Personal tools
Navigation
 

V.M. Kopp: Raum und Erinnerung

— filed under:
Raum und Erinnerung

discussions 5 (2010)

Vanina Madeleine Kopp

Raum und Erinnerung:

Die königliche Bibliothek im Louvre


Zusammenfassung:

Ausgehend von den Arbeiten über die soziale Bedingtheit des Gedächtnisses (Maurice Halbwachs, Jacques Derrida, Jan Assmann, Pierre Nora, Aleida Assmann) werden Externalisierung von Gedächtnis und Identität verbunden. Es soll in diesem Beitrag darum gehen, die kulturellen Topoi und Modi der Erinnerung in einer spätmittelalterlichen königlichen Bibliothek in ihrem architektonischen und kulturellen Rahmen zu verorten und zu erfassen. Es wird analysiert, in welchem Ausmaß die Bibliothek als retrospektiver und prospektiver ›Erinnerungsraum‹ dynastische und nationale Erinnerungsstrategien liefern kann.

Résumé:

Empruntées aux théories sur les conditions sociales de la mémoire (Maurice Halbwachs, Jacques Derrida, Jan Assmann, Pierre Nora, Aleida Assmann), la notion d 'externalisation de la mémoire et la notion d 'identité sont intimement liées. Cet article essaye de localiser et de saisir les topoi mémoriels (et leurs formes) d 'une bibliothèque royale du Moyen-Âge tardif comprise comme lieu architectural et culturel. Le but sera d 'analyser comment la bibliothèque conçue comme ›lieu de mémoire‹ (›Erinnerungsraum‹) peut jouer un rôle pour la mémoire dynastique et nationale.

Einleitung

<1>

Militärische Leistungen, geschickte Heiratsverbindungen und eine sich langsam entwickelnde Verwaltung waren die Pfeiler der politischen Macht in der Vormoderne. Doch um die Legitimität der Herrschaft auf Dauer einzurichten, reichten diese Pfeiler nicht aus. Eine andere Strategie unterstützte, besser als jede andere, die Rechtmäßigkeit der Herrschenden: die Schaffung einer historischen Kontinuität, die eine fundamentale Rolle für die Legitimation der mittelalterlichen Herrschaft spielte1. Indem man das Prestige seiner Vorfahren in den Vordergrund stellte, in deren Folge man sich sah und einschrieb, war es möglich, ein ›Selbstverständnis‹ zu entwickeln, das die eigene Herrschaft festigte und als rechtmäßig legitimierte. Für diesen Rückgriff auf die eigene (familiäre) Vergangenheit eignete sich beispielsweise die Historiographie, in der man nicht nur eine dynastische, sondern auch nationale Geschichte konstruieren konnte2. Denn Vergangenheit ist immer eine künstliche Schöpfung, eine kulturelle Konstruktion. Die Basis für solch eine ›Vergeschichtlichung‹ bildete die Erinnerung. In der hauptsächlich oralen mittelalterlichen Gesellschaft kam der schriftlichen Überlieferung in Form von Chroniken oder Genealogien dabei die Rolle des Gedächtnisträgers zu – zumindest sind es diese schriftlichen Zeichen, die es ermöglichen, aus kulturell-anthropologischer Perspektive den Prozess der Erinnerungsüberlieferung zu erkennen und die Prozesse zur Geschichtsbildung nachzuvollziehen.

<2>

In dem Beitrag soll es darum gehen, die kulturellen Topoi und Modi der Erinnerung in einem bestimmten architektonischen und historischen Rahmen zu erfassen – einer spätmittelalterlichen königlichen Bibliothek. Die zu untersuchende Büchersammlung entstand zwischen 1367 und 1368 in der Residenz der französischen Könige, dem Pariser Louvre, auf Veranlassung des französischen Königs Karls V. Dort verblieb sie bis 1429, als der englische Regent, Herzog Johann von Bedford, die Bibliothek nach Rouen und vielleicht nach England transportieren ließ. Später verliert sich ihre Spur. Diese Sammlung, die bis zu 900 Handschriften umfasste, war die größte nichtklerikale und erste höfische Bibliothek des europäischen Mittelalters. Nur die Bibliotheken der Päpste in Avignon und die Bibliothek der Sorbonne enthielten zum selben Zeitpunkt mehr Bücher3.

<3>

Die Untersuchung der Bibliothek der französischen Könige geht der Frage nach, inwiefern Wissensansammlung, Wissensordnung und Wissensüberlieferung von den französischen Königen in ihrem Sinne eingesetzt werden konnten. Dabei soll vor allem der Frage nachgegangen werden, wie die Bibliothek des Königs als Erinnerungsraum funktionierte, und über welche Sinn produzierenden Strategien Überlieferungen und historische Kontinuität geschaffen werden konnten. Es wird versucht, diese Prozesse für die ganze Bibliothek nachzuzeichnen. Mehrere Faktoren werden angesprochen, die die Bibliothek zu einem Erinnerungsraum für die dynastische und monarchische Kontinuität werden ließen. In einem ersten Teil wird es um kulturelle Topoi und Überlieferungstraditionen gehen, während in einem zweiten Teil die Geschichtsschreibung des 14. Jahrhunderts in den Blick genommen wird. Betreffen die ersten Abschnitte vor allem die vergangenheitsbezogenen Formen des Gedächtnisses, so soll im zweiten Teil gezeigt werden, mit welchen Mitteln über den Vergangenheitsbezug hinaus Erinnerung für die Zukunft produziert werden konnte.

<4>

Im zehnten Buch seiner Confessiones beschreibt Augustinus sein Gedächtnis als einen ›Palast‹ mit versteckten ›Magazinen‹, einem ›Speicher‹, in dem seine Vorstellungen wie ›Schätze‹ aufbewahrt seien4. Auch die antike Mnemotechnik verwendete die Metapher ›Buch‹, ›Bibliothek‹ und ›Gedächtnis‹ für Medien oder Speicher des Gedächtnisses5. Seit den grundlegenden Arbeiten von Maurice Halbwachs6 bis hin zu den postmodernen Überlegungen Jacques Derridas7 werden stets Externalisierung und Gedächtnis miteinander verbunden. Unterschiedliche neuere (und teilweise miteinander konkurrierende) kulturwissenschaftliche Ansätze gehen davon aus, dass Speicher, Gedächtnis und Identität verortet werden können, sei es in Erinnerungsräumen (Aleida Assmann8) oder in Erinnerungsorten (Pierre Nora9)10.

