S. Rau: Editorial
Raumkonzepte – Raumwahrnehmungen – Raumnutzungen (Mittelalter – Frühe Neuzeit) / Espaces: concepts – perceptions – usages (Moyen Âge – époque moderne)
L 'espace
est un doute.
Georges Perec, 1974
Zusammenfassung:
Das Editorial skizziert Entstehungsweise und Zielsetzung eines Sommerkurses, der im Juni 2009 am DHI in Paris stattgefunden hat. Teilgenommen haben Nachwuchswissenschaftler/innen aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften, die derzeit mit raumbezogenen Fragestellungen arbeiten. In Abgrenzung von einem apriorischen und territorialen Raumverständnis arbeiten die Beiträge mit einem reflektierten Raumbegriff, um Prozessen der Konstruktion, Wahrnehmung und Nutzung von Räumen, ihrer Verwaltung und Beherrschung, unterschiedlichen Formen der Aneignung durch die Akteure sowie Raumbildern und Raumfiguren nachzugehen. Die 20 Beiträge geben damit Einblick in derzeit laufende Forschungen zu den räumlichen Dimensionen historischer Gesellschaften.
Résumé:
L 'avis aux lecteurs et lectrices retrace la genèse et les objectifs d 'une université d 'été qui s 'est tenue en juin 2009 à l 'IHA de Paris et qui a accueilli de jeunes chercheurs et chercheuses des sciences historiques et culturelles dont les projets comportaient une dimension spatiale. Pour se démarquer d 'un concept apriori et territorial de l 'espace, les contributions reposaient sur une approche analytique de l 'espace dans le but d 'analyser les processus de construction, de perception et d 'usage des espaces, leur maîtrise et leur gestion, les différentes formes d 'appropriation par les acteurs, ainsi que les images et les figures de l 'espace. Les 20 contributions donnent ainsi un aperçu des recherches en cours sur les dimensions spatiales des sociétés historiques.
Wenn in den letzten zehn bis 15 Jahren in kultur- und sozialwissenschaftlichen Publikationen von spatial turn, cartographical turn oder tournant géographique die Rede war, wurde nicht selten suggeriert, bei diesen raumbezogenen turns handle es sich um einen klaren Forschungsgegenstand mit klarer Methode. Bei näherer Betrachtung muss man leider feststellen, dass dies nicht der Fall ist. Historiker/innen spielen in der kulturwissenschaftlichen Debatte eine auffällig blasse Rolle, was sie jedoch nur partiell selbst zu verschulden haben, nämlich immer dann, wenn sie sich selbst nicht an die Debatte rückbinden und es bevorzugen, die Singularität ihrer Raum-Studien zu betonen. Von kulturwissenschaftlicher Seite werden sie häufig nur wegen ihrer Studien zu Orten, Schauplätzen, allenfalls noch zu ›sozialen Räumen‹ herangezogen. Darüber hinaus gibt es ein Problem mit der Anwendung kulturwissenschaftlicher Raumkonzepte auf die Analyse und Beschreibung historischer Welten: Niemand hat etwas davon, wenn diese Konzepte, oft lediglich Theoriefragmente, dem historischen Gegenstand äußerlich bleiben oder ihm nachträglich angehängt werden. Vielmehr sollten die kulturwissenschaftlichen Raumkonzepte zur Erzielung eines Erkenntnisgewinns bzw. zur Erzeugung eines Mehrwerts herangezogen werden.
Angesichts der Diskrepanz zwischen Anspruch und Forschungsrealität mit Blick auf den spatial turn, aber auch, um zu zeigen, wie lebendig und innovativ dieses Forschungsfeld ist und um die historischen Forschungen zu den räumlichen Dimensionen von Gesellschaft und Geschichte weiter voranzutreiben, hat sich eine kleine Gruppe von Historikern im Winter 2008/09 in Paris zusammengesetzt, um über einen Sommerkurs für Nachwuchswissenschaftler/innen nachzudenken, die sich mit der historischen Dimension von Räumlichkeit beschäftigen1. Historische Raumforschung, so unsere Ausgangsidee, besteht eben nicht nur darin, die Orte der Ereignisse oder die Schauplätze der Geschichte zu untersuchen, sondern auch die Wahrnehmungen und Praktiken der Akteure sowie die zeitgenössischen Konzepte von Raum, die historischen Möglichkeiten der Raumerfassung und der Überwindung von Distanzen zu analysieren. Es gehören ferner Raumfiguren und Raumbilder dazu, also Medien und Abstraktionshilfen, mithilfe derer sich die historischen Akteure Räume vorstellten, malten, beschrieben, schematisierten oder strukturierten. Es bedarf einiger Anstrengung, uns von der Vorstellung eines natürlich gegebenen, dreidimensionalen euklidischen Raums zu lösen, weil wir uns ja darin zu bewegen, zu lokalisieren und zu verständigen scheinen. Aber wir agieren eben gleichzeitig in einer Vielzahl von Räumen, die als veränderliche soziale Konstrukte unser Handeln strukturieren. Historische Räumlichkeiten in ihrer Komplexität aufzuzeigen war unser Anliegen, dem das Deutsche Historische Institut Paris ausgesprochen aufgeschlossen gegenüberstand. Und so haben wir im Januar 2009 gemeinsam einen entsprechenden Call for Papers verschickt.
