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E. Blome: Das Eigene, das Andere und ihre Vermischung

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Das Eigene, das Andere und ihre Vermischung.

Discussions 1 (2008)

Eva Blome

Das Eigene, das Andere und ihre Vermischung.

Zur Rolle von Sexualität und Reproduktion im Rassendiskurs des 19. Jahrhunderts



"Die Neuerung der modernen Biopolitik besteht darin, dass die biologische Gegebenheit unmittelbar politisch wird und umgekehrt." (Giorgio Agamben, Homo sacer)1

"Sex is at the very heart of racism." (Ronald Hyam, Empire and Sexuality. The British Experience)2

Zusammenfassung

Nicht nur in den (kolonial)politischen Debatten, sondern auch in der Medizin, der entstehenden Ethnologie als auch in kulturtheoretischen Erörterungen wurde die "Rassenfrage" im 19. Jahrhundert zunehmend vor dem Hintergrund der potentiellen "Vermischung von Rassen" verhandelt. Sexualität avancierte dabei zu einem zentralen Scharnier, das individuelles Verhalten mit der Zukunft der zunehmend als "rassisch" definierten deutschen Nation verband. In diesem Artikel wird die spezifische kontradiktorische Rolle von ("interrassischer") Sexualität und Reproduktion für die diskursive Herstellung von vermeintlichen "Rassendifferenzen" im Verlauf des 19. Jahrhunderts, insbesondere aber für das frühe Deutsche Kaiserreich herausgearbeitet. Durch die historische Auseinandersetzung mit der – bis heute wirksamen – Virulenz "rassischer" (d.h. durch Biologismen begründeter sozialer) Differenzen, wird dadurch ein Beitrag zur Theoretisierung des "Anderen" geleistet, der die für jegliche Differenzierungsprozesse grundlegende Bedeutung von Szenarien der Vermischung sowie die spezifische Rolle hybrider Figuren in den Vordergrund rückt.

Résumé

Le soi, l’autre et leur mélange. Sur le rôle de la sexualité et de la reproduction dans les discours sur les races du XIXesiècle: Au XIXesiècle, on débattit de plus en plus de la "question des races" dans le contexte d’un éventuel "mélange des races", non seulement dans les débats politiques (sur la colonisation), mais aussi dans le domaine médical, dans celui de l’ethnologie en cours de constitution de même que dans les discussions sur la théorie de la culture. La sexualité reçut le statut de charnière centrale, associant le comportement individuel à l’avenir de la nation allemande, de plus en plus définie par la "race". Cet article fait ressortir le rôle spécifique et contradictoire que jouèrent, au cours du XIXesiècle et tout particulièrement au début de l’empire allemand, la sexualité et la reproduction ("interraciales") dans l’instauration d’un discours de prétendues "différences raciales". Le débat historique sur le risque de contagion – toujours fort – des différences "raciales" (c’est-à-dire sociales fondées sur la biologie) contribue à la théorisation de "l’autre" qui, pour chaque processus de différenciation, met en avant l’importance fondamentale des scénarios de métissage ainsi que le rôle spécifique des figures hybrides.

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Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Deutschen Kaiserreich Rassenvorstellungen virulent, die in dieser Form zuvor weder im gesellschaftspolitischen Bereich noch in der Wissenschaft eine vergleichbare Rolle gespielt hatten. Nationalstaatenbildung, Sozialdarwinismus und insbesondere der Eintritt Deutschlands in die Riege der europäischen Kolonialmächte führten dazu, dass die Frage nach einer "rassischen" Identität der Deutschen immer dringender gestellt wurde. Als besonders brisantes Thema entwickelte sich in diesem Zusammenhang die Frage der Sexualität und der Fortpflanzung: Sollten sexuelle Kontakte zwischen verschiedenen "Rassen" erlaubt sein oder nicht? Wozu führten sie? Wie beeinflussten diese die deutsche Nation und Kultur? Waren sie womöglich notwendig, um das Überleben der europäischen Kolonisierenden unter den klimatisch fremden Bedingungen in den Kolonien zu gewährleisten? Und welche Position nahmen dann die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgingen, innerhalb eines Weltbildes ein, das die Differenz von "Rassen" dazu nutzte, soziale Hierarchien zu legitimieren?

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Im Folgenden wird die Spezifik dieses Rassendiskurses im Deutschen Kaiserreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts herausgearbeitet. Ausgangspunkt ist dabei die Beobachtung, dass der Rassendiskurs einerseits von der Vorstellung eines Gegensatzes von "eigener" und "fremder Rasse" geprägt ist, andererseits die so genannte Rassenfrage nicht nur in den (kolonial)politischen Debatten, sondern auch in der Medizin, der entstehenden Ethnologie sowie vor allem in der Rassen- und Kulturtheorie mehr und mehr vor dem Hintergrund einer potenziellen "Vermischung der Rassen" verhandelt wurde. Vor dem Hintergrund des scheinbar paradoxen Verhältnisses von postulierter Reinheit und damit der Abgrenzbarkeit von "Rassen" einerseits und dem Phänomen ihrer Vermischung andererseits soll im Folgenden nach der Bedeutung von Sexualität und Reproduktion für die diskursive Herstellung sowie die Infragestellung von vermeintlichen Rassendifferenzen insbesondere im frühen Kaiserreich gefragt werden. Dafür wird dargestellt, inwiefern sich der Rassendiskurs im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte. Der die weiteren Ausführungen einleitende Teil beschäftigt sich daher zunächst mit der Rolle von Rassenvermischungsszenarien in deutschen präkolonialen Kontexten. Sodann liegt das Augenmerk auf der Entstehungsphase des ersten deutschen Nationalstaats und der nachfolgenden Eroberung von Kolonien durch das Deutsche Kaiserreich ab 1884 sowie der Durchsetzung der Denkfigur des Sozialdarwinismus – somit von drei Entwicklungen, die für die Transformation des Rassendiskurses zentral waren. Vor diesem Hintergrund kann unter Rekurs auf Michel Foucaults Auseinandersetzungen mit der entstehenden Bevölkerungspolitik die biopolitische Spezifik des diskursiven Phänomens der Rassenmischung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Die Disparität rassentheoretischer Positionen steht dabei im Mittelpunkt. Die Auseinandersetzung mit dem Rassendiskurs des Deutschen Kaiserreichs schließt mit der Darstellung eines neuentstehenden "Rassenbewusstseins" infolge der rassentheoretischen und bevölkerungspolitischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts.