<5>

In diesem Aufsatz geht es weder darum, diese beiden Ansätze miteinander konkurrieren zu lassen, noch die weite Gedächtnisforschung zum Mittelalter außer Acht zu lassen11. Der Beitrag stellt vielmehr einen Versuch dar, diese Konzepte anzuwenden – in historischer wie in historiographischer Sicht. In der kulturellen und historischen Bedeutung der so genannten librairie du Louvre sind diese beiden Aspekte vertreten. Während das assmannsche Konzept versucht, über den Vergangenheitsbezug Identitäten zu analysieren (also: in die Geschichte hinein zu gehen), liegt die Stärke des Modells von Nora auf der Analyse der Historisierungsprozesse über Gedenk-Vergangenheitsfiguren in kultureller und historiographischer Sicht (also: über die Geschichtsschreibung hinaus zu ihrer Rezeption). Der noch heute gepflegten Vorstellung, dass diese Bibliothek den Ursprung der aktuellen Bibliothèque nationale de France (BnF) darstelle12, an den mittels architektonischer Kontinuität und bei Jubiläen mit Gedenkfeiern und -Artikeln13 erinnert wird, und die somit als ein lieu de mémoire im Sinne Pierre Noras angesehen werden kann, soll in diesem Beitrag auf historischer Ebene das Konzept der ›Erinnerungsräume‹ entgegengestellt werden.

<6>

Diesem Ansatz folgend soll die Bibliothek als ein räumlich-materielles und ebenso als ein diskursiv konstruiertes Ganzes begriffen werden, dessen Rollen und Wahrnehmungen vielfältig waren. Zunächst war sie ein materieller dreidimensionaler Raum mit gut bekannter Bau- und Nutzungsgeschichte, der der Akkumulation und Nutzung von Wissen diente. Vom dreidimensionalen Raum weg soll die Bibliothek in einem weiteren Schritt als ein Raum abstrakter Zuschreibung erfasst werden. Die neuere kulturwissenschaftliche Forschung assmannscher Prägung spricht solchen Speichern nicht nur Verwahrungsfunktionen zu; als Gedächtnis verfügen sie über Erinnerungsreservoirs, aus dem heraus einzelne Erinnerungen Sinn bilden und Identitäten zu formulieren helfen. Das Gedächtnis ist ein diskursiv konstruiertes Ganzes, dessen Rahmen räumlich in der Bibliothek verortet werden kann. In welchem Ausmaß die Bibliothek als retrospektiver und prospektiver Erinnerungsraum dynastische und nationale Erinnerungsstrategien liefern konnte, soll in diesem Beitrag gezeigt werden.

<7>

Die bereits erwähnte Dichotomie von Materialität und Immaterialität trifft ebenfalls auf den Forschungsgegenstand zu: Über die Louvre-Bibliothek zu forschen bedeutet, über einen nicht mehr existierenden Raum mit einem größtenteils nicht mehr existierenden Bestand zu arbeiten. Der hauptsächlich barocke Museumsbau des Louvre, wie er sich heutzutage dem Besucher darbietet, hat weder architektonische noch funktionale Gemeinsamkeiten mit der mittelalterlichen Burg, deren Ansicht das Oktoberbild der Gebrüder Limburg aus den Très Riches Heures du duc de Berry14 wiedergibt und von dessen Pracht nur noch ein paar von Archäologen freigelegte Mauer-Fundamente übrig geblieben sind, an denen der Museumsbesucher auf dem Weg zur weltbekannten Ägyptologie-Abteilung entlanglaufen kann15. Auch von den 900 Handschriften, die die Bibliothek des Louvre zu der führenden säkularen Sammlung des christlichen Abendlandes gemacht hatte, existieren heute nur noch knapp hundert, die in über den Erdball verstreuten Bibliotheken aufbewahrt werden16.

<8>

Grundlegende Untersuchungen zur Herausbildung des königlichen Selbstverständnisses17, einschließlich jener der religion royale, dem sakralen Charakter des französischen Königtums, sind bereits bei Marc Bloch18 angedeutet. Es findet seine Ausbildung einerseits in der stilisierten und für das europäische Mittelalter einmaligen Vorstellung eines roy très chrétien19, andererseits in Erinnerungskonstruktionen, die in diesem Beitrag behandelt werden. Für diese Untersuchung sind die Arbeiten über die Schriftlichkeitstraditionen im höfischen Umfeld ebenso wichtig wie jene über die Rolle der Geschichtsschreibung für Erinnerungsbildung20.

<9>

Für die zu betrachtende Epoche sind insbesondere Forschungen grundlegend, die sich mit der politischen Facette der höfischen Erinnerungskultur unter den Valois-Königen beschäftigen, seien sie schriftlich-literarisch oder künstlerisch-bildlich. Bernd Carqué21 verfolgt einen Ansatz, der die gesamte Kunstproduktion und ihre visuellen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster untersucht. Ein besonderes Augenmerk der Forschung galt dem wohl bekanntesten politischen Werk, das unter Karl V. entstanden war: den Grandes Chroniques de France. Während Gabrielle Spiegel die vernakularsprachige adelige Geschichtsschreibung in der langen Tradition der Grandes Chroniques de France22 untersuchte, arbeitete im Anschluss daran Anne Hedeman23 die legitimatorischen Narrative in den sukzessiven Neufassungen der Grandes Chroniques de France heraus. Der kanadische Forscher Serge Lusignan untersuchte die Nutzung der französischen Sprache am Hof und in der Kanzlei24 unter dem Aspekt der translatio studii zugunsten des französischen Hofes25. Dagegen hat Martin Kintzinger in zwei neuen Artikeln die Handschriftenpolitik Karls V. unter dem Aspekt der Herrschafts- und Krönungsrepräsentation26 beschrieben.

