V. Barth: Fremdheit und Alterität im 19. Jahrhundert
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt einige grundsätzliche Überlegungen zum Themenkomplex Fremdheit an. Es geht insbesondere um die Umwandlung des "Fremden" in das "Andere" mit Hilfe der Technik des Othering, sowie um den Bezug zu den Begriffen der "Normalität" und "Universalität". Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass Fremdheit nur in Relation zu einem – wie auch immer zu definierenden – Eigenen gedacht werden kann.
Résumé
Étrangeté et altérité au XIXesiècle: un commentaire: Cette contribution offre des réflexions d'ordre général concernant le vaste sujet de l'étrangeté. Elle évoque notamment la transformation de l'étrange en altérité à l'aide de la technique de l'othering ainsi que la relation avec des termes comme "normalité" et "universalité". Elle pose comme axiome principale que l'autre ne peut être pensé que par rapport à une certaine idée du soi.
I. Einleitung
Die folgenden Bemerkungen beanspruchen keineswegs das gesamte Spektrum der Themen und Fragestellungen wiederzugeben, die im Laufe dieser Tagung aufgeworfen und verhandelt wurden. Ein solches Unterfangen wäre angesichts der Vielfalt der behandelten Räume, Epochen und Phänomene, die im Rahmen dieser Veranstaltung mit dem Begriff Alterität in Verbindung gebracht wurden, zum Scheitern verurteilt. Auch gilt es festzuhalten, dass Repräsentationen und Erfahrungen des Anderen und Andersartigen das Leben jedes Menschen zu jedem Zeitpunkt charakterisieren; sie prägen soziales Verhalten und determinieren kulturelle Identität. Das 19. Jahrhundert, dem hier das besondere Augenmerk gilt, zeichnet sich zudem durch eine deutliche quantitative Zunahme von Fremdheitskonzepten und -darstellungen aus. Insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte führte das Zusammenspiel von europäischem Imperialismus und dem Entstehen der modernen Wissenschaften zu einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß von Beschäftigung mit fernen Zeiten, entlegenen Regionen, fremden Menschen und unbekannten Kulturen.
Ich möchte daher im Folgenden lediglich einige Punkte, die in mehreren Beiträgen sowie in den anschließenden Diskussionen zur Sprache kamen, aufgreifen und daran einige eigene Überlegungen grundsätzlicher Natur anknüpfen. Die nachfolgende Auswahl der angesprochenen Themen ist dabei ebenso subjektiv wie eklektisch. Ziel dieses Textes ist es auf der Grundlage der Vorträge, auf die im Einzelnen nicht näher eingegangen wird, eine Reihe weiterführender Fragestellungen anzudeuten, auf die jede Auseinandersetzung mit dem weiten Feld der Alterität eigenständige Antworten formulieren sollte.
II. Fremdheit in der Geschichtswissenschaft
Fremdheit und Alterität sind inzwischen zu Modethemen der Geschichtswissenschaft avanciert. Dies verdeutlicht sowohl die Bandbreite der Tagungsbeiträge als auch die Anzahl der in den letzten Jahren zu diesem Thema entstandenen Arbeiten. Die Gründe dafür sind einerseits in der fachinternen Entwicklung der Geschichtswissenschaft und andererseits in einem sich rapide verändernden geopolitischen Kontext zu suchen. Mit dem Aufkommen der cultural studies im angloamerikanischen Raum in den 1980er Jahren sowie der sich sukzessive und parallel dazu herausbildenden histoire culturelle in Frankreich bzw. der Kulturgeschichte deutscher Prägung rückten Fragen nach den kulturellen Grundlagen von Wahrnehmung, Identitätsbildung und sozialer Interaktion in den Mittelpunkt. Insbesondere die sprachliche Verfasstheit spezifischer Weltbilder und damit die Wirkkraft eigenständiger Diskurse, die zur gesamtgesellschaftlichen Anerkennung solcher Weltbilder beitragen, wurden mehr und mehr in den Blick genommen. Damit einher ging ein verstärktes Interesse an spezifischen Formen von emplotment, eine neue Aufmerksamkeit für die mise en récit. Die Analyse bestimmter Erzählstrategien von “Welt“ bzw. den sich daraus ableitenden “Weltanschauungen“ sollte Auskünfte darüber geben, wie und warum kulturelle Systeme innerhalb ihres jeweiligen historischen Kontexts langfristige politische und ökonomische Entwicklungen anstoßen konnten.