Zur Bewertung und Darstellung der Vermischung der Rassen im präkolonialen Deutschland

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Das Phänomen eines biologistisch argumentierenden Rassismus siedeln die meisten kulturhistorischen Studien zwar erst in post-darwinistischen Zeiten an, doch insbesondere Forscher, die wie George Mosse mit dem deutschen Kontext besonders vertraut sind, haben gezeigt, dass die Wurzeln des modernen Rassismus bereits im 18. Jahrhundert zu verorten sind3. Zu dieser Zeit wurde der Rassenbegriff mit unveränderlichen physiologischen Eigenschaften korreliert und mit moralischen und intellektuellen Fähigkeiten kurzgeschlossen. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts, also lange bevor Deutschland die ersten Kolonien erobern konnte, tauchte in Bezug auf die imperiale Herrschaft anderer europäischer Nationen sowie im Kontext deutschsprachiger Kolonialphantasien auch das Thema der "Rassenmischung" im Zusammenhang mit kolonial- und bevölkerungspolitischen Erwägungen auf. So notierte Alexander von Humboldt im Herbst des Jahres 1800 während einer Forschungsreise durch Venezuela, wo das regierende spanische Königshaus eine Sklavenhaltergesellschaft von entsetzlicher Grausamkeit etabliert hatte, folgendes in seinem Tagebuch:

Um blutiger Sklavenrevolution vorzubeugen, sollte man Mulatten (Halbafrikaner) sich zuerst mit Weißen mischen lassen. Diese wünschen jetzt aus Haß gegen Weiße und da sie nichts einzubüßen haben (...) blutige Sklavenrevol[ution]. Sind sie mit Weißen verheirathet, gemischt, so sind sie selbst ein propugnaculum [Schutzwall] gegen Schwarze, die durch Erbschaft einst ihr Eigenthum werden4.

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"Rassenmischung" erscheint Humboldt als ein geeignetes Mittel zur politischen Befriedung von Konflikten zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen. Dem liegt die Vorstellung zu Grunde, dass sich die Bevölkerung Venezuelas in drei Gruppen – die "Weißen", die versklavte "schwarze" Bevölkerung und die "Mulatten" unterteile, wobei es sich bei letzteren um unversklavte, aber in äußerster Armut lebende und rechtlose Halbafrikaner aus Verbindungen von südamerikanischen Indios und afrikanischen Sklaven handelt: Während sich "Weiße" und "Schwarze" unversöhnlich als Herr und Sklave gegenüber stehen, scheint die Position der dritten – hybriden5 – Gruppe beweglich zu sein. Ihre den "Weißen" gegenüber ablehnende Haltung kann durch soziale Aufwertung – in Form von Verheiratung und reproduktiver Vermischung – in eine Art menschlichen Schutzwall gegenüber der versklavten schwarzen Bevölkerung verwandelt werden. Daher sind für Humboldt Ehen zwischen "Weißen" und kolonisierter Bevölkerung ausgesprochen erwünscht.

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Humboldts politisches Konzept der Rassenmischung spielt zwar im Kontext der offiziellen Bevölkerungspolitik Deutschlands zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle6. Doch müssen seine Ideen als Vorboten einer Entwicklung aufgefasst werden, die im 19. Jahrhundert mehr und mehr dazu führt, dass die Sexualität des Einzelnen ins Blickfeld des Staates gerät.

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Auch im literarischen und kulturellen Kontext finden sich entsprechend bereits um 1800 Vorläufer für diesen Prozess, die sich mit Humboldts Überlegungen in Verbindung bringen lassen. Dies belegt in überzeugender Weise Susanne Zantops literaturwissenschaftlich-kulturgeschichtliche Studie über "Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland" zwischen 1770 und 1870. Zantop zeigt darin, dass in literarischen, wissenschaftlichen und politischen Kontexten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts das Erzählmodell der Ehe benutzt wurde, um eine gelungene koloniale Beziehung zwischen europäischen Kolonisatoren und kolonisierter Bevölkerung zu propagieren (und umgekehrt gilt: "die kolonialen Machtbeziehungen werden zum Modell für eine erfolgreiche Ehe"7). "Liebesgeschichte[n] zwischen Eroberer und Eroberten" und die Darstellung von "Bindung[en] über rassische und kulturelle Schranken hinweg" zielen dabei laut Zantop auf "die permanente Bindung auf der Basis gegenseitiger Anziehung, [auf] eine Ehe zwischen Nationen und Kulturen"8. Darin spiegelt sich aber nicht nur der "für die Frühaufklärung so bezeichnende( ) Glauben( ) an das Menschsein aller Rassen und Geschlechter und an die allen Menschen eigene Fähigkeit zur Vervollkommnung"9. Die Funktion der kolonialen Liebesgeschichten liegt vielmehr darin, die gewaltsame Enteignung der Eingeborenen in ein Modell umzuschreiben, das der freiwilligen Unterwerfung der Frau in der Ehe entspreche, und sie so für europäische Leserinnen und Leser akzeptabel zu machen10. Das Erzählmodell der kolonialen Liebe und das Motiv der reproduktiven Verbindung von "eigener" und "fremder Rasse" ist demnach geeignet, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine von Gewalt und Herrschaft bzw. Ausbeutung geprägte Beziehung zwischen europäischen Eroberern und nicht-europäischer Bevölkerung zu verdecken11. Das diskursive Phänomen der Rassenmischung wird so als zweckdienliches Mittel zur Herstellung stabiler imperialer Machtverhältnisse benutzt und daher in literarischen wie politischen Zusammenhängen ganz überwiegend positiv bewertet.