<10>

Um das legitimatorische Potenzial ausarbeiten zu können, das die Bibliothek, ihre Bestände und ihre Nutzung bargen, soll der Raum ›Bibliothek‹ um einen gedächtnistheoretischen Ansatz erweitert werden. Dabei soll Aleida Assmanns Konzept der ›Erinnerungsräume‹ verwendet werden, wobei die Bibliothek räumlich und diskursiv den Erinnerungsraum darstellt. Im Erinnerungsraum kreuzen sich mehrere, von Jan Assmann unterschiedene Gedächtnistypen, das ›kulturelle Gedächtnis‹ einerseits, das ›kommunikative Gedächtnis‹ andererseits27. Das kulturelle Gedächtnis reicht weit zurück in Raum und Zeit, es stützt sich auf Rituale, Institutionen und vor allen Dingen auf Medien – in diesem Fall auf Texte und kulturell verwurzelte Symboliken. Dabei richtet sich das kulturelle Gedächtnis nach seinen Trägern, die das, woran erinnert wird, auswählen und an ihre jeweiligen Handlungsnormen anpassen. Der komplexe Überlieferungsbestand symbolischer Formen, deren Existenz kulturell vorgeformt war, können je nach sozialer Konstruktion des Gedächtnisses aus ihrer Latenz herausgeholt und im Erinnerungsraum aktualisiert werden. Das kulturelle Gedächtnis umfasst andere Gedächtnisformen, das ›Funktionsgedächtnis‹ und das ›Speichergedächtnis‹. Es bildet einen institutionellen Rahmen, ein Reservoir latenter und abgelegter Erinnerungen.

<11>

Das Funktionsgedächtnis ist dagegen an eine Gruppe gebunden, die mit seiner Hilfe politische Legitimation und Identifikation einer Gruppe schafft. Hier können Identitäten und Legitimität konstruiert werden, indem es auf den Fond verfügbarer latenter Informationen aus dem kulturellen Gedächtnis aufbaut. Doch das ›Funktionsgedächtnis‹ ist nicht nur rückwärts gewandt. Die Erinnerung an die kulturellen Ursprünge ist nötig, um die Gegenwart zu strukturieren. Eine aktive Erinnerungspolitik versucht stets, das Programm für die Zukunft zu formen28. In diesem Beitrag soll versucht werden, das ausgewählte Gedächtnismodell auf die mittelalterliche Situation zu übertragen und zu theoretisieren. Beispielhaft soll gezeigt werden, über welche kulturelle Erinnerungsbasis die Bibliothek als ›Speichergedächtnis‹ verfügte, und über welche Strategien im ›Funktionsgedächtnis‹, wie beispielsweise Geschichtsschreibung, Genealogie und prospektive Erinnerungshilfen, vorhandene Traditionen aufgegriffen, verwandelt und zu neuen Sinnkonstruktionen verwendet werden konnten.

Topoi und kulturelle Modelle

<12>

Die Bibliothek des Louvre wird nicht nur als eine bibliophile Ansammlung von Büchern betrachtet, sondern es kann anhand ausgesuchter Konzepte gezeigt werden, wie eine Bibliothek einen Erinnerungsraum bilden kann, um auf diese Weise eine politische Funktion zu erfüllen. Im kulturellen Gedächtnis lagern Modelle und Topoi, die weit zurück ins sozial und kulturell vorgeformte Gedächtnis zurückreichen. Aus diesem Reservoir der Strategien sollen einige herausgegriffen werden, um zu zeigen, wie sie im Erinnerungsprozess eingesetzt werden können. Das Herausfiltern dieser Modelle bildet die Basis, auf die spätere formbare Erinnerungsstrategien angesetzt werden können.

<13>

Das plötzliche Erscheinen der Bibliothek in den Quellen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ein Großteil der Bücher, die sich ab 1368 in der Louvre-Bibliothek wiederfinden, bereits seit Generationen im königlichen Besitz befand. Zwar stiegen die Bestände unter Karl V. und Karl VI. beträchtlich an, doch ein Grundstock von ungefähr 600 Büchern befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer nicht näher bekannten tour de la librairie im königlichen Palast auf der Île de la Cité oder war über den königlichen Haushalt verteilt, bevor 1368 die librairie du Louvre entstand. Der Umzug der Bücher und die Einrichtung der Bibliothek folgten damit dem Umzug des Königs aus dem Palais de la Cité in den Louvre.

<14>

Doch die Entscheidung für eine Bibliothek war keineswegs selbstverständlich gewesen; an anderen Königshöfen und in adligen Haushalten war es noch um 1450 keineswegs selbstverständlich, Bücher in Bibliotheken aufzubewahren29. Karl V. hatte für seine Bücher wahrscheinlich kein technisch-disziplinäres Ordnungskonzept vor Augen, sondern ein höfisch-moralisches: Indem er eine Bibliothek einrichtete, für die er Bücher kopieren ließ und in einem engen Rahmen Gelehrten zugänglich machte, und in der er, wie Miniaturen es zeigen, lesend und zuhörend zu sehen war30, folgte er dem Beispiel Ludwigs des Heiligen. Das Vorbild Ludwigs IX. ist dabei ein Motiv, das von vielen Königen aufgegriffen worden war, war dieser König doch zu diesem Zeitpunkt einer der Fixpunkte der Geblütsheiligkeit der französischen Könige, von der sich alle Ansprüche auf den französischen Thron ableiteten31. Der Rückgriff auf die imitatio regi erlaubte es, einen Topos der vorbildlichen Königs-Herrschaft aufzugreifen.

<15>

Ließ Ludwig IX. sämtliche Schriften der Kirchenväter und andere grundlegende Schriften des Christentums abschreiben und in der neu erbauten Sainte-Chapelle im Zentrum seines Regierungssitzes zusammentragen32, so folgte Karl V. diesem Beispiel, indem er nicht nur diese Klassiker, sondern auch politische Schriften für seine Bibliothek in seinem neuen Regierungssitz, dem Louvre, sammeln, abschreiben und übersetzen ließ, wie beispielsweise das aristotelische Korpus, denn »le roy a voulu, pour le bien commun, faire translater afin qu 'il et ses conseillers les puissent mieux entendre33« oder gar, wie bei der Übersetzung der Civitas Dei von Augustinus »pour l 'utilité publique du royaume et de toute la crestienté34«. Ungefähr dreißig Texte wurden unter seiner Ägide übersetzt35.