Kulturgeschichte, und dies ist sowohl ihre innovative Kraft als auch ihre methodologische Achillesferse, geht von der impliziten Annahme aus, dass Kultur die Grundlage oder besser die Antriebskraft menschlichen Handelns ist, wobei der Begriff weder auf Ausdrucksformen von Eliten noch auf die repräsentative Umsetzung sozialer Systeme reduziert werden kann. Das Interesse gilt interaktiven Prozessen von Sinnstiftung und einer von ihnen ausgehenden Eigendynamik, Überzeugungskraft und Inklusionskapazität. Die Frage nach der Wahrhaftigkeit dieser Sinnstiftungen wird, nicht zuletzt aufgrund einer damit unvermeidlich einhergehenden Hierarchisierung von Weltbildern, bewusst beiseite gelassen.
Innerhalb solcher Prämissen ergibt sich das Interesse am Anderen quasi von selbst. Denn wer danach fragt, welche Geschichten von Welt innerhalb bestimmter sozialer Gruppen erzählt werden und dies unter der expliziten Annahme tut, es handle sich um nicht mehr und nicht weniger als eine Erzählung innerhalb einer unendlichen Anzahl anderer und abweichender Erzählungen, der kommt kaum umhin, dominante Narrationsmuster mit konkurrierenden Narrationen zu vergleichen, um übergreifende Strategien und Theoreme herausarbeiten zu können.
Diese Überlegungen genereller Art, die im Laufe der späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre virulent wurden, erhielten im Zuge der politischen Entwicklungen des späten 20. Jahrhunderts einen deutlichen Interessenschub und dadurch nicht zuletzt auch neue institutionelle und finanzielle Grundlagen. Das Ende des Kalten Krieges und der bipolaren Aufteilung der Welt und dem damit einhergehenden Entstehen zahlreicher neuer Konfliktherde führte zu globalen Verunsicherungen und zu erhöhtem Erklärungsbedarf fremder Kulturen. Aus der Sicht des Westens machte eine räumlich klar definierte, ideologisch bekannte und als fundamentale Bedrohung angesehene Form von Alterität einer ungeahnten Vielzahl von Alteritäten Platz, deren politische und militärische Gefahrenpotentiale evaluiert werden mussten. Im Folgenden sollen einige zentrale Ergebnisse der von diesem Sachverhalt angestoßenen Forschungen angesprochen werden.
III. Othering: das Fremde in das Andere verwandeln
„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“
Karl Valentin
Jede Beschäftigung mit dem riesigen Themenkomplex der Alterität muss zunächst einmal anerkennen und eingestehen, dass Fremdheit ein relationales Phänomen ist. Das Fremde gibt es nicht als solches, sondern nur im Gegenüber mit einem wie auch immer gearteten Eigenen. Jede Essentialisierung von Fremdheit beruht notwendig auf einer falschen Prämisse. Das Eigene und das Fremde bedingen sich gegenseitig, das Fremde ist ohne das Eigene nicht denkbar. Daher kommt der Frage nach dem Standpunkt der Untersuchung, der Selbstvergewisserung der eingenommenen Perspektive, ein zentraler Stellenwert zu. Am Anfang jeder Fremdheitsanalyse sollte eine sorgfältige, analytische Positionsbestimmung stehen. Da diese Hinterfragung des Eigenen nie zu einem definitiven Abschluss kommen kann und im Zuge der dezidierten Beschäftigung mit Alterität sich verstärkt und an Komplexität zunimmt, besteht allerdings die Gefahr des progressiven Verschwindens des eigentlichen Untersuchungsgegenstands. Dies lässt sich anhand vieler ethnologischer Studien der 1990er Jahre beobachten, die sich in diesem methodologischen Problem festbissen und immer fundamentalere Bedenken gegen jede Form der Kategorisierung und Systematisierung des Fremden formulierten. Pierre Bourdieu, der in seinen soziologischen Jugendjahren lange in Algerien im Feld gewesen war, bezeichnete dies spöttisch als “Narzissmus der Ethnologen“, die aufgrund dieses nicht aufzulösenden methodologischen Zwiespalts letztlich nur noch über sich selbst zu sprechen im Stande seien.
Den Umgang mit dem Fremden mit dem Hinweis auf solche erkenntnistheoretischen Probleme schlicht zu verweigern, kann auf lange Sicht natürlich keine Lösung sein. Auch die Tatsache, dass die vielfältige Beschäftigung mit dem Fremden insbesondere im 19. Jahrhundert nur allzu oft in Demütigung, Ausbeutung und mannigfachen Formen physischer Gewalt endete, kann daran nichts ändern. Die Neugier für das Fremde und der Versuch es besser zu verstehen, sind kein Kolonialismus durch die Hintertür. Diejenigen Forscher, welche die Beschäftigung mit dem Fremden als Erste langfristig betrieben und versuchten dafür geeignete theoretische Instrumentarien zu entwickeln, waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von ihrem Selbstverständnis her nicht die Vorhut der imperialen Ausdehnung. Sie waren vielmehr, und auch das zeigt die Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert, mit viel Sympathie, Selbstaufopferung und Enthusiasmus bei der Sache.