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Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhundert erfährt das Motiv eine grundlegenden Transformation, die bis zur Umkehrung der um 1800 noch geltenden Utopie der Rassenmischung in eine soziale wie nationale Dystopie reicht. Anfang des 20. Jahrhunderts sind positive Szenarien der Rassenmischung sogar ganz aus der Kolonialliteratur, aus den politischen Debatten und den rassen- sowie kulturtheoretischen Erörterungen verschwunden. Wie kommt es zu diesem Wandel? Die zunehmend obsessive Beschäftigung mit "Rassenmischung" sowie deren immer kritischere Bewertung hängen im Wesentlichen von drei Umständen ab, die hier in ihrem Zusammenhang und ihren Konsequenzen für die Rassenpolitik in Deutschland vorgestellt werden sollen. Dabei handelt es sich zum einen um die deutsche Nationalstaatsbildung 1871 und den entstehenden Sozialdarwinismus – zwei Entwicklungen, die in ihrem Zusammenspiel zu einer neuen Form der Bevölkerungspolitik führten, – sowie zum anderen um die Eroberung von Kolonien in Afrika und im pazifischen Raum ab 1884.

Nationalstaatsgründung und Sozialdarwinismus

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Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs wurde die Einheit des deutschen Volkes zunehmend wichtig: Der Vorgang der Nationalisierung besteht in diesem Zusammenhang darin, den Raum eines nationalen Territoriums an die Vorstellung eines (imaginären) Gesellschaftskörpers zu binden, der es der Bevölkerung vieler ehemals selbstständiger Staaten erlaubt, sich als ein Volk zu erleben12. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei die Umsetzung des Sozialdarwinismus in ein neues Konzept der Nation, das diese nicht mehr in kulturellen, sondern in biologischen Begriffen fasst13. Eine sozialdarwinistische Auslegung von Darwins Schriften überträgt hierfür das Prinzip der Konkurrenz von "Spezien" auf Nationen. Die Vorstellung einer "natürlichen Selektion" erlaubt dabei die Herstellung einer eurozentrischen Rassenhierarchie, durch die eine Ungleichbehandlung gerechtfertigt werden konnte. Nicht nur die so genannten "primitiven Rassen" galten in dieser Sichtweise als auf einer früheren Entwicklungsstufe zurückgeblieben, auch innerhalb Europas führte die "konsequente Biologisierung der Gesellschaft" dazu, dass man nun ganze Nationen als "konkurrierende 'Spezien' im 'Kampf ums Dasein'" verstand14.

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Mit der Verknüpfung von Nation und "Rasse" verband sich zudem ein neues Verhältnis des Individuums zum Volksganzen: Da die biologische Qualität des so verstandenen "Volkskörpers" als Summe der "Rasseeigenschaften" der Individuen gedacht wurde, waren individueller und gesellschaftlicher Körper von nun an aufs engste miteinander verschränkt. Sexualität avancierte dabei zum zentralen diskursiven Mittler zwischen Individual- und "Volkskörper"; sie war jetzt entscheidend für die Zukunft der rassisch definierten Nation. In dieser Denkfigur hat die zunehmende Politisierung des Themas der Reproduktion im Deutschen Kaiserreich ihren Ursprung. Dabei wurden Hygienevorstellungen, die auf Sauberkeit und Gesundheit des individuellen Körpers zielten und bereits im 18. Jahrhundert innerhalb des Bürgertums entstanden waren, um sich gegenüber dem Adel und der sich schnell vergrößernden Arbeiterschaft abzuheben, in eine nationale Idee der Reinerhaltung des gesamten deutschen "Volkskörpers" im Sinne einer nationalen "weißen Rasse" transformiert15. Genau diese Verbindung des Individuums und seiner Sexualität mit bevölkerungspolitischen, eugenischen und damit "rassischen", nationalistischen oder kulturtheoretischen Fragen stellt jene neue Qualität des biologischen Rassismus im 19. Jahrhundert dar, für die Michel Foucault den Begriff der Biopolitik prägte16.

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Foucault leitet sein Verständnis von Biopolitik bzw. Biomacht17 in Abgrenzung vom Konzept der historisch älteren Disziplinarmacht ab: Während sich die Disziplinarmacht der Institutionen (zum Beispiel Schule, Gefängnis, Krankenhaus, Fabrik, Kaserne) seit dem 18. Jahrhundert in Form einer Anatomiepolitik des menschlichen Körpers auf die Individuen richte, greife die im frühen 19. Jahrhundert entstehende Biopolitik in die Regulierung kollektiver Gemeinschaften über den Zugriff auf biologische Prozesse wie der Fortpflanzung oder der Sterblichkeitsrate ein18:

Nach dem ersten Machtzugriff auf den Körper, der sich nach dem Modus der Individualisierung vollzieht, haben wir einen zweiten Zugriff der Macht, nicht individualisierend diesmal, sondern massenkonstituierend (...), der sich nicht an den Körper-Menschen, sondern an den Gattungs-Menschen richtet19.

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Im ausgehenden 19. Jahrhundert würden sich nun diese beiden Machtdispositive aneinander binden: das "sujet" von individuellem Körper und das "sujet" vom Bevölkerungskörper verschmelzen und bringen so andere Machteffekte und eine – weder durch die Souveränität des Staates noch durch das Gesetz geregelte – neue Form der Kontrolle hervor, die Foucault als Normalisierungspraktik beschreibt20. Über diese Veränderungen im Machtregime erkläre sich auch die besondere Präsenz und gleichzeitige Unterdrückung des Sexes in der Moderne:

Er bildet das Scharnier zwischen den beiden Entwicklungsachsen der politischen Technologie des Lebens. Einerseits gehört er zu den Disziplinen des Körpers: Dressur, Intensivierung und Verteilung der Kräfte, Abstimmung und Ökonomie der Energien. Andererseits hängt er aufgrund seiner Globalwirkungen mit den Bevölkerungsregulierungen zusammen21.

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Die Sexualität eröffnet damit "den Zugang zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung"22, sie befindet sich am "Kreuzungspunkt von 'Körper' und 'Bevölkerung'"23.