<16>

Auf dem Handschriftenfrontispiz der Übersetzung Johann von Salisburys politischer Schrift Policraticus ließ sich Karl V. möglicherweise in seiner stilisierten Bibliothek abbilden: Unter einem stilisierten Holz-Baldachin vor einem mit Büchern beladenen Bücherrad sitzt der König, bekleidet mit seiner Krone und einem fleur de lys-Mantel, den die göttliche Hand segnet. Auf dem aufgeschlagenen Buch prangt der biblische Spruch »Beatus vir, qui in sapientia morabitur, et qui [in justitia meditabitur, et in sensu cogitabit circumspectionem Dei3637. So erweiterte Karl V., der als »vray philosophe38« in die Nachwelt einging, den königlichen Idealtypus um die sagece, die er mithilfe der Bibliothek inszenieren konnte. »Rex illiteratus quasi asinus coronatus« wurde seit Johann von Salisbury und verstärkt unter Karl V. zum neuen Topos39, mit dem Karl V. an das Modell Ludwigs IX. und Salomons anknüpfte, und das Christine de Pizan unter dem Schlagwort »Roy sans clergie est asne couronné40« aktualisierte. Damit verkörperten die französischen Könige salomonische Tugenden wie prudence, sapientia und iustitia und wurden Wegbereiter für einen neuen Topos im Herrschaftsstil, in dem nicht nur die chevalerie tonangebend war, sondern in dem Bildung und Weisheit verstärkt in den Kanon der königlichen Kardinaltugenden aufgenommen wurden41.

<17>

Eine zentralisierte Bibliothek in der Königsresidenz hatte den Vorteil, vielleicht zum ersten Mal sämtliche Bücher des königlichen Haushaltes zusammenzuführen. So befand sich in der Louvre-Bibliothek eine Auswahl an Büchern ehemaliger Mitglieder der königlichen Familie, deren Existenz in den Inventaren verzeichnet war und die (im Gegensatz zu anderen Büchern diverser Herkunft) von der höfischen Zirkulation der Bücher ausgeschlossen zu sein schienen. So kam es, dass Bücher nach dem Tod der Mitglieder des Königshauses der Bibliothek hinzugefügt wurden. Darunter befinden sich mindestens drei Bücher der Königin Johanna von Evreux42 (1310–1371) und mindestens sechs der Königin Johanna von Bourbon43 (1337–1378), die wahrscheinlich nach ihrem Tod der Bibliothek zugeführt und dort verwahrt wurden. Mehrere Bücher trugen entweder den Namenszug von Johann II.44 (1319–1364) oder Karls V.45. Vor allem liturgische Bücher drückten im Kontext der memoria im sozialen Sinn das Gedenken an die Toten von sozialen Gruppen, hier an Vorfahren der königlichen Familie, aus.

<18>

Da viele Bücher nach dem Tode ihrer königlichen Besitzer verkauft oder verschenkt worden waren, war es keine Selbstverständlichkeit, eine lückenlose Sammlung zu erstellen. Umso auffälliger ist es, dass in der Louvre-Bibliothek vor allem Bücher aus dem direkten familiären Umkreis der Könige gesammelt wurden, wohingegen die ältesten und wertvollsten Liturgica nach Vincennes, in die Privatresidenz der Valois-Dynastie, gebracht wurden46. Dieser Unterschied zwischen der funktionalen, höfischen Bibliothek im Louvre und der familiären Buchsammlung in Vincennes unterstreicht den memorialen Wert, der diesen Büchern beigemessen wurde47. Es waren über fünfzig, hauptsächlich liturgische Bücher (Stundenbücher, Missale usw.), deren Objektbeschreibung auf einen immensen materiellen Wert schließen lässt48.

<19>

Doch es war nicht nur dieser Aspekt, der für die separate Verwahrung in zwei Koffern in der étude und im donjon ausschlaggebend war. Vielmehr standen die einzelnen Bücher als Erinnerungsträger an die königliche Familie im Vordergrund: Die allermeisten Bücher zieren Wappen von Mitgliedern der königlichen Familie49. Einige können näher identifiziert werden. So finden sich neben Büchern der Guta von Böhmen50 (1315–1349), Schwester des römisch-deutschen Kaisers und Mutter Karls V., auch solche, die vorherigen und vor-vorherigen Generationen kapetinigischer Königinnen zugeordnet werden können: Johanna von Evreux und Marie von Brabant51 (circa 1260–1321) werden als Buchbesitzerinnen ebenso genannt wie eventuell Philipps IV. Ehefrau Johanna von Navarra52 (1271–1305). Noch weiter zurück in die kapetingische Dynastie drang man mit den drei Büchern, die aus dem Besitz Ludwigs IX. stammten53. Dieser Anschluss an die Kapetinger und besonders an Ludwig IX. war für die noch junge Dynastie der Valois umso wichtiger, da ihnen das Erbe der französischen Krone von englischer und von navarresischer Seite streitig gemacht wurde. Das Prestige, das den Valois qua der memoria der illustren Vorgänger und der Anbindung an das Kaiserhaus entstand, war ein wichtiger Stein im Mosaik des königlichen Selbstverständnisses.

Nationale und dynastische Erinnerungsstrategien

<20>

Im vorherigen Teil ist gezeigt worden, auf welche kulturellen Modelle im Erinnerungsraum Bibliothek zurückgegriffen werden konnte. Im folgenden Teil wird zu zeigen sein, wie die Bibliothek den Rahmen für die Ausbildung neuer Sinnkonstruktionen und Erinnerungsstrategien lieferte. Hierbei soll es vor allem um die Arten der Geschichtsschreibung gehen, die es erlauben, eine in der Vergangenheit wurzelnde hofgebundene und nationale Erinnerung herauszubilden. Die Schwierigkeit, mit der sich Karl V. dabei konfrontiert sah, lag auch hier darin, mit der noch jungen Dynastie der Valois-Könige an die monarchische Kontinuität der Kapetinger anzuschließen. Daran anzusetzen bedeutete auf der einen Seite, eine nationale Geschichtsschreibung zu forcieren. Dies musste aber die dynastische Schwelle überschreiten, da die direkte agnatische Kontinuität über das Blut fehlte54. Im folgenden Abschnitt soll gezeigt werden, mit welchen Mitteln diese Schwierigkeiten überwunden werden konnten.

<21>

Unter Geschichtsschreibung versteht man das, »was unter dem Anspruch vergangene Realität wiederzugeben aufgezeichnet und in literarischer Formung schriftlich überliefert wird55«. Die Geschichtsschreibung letztendlich als »Resultat literarischer Beschäftigung56« zu begreifen, impliziert ihre Einbettung in soziale Rahmen57 – es handelt sich also um die gleiche Konstruktion wie bei der Erinnerung. Beide nehmen die Rolle von Vermittlern an, die formen, was eine soziale Gruppe, eine Gesellschaft über sich wissen will und dann an andere Gruppen beziehungsweise spätere Generationen weitergibt. Geschichtsschreibung ist somit ein Gedächtnisträger, der die Erinnerungen in einem begrenzten Raum (Buch, Bibliothek) nach bestimmten Regeln und Wissensordnungen festhält58.