Auf diesen Call haben sich knapp 60 Kandidat/innen beworben. Da es nur 20 Plätze gab, mussten wir leider manches Projekt ablehnen, das in sich spannend gewesen wäre, aber für das sich entweder kein geeigneter Kommentator finden oder das sich nicht vollständig in eine der Leitlinien des Sommerkurses einordnen ließ. Gruppiert wurden die ausgewählten Beiträge in fünf Sektionen, die mit »Räume der Stadt« (Eric Piltz, Börries Kuzmany, Irina Redkova, Sundar Henny), »Raumkonstruktionen« (Gregory Grämiger, Marie-Pierre Buscail, Britta Kägler, Morwenna Coquelin), »Raumbegriffe und Raumvorstellungen« (Laure Buzens, Juliane Howitz, Agnieszka Komorowska, Goulven Oiry, Vanina Kopp, Julia Ng), »Räume verwalten und beherrschen« (Verena Türck, Natalia Iovchenko, Magnus Ressel, Marianna Gyapay) sowie mit »Raumaneignungen und Überlagerungen« (Christine Pappelau, Jan Stefan Becker) betitelt waren. Im Unterschied zu einer gewöhnlichen Tagung wurden die Beiträge, die vor allem aus der Geschichtswissenschaft, aber auch aus der Archäologie, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und Theaterwissenschaft kamen, weder durch ein spezielles Sachthema zusammengehalten noch durch einen bestimmten geographischen Fokus, sondern im Prinzip nur durch die Frage, wie in mittelalterlichen und (früh-)neuzeitlichen Gesellschaften Räume konstruiert, wahrgenommen und genutzt wurden. Diese reflektierte Herangehensweise, ermöglicht durch einen analytischen Raumbegriff, förderte dabei nicht nur überraschende Ergebnisse zu Tage, sondern zeigte die verschiedensten Ebenen von Räumlichkeiten, die Prozesse ihrer Konstruktion, Verstetigung und Aneignung durch die unterschiedlichen Akteure auf. Der einzige Bereich, der dabei etwas unterbelichtet blieb, war jener der zeitgenössischen Reflexion, der Raumbegriffe und -theorien: die Raumdefinitionen der Philosophie, Geographie, Optik et cetera, also das, was man auch mit ›Raumwissen‹ bezeichnen könnte.
Organisiert wurde der Sommerkurs »Raumkonzepte – Raumwahrnehmungen – Raumnutzungen«, der vom 14.-17. Juli 2009 in Paris in den Räumlichkeiten des Deutschen Historischen Instituts stattfand, vom DHI Paris (Gudrun Gersmann, Rolf Große, Susanne Rau) in Kooperation mit der Universität Paris I (Wolfgang Kaiser, Christine Lebeau). Die großzügige finanzielle Unterstützung durch die Deutsch-Französische Hochschule hat es möglich gemacht, Nachwuchswissenschaftler/innen aus Frankreich und Deutschland, aber auch aus der Schweiz, aus Italien, Österreich und Russland einzuladen. Weitere finanzielle Unterstützung kam von den beiden Trägerinstitutionen des Kurses. Eine intellektuelle Bereicherung erfuhr die Veranstaltung durch sogenannte senior scholars, die jeweils drei oder vier Beiträge im Vorfeld intensiv studiert hatten und sie während des Zusammentreffens in etwa zehnminütigen Beiträgen kommentierten sowie für eine individuelle Beratung zur Verfügung standen: neben den schon genannten Historikern Wolfgang Kaiser und Christine Lebeau auch der Geograph Jacques Lévy (École Polytechnique Fédérale de Lausanne), der Mediävist Jean-Marie Mœglin (Université Paris XII-Val de Marne, École Pratique des Hautes Études), die vergleichende Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Tiller (Technische Universität Dresden) sowie die Autorin dieses Editorials. Die bewährten Kräfte des DHI (Margarete Martaguet, Sabrina Mengeler, Britta Oleinek) haben die von den Gästen hoch gelobte Organisation übernommen und für das leibliche Wohl aller Teilnehmer/innen gesorgt. Bis zur nun vorliegenden Publikation der Beiträge war es aber noch ein weiter Weg, der ohne die Unterstützung von Christine Schatz (Lektorat) und Hélène Bienaimé (Korrektur der französischen Abstracts) nicht zu bewältigen gewesen wäre. Bedanken möchten wir uns schließlich auch bei Gudrun Gersmann für die Möglichkeit, die Beiträge innerhalb der discussions-Reihe auf der Publikationsplattform perspectivia.net zu veröffentlichen, sowie bei der Perspectivia-Redaktion (Michael Kaiser, Tobias Wulf und Florian Schönfuß) für die abschließende Redaktion der Beiträge und die kompetente Transformation in eine Internet-Publikation.