Deutlich wird aber auch, und die Ethnologen als die professionellen Fremdheitsforscher unter den Geisteswissenschaftlern haben dies nicht erst nach dem Wahnsinn der kollektiven Vernichtung des 20. Jahrhunderts, sondern bereits in der Frühphase ihrer Disziplin erkannt, dass jede positivistische Herangehensweise an fremde Kulturen zum Gegenteil der erhofften Ergebnisse führt. Auch und gerade im 19. Jahrhundert erwies sich das Bestreben, das Fremde vollständig erklären und beherrschen zu wollen, in seinen politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen als desaströs.
Da jede Untersuchung von Fremdheit notwendig in einem eigenen Referenzrahmen verhaftet ist, gilt es zunächst einmal Erkenntnisinstrumente zu entwickeln, die diesem Sachverhalt Rechnung tragen. Das bedeutet in letzter Konsequenz auch: Das Andere muss als solches anerkannt werden; es darf keinesfalls in einen hierarchischen Bezug zur eigenen Kultur gesetzt werden. Fremde Menschen und Kulturen handeln innerhalb komplexer, traditionsreicher und weitgehend autonomer Systeme, denen eigene Analysemethoden nicht einfach übergestülpt werden können.
Die Beschäftigung mit dem Thema Fremdheit, und vielleicht liegt hierin der größte aus ihr zu ziehende Gewinn, sensibilisiert uns für den Konstruktcharakter unserer eigenen Identität. Die Erkenntnis, dass das Andere nicht als solches existiert, sondern in einem Sinnstiftungsprozess immer erst hergestellt werden muss, verdeutlicht, dass es sich mit der eigenen Identität ebenso verhält. Auch wir sind das, was andere aus uns machen und von dem wir uns bewusst oder unbewusst abzugrenzen versuchen. Noch einmal: Identität benötigt Alterität.
Erst von dieser Überlegung ausgehend kann gefragt werden, auf welche Weise Alterität produziert und kommuniziert wird. Daraus ergibt sich auch die Frage mit Hilfe welcher Techniken Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden definiert werden. Schließlich sind es diese Grenzen, die zu der kritisierten Essentialisierung des Fremden führen. Diese als eindeutig suggerierten Grenzen werden unter Zuhilfenahme bestimmter Kategorien gezogen und formuliert, die exponiert und als konstitutiv ausgegeben werden. Die Abspaltung des Anderen vom Eigenen erfolgt mittels einer überschaubaren Anzahl von Vergleichskriterien, die, nicht zuletzt um den Eindruck der Beliebigkeit zu vermeiden, als fundamental und unantastbar gelten sollen. Denn um breite gesellschaftliche Anerkennung zu finden, müssen diese Kriterien möglichst viele Mitglieder der Gemeinschaft überzeugen und im besten Falle jenseits und unabhängig von politischen Überzeugungen funktionieren. Mit anderen Worten: die Unterschiede, anhand derer Fremdheit definiert wird, müssen als selbstevident erscheinen. Hautfarbe, Sprache, Religion sind dafür die bekanntesten Beispiele.
Als Untersuchungsgegenstand besitzt Alterität eine deutlich anthropologische Komponente; Verfahren der Ein- und Ausgrenzung von Fremden lassen sich zu allen Zeiten und in allen Regionen der Erde beobachten. Sie gehören zu den Grundlagen menschlicher Vergemeinschaftung. Daher eröffnet die Beschäftigung mit dem Fremden eine nahezu unendliche Auswahl an Fallbeispielen, und es erstaunt immer wieder, inwieweit Alteritätsstudien zu völlig unterschiedlichen Epochen zu ähnlichen oder zumindest vergleichbaren Ergebnissen gelangen. Zu den bekanntesten Beispielen in Zusammenhang mit der fundamentalsten Konfrontation mit Alterität, dem Krieg, zählen Anschuldigungen der vorsätzlichen Verstümmelung oder der gezielten Vergewaltigung, die sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte nachweisen lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem Schreckgespenst des Kannibalismus, von dem beim ersten Anblick unbekannter Kulturen seit jeher schnell die Rede ist.