<22>

Die mnemonische Funktion der mittelalterlichen Geschichtsschreibung bot mehrere Vorteile: Gerade in Form von vernakularsprachiger Prosa waren ihre Produkte beim adeligen Publikum besonders beliebt und sie diente über ihre Form als Sammlung guter und schlechter Beispiele für die Lebenden59. Zusätzlich drückte sie über ihren linearen Aufbau die sich seit dem 13. Jahrhundert herausbildende adelige Ordnung in agnatischer Form aus. Es erstaunt nicht, dass die Bibliothek im Louvre, im Vergleich zu anderen, klerikalen Bibliotheken, überproportional mit historischer Literatur ausgestattet war. Neben den Übersetzungen bekannter Werke (Alexanderromane, die historischen Werke von Titus Livius und Vegetius60) nahm die protonationale Geschichte einen wichtigen Platz ein61. Über das lineare Prinzip der Geschichtsschreibung war es möglich, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen. Mittels der protonationalen Geschichtsschreibung in Form einer ununterbrochenen Linie von Herrschern konnten politische Stabilität und Legitimität verdeutlicht werden.

<23>

Einer der Gründe für den Erfolg der Geschichtsschreibung beim adeligen Publikum lag darin, dass diese sich im Prinzip der lignage (Generationenfolge) artikulierte, in der sich die soziale Konstruktion der adeligen Gesellschaft widerspiegelte. Eine Genealogie der lignage, die sich um die Kontinuität der königlichen Generationen in direkter männlicher Folge bemühte, war geeignet, um eine protonationale Geschichte zu schaffen und die Legitimität der aktuell regierenden Generation zu festigen. Um die zeitliche Dimension und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart noch zu verstärken, eignete sich das genealogische Prinzip dazu, die Geschichte linear zu ordnen und real erfahrbar zu machen. Sogar der Rückgriff auf mythische Ursprünge bot sich an, um die temporäre Stabilität eines Standes oder eines Volkes als soziale Fortsetzung, dessen ungebrochene Folge die politische Kontinuität der Herrschenden verdeutlichte, darzustellen62.

<24>

Dazu boten die Grandes Chroniques de France, die seit dem 13. Jahrhundert offizielle Geschichtsschreibung des Königshauses, ein geeignetes Mittel. Dieser sehr spezielle Typus einer königlichen Chronik war in Saint-Denis entstanden und unter den folgenden Kapetinger-Königen weitergeführt worden. Unter Karl V. wurde die Lücke zu den Valois geschlossen, indem seine eigene Regierungszeit und die seines Vaters geschrieben wurden – aber nicht mehr von den Mönchen in Saint-Denis, sondern in Paris am Hof, sehr wahrscheinlich vom Kanzler Pierre d 'Orgemont63. Die Reaktivierung dieser Chronik bot mehrere Vorteile. Indem die Valois an die Dynastie der Kapetinger und darüber hinaus an den Karolinger Karl den Großen anschlossen, befanden sie sich in der Linie der politischen Theorie des reditus regni Francorum ad stirpem Karoli Magni64 wieder, der weit über die dynastischen Grenzen hinaus eine nationale Linie an Königen unterstrich. Die Valois schrieben sich so ein in eine Liste an legitimen Herrschern, in eine nationale Genealogie, deren Ursprung sogar noch bis zu den mythischen Ursprüngen des französischen Königshauses bei den Trojanern65 zurückverfolgt werden konnte. Karl V. verfügte über mehrere Versionen der Grandes Chroniques de France in seiner Bibliothek66, und, vielleicht zur Selbstvergewisserung und Weiterverbreitung, nahm er häufig ein Exemplar mit auf Reisen67.

<25>

Das Konzept der Genealogie wurde parallel zu den Grandes Chroniques de France noch weiterverfolgt. Unter Karl V. wurden mehrere Werke von Bernard Gui übersetzt68. Dieser führte in seinen Werken wissenschaftlich ermittelte genealogische Mittel ein: Er ordnete die Herrscher der Vergangenheit (bei denen er bis zu den Merowingern zurückging) in die Zeit ein, indem er sie, neben ihrer (sehr genau berechneten) Regierungsdauer, mit Ordnungszahlen versah. So führte er die Könige nicht mehr nur nach Namenszusatz (beispielsweise »der Dicke«, »der Heilige« usw.) hintereinander auf, sondern versah jeden mit einer Ordnungszahl, das heißt Philipp I. usw.69. Dieses genealogische Prinzip übernahm Karl V., der als Erster unter den französischen Königen seine Bücher nicht nur mit seinem Namen versah (dies tat vor ihm bereits sein Vater), sondern diesem seine Ordnungszahl folgen ließ70. Somit war Karl nicht mehr nur König Karl von Frankreich, sondern König Karl »le ve de notre nom71«, eingeordnet in die Reihe der legitim und von Gottes Gnaden herrschenden Könige Frankreichs. Genealogie bot somit soziale Erinnerung in Reinform.

Dynastische Erinnerungsstrategien

<26>

Die mittelalterliche Gesellschaft war vor allem eine mündliche Gesellschaft. Wie bereits gezeigt, sind die mnemonische Funktion der Geschichte und ihre Fähigkeit, eine nationale und genealogische Kontinuität und Erinnerung herzustellen, nicht zu unterschätzen. Es war sicherlich kein Zufall, dass vor allem die ›großen Erzählungen‹ in Texten und Büchern festgehalten wurden. Genauso griff die dynastische Erinnerung auf die Schrift zurück, deren Verwahrungsfunktion es erlaubte, dass das Geschriebene nicht nur die passende Erzählung festhielt, sondern sie für die Zukunft verwendbar machte. Gegenüber der genealogischen und nationalen Erinnerung hatte die dynastische Erinnerung, das ›kommunikative Gedächtnis‹72, den Nachteil, dass sie nur eine begrenzte Zeitspanne, höchstens drei oder vier Generationen, das heißt bis maximal einhundert Jahre zurückging. Danach waren die Grenzen der ›Erzählgemeinschaft‹73, in der Erinnerungen gemeinsam erlebt worden waren oder mündlich weitergegeben werden konnten, erreicht. Um ins kodifizierte kulturelle Gedächtnis einzudringen, musste das ›floating gap74‹, die Lücke zwischen dem kulturell vorgeprägten Gedächtnis und den neuesten Erinnerungen überwunden werden. Neben der zeitlichen Ebene, die überwunden werden musste, kam noch die dynastische hinzu: Am anderen Ende des ›floating gap‹ stand auch eine andere Herrscher-Dynastie.

