Politik im tibetischen Buddhismus, München 1999; Thierry Dodin, Heinz Räther (Hg.), Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien, Köln 1997; Lee Feigon, Demystifying Tibet. Unlocking the Secrets of the Land of the Snows, Chicago 1996; Peter Bishop, The Myth of Shangri-La. Tibet, Travel Writing and the Western Creation of Sacred Landscape, London 1989, S. 40.
2 Lopez, Prisoners of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 9.
3 Brauen, Traumwelt Tibet (wie Anm. 1), S. 222-237, bes. S. 228-232.
4 Ich verwende den Begriff "Mythos Tibet" im Sinne des Sammelbandes von Thierry Dodin und Heinz Räther, Dodin, Räther (Hg.), Mythos Tibet (wie Anm. 1). Dort wird er für die populären und typischen Vorstellungen zu Tibet im Westen verwendet.
5 Brauen, Traumwelt Tibet (wie Anm. 1), S. 38-52; Thierry Dodin, Heinz Räther, Mythos Tibet. Zwischen Shangrila und Feudalherrschaft. Versuch einer Synthese, in: Dies. (Hg.), Mythos Tibet (wie Anm. 1) S. 328-345, hier S. 332-333.
6 Alex C. McKay, 'Wahrheit', Wahrnehmung und Politik. Die britische Konstruktion eines Bildes von Tibet, in: Dodin, Räther (Hg.), Mythos Tibet (wie Anm. 1), S. 68-86; Brauen, Traumwelt Tibet (wie Anm. 1), S. 32-33.
7 Brauen, Traumwelt Tibet (wie Anm. 1), S. 223-225; Bishop, Myth of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 9.
8 Siehe dazu Antonio De Andrade: Er findet in den Tibetern eine Art natürliche Christen, die bisher noch keine richtige Anleitung hatten. Dieser Topos des natürlichen oder verkümmerten Christentums sowie die katholische Deutung buddhistischer Elemente sind bis ins 19. Jahrhundert gängige Beschreibungen der tibetischen Religion und Mentalität. Oft wird sogar heute noch der Buddhismus dem Christentum gleich gestellt und Parallelen zwischen den beiden Religionen gezogen; vgl. Antonio De Andrade, Beschreibung der newen entdeckung deß grossen Landts Cataio und der Königreich Tibet, Augsburg 1627. Auf S. 18-20 schildert er, wie der tibetische König und sein Minister von einem Marienbild ganz ergriffen sind und es anbeten. Auf S. 23 ist er davon überzeugt, dass auch die Tibeter die Dreifaltigkeit als Gott anerkennen.
9 So bezeichnet Mary Louise Pratt die Suche der Europäer nach unbekanntem Land und ihr Bestreben, sich dieses auf Karten und durch systematisches Erfassen von Natur und Kultur zu eigen zu machen, Mary Louise Pratt, Imperial Eyes. Travel Writing and Transculturation, London 1992, S. 24.
10 De Andrade, Beschreibung der newen entdeckung (wie Anm. 8), S. 22-24; Antonio De Andrade, Brief aus Tsaparang an Muzio Vitelleschi, Generaloberen des Ordens in Rom, 15. August 1626, zitiert nach: Jürgen C. Aschoff, Tsaparang. Königsstadt in Westtibet. Die vollständigen Berichte des Jesuitenpaters António de Andrade und eine Beschreibung vom heutigen Zustand der Klöster, Eching vor München 1989, S. 84.
11 Athanasius Kircher, China illustrata, Amsterdam 1667; Jean-Baptiste Du Halde (Hg.), Description geographique, historique, chronologique, politique, et physique de l'Empire de la Chine et de la Tartarie Chinoise. enrichie des cartes generales et particulieres de ces pays, de la Carte générale & des Cartes particulieres du Thibet, & de la Corée, & ornée d'un grand nombre de Figures & de Vignettes gravées en Taille-douce, Paris 1735.
12 Zum Beispiel Regis Évariste Huc (1813-1860), Heinrich August Jäschke (1817-1883) u.a.
13 Zum Beispiel Archibald Campbell (1805-1874), Joseph Dalton Hooker (1817-1911; Himalayan Journals) u.a.
14 Vgl. Alexander Csoma de Korös, Tibetan studies, being a reprint of the articles contributed to the Journal of the Asiatic Society of Bengal and Asiatic researches, Nachdruck der Ausgabe Calcutta 1912, Budapest 1984 (Collected works of Alexander Csoma de Korös, 4).