Diese und andere Formen der Denunziation dienen nicht zuletzt der politischen Legitimierung geplanter Expansionen und Rachetaten. Die dezidiert Identität und Gemeinschaft stiftende Funktion des Alteritätsdiskurses erhöht populäre Zustimmung und damit politische Handlungsfähigkeit, und das nicht nur bei den obigen Extrembeispielen. Die politische Funktion der Herstellung von Alterität steht jedoch in der florierenden Fremdheitsforschung ebenso wenig an erster Stelle wie die ökonomische. Zumeist geht es vielmehr um die spezifischen Techniken der Erfindung des Fremden, um Vorgänge des Sichtbarmachens, des Erzählens und des Beschreibens des Anderen, also um all das, was im angloamerikanischen Raum als Othering bezeichnet wird.
Othering erzeugt Alterität durch eine ex negativo Definition der eigenen Identität. Dieses Konzept gibt daher nicht nur Einsichten in identitäre Produktionsprozesse, sondern hilft auch zwei Begriffe zu klären, die beide so sorgfältig wie möglich von einander getrennt werden sollten: das Fremde und das Andere. Fremdheit bezeichnet etwas gänzlich Unbekanntes, ein Phänomen das in keine bestehende Kategorie eingefügt werden kann, das sich zu diesen Kategorien in keinem direkten Verhältnis befindet, und das keine unmittelbare Erklärung erfährt. Das Fremde besitzt noch nicht einmal einen Namen; es hat keine konkrete Bezeichnung, da diese bereits ein erster Schritt zu seiner Erklärung wäre. Fremdheit ist daher vor allem ein psychologisches Phänomen. Das Fremde erweckt Ängste oder schürt Begehren. Es fasziniert, irritiert und provoziert. Der Umgang mit ihm ist gerade nicht wissenschaftlich reflektiert, kühl oder gar kontrolliert. Ganz im Gegenteil: das Fremde beunruhigt und verstört; es erscheint schemenhaft und diffus. Idealtypisch existiert Fremdheit nur dann bzw. solange wie dem Subjekt eine gewisse Erfahrung völlig unverständlich und erklärungslos bleibt. Sobald er mit der Analyse beginnt, es in Bezug zu ihm bekannten Phänomenen setzt und so versucht, dem Fremdheitserlebnis habhaft zu werden, beginnt das Fremde sich sukzessive aufzulösen und zu verschwinden.
Das Andere hingegen hat mit diesen Charakterisierungen nur wenig gemeinsam. Auch wenn es zumeist nicht vollständig erklärt ist, so sind doch zumindest die bestehenden Erkenntnislücken bestimmt und können – so die Annahme – im Laufe der Zeit gezielt aufgefüllt werden. Warum das Andere anders ist, ist bekannt und dadurch wird es bis zu einem gewissen Grad kontrollierbar. Das erst durch Techniken des Othering zu einen solchen gemachte Andere kann zwar auch Sorge bereiten und Ängste auslösen. Es handelt sich jedoch keineswegs um eine panische Angst vor dem völlig Unbekannten, sondern um eine kalkulierbare, wohl begründete Angst, die aus rationalen Abwägungen heraus entsteht. Othering als gezielte Herstellung von Alterität erfordert eine gewisse Erklärung, indem es die Kriterien der Andersartigkeit mitliefert. Eine solche Herstellung des Anderen schürt keine zusätzlichen Ängste, sondern baut diese ab und kanalisiert sie. Die Furcht vor dem Unbekannten wird durch die berechtigte Sorge über real existierende Konflikte mit konkurrierenden Gemeinschaften ersetzt. Kurzum: Othering verwandelt das Fremde in das Andere.
Allerdings können diese beiden grundsätzlichen Formen von Alterität, das Fremde und das Andre, nicht zu jedem Zeitpunkt eindeutig voneinander abgegrenzt werden; die feststellbaren Unterschiede sind oft nur graduell und, einmal mehr, stark von der eingenommenen Perspektive abhängig. So handelt es sich bei Zurschaustellungen angeblich orientalischer Menschen auf Kolonialausstellungen und Völkerschauen einerseits um eine äußerst kontrollierte, zielgerichtete und zweckgebundene Form der Repräsentation des Anderen. Andererseits können solche Alteritätskonstruktionen, die kaum Zweifel daran lassen warum das Dargestellte ’anders’ ist, z.B. durch Erotik oder simulierte Gefahr durchaus verstören, betören und bezaubern.
Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass das Andere im Gegensatz zum Fremden einem bestimmten Zweck dient. Es wird vom Eigenen gezielt mobilisiert und instrumentalisiert. Das Schüren von Ängsten ist eine besonders prominente Spielart dieses Sachverhalts, da sie soziale Gemeinschaften für politische Manöver anfällig und somit manipulierbar machen. Gerade die Behauptung, den notwendigen Schutz vor dem Anderen bereitstellen zu können, verschafft Vorteile im politischen Machtkampf. Solche Formen von politischer Demagogie und Propaganda gilt es offen zu legen. Gleichzeitig muss aber auch anerkannt werden, dass die Produktion und Demarkation von Alterität für jede Gemeinschaft unabdingbar sind, um eine eigene Identität auszubilden.
IV. Alterität, Normalität, Universalität
Identität und Alterität bilden ein sich gegenseitig bedingendes, unauflösbares Begriffspaar. Gerade deswegen ist es in vielerlei Hinsicht problematisch, sie in ein dezidiert dichotomisches Verhältnis zu setzen. Denn die Grenze zwischen beiden verläuft keineswegs eindeutig und ist zudem in ständiger Bewegung. Sie variiert je nach Person, sozialer Gruppe und staatlicher Institution, ohne dabei allen Beteiligten zu jedem Zeitpunkt vollständig bewusst zu sein. Auch das 19. Jahrhundert bietet eine Vielzahl von Beispielen, wie sich diese beiden Kategorien in einem andauernden antagonistischen Gegenspiel immer wieder neu formieren. Sie werden sowohl auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene ständig neu ausgehandelt und formuliert.
Zudem verfügt jede Gesellschaft nicht nur über eine einzige Alterität, sondern über viele Alteritäten, die für den sozialen Zusammenhalt unabdingbar sind. Diese können sowohl außerhalb als auch innerhalb einer sozialen Gruppe verortet werden. Die Annahme, Fremde und Andere befänden sich in Form einer räumlich eindeutig lokalisierbaren Einheit ausschließlich jenseits der eigenen territorialen Grenzen, ist nicht gerechtfertigt. Auch Personen, Klassen und Gruppen innerhalb des eigenen Gemeinschaftsgefüges werden systematisch als ’fremd’ stigmatisiert und ausgegrenzt. Mittels der je nach historischem Ort und Zeitpunkt stark variierenden Stereotypisierung gewisser Bevölkerungsschichten werden kulturelle und soziale Verhaltensweisen gebrandmarkt, indem sie als unvereinbar mit der gesellschaftlichen Ordnung des Eigenen kritisiert werden.
Zahlreiche Gruppen können hierfür stellvertretend angeführt werden, wobei Juden, nationale Minderheiten, verarmte Arbeiter, bettelnde Landstreicher oder psychisch Kranke wohl die bekanntesten Beispiele sind. Von größter Bedeutung ist dabei, dass diese Aggregatsformen eines inneren Anderen stets von Mitgliedern der sozialen Elite definiert werden. Denn neben spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten bzw. dem Erhalt bestimmter Informationen ist eine gewisse Repräsentationsmacht dafür unabdingbar. Dies betrifft vorrangig den Zugang zu Medien, mit deren Hilfe auf breiter Ebene kommuniziert werden kann, welche Kriterien und Argumente dafür sprechen, bestimmte Gruppen aus der eigenen Gemeinschaft auszuschließen bzw. fernzuhalten.
Festzuhalten ist aber auch, dass die Konstruktionen und Repräsentationen von Alterität in Bezug auf externe und interne Gruppen durchaus ähnlichen Mechanismen gehorchen. Die ersten systematischen Untersuchungen sozial schwacher Schichten in europäischen Großstädten verdeutlichen dies auf eindrucksvolle Weise. Sowohl die Exkursionen in die Slums des Londoner East Ends durch Charles Booth als auch die Untersuchungen der Wohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiterschichten in den Wiener Vorstadtbezirken durch Richard Krafft-Ebing, beide gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ähneln in ihrer Vorgehensweise ethnologischen Pionierstudien.1 In beiden Fällen geht es um das Abstecken und das Eingrenzen einer bestimmten Gruppe, von der bereits vor Beginn der Untersuchung angenommen wird, dass sie sich vom Eigenen fundamental unterscheidet.