<27>

Das Gedächtnis, das über diese drei Generationen hinausging, benötigte Medien zur Weiterverbreitung von Erinnerung. Über den Eingang in die Bibliothek war eine Möglichkeit gegeben, in das Funktionsgedächtnis einzugehen und somit zur Weiterverbreitung von Herrschaftspraxis und Überlieferungstradition beizutragen. Es ist umso bezeichnender für den Erinnerungsraum der Bibliothek, dass diese dynastische, kürzere Erinnerung ihren Niederschlag in Texten fand. Dieses Scharnier zwischen Vergangenheit und Zukunft war für die damalige Gesellschaft sehr wichtig. Eine Hypothese ist, dass es sich dabei weniger um eine retrospektive als um eine prospektive Erinnerungsstrategie handelte. Welche Elemente lassen dies vermuten?

<28>

Die Bibliothek stellte weder funktional noch personell eine Konkurrenz zum feudalen proto-staatlichen Archiv, dem Trésor des chartes, dar. Trotzdem überrascht der politisch selektive und aktualitätsbezogene Charakter einiger Schriften der Bibliothek. So befand sich in der Bibliothek eine Testamentssammlung der französischen Könige75, die den genealogischen Anschluss der Valois an die vorherigen Dynastien verdeutlichen sollte. Außerdem standen dem König in der Bibliothek eine Abschrift des Prozesses von Robert von Artois aus dem Jahre 1318 sowie eine Abschrift des Vertrags von Brétigny76 zwischen der französischen und englischen Krone zur Verfügung77. Gerade diese beiden letztgenannten Kopien hatten eine starke Erinnerungsfunktion an Schlüsselereignisse in der Regierungszeit der ersten Valois-Könige.

<29>

Im Jahre 1368 ließ Karl V. aus den bereits existierenden Sammlungen von päpstlichen Privilegien und Bullen ein Kompendium zusammenstellen, das alle jene päpstlichen Privilegien beinhaltete, deren Gültigkeit (ohne neue wiederholte nominelle Verleihung) sich auf die Könige und Königinnen von Frankreich und ihre Nachfolger erstreckte78. Die Auswahl wurde von päpstlichen Legaten authentifiziert und bot so dem König die Möglichkeit, stets wie in einem Handbuch auf Urkunden seiner Rechte und Privilegien zugreifen zu können.

<30>

Aufgrund der Bedeutung, die schriftliche Abkommen und das Wissen darüber für die Könige bekommen hatten (immerhin war der Hundertjährige Krieg vor allem eine Auseinandersetzung um juristische Rechtfertigungen79), befand sich in der Bibliothek eine Kompilation80 wichtiger Abkommen zwischen den französischen Königen und ausländischen Souveränen, Allianzen zwischen den Königshäusern, Abkommen mit den großen Kronvasallen sowie Friedensverträge, darunter mehrere Versionen des umstrittenen Lehnseides, den Eduard III. den französischen Königen geleistet hatte. Auch Hochzeitsverträge der Brüder Karls V., Abkommen über die Übergabe der Dauphiné sowie die bekanntesten Verordnungen Ludwigs IX. fanden Eingang in diese einzigartige Sammlung. Die meisten Verträge hatten Abkommen, die unter den Valois geschlossen wurden, zum Thema. In dem Kompendium fanden sich – nach Themen sortiert – ausgewählte Abschriften von vorhandenen Verträgen, die sich ursprünglich im Trésor des chartes, dem Archiv der Krone, befunden hatten81. Ihren handbuchartigen und dynastischen Charakter verdeutlichte die Tatsache, dass jedes einzelne Schriftstück vom Lateinischen ins Französische übersetzt und von Notaren authentifiziert worden war82.

<31>

Interessanterweise überlappen sich hier mehrere Erinnerungsformen: Eines der letzten Abkommen, das sich im Kompendium wiederfand, ist jener Parlamentsbeschluss, der die Volljährigkeit der Könige festsetzte. Dieser Beschluss war die erste festgeschriebene Nachfolgeregelung der französischen Monarchie und überhaupt die erste, die eindeutig und schriftlich das Primogeniturrecht auf den französischen Thron festhielt83. Karls V. juristisches Kompendium bekam dadurch einen für die Zukunft absichernden Charakter. Die Grandes Chroniques de France in ihrer letzten Version84, die nach dem Kompendium entstand, fügte diesen Beschluss ebenfalls in die Reihe von juristischen Dokumenten ein, mit der die Chronik der Könige durchsetzt war85.
Diese Verschriftlichung verfolgte zwei Ziele. Ebenso wichtig wie das geschriebene Recht auf seiner Seite zu haben, war das Wissen um juristische Detailfragen, gerade wenn es um Lehnseide, Nachfolgeregelungen und Gebietsansprüche ging. Diese Erinnerung, symbolisiert in mehreren Büchern und in der Bibliothek des königlichen Palastes verteilt, entsprach in ihrer hohen selektiven Ausrichtung den aktuellsten und dringlichsten politischen Begebenheiten der französischen Monarchie. Diese beruhte auf der Vergangenheit, sollte jedoch für die Zukunft in verschriftlichter Form zur Verfügung stehen.

Schluss und Ausblick

<32>

Ziel dieses Aufsatzes war es, zu zeigen, wie die Bibliothek als großer Erinnerungsraum funktionierte. Gerade die Dominanz historiographischer Literatur in adeligen Kreisen unterstreicht die Bedeutung, die Erinnerung als herrschaftliche Stütze für einen Stand hatte, dessen Legitimität, wie Max Weber es ausdrückte, auf der »Autorität des ›ewig Gestrigen‹86« beruhte. Anhand eines Beispiels wurde analysiert, wie der architektonische Raum der Bibliothek es als Erinnerungsraum aufgefasst erlaubt, für mehrere parallel eingesetzte Strategien retrospektive und prospektive Erinnerung zu konstruieren und somit Legitimität und Identität zu schaffen. In der Bibliothek konnte auf Topoi aus dem Katalog der Herrschaftstugenden zurückgegriffen werden, mit denen kulturelle Muster reaktiviert wurden. Bereits die vorhandenen Bücher und die Tradition des Bücherbesitzes sowie des Büchergebrauchs verwies auf eine Form der imitatio regi, die eine Brücke zwischen den Dynastien zu schlagen versuchte. Der Rückgriff auf Ludwig IX., seine Bücher und jene anderer Könige erlaubte es, die Valois-Könige als würdige Nachfolger der vorherigen Dynastie zu inszenieren. In dieselbe Richtung geht auch die Reaktivierung des reditus regni Francorum ad stirpem Karoli: Der Anschluss an die Dynastie der Karolinger und an das Kaisertum wurde von Karl V. nicht nur in einem wahren Karls-Kult sondern auch auf familiäre Weise hochgehalten, war er doch über seine Mutter mit dem Kaiser des römisch-deutschen Reiches verwandt87.