Sexualität und Kolonialismus

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Zeitgleich mit der Konstituierung eines deutschen "Volkskörpers" unter dem Signum der Kategorie der "Rasse" eroberte das Deutsche Kaiserreich – mit im europäischen Vergleich deutlicher Verspätung –, erste Kolonien in Afrika und im pazifischen Raum. Damit entstand ein Feld, auf dem die praktischen Konsequenzen und der politische Umgang mit der biopolitischen Verknüpfung von "Rasse" und Nation erprobt werden konnten. Dabei überlagerten allerdings zunächst noch die älteren positiv konnotierten Modelle der "Rassenmischung", die ich einleitend aufgezeigt habe, das biopolitische Reinheitsdenken.

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1884 installierte sich Deutschland erstmals im damaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), in Togo und Kamerun als Kolonialmacht. Ein Jahr später äußerte sich der ethnologisch versierte Mediziner Rudolf Virchow (1821-1902) zur Frage der Akklimatisation in den Kolonien. Die so genannte Akklimatisationsdebatte der frühen deutschen Kolonialzeit drehte sich um die Frage, ob sexuelle Kontakte zwischen europäischen Kolonisatoren und einheimischen Frauen womöglich notwendig seien, um ein Überleben der Europäer unter den klimatisch fremden Bedingungen in den Kolonien zu gewährleisten. Virchow fragte in diesem Zusammenhang: "Kann der Mensch an jedem Orte leben? Kann jeder Mensch an einem gewissen Orte leben? Oder welche Menschen können da leben?"24. Und führte dazu aus:

In dieser Beziehung möchte ich zunächst hervorheben, dass bei der Frage der Acclimatisation zwei an sich sehr nahe stehende, aber in sich ganz verschiedene Verhältnisse nur zu oft mit einander verwechselt werden, nehmlich die ACCLIMATISATION DES INDIVIDUUMS und, wie man es genannt hat, die ACCLIMATISATION DER RASSE. Anders ausgedrückt lautet die erste Frage: Unter welchen Umständen und wie lange kann ein Einzelner den Einflüssen eines fremden Klimas widerstehen? In welchem Grade kann er sich dran gewöhnen? Wie lange und in welchem Masse bleibt er arbeitsfähig? Die andere Frage ist die: In wie weit ist es möglich, in einem fremden Klima eine Familie zu gründen, Nachkommenschaft zu erzielen und eine dauernde Besiedlung mit Angehörigen einer diesem Boden ursprünglich fremden Rasse herbeiführen? Diese beiden Fragen betreffen durchaus verschiedene Verhältnisse25.

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Dies ist einer der letzten in der wissenschaftlichen Literatur zu beobachtenden Versuche, die Ebene des Individuums und die Ebene der "Rasse" auseinander zu halten. Wenige Jahre später werden beide als untrennbar miteinander verwoben angesehen – davon legen nicht nur politische und wissenschaftliche Schriften, sondern auch kulturtheoretische Abhandlungen und literarische Texte Zeugnis ab. Was Virchow für eine Verwechslung zweier Fragen hält, markiert – mit Foucault gelesen – also die Erprobung und Umsetzung des biopolitischen Paradigmas im kolonialen Kontext26.

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Innerhalb dieses neu entstandenen Paradigmas erschien die Konfrontation und erst recht die reproduktive Vermischung mit dem "Anderen" nicht mehr als kolonialpolitische Chance, sondern als Bedrohung der eigenen Identität und Vormachtstellung27. Personifikationen findet diese Angst in hybriden Figuren, wie dem so genannten "Rassenbastard" oder dem "Mischling",28 die die Opposition von Eigenem und Fremden in der imaginären kolonialen Topographie einerseits in Frage zu stellen schienen, andererseits aber gerade wegen ihres liminalen Status’ immer wieder auf die Differenz der "Rassen" rekurrierten. Denn nur in Abgrenzung von einer Vermischung der "Rassen" ließ sich die "Reinheit" und damit die Einheit der Nation überhaupt behaupten, wobei – scheinbar paradox – die "Rassenmischung" zugleich die größte Bedrohung für eben diese "Reinheit" und Einheit und damit für den Gegensatz von "Eigenem" und "Anderem" darstellte29. Diese Dynamik einer Dialektik von Reinheit und Vermischung hat Jacques Derrida in "Das Gesetz der Gattung" in Bezug auf die Differenzierung von Texten in Genres – aber auch in Bezug auf "eine Gattung von Lebewesen oder (...) das Menschengeschlecht"30 – folgendermaßen formuliert: " [W]as ich das Gesetz der Gattung nenne (...), ist, genau genommen, ein Prinzip der Kontamination, ein Gesetz der Unreinheit"31.

<17>

Im Zeitalter des biopolitischen Zusammenschlusses von "Rasse" und Nation zeitigt dieses kontradiktorische Verhältnis – verglichen etwa mit der Zeit Alexander von Humboldts – besonders deutliche diskursive Effekte. Am Beispiel der Disparität und der Aporien rassentheoretischer Positionen am Ende des 19. Jahrhunderts sollen diese abschließend aufgezeigt werden. Neben der Divergenz von Vertretern des "Rassenreinheitsdenken" einerseits und Verfechtern der "Rassenmischung" andererseits, soll dabei insbesondere deutlich werden, dass in der paradoxalen Abhängigkeit des "Gesetzes der Gattung" von Figurationen der Vermischung die konzeptionelle Gleichartigkeit der oberflächlich betrachtet gegensätzlichen Positionen besteht.