Eine Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Fremdheit besteht vor allem in Hinblick auf die Konsequenzen, die aus der Identifikation der jeweiligen Gruppen gezogen werden. Dies trifft zumindest auf das 19. Jahrhundert zu, das u.a. deswegen für die Alteritätsproblematik von höchstem Interesse ist. Zwar bereitete sowohl die Definition des inneren als auch des äußeren Anderen zumeist den anschließenden Versuch der Inbesitznahme vor. In Bezug auf die äußeren Fremden kam es im europäischen 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Nationalstaaten, zunächst zu einer sich verstärkenden Abgrenzung in Form der Verfestigung und Sicherung der Staatsgrenzen. Die sich zum weltweiten Imperialismus steigernde Konkurrenz der Nationalstaaten führte in einem zweiten Schritt zu einer territorialen Ausdehnung, die auch dem weit entlegenen Anderen schließlich das schiere Existenzrecht verweigerte.
Im Gegensatz dazu wurde das innere Andere, wie u.a. Michel Foucault nachgewiesen hat, im Verlauf der europäischen Moderne gerade nicht mehr ausgegrenzt, sondern mit Hilfe einer ganzen Reihe spezifisch zu diesem Zweck entwickelter Techniken in die eigene Gesellschaft integriert und mit einbezogen. Dafür können die verschiedensten Spielarten paternalistischer Sozialpolitik in Hinblick auf sozial schwache Schichten oder die zunehmend verwissenschaftlichte Behandlung von Behinderten und Geisteskranken als Beispiele angeführt werden.
In diesem Zusammenhang ist es hilfreich den Begriff Alterität zu dem der Normalität bzw. der Normalisierung in Bezug zu stellen. Denn genauso wie ’das Andere’ bezeichnet ’das Normale’ ein nicht mehr Fremdes; sowohl Othering als auch Normalisierung sind Techniken zur Reduktion von Fremdheit. Beide dienen dazu, Kontrolle herzustellen. Bei ersterem geht es jedoch darum, eindeutig definierte Gruppen abzustecken, die der eigenen Gemeinschaft anschließend gegenüber gestellt werden können. Normalisierung verfährt zwar ganz ähnlich, verfolgt dabei jedoch ein diametral entgegen gesetztes Ziel. Mittels eigens dafür entwickelter Techniken und Methoden sollen die als ’anormal’ identifizierten Subjekte normalisiert und in die eigene Gemeinschaft eingegliedert werden. Damit ist Alterität idealtypisch gesprochen das genaue Gegenteil von Normalität, da erstere auf Exklusion, letztere hingegen auf Inklusion abhebt.2
Auf ähnliche Weise kann ein weiterer grundlegender Begriff zum Thema Alterität in Bezug gesetzt werden: Universalität. Sie bezeichnet das genaue Gegenteil von Alterität. Anders als Othering, dem gezielten Herstellen von Alterität, impliziert Universalität die komplette Verweigerung des Anderen, dessen Existenz als solche bestritten wird.
Es ist im Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich das immense Spektrum der in der Geschichte konstatierbaren Alteritätskonstruktionen aufzuzeigen oder auch nur anzudeuten. Dies hat mit der angesprochenen grundlegenden Funktion von Alterität für die Ausbildung von Identität und Gesellschaft zu tun. Es soll daher an dieser Stelle genügen, zwei fundamentale Muster der Herstellung von Andersartigkeit in aller Kürze anzusprechen. Denn zwischen diesen beiden Extrempositionen ordnen sich die unzähligen verschiedenen Spielarten von Alterität an. Neben der totalen Ablehnung, in der das Andere zur Inkarnation alles Negativen wird, steht das Andere als utopische Paradiesvision, als Vorbild und Ansporn für die eigene Gesellschaft, als Kritik der eigenen Zustände und als Fluchtpunkt politischen Handelns. Diese beiden Gründermythen gehen dem 19. Jahrhundert und seiner intensiven Beschäftigung mit dem Fremden voraus, und lassen sich auf zwei ausgesprochen wirkmächtige philosophische Standpunkte zurückführen. Gemeint sind Hobbes Charakterisierung Afrikas als “dark continent“ und Rousseaus auf Montaigne rekurrierender Typus des “noble sauvage“.