<33>

Historische Mythenbildung und genealogische Prinzipien, die die lignage in direkter männlicher Linie von den ersten Königen Frankreichs zu den aktuellen Herrschern weiterführte, bot die Möglichkeit, die Kontinuität der französischen Königsherrschaft zu unterstreichen und über die königliche memoria eine herrschaftskonsolidierende Erinnerung aufrecht zu erhalten, aus der der Anspruch auf Geblütsheiligkeit der Valois abzuleiten war. Die Historiographie der Könige, ihrer Geschichte, die Geschichte ihrer Namen, ihrer Genealogie und ihrer linearen Abstammung von den Trojanern bis zum jeweils regierenden König eignete sich für diese Form der Erinnerung besonders gut. Indem diese Linie aber das agnatische Prinzip der lignage erweiterte und bis zu den Trojanern als mythischen Gründern des Königshauses und über den reditus-Gedanken auf Karl den Großen rekurrierte, war es möglich, dynastische Schwellen zu überspringen. Gerade die Sorgfalt, mit der unter Karl V. mehrere Versionen der offiziellen Hofchronik ausgearbeitet wurden, verdeutlicht die Sorge um legitimen Anschluss. Denn indem die Tradition der Grandes Chroniques de France wieder aufgegriffen wurde, wurde auch über den Gedächtnisträger nicht nur der Vergangenheitsbezug verdeutlicht, sondern auch Kontinuität erzeugt.

<34>

Neben den Kompendien, die in der Bibliothek den nachfolgenden Königen zur Verfügung stehen sollten, halfen andere Verschriftlichungen der unmittelbaren Vergangenheit, ein Bild der Dynastie in der Vergangenheit und für die Zukunft zu schaffen, wie die Festschreibung des genealogischen Prinzips, das mit der Volljährigkeitsregel der Könige die Erbfolge und den Fortbestand der lignage sichern sollte. Erinnerung steht an der Basis von adeliger und königlicher Herrschaft, denn der Nachweis einer langen Generationenfolge (lignage) an Herrschern zeigt die Herrschaftsfähigkeit, insofern – J. Assmann folgend – Herrschaft Herkunft braucht88.

<35>

Der Bibliothek des Louvre selbst war ebenfalls eine lange Rezeptionsdauer gewährt: Im Jahre 1867, genau fünfhundert Jahre nach dem Umzug der Bücher aus dem Palais de la Cité in den Louvre, weihte die Bibliothèque impériale den neuen Lesesaal von Henri Labrouste in der rue de Richelieu ein. Doch damit nicht genug des ritualisierten Gedenkens: So wurde 1995 bei der Grundsteinlegung des monumentalen Neubaus der Nationalbibliothek89, einer jener pharaonischen Bauprojekte, die für eine französische Präsidentschaft kennzeichnend sind90, in Anwesenheit des Präsidenten François Mitterrand ein Stein aus dem gerade wiederentdeckten Fundament des mittelalterlichen Louvre verwendet. Dies verdeutlicht, dass die librairie du Louvre trotz historischer, räumlicher und funktionaler Umbrüche91 noch heute den Ursprungsmythos der heutigen BnF92 liefert, denn »la Bibliothèque [sic] de Charles V a vraiment constitué la première ébauche, si timide fût-elle, de ce que fut, au cours des siècles, la Bibliothèque royale et de ce qu 'est devenue aujourd 'hui la Bibliothèque nationale.93« Inzwischen ist die Institution librairie du Louvre selbst tief ins kulturelle Gedächtnis der Nation eingedrungen, sodass sie selbst ein Ort der Erinnerung, der kulturellen und staatlichen Identifikation geworden ist.

Autorin:

Vanina Madeleine Kopp
Universität Bielefeld / Ecole des hautes études en sciences sociales, Paris
vkopp@uni-bielefeld.de

1 Paraphrasiert nach dem französischen Buch von Jean-Marie Mœglin, Les ancêtres du Prince, Paris 1985, S. VII.

2 Mœglin, Les ancêtres du Prince (wie Anm. 1), S. IX.

3 Immer noch grundlegend zu dieser Bibliothek ist Léopold Delisle, Recherches sur la librairie de Charles V, roi de France, 1337–1380, 2 Bde., Paris 1907. Für eine Übersicht über mittelalterliche Bibliotheken allgemein (darunter auch jene des Papstes oder die der Sorbonne) vgl. André Vernet (Hg.), Histoire des bibliothèques françaises. Les bibliothèques médiévales. Du VIe siècle à 1530, Paris 1989. Neue Forschung zur Louvre Bibliothek vgl. Yann Potin,  Des inventaires pour catalogues? Les archives d'une bibliothèque médiévale: la librairie royale du Louvre (1368-1429), in: Hans Erich Bödeker, Anne Saada (Hg.), Bibliothek als Archiv, Göttingen 2007, S. 119-140.

4 Aurelius Augustinus, Bekenntnisse. Übersetzung von Otto F. Lachmann, Leipzig 1888.

5 Siehe zur mittelalterlichen ars memoriae /ars memorativa Mary Carruthers, Book of memory: a study of memory in medieval culture, Cambridge 1992; Frances A. Yates, The Art of Memory, London1966; vgl. auch die Geschichte der Bibliothek als Metapher des kulturellen Gedächtnisses von Edmund Spenser, The Fairy Queen von 1596, in: Aleida Assmann, Erinnerungsräume, Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 158–160.

6 Maurice Halbwachs, La mémoire collective, Paris 1968; ders., Les cadres sociaux de la mémoire, Paris 1952.

7 Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben. Eine Freudsche Impression, Berlin 1997.