Zum kontradiktorischen Verhältnis von Reinheit und Vermischung: Rassentheoretische Positionen um 1900

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Die rassentheoretischen Entwürfe des ausgehenden 19. Jahrhunderts sahen sich aufgrund des dialektischen Verhältnisses von Reinheit und Vermischung mit dem Problem konfrontiert, ihrem vermeintlichen Gegenstand zuallererst klare Umrisse geben zu müssen: Was ist eine Rasse? Wo beginnt sie? Wo hört sie auf? Wo beginnt die nächste? Was ist eine reine Rasse? Was ist eine Mischrasse, eine vermischte Rasse oder ein Rassengemisch? Die zeitgenössische Rassenkunde begegnete diesen – von ihr selbst aufgeworfenen – Fragen auf verschiedene Weisen: Insbesondere anthropometrische Vermessungen, die zum Beispiel Schädelumfang und Intelligenz miteinander korrelierten, sollten etwa zur empirisch belegten Abgrenzung von "Rassen" beitragen. Indes brachte dies keine Lösung der Probleme mit sich, denn eine begrenzte Anzahl klar definierter "Rassen" ließ sich auf diese Weise nicht feststellen; nicht in Sprüngen zeigten sich physiologische und psychologische Unterschiede (abgesehen davon, dass von einer auf naturwissenschaftlichen Basis feststellbaren Korrelation nicht die Rede sein kann), sondern lediglich als Kontinuum – eine "Rassendifferenz" aber konnte auf dieser Basis nicht belegt werden. Vielmehr stellten unzählige Zwischenstufen in den menschlichen Erscheinungsweisen die Existenz von vermeintlichen Plateaus, auf denen sich eine "Rasse" zeige, in Frage32. Diese Problematik führte aber nicht dazu, die Theorien fallen zu lassen, ganz im Gegenteil provozierte sie immer neue rassentheoretische Versuche, Eindeutigkeit mit naturwissenschaftlichen Methoden behaupten zu wollen33.

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Dazu zählte auch der Versuch, die Frage nach der Abgrenzbarkeit von "Rassen" an die Frage nach der Fortpflanzungsfähigkeit zu binden: Können alle Menschen über Generationen hinweg miteinander entwicklungs- und fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen34? Hier standen den so genannten Polygenisten die Monogenisten gegenüber. Während erstere davon ausgingen, dass sich in der Menschheitsgeschichte mehrere "Rassenlinien" unabhängig voneinander entwickelt hätten und die Nachkommen aus verschiedenen anthropologischen Gruppen daher minder fruchtbar seien, nahmen die Monogenisten einen gemeinsamen Ursprung aller Menschen an und betrachteten "Rassenmischung" daher als einen möglichen Entwicklungsfaktor in der menschlichen Evolution.

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Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verwandelte sich die Frage nach der Möglichkeit von "Rassenmischung" mehr und mehr in die Frage nach der biopolitischen Bewertung des Phänomens. Rassentheoretische Ansätze der Zeit lassen sich somit dahingehend unterscheiden, ob sie eine Vermischung bzw. Kreuzung von "Rassen" – zumindest unter Maßgabe bestimmter Umstände – als positiv erachteten oder ob sie diese, was zunehmend der Fall war, grundsätzlich bzw. in spezifischen Ausprägungen ablehnten.

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Der Marburger Philosophieprofessor Theodor Waitz (1821-1864) gehörte zur ersten Gruppe. Er vertrat in seiner "Anthropologie der Naturvölker" (1859) den Standpunkt, dass “Mischlingspopulationen“ grundsätzlich fruchtbar seien und nicht "durch Rückfall in die allein unveränderlich fortbestehenden Stammtypen wieder ausgehen"35 würden. Hierin sah er den Beweis für die "Arteinheit des Menschengeschlechts", ohne eine naturgesetzliche Regelmäßigkeit im Erbgang festzustellen, die auf die Dominanz des Geschlechts einer der beiden Elternteile oder einer "Rasse" hätte hinweisen können36. Waitzs Kollege Albert Reibmayr nimmt hingegen an, dass Phasen der "Inzucht" Phasen der "Kreuzung" (möglichst "naher Rassen") folgen müssten, um eine Erneuerung und Fortentwicklung der "rassischen" Formen zu gewährleisten37. Dabei geht er davon aus, dass in den Mischungen grundsätzlich das "ältere, bessere Culturblut" siege38.

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Im Gegensatz zu Waitz und Reibmayr stehen die Verfechter eines absoluten Rassenreinheitsdenkens wie zum Beispiel der Arzt und Sozialanthropologe Ludwig Woltmann (1871-1907) oder der sozialdarwinistisch eingestellte Redakteur und Verleger Otto Ammon (1842-1916), die behaupten, dass "rassische" Vermischung grundsätzlich zu einer "physischen wie geistigen Verschlechterung"39 führe. Dabei geht auch die Bewertung von "Mischlingen" als Folge von "Rassenmischung" entsprechend auseinander: Während etwa Reibmayr davon ausgeht, dass körperliche Schönheit und Kraft durch die Vermischung in der Regel gewinnen würden40, behauptet Woltmann für "Mischlinge" eine "Verschlechterung der physiologischen und ästhetischen Organisation"41.

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Eine weitere Befürchtung der Gegner der "Rassenmischung" ist die Entstehung einer "Einheitsrasse", die jegliche Unterschiede zwischen den Menschen nivellieren könnte. Eine solche Position bezieht zum Beispiel Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) in seinem einflussreichen Werk "Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts" (1899). "Blutmischung" gehe, so Chamberlain, zwar der Entstehung außerordentlicher "Rassen" und deren Reinererhaltung in Phasen der "Inzucht" (Chamberlain trifft sich hier mit den Ansätzen Reibmayrs) voraus, allerdings führe nur die ganz beschränkte "Blutmischung" zur Ausprägung einer besonderen Begabung und damit zur Veredelung respektive zur Entstehung einer neuen "Rasse"42. Fortdauernde, ungeregelte Vermischung richte hingegen selbst die stärkste "Rasse" zu Grunde43. Insbesondere warnt Chamberlain vor einer reproduktiven Vermischung von Europäern und Schwarzafrikanern. Diese führe den Untergang der "weißen Rasse" herbei, da es sich bei der "schwarzen Rasse" um eine grundsätzlich nicht assimilierbare, "minderwertige, in sich kulturunfähige Menschenart" handle. Die Nation als politisches Gebilde schafft für Chamberlain dahingegen den Rahmen und die Bedingungen für eine geordnete, absichtsvolle und daher produktive "Rassenmischung". So betrachtet ist der deutsche Nationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts auch ein Effekt der biopolitischen Abgrenzung gegenüber dem kolonialen "Anderen" und der reproduktiven Vermischung mit diesem.