V. Das 19. Jahrhundert – ein Jahrhundert der Alterität
Nach diesen etwas schematischen Überlegungen zum Begriffsfeld der Alterität, möchte ich kurz auf die besondere Bedeutung des Themas für die Geschichte des 19. Jahrhunderts zu sprechen kommen. Wie bereits angemerkt, zeichnet sich diese Epoche durch eine exponentielle Zunahme des Wissens vom Fremden aus, sowie von Institutionen und Medien, mit deren Hilfe dieses Wissen verarbeitet, kanalisiert und instrumentalisiert wurde. Die moderne Anthropologie und Ethnologie, die endgültige Vermessung und Erkundung der Welt, ungezählte Museen und Ausstellungen, exotisierte Unterhaltungsspektakel jeglicher Natur und Provenienz und vor allem die in diesem Ausmaß unbekannten Massenmedien mit ihrer weltweiten Verbreitung von Texten und Bildern vom Fremden führten dazu, dass die Beschäftigung mit dem Fremden einen bis dahin ungeahnten Boom erlebte. Das 19. Jahrhundert war schließlich auch das Zeitalter der groß einsetzenden Popularisierung und Vulgarisierung von Wissen jeglicher Art, wobei das Thema Fremdheit auf Grund der mit ihm verbundenen emotionalen Anziehungskraft einen ausgesprochen prominenten Platz einnahm.
Der Erfolg oder Misserfolg der Popularisierungsstrategien zum Thema Fremdheit hing dabei aufs Engste mit der Idee der Authentizität zusammen. Nur wenn der Rezipient diese als gewährleistet ansah, wurden die Darstellungen als überzeugend und ’echt’ anerkannt. Der Begriff bildet daher auch den Fluchtpunkt vieler gegenwärtiger Untersuchungen zum Thema Fremdheit, die sich den verschiedenen Techniken und Konstruktionsweisen von Authentizität widmen. Hier zeigt sich jedoch einmal mehr ein grundlegendes Problem der kulturgeschichtlichen Auseinandersetzung mit Fremdheit. Zwar lässt sich Authentizität als Konzept inzwischen gut dekonstruieren. In der Nachfolge von Edward Saids "Orientalism"3 gelingt es immer besser, die verschiedenen Verfahren der Behauptung von Authentizität zu entschlüsseln. Die Forschung ist jedoch weit davon entfernt, diese 'falschen Authentizitäten’ durch genuine Authentizität ersetzen zu können. Anders gesagt: es gelingt immer weniger klar auszumachen, was an Fremden nun wirklich fremd ist.
Was die spezielle Bedeutung des Alteritätsbegriffs für das 19. Jahrhundert angeht, scheint es mir außerdem wichtig, auf eine in ihrer Tragweite gar nicht zu überschätzende Verschiebung der Wissensorte vom Fremden hinzuweisen. Gemeint ist eine sich innerhalb dieses Zeitraums immer weiter verstärkende Akzentuierung biologischer Erklärungsmodelle und des damit einhergehenden Zurückdrängens kultureller Zuschreibungen. Ohne diese Entwicklung sind die Genozide des 20. Jahrhunderts und die verbrecherischen Versuche das Fremde schlicht und einfach auszulöschen, nicht zu begreifen.
An dieser Stelle kann noch einmal die Brücke zum Nationalstaat geschlagen werden, der das 19. Jahrhundert in Europa prägte und der sich für den Umgang mit dem Fremden als entscheidend erweisen sollte. Schließlich besitzt der Nationalstaat eine doppelte Eigenschaft, die das Fremde quasi notwendig zum Problem werden lässt. Einerseits ist er als politische Formation aggressiv und expansiv. Aus einer angenommenen Konkurrenz zu anderen Nationalstaaten versucht er seine Stellung auszubauen und seinen Geltungsbereich auszudehnen. Andererseits schottet er sich ab, bewacht seine Grenzen und hält sie verschlossen. Gerade die primordiale Frage nach den Grenzen der Nation ließ die verschiedensten Spielarten von Alterität sowohl zur Herausforderung als auch zur Bedrohung werden.
VI. Vernachlässigung ökonomischer und politischer Aspekte
Die gegenwärtige Beschäftigung mit dem Fremden – und auch dies hat die Tagung gezeigt – interessiert sich nahezu ausschließlich für kulturelle Fragen, was oft zu einer Vernachlässigung anderer Aspekte führt. Am Auffälligsten scheint mir – wobei dies ein genereller Trend in den Geschichtswissenschaften ist – das Ausblenden ökonomischer Motive und Ansätze. Denn jenseits ideeller, identitärer und ideologischer Ziele haben fast alle Formen der Beschäftigung mit dem Fremden auch einen dezidiert finanziellen Hintergrund. Dies trifft gerade auf das 19. Jahrhundert und die in dieser Epoche entstehenden Medien der Massenkommunikation zu. Durch jegliche Form der Zurschaustellung, z.B. im Rahmen von Völkerschauen oder Weltausstellungen, wurde Alterität zum Ereignis, mit dem sich viel Geld verdienen ließ. Welche Auffassung oder welchen Eindruck der Beobachter dabei von der präsentierten Form der Fremdheit erhielt, war vielen Organisatoren und Veranstaltung wenn nicht völlig egal so zumindest zweitrangig. Es genügt in diesem Zusammenhang auf P.T. Barnums ebenso berühmten wie unbelegten Ausspruch zu verweisen: “I don’t care what they say about me, just make sure they spell my name right.“ Die weit schwerwiegenderen wirtschaftlichen Grundlagen des europäischen Imperialismus sind schon vor langer Zeit ausgiebig erforscht und diskutiert worden und dürfen auch im Rahmen kultureller Fragestellungen nicht einfach übersehen werden.