15 So sprach schon 1768 Capitain Alexander Rose, Angestellter der East India Company, darüber, einen Landweg nach China zu erkunden und durch Tibet reisen zu wollen. Bevor er seine Pläne in die Tat umsetzen konnte, starb er. Vgl. Alexander Rose, Zweene Briefe des Capitain Alexander Rose aus Indien über seine Hinreise und über das Königreich Nepal, in: Johann Reinhold Forster, Matthias Christian Sprengel (Hg.): Beiträge zur Völker und Länderkunde, Band 3, Leipzig 1783, S. 143–154, 151-152.
16 Clements R. Markham, Narratives of the Mission of George Bogle to Tibet and of the Journey of Thomas Manning to Lhasa, Nachdruck der Ausgabe London 1879, New Delhi 1971, S. 3-9.
17 Markham, Narratives (wie Anm. 16), siehe Editor’s Note.
18 Michael Aris, Bogle, George, in: Oxford Dictionary of National Biography 6 (2004), S. 432-433, hier S. 432.
19 Vgl. dazu z.B. speziell für Reiseberichte Pratt, Imperial Eyes (wie Anm. 9) und allgemein Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierung in den Kulturwissenschaften, Hamburg 2006.
20 Vgl. Bishop, Myth of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 41-48, bes. S. 42-44.
21 Michael Aris, Turner, Samuel, in: Oxford Dictionary of National Biography 55 (2004), S. 659-660, hier S. 660.
22 Ibid., S. 659-660.
23 Aris, Bogle (wie Anm. 18), S. 433; Hugh E. Richardson, George Bogle and his children, in: Scottish Genealogist 29 (1982), S. 73-83; Bishop, Myth of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 25-64.
24 Samuel Turner, An Account of An Embassy To The Court of The Teshoo Lama In Tibet. Containing A Narrative Of A Journey Through Bootan, and Part of Tibet, New Delhi 1971, S. XVII-XVIII.
25 Ibid., S. XVIII.
26 Ibid., Varanasi 2005; auch New Delhi 1991 und viele mehr.
27 Z.B. ibid., S. 349: "However this custom Polyandrie, EG, which as a traveller I am obliged to notice, may intrinsically deserve reprobation, yet it must at the same time be allowed, that local laws very frequently result from local cause; ...".
28 Im Oxford Dictionary of National Biography wird darauf hingewiesen, dass Turners Bericht auch in England der erste gewesen sei: "Turner's Account ... was the first eyewitness report on Tibet and Bhutan to be published in English," vgl. Aris, Turner (wie Anm. 21), S. 660.
29 Kate Teltscher, The High Road to China. George Bogle, the Panchen Lama and the First British Expedition to Tibet, London 2006; Alastair Lamb, Bhutan and Tibet. The travels of George Bogle and Alexander Hamilton, 1774-1777, Hertingfordbury 2002.
30 Edward Fox, The Hungarian who walked to heaven. Alexander Csoma de Koros, 1784-1842, London 2001; deutsche Ausgabe: Ders., Der Mann, der zum Himmel ging, Berlin 2007.
31 Hartmut Walravens, Isaak Jacob Schmidt (1779-1847). Leben und Werk des Pioniers der mongolischen und tibetischen Studien. Eine Dokumentation, Wiesbaden 2005.
32 Samuel Turner, Gesandschaftsreise an den Hof des Teshoo Lama durch Bootan und einen Theil von Tibet, Hamburg 1801 (Neuere Geschichte der See- und Land-Reisen, 14).
33 Matthias Christian Sprengel (Hg.), Reisen nach Butan und Tibet vom Kapitain Samuel Turner. Enthält außerdem Hyder Aly und Tippo Saheb [...] Reise des brittischen Gesandten Herrn Michael Symes [...], Weimar 1801 (Bibliothek der neuesten und wichtigsten Reisebeschreibungen zur Erweiterung der Erdkunde, 4).
34 Ibid., S. XII.
35 Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der älteren und neueren Zeit 6, Amsterdam 1809, S. 172-174, hier S. 174.
36 Wilhelm Harnisch, Turner's Reise in Butan und Tibet, in: Ders. (Hg.), Die wichtigsten neuern Land- und Seereisen. Für die Jugend und andere Leser, Band 6, Leipzig 1824, S. 287-362.
37 Ibid., S. 294.
38 Heinrich Berghaus (Hg.), Historisch-geographische Beschreibung von Assam und seinen Nachbar-Ländern Bhotan, Djuntia, Katschhar, Munipar etc. nebst Bemerkungen über die nördlichen Provinzen des Birma-Reiches. Memoir zu No. 9 von Berghaus' Atlas von Asia, Gotha 1834 (Asia. Sammlung von Denkschriften in Beziehung auf die Geo- und Hydrographie dieses Erdtheils; zur Erklärung und Erläuterung seines Karten-Atlas, 9).
39 Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. Ein Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung, Band 4, Leipzig 1841, S. 428-429, hier S. 428.