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Stellt man die rassentheoretischen Perspektiven von Polygenisten bzw. Gegnern von "Rassenmischung" und Monogenisten bzw. (bedingten) Befürwortern von "Rassenmischung" einander gegenüber, so bleibt zu konstatieren, dass beide Denkrichtungen in Aporien enden. Den großen Widerspruch der polygenetischen Theorien formulierte bereits Waitz folgendermaßen:

Wer die großen Hauptstämme der Menschheit als artverschieden zu betrachten geneigt ist, wird einerseits die Lebenskraft und die begrenzte Fruchtbarkeit der Mischlinge gern bezweifeln, andererseits aber gleichwohl wo möglich alle Veränderungen der Typen, die sich nachweisen lassen, als Mischling allein erklären, weil die behauptete specifische Verschiedenheit unhaltbar werden würde, wenn Klima, Lebensweise und Cultur verändernd auf sie einwirken könnten44.

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Aber auch diejenigen Theorien, die "Rassenmischung" von vornherein als notwendig oder bedingt notwendig für die evolutionäre Menschheitsentwicklung setzen, gelangen an ihre logischen Begrenzungen. Ebenso wie die physiologischen und anthropometrischen Bestimmungsversuche scheitern sie gerade am Phänomen der sexuellen und reproduktiven Vermischung. Denn wo Vermischung grundsätzlich als möglich (und nötig) erklärt wird, lösen sich die ursprünglich als "rein" angenommenen "Rassen" nicht nur zunehmend auf, sondern die Möglichkeit einer "Reinheit der Rassen" und damit eben auch einer Vermischung von "reinen Rassen" wird ganz grundsätzlich in Frage stellt. In ihrem Buch "Race and Mixed Race" fasst Naomi diesen jeglichen Bestimmungsversuchen von "Rassendifferenz" und "Rassenmischung" eingeschriebenen Widerspruch in folgende Worte:

If it is possible for people to be of mixed race, based on their genetic endowment alone, then race is not an essential or even an important division between human beings (…). If race were a natural division, individuals of mixed race would simply not exist. (…) Furthermore, if individuals of mixed race are granted a separate racial identity, then all of the myths of racial purity and stability break down because there is then such a large universe of possible races that the historical contingency of any group's racial identity becomes transparent45.

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"Rasse" ist ein relationaler Begriff, d.h. eine Rasse kann nur in Abgrenzung zu einer anderen Rasse gefasst werden. Zugleich ist der Kategorie der Rasse immer schon das Thema der Sexualität und Reproduktion eingeschrieben, insoweit Rasse als ein biologischer Terminus verstanden wird. Sexualität und Reproduktion und damit "Rassenmischung" konterkarieren aber zugleich auch jegliche Vorstellung von Rassendifferenz: Denn wo sich "Rassen" vermischen, ist die "Reinheit von Rassen" in biologischen Kategorien nicht mehr fassbar. Damit löst sich aber das Konzept der Rasse theoretisch selbst auf.

Das Konzept "Rasse" jenseits von proto-naturwissenschaftlichen Bestimmungsverfahren

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Angesichts der Schwierigkeit "Rassenmischung" und die Existenz von "reinen Rassen" mit (natur)wissenschaftlichen Methoden zu bestimmen, fand bereits um 1900 eine Umorientierung von physiologisch-empirischen Bestimmungsversuchen hin zu einer stärkeren Betonung eines "Rassenbewusstseins" statt, dessen Feststellung sich zwar wissenschaftlichen Verfahren weitgehend entziehe, dessen Evidenz angesichts alltäglicher Bestätigung jedoch nicht geleugnet werden könnte. Chamberlain etwa schließt von der "unmittelbaren Erfahrung"46 und damit von einem individuellen Wissen um die eigene "Rassenidentität" auf "eine unsichtbare, dabei aber durchaus reelle, auf materiellen Tatsachen beruhende Macht", die eine ganze "Reihe einzelner Leiber" zum "Kollektivbegriff" Rasse miteinander verkette47. Chamberlain bemüht zur Versinnbildlichung dieser "Ketten" das Bild eines magnetischen Kraftfeldes:

Man könnte die Rasse, wie sie in Zeit und Raum entsteht und besteht, mit dem sogenannten Kraftfeld eines Magneten vergleichen. Nähert man einen Magnet einem Hufen von Eisenfeilspänen, so nehmen diese bestimmte Richtungen an, so dass eine Figur entsteht, mit einem deutlich markierten Mittelpunkt, von wo aus nach allen Richtungen Linien ausstrahlen; je näher man den Magneten rückt, um so fester und mathematischer erscheint die Zeichnung; nur wenige Spänchen haben sich in genau die gleiche Richtung gelagert, alle aber sind durch den Besitz des gemeinsamen Mittelpunktes und dadurch, dass die relative Lage jedes Individuums zu allen anderen keine willkürliche, sondern eine gesetzmässige ist, zu einer tatsächlichen und zugleich zu einer idealischen Einheit verknüpft. Das ist jetzt kein Haufen mehr, sondern eine Gestalt. So unterscheidet sich eine Menschenrasse, eine echte Nation von einem Menschenhaufen. Dem Näherrücken des Magneten gleicht der durch reine Zucht immer fester sich ausprägende Rassencharakter48.

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Chamberlain fasst "Rasse" in seine metaphorischen Ausführungen als eine unsichtbare ordnende Kraft auf, als ein Organisationsprinzip, das zwangsläufig eine bestimmte "Figur" oder "Gestalt" hervorbringe. Das Konstrukt der Rasse bezeichnet dabei sowohl die Erscheinung und das Wesen eines Menschen in physiologischer und charakterlicher (bzw. seelischer) Hinsicht als auch die Ursache dieser Ausprägung, soweit sich diese in der individuellen Empfindung einer vermeintlichen Rassenzugehörigkeit konkretisiere. Der sich hier andeutende Verzicht auf eine exakte wissenschaftliche Abgrenzung von "Rassen" wird im 20. Jahrhundert in der eugenischen Rassenkunde zunehmend virulent werden49.