Die hier versammelten
Beiträge spiegeln unterschiedliche Stadien der einzelnen
Forschungsvorhaben wider: zunächst in ganz individueller Weise, weil
manches Projekt noch recht am Anfang stand, manch anderes schon weit
fortgeschritten war; aber auch aufgrund der Zeit, die seit dem
Sommerkurs inzwischen wieder vergangen ist. Obgleich die meisten
Beiträge seitdem stark überarbeitet und aktualisiert worden sind,
sind viele Dissertationsprojekte inzwischen wieder weiter
fortgeschritten, einige sind mittlerweile sogar abgeschlossen.
Insofern haben wir es hier mit mehreren Ungleichzeitigkeiten zu tun,
die aber (zum Glück) unvermeidbar sind und so im besten Sinne work
in progress repräsentieren. Sollten die
Leser/innen an der Art, wie sich die derzeitigen
Nachwuchswissenschaftler/innen hier verschiedensten räumlichen
Dimensionen historischer Gesellschaften annähern und wie sie ihre
Forschungsprojekte konzipieren, Gefallen finden, sollten die Beiträge
Interesse wecken, zu Diskussionen anregen und vielleicht sogar zu
neuen Kontakten und Netzwerken führen, entspräche dies in
bestmöglicher Weise unserem Anliegen.
Auch nach Abschluss dieses
Projekts wird wohl keiner der Beteiligten aufrichtig sagen können,
er habe verstanden, was Raum ist. Insofern gilt noch immer, was der
Schriftsteller Georges Perec vor beinahe 40 Jahren formuliert hat:
Der Raum ist ein Zweifel, das heißt, die gleichzeitige Präsenz
verschiedener Lagen, Schichten und Formen unterwerfen uns den
Zweifeln, die notwendig sind, um weiterhin nachzudenken und Räume in
ihren verschiedenen historischen und kulturspezifischen Konzeptionen
und Konkretionen zu erfassen.
Herausgeberin:
Susanne Rau
Universität
Erfurt
www.uni-erfurt.de/geschichte/geschichte-der-raeume
in Verbindung mit:
Wolfgang Kaiser
(Université Paris I-Panthéon Sorbonne, École des Hautes Études en
Sciences Sociales)
Christine Lebeau (Université Paris I-Panthéon
Sorbonne)
1 Der Sommerkurs ist damit partiell auch eine Fortsetzung einer schon länger bestehenden Forschungskooperation der Universitäten Dresden, Paris I und Warwick, die 2003 ein internationales akademisches Netzwerk »Social Sites – Öffentliche Räume – Lieux d 'échanges« aus der Taufe gehoben haben; vgl. dazu: http://go.warwick.ac.uk/socialsites <3.12.2010>.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de
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- Zitation
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In: Raumkonzepte - Raumwahrnehmungen - Raumnutzungen (6. Sommerkurs des Deutschen Historischen Instituts Paris in Zusammenarbeit mit der Universität Paris I-Panthéon-Sorbonne, 14.-17. Juni 2009) / Espaces: concepts - perceptions - usages (6e université d’été pour jeunes chercheurs de l’Institut historique allemand Paris en coopération avec l’université Paris I-Panthéon-Sorbonne, 14 - 17 juin 2009), hg. von / éd. par Susanne Rau (discussions, 5) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/discussions/5-2010/rau_editorial Veröffentlicht am: Jun 20, 2013 Zugriff vom: Jun 20, 2013