40 Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 24), S. 197-198.
41 Ibid., S. 198.
42 Ibid.
43 Vgl. dazu Tanya Marie Luhrmann, The Good Parsi. The postcolonial anxieties of an Indian colonial elite, Cambridge 1996.
44 Beispielsweise gibt Turner in seiner Darstellung der Polyandrie mögliche soziologische und historische Gründe für diese Entwicklung, siehe Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 22), S. 348-352; vgl. auch Bishop, Myth of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 36.
45 Turner beschreibt z.B., wie seine tibetischen Begleiter ihm seine Lage erleichtern wollen, als es ihm nicht gut geht, stellt dies aber als etwas unbedarft und ihm selbst lästig vor, siehe Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 22), S. 209-210.
46 Ibid., S. 216, S. 224, S. 226.
47 Ibid., S. 317.
48 Bishop, Myth of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 41.
49 Immerhin hat Antonio Giorgi schon 1762 das Alphabetum tibetanum, ein 800-Seiten-Werk zu Tibet, veröffentlicht, das auch gelesen wurde, es wurde 1768 in Auszügen auf Deutsch publiziert, siehe Antonio Agostino Giorgi, Alphabetum tibetanum, Reprint der Ausgabe Roma 1762 mit Einleitung von Rudolf Kaschewsky, Köln 1987; auf Deutsch: Antonio Agostino Giorgi, Alphabetum tibetanum mit Anmerkungen von Peter Lindegger, 2 Bände, Zürich 1999-2000.
50 Sprengel, Reisen nach Butan und Tibet (wie Anm. 33), S. 77.
51 Berghaus, Historisch-geographische Beschreibung (wie Anm. 38), S. 13.
52 Ibid.
53 Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 24), S. 216-217.
54 Berghaus, Historisch-geographische Beschreibung (wie Anm. 38), S. 12-13.
55 Zum Beispiel die Beschreibungen der verschiedenen religiösen Gruppen und ihrer Konflikte untereinander, siehe Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 24), S. 314-315; Harnisch, Turner's Reise (wie Anm. 36), S. 355.
56 Sprengel, Reisen nach Butan und Tibet (wie Anm. 33), S. XII. Zumindest in der Einleitung seines Berichts gibt Turner einen Überblick der Kontakte zwischen Großbritannien und Tibet, auch im Nachwort gibt es einen Bericht, der die Zeit zwischen der Reise und der Veröffentlichung größtenteils abdeckt. Von Hastings hatte Turner Anweisungen erhalten, was er in Erfahrung bringen sollte. Es scheint also unwahrscheinlich, dass er sich nicht die vorhandenen Informationen angesehen hat. Vgl. Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 24), S. V-XVIII und S. 437-442.
57 Turner, Account of An Embassy (wie Anm. 24), S. 377; Harnisch, Turner's Reise (wie Anm. 36), S. 357-358.
58 Dies bestätigt auch Loden Sherab Dagyab, siehe Loden Sherab Dagyab, Die Problematik der Nutzung des Tibetbildes für die Verbreitung des Buddhismus im Westen, in: Thierry Dodin, Heinz Räther (Hg.), Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien, Köln 1997, S. 318-325, hier S. 318.
59 Siehe dazu Lopez, Prisoners of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 21-24, S. 39-41, S. 141-146.
60 Zum Beispiel beschreibt der anonyme Übersetzer der Hamburger Ausgabe von 1801 Turner als "einen vorurtheilsfreien und wahrheitsliebenden Beobachter, dem es überall um eine richtige Belehrung seiner Leser zu thun ist.", vgl. Turner, Gesandtschaftsreise (wie Anm. 32), S. V.
61 Siehe dazu Bishop, Myth of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 230-237; Lopez, Prisoners of Shangri-La (wie Anm. 1), S. 4-11; gegenwärtig gibt es nur wenige negative Stimmen zu Tibet vgl. Brauen, Traumwelt Tibet (wie in Anm. 1), S. 92-93.
62 Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert, München 1998, S. 20.
63 Ibid., S. 12.
64 Tsering Shakya, Tibet and the Occident. The Myth of Shangri-La, in: Tibetan Review 27, 1 (1992), S. 13-16, zitiert nach: Martin Brauen, Traumwelt Tibet. Westliche Trugbilder, Bern, Stuttgart, Wien 2000, S. 10.
65 Jamyang Norbu, Hinter dem verlorenen Horizont. Zur Notwendigkeit der Demystifizierung Tibets, in: Thierry Dodin, Heinz Räther (Hg.), Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien, Köln 1997, S. 313-317, hier S. 316; Dagyab, Nutzung des Tibetbildes (wie Anm. 58), S. 324.
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