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Angesichts dieses Befundes lässt sich abschließend festhalten, dass der biopolitische Zusammenschluss von Nation und "Rasse", von "Gesellschaftskörper" und individuellem Körper am Ende des 19. Jahrhunderts dazu führte, dass das diskursive Phänomen der Rassenmischung zunehmend als eine bevölkerungspolitische Bedrohung aufgefasst wurde. Besondere Effekte bestehen dabei darin, dass die widersprüchliche Verknüpfung von "Rassenmischung" und "Rassenreinheit" respektive "-differenz" nicht etwa zur Beilegung und Aufgabe von rassistischen Forschungsprogramms beitrug, sondern dass in dieser in theoretischer Hinsicht aporetischen Situation an die Stelle einer vermeintlich naturwissenschaftlichen Rassendefinition die Behauptung eines durch die individuelle Erfahrung belegten "Rassenbewusstseins" trat. Dass dieses "Rassenbewusstsein" letztlich auch noch zur Legitimation von staatlichen Eingriffen in das individuelle Sexualleben etwa in Form der so genannten Mischehenverbote, die ab 1904 in einigen deutschen Kolonien, zunächst in Afrika, galten, herangezogen wurde, offenbart nur einmal mehr die paradoxen Effekte, die der Versuch, "Rassengrenzen" herzustellen und zu vereindeutigen, zeitigte.

Autorin

Dr. des. Eva Blome
Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration"
Universität Konstanz
Fach D 173
D-78457 Konstanz
eva.blome@uni-konstanz.de

1 Giorgio Agamben, Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt a. M. 2002, S. 157.

2 Ronald Hyam, Empire and Sexuality. The British Experience, Manchester 1990, S. 203.

3 Vgl. George L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a. M. 1990.

4 Alexander von Humboldt, Lateinamerika am Vorabend der Unabhängigkeitsrevolution. Eine Anthologie von Impressionen und Urteilen. Aus seinen Reisetagebüchern zusammengestellt und erläutert durch Margot Faak, Berlin 1982, S. 164; für den Hinweis auf diese Textstelle möchte ich mich ganz herzlich bei Frank Möbus bedanken.

5 Vgl. zum Begriff der Hybridität im Kontext kolonialer Geschichte sowie postkolonialer Theoriebildung Robert Young, Colonial Desire. Hybridity in Theory, Culture and Race, London, New York 2003.

6 Vgl. zu den Rassendiskursen im deutschsprachigen Raum des 18. Jahrhunderts Sara Eigen, Policing the Menschen=Racen, in: Dies., Mark Larrimore (Hg.), The German Invention of Race, New York 2006, S. 185-202.

7 Susanne M. Zantop, Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770-1870), Berlin 1999, S. 82.

8 Ibid., S. 145 (Hervorhebung von mir, E.B.).

9 Ibid., S. 146.

10 Keinen Raum in diesen Erzählungen von der gelungenen Liebesbeziehung zwischen Kolonisator und einheimischer Frau haben im Übrigen der einheimische Mann und die europäische Frau.

11 Ibid., S. 156.

12 Vgl. Friedrich Balke, Die Figur des Fremden bei Carl Schmitt und Georg Simmel, in: Sociologia Internationalis 30 (1992), S. 39-59; Ute Planert, Der dreifache Körper des Volkes. Sexualität, Biopolitik und die Wissenschaft vom Leben, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), H. 4, S. 539-576.

13 Vgl. Fatima El-Tayeb, Schwarze Deutsche. "Rasse" und nationale Identität 1890-1933, Frankfurt a. M. 2001, S. 132; Philipp Sarasin, Zweierlei Rassismus. Die Selektion des Fremden als Problem in Michel Foucaults Verbindung von Biopolitik und Rassismus, in: Martin Stingelin (Hg.), Biopolitik und Rassismus, Frankfurt a. M., S. 55-79, in diesem Zusammenhang insb. S. 65.

14 Vgl. dazu Brigitte Fuchs, Gabriele Habinger, Die "Natur" der Differenzen. Zum Zusammenwirken von "Rasse" und "Geschlecht" im westlichen Diskurs und im modernen Weltsystem, in: Gero Fischer, Maria Wölflingseder (Hg.), Biologismus, Rassismus, Nationalismus. Rechte Ideologie im Vormarsch, Wien 1995, S. 108-120, in diesem Zusammenhang insb. S. 111.

15 Isabell Lorey, Der weiße Körper als feministischer Fetisch. Konsequenzen aus der Ausblendung des deutschen Kolonialismus, in: Martina Tißberger, Gabriele Dietze, Daniela Hrzán, Jana Husmann-Kastein (Hg.), Weiß – Weißsein – Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. Critical Studies on Gender and Racism, Frankfurt a. M. 2006, S. 61-83, hier S. 70f.

16 Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt a. M. 1998, S. 177f.; Ders., Leben machen und sterben lassen. Die Geburt des Rassismus, in: Ders., Sebastian Reinfeldt, Richard Schwarz (Hg.), Bio-Macht, Duisburg 1993, S. 27-50; Ders., Vorlesung vom 17.3.1976, in: Ders., Verteidigung der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1999, S. 276-305; Ders., Geschichte der Gouvermentalität I. Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Hrsg. v. Michel Sennelart, Frankfurt a. M. 2004.

17 Vgl. zur Unterscheidung von Biopolitik und Biomacht folgende Klärung von Petra Gehring: "Biopolitik betrifft den Bereich des politischen Handelns. (...) Biomacht wäre dem gegenüber der Name eines Abstraktums, einer bis zu einem gewissen Grade generalisierbaren Form, die erst durch die Beschreibungs- und durch die Vergleichsarbeit des Historikers Gestalt gewinnt". (Petra Gehring, Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens, Frankfurt a. M., New York 2006, S. 14.)

18 Vgl. Christian Geulen, Wahlverwandte. Rassendiskurs und Nationalismus im späten 19. Jahrhundert. Hamburg 2004, S. 19f.