Ebenso große Aufmerksamkeit verdient der politische Impetus vieler Alteritätsdiskurse. Denn die Auseinandersetzung mit dem Fremden ist eben keine rein kulturelle Angelegenheit. Es geht immer auch um die Vorbereitung, Legitimation und Absicherung von politischen Aktionen. Nicht nur die politische Elite, sondern auch das Militär braucht das Andere, um ihre Handlungen und ihre Stellung zu rechtfertigen. Daher ist die Zweckgebundenheit jeder Alteritätsdarstellung zu beachten; gefragt werden muss, wem bestimmte Alteritätskonstruktionen aus welchen Gründen dienen. Die Darstellungsfähigkeit des Fremden ist immer auch Demonstration von Macht und damit Legitimation von Herrschaft.
In diesem Zusammenhang gilt es aber auch, die verschiedensten Formen von Widerstand, welche die zu Anderen gemachten Gruppen solchen Instrumentalisierungen entgegensetzen, in den Blick zu nehmen. Allzu oft werden Fremde als rein passive Objekte der politischen Machtausübung und kulturellen Bedeutungszuschreibung aufgefasst. Hier ist vor inhärenten Rollenzuschreibungen zu warnen, die konkrete historische Konstellationen verzerren. Oft gehen diese, wie beispielsweise in Bezug auf Orientdiskurse, mit traditionellen Geschlechterzuschreibungen im Stile einer Opposition von Mann / Frau einher. Die Anderen verfolgen immer auch eigene Interessen, sie durchschauen die Machtstrategien, denen sie ausgesetzt sind, umgehen diese, weichen ihnen aus und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke. Die oben angesprochene grundsätzliche Relativität jeder Fremdheitsbeziehung beinhaltet auch, dass bei der Analyse von Alteritätskonstruktionen das Handeln der Anderen mit bedacht werden muss.
Diesen Überlegung haben in den letzten Jahren vor allem die so genanten Postcolonial studies Rechnung getragen. Unter dem Stichwort “The Empire strikes back“ untersuchen sie nicht nur den Rückfluss der Fremdzuschreibungen in den Metropolen, sondern auch die spezifische Handlungsmacht (agency) von Gruppen, die über Jahrzehnte als willenlose Spielbälle in den Händen Europas angesehen und abgetan wurden.
Schließlich muss vor allen statischen Konstruktionen, die durch das Absolutsetzen der Begriffe Eigenes und Anderes letztendlich koloniale Schemata wiederholen, gewarnt werden. In Zukunft wird es darauf ankommen, durch die Untersuchung von Interaktionen, Vernetzungen sowie von Transfer- und Austauschprozessen multiple Fremdheiten in den Blick zu nehmen, d.h. jenseits einer unüberbrückbaren Distanz konkrete Verhältnisse zu thematisieren. Mary Louis Pratt hat mit ihrem Konzept der Kontaktzonen dafür einen wichtigen Beitrag geleistet4. Der bloße Vergleich von eindeutig separierten Einheiten scheint der ständigen Überlappung konkurrierender und interagierender Diskurse nicht länger gerecht werden zu können. Dafür sind insbesondere jegliche Spielarten von Hybridität von Interesse, innerhalb derer die auf den ersten Blick so eindeutige Unterscheidung zwischen Eigenem und Anderen verwischt wird.
AutorDr. Volker Barth
Universität zu Köln
Historisches Seminar I
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
volker.barth@uni-koeln.de
1 Vgl. dazu stellvertretend Koven, Seth: Slumming: sexual and social politics in Victorian London, Princeton 2004.
2 Vgl. u.a. Foucault, Michel: Les Anormaux. Cours au Collège de France, 1974-1975. Édition établie sous la direction de François Ewald et Alessandro Fontana, par Valerio Marchetti et Antonella Salomoni, Paris 1999.
3 Vgl. Said, Edward W.: Orientalism. Western Conceptions of the Orient, London 1978.
4 Vgl. Pratt, Mary Louise: Imperial eyes: travel writing and transculturation, London 1992.
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