19 Foucault, Verteidigung (wie Anm. 16), S. 280 (Hervorhebung von mir, E.B.).

20 Vgl. dazu folgende Klarstellung von Philipp Sarasin: "Biomacht ist keine Form von politischer Souveränität, die als solche letztlich immer erkennbar und ansprechbar bleibt, sondern deren Negation; Biomacht ist die Transformation von politischer Macht in ein Bündel technischer, medizinischer und regulatorischer Verfahren, die sich ihre eigenen politischen Spielräume schaffen, um Leben zu produzieren und zu 'optimieren'", Philipp Sarasin, Zweierlei Rassismus (wie Anm. 13), S. 61.

21 Foucault, Der Wille zum Wissen (wie Anm. 16), S. 173.

22 Ibid., S. 174.

23 Ibid., S. 175.

24 Rudolf Virchow, Acclimatisation, in: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Zeitschrift für Ethnologie 17 (1885), S. 202-214, hier S. 202.

25 Ibid., S. 202f.

26 Michel Foucault selbst berücksichtigt das Thema des Kolonialismus in seinem Werk kaum. Eine Reinterpretation seiner Analysen im Hinblick auf den europäischen Kolonialismus unternimmt Ann Laura Stoler, Race and Education of Desire. Foucault’s History of Sexuality and the Colonial Order of Things, Durham 1995.

27 Vgl. dazu Geulen, Wahlverwandte (wie Anm. 18), S. 24.

28 Vgl. dazu Medardus Brehl, Rassenmischung als Indiskretion. Textliche Repräsentationen des "Mischlings" in der Deutschen Kolonialliteratur über den "Hererokrieg", in: Frank Becker (Hg.), Rassenmischehen – Mischlinge – Rassentrennung. Zur Politik der Rasse im deutschen Kolonialreich, Stuttgart 2004, S. 266f.

29 Vgl. dazu "The hackneyed notion of 'pure blood' always rests on the possibility and the reality of 'mixed blood'.", in: Werner Sollors, Neither black nor white yet both. Thematic Explorations of Interracial Literature, Cambridge, Mass., London 1999, S. 4; vgl. dazu auch Young, Colonial Desire (wie Anm. 5), S. 19 und S. 26.

30 Vgl. Jacques Derrida, Das Gesetz der Gattung, in: Ders., Gestade, Wien 1994, S. 245-284, hier S. 248f.; erstmals veröffentlicht unter dem Titel "La loi du genre/The law of genre", in: Glyph 7 (1980), S. 176-201.

31 Ibid., S. 252.

32 Vgl. dazu: “War man noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts von etwa fünf Rassen ausgegangen, so sprach man an der Wende des 20. Jahrhunderts von mehr als 100 Rassen“; Thomas Becker, Mann und Weib – schwarz und weiß. Die wissenschaftliche Konstruktion von Geschlecht und Rasse 1600-1950, Frankfurt a. M., New York 2005, S. 11.

33 Der Zirkel, der sich auf diese Weise herausbildete, verweist – wie Christine Hanke feststellt – auf die "ontologische Leere" der Kategorie "Rasse"; vgl. dazu Christine Hanke, Zwischen Evidenz und Leere. Zur Konstitution von "Rasse" im physisch-anthropologischen Diskurs um 1900, in: Dies., Hannelore Bublitz, Andrea Seier (Hg.), Der Gesellschaftskörper. Zur Neuordnung von Kultur und Geschlecht um 1900, Frankfurt a. M., New York 2000, S. 179-235; vgl. dazu auch Felix Axster, Kolonialer Reinheitsdiskurs und die Transformation von Männlichkeit – der verkafferte Kolonisator, URL: http://www.ruendal.de/aim/pdfs02/axster.pdf <20.11.2007>.

34 Vgl. Pascal Grosse, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918, Frankfurt a. M., New York 2000, S. 177.

35 Theodor Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Erster Theil, Leipzig 1859, S. 210.

36 Vgl. ibid., S. 212.

37 Vgl. Albert Reibmayr, Inzucht und Vermischung beim Menschen, Leipzig, Wien 1897. Der Begriff der "Inzucht" wird in den rassentheoretischen Werken des 19. Jahrhunderts vorwiegend nicht im Sinne der Familieninzucht benutzt, vielmehr findet er als Synonym für Endogamie und "Rassenreinheit" Verwendung.

38 Albert Reibmayr codiert dabei die Phasen der "Rassenreinheit", "Inzucht" und "Rassenmischung" geschlechtsspezifisch: Während die Rassenmischung dem männlichen Wesen entspräche, läge das Bewusstsein von der Bedeutung der "Reinerhaltung der Rasse", der "Rasseninstinkt" bei der Frau; vgl. Reibmayr, Inzucht und Vermischung (wie Anm. 37), S. 51.

39 Ludwig Woltmann, Politische Anthropologie. Eine Untersuchung über den Einfluss der Descendenztheorie auf die Lehre von der politischen Entwicklung der Völker, Eisenach, Leipzig 1903, S. 112. Vgl. zu den rassentheoretischen Positionen von Woltmann und Ammon sowie zu den folgenden Ausführungen auch die instruktive Übersicht von Franz-Josef Schulte-Althoff, Rassenmischung im kolonialen System. Zur deutschen Kolonialpolitik im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, in: Historisches Jahrbuch 105 (1985), S. 52-94.

40 Vgl. Reibmayr, Inzucht und Vermischung (wie Anm. 37), S. 65.

41 Woltmann, Politische Anthropologie (wie Anm. 39), S. 113.

42 Vgl. Houston Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. 1. Hälfte, VIII. Auflage, Volksausgabe, München 1907 (Orig. 1899).

43 Ibid., S. 334.

44 Waitz, Anthropologie der Naturvölker (wie Anm. 35), S. 211.

45 Naomi Zack, Race and Mixed Race, Philadelphia 1993, S. 97.

46 Chamberlain, Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts (wie Anm. 42), S. 322.

47 Ibid., S. 368.

48 Ibid., S. 369f.

49 Vgl. dazu Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz, Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt a. M. 1988, S. 102.

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E. Blome: Das Eigene, das Andere und ihre Vermischung
In: discussions, discussions 1 (2008) - Das Andere im 19. Jahrhundert / L'autre au XIXe siècle
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