8 Assmann, Erinnerungsräume (wie Anm. 5), als Weiterentwicklung von Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.

9 Pierre Nora (Hg.), Les lieux de mémoire, Paris 1984–1992 (3 Teile in 7 Bänden.), hier vor allem die Einleitung, S. XVIII–XLIII.

10 Siehe eine Forschungsübersicht bei Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen: eine Einführung, Stuttgart 2005, S. 1–10. Zum erweiterten Archivbegriff siehe Martina Kessel, Archiv, Macht, Wissen. Organisieren, Kontrollieren und Zerstören von Wissensbeständen von der Antike bis zur Gegenwart, in: Auskunft 27,1 (2007), S. 17–46; Anja Horstmann, Vanina Kopp (Hg.), Archiv – Macht – Wissen. Organisation und Konstruktion von Wissen und Wirklichkeiten in Archiven, Frankfurt a. M. 2010.

11 Für eine kritische Diskussion zu den unterschiedlichen Begriffen siehe Otto-Gerhard Oexle, Memoria als Kultur, in: ders. (Hg.), Memoria als Kultur, Göttingen 1995, S. 9–78, hier S. 16f., 22f. Für einen weiteren deutsch-französischen historiographischen Aufriss über die Gedächtnisforschung im Mittelalter, siehe Michel Lauwers, Memoria. A propos d 'un objet d 'histoire en Allemagne, in: Jean-Claude Schmitt, Otto-Gerhard Oexle (Hg.), Tendances actuelles de l 'histoire du Moyen Age en France et en Allemagne, Paris 2003, S. 105–126; Michael Borgolte, Memoria. Bilan intermédiaire d 'un projet de recherche sur le Moyen Age, in: ibid., S. 53–70. Jean-Marie Mœglin, L 'historiographie moderne et contemporaine en France et en Allemagne et les chroniqueurs du Moyen Âge, in: Françoise Autrand (Hg.), Saint-Denis et la royauté, Paris 1999, S. 301–338. Zum Verhältnis zwischen Gedächtnisforschung und Geschichtswissenschaft vgl. Marcus Sandl, Historizität der Erinnerung / Reflexivität des Historischen. Die Herausforderung der Geschichtswissenschaft durch die kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung, in: Günter Oesterle (Hg.), Erinnerung, Gedächtnis, Wissen. Studien zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, Göttingen 2005, S. 89120; Hartmut Bergenthum, Geschichtswissenschaft und Erinnerungskulturen. Bemerkungen zur neuen Theoriedebatte, in: ibid, S. 121162.

12 Es sei auf die zahlreichen Publikationen der Bibliothèque nationale de France zur ›librairie du Louvre‹ verwiesen, stellvertretend: François Avril, La librairie de Charles V, Paris 1968 (Ausstellungskatalog, Paris Bibliothèque Nationale); Marie-Hélène Tesnière, La librairie modèle, in: Béatrice de Andia (Hg.), Paris et Charles V, Paris 2001, S. 225–233.

13 Vgl. Avril, La librairie (wie Anm. 12), zum 600. Jubiläum der Bibliothèque nationale 1968, oder aber den Band zur Eröffnung des neuen Bibliotheksbaus der heutigen Bibliothèque nationale de France in Tolbiac, bei der sich der damals amtierende Präsident ebenfalls auf den Ursprung Karls V. berief. Vgl. Roland Schaer (Hg.), Tous les savoirs du monde, Paris 1996 (Ausstellungskatalog Paris, Bibliothèque nationale de France), S. 11.

14 Für eine Reproduktion des Werkes aus dem 15. Jahrhundert vgl. die Sammlung des Musée Condé: Les très riches heures du duc de Berry et l 'enluminure en France du début du XVe siècle, Paris 2004, (Ausstellungskatalog, Musée Condé) oder aber das Faksimile aus Luzern 1984.

15 Im selben Raum befindet sich ein Modell der Rekonstruktion nach dem Bild der Gebrüder Limburg.

16 Einige Beispiele: Paris: BnF und Arsenal; Großbritannien: British Library in London und College-Bibliotheken in Oxford und Cambridge; Den Haag: Museum Meermanno Westreenianum; New York: Metropolitan Museum of Arts, The Cloisters; weitere in Hamburg, Stuttgart, Sankt Petersburg sowie in Privatsammlungen.

17 Vgl. hierzu Jacques Krynen, Idéal du prince et pouvoir royal en France à la fin du Moyen Age (1380–1440). Étude de la littérature politique du temps, Paris 1981.

18 Marc Bloch, Die wundertätigen Könige, München 1998.

19 Zur Entstehung dieses Konzeptes siehe Jacques Krynen, Rex Christianissimus. A medieval theme at the roots of French absolutism, in: History and Anthropology 4 (1989), S. 79–96.

20 Grundlegend hierzu Michael Clanchy, From Memory to Written Record. England 1066–1307, Oxford 1993; Bernard Guenée, Histoire et culture historique dans l 'Occident médiéval, Paris 1980; Deborah Deliyannis (Hg.), Historiography in the Middle Ages, Leiden 2003. Für Überblickswerke siehe Markus Völkel, Geschichtsschreibung, Köln 2006, S. 115-137; Mirjana Gross: Von der Antike bis zur Postmoderne: die zeitgenössische Geschichtsschreibung und ihre Wurzeln, Köln 1998, S. 34-57.

21 Bernd Carqué, Stil und Erinnerung. Französische Hofkunst im Jahrhundert Karls V. und im Zeitalter ihrer Deutung, Göttingen 2004.

22 Gabrielle Michelle Spiegel, The chronicle tradition of Saint-Denis: a survey, Brookline 1978.

23 Anne Dawson Hedeman, Valois Legitimacy: Editorial Changes in Charles V 's Grandes Chroniques de France, in: Art Bulletin 66, 1 (1984), S. 97–117; dies., Restructuring the Narrative: The Function of Ceremonials in Charles V 's Grandes Chroniques de France, in: Studies in the history of Art 16 (1985), S. 171–181.

24 Serge Lusignan, La langue des rois au Moyen Âge. Le français en France et en Angleterre, Paris 2004; ders., Parler vulgairement. Les intellectuels et la langue française au XIIIe et XIVe siècle, Paris 1987.

25 Serge Lusignan, La topique de la translatio studii et les traductions françaises de textes savants au XIVe siècle, in: Geneviève Contamine (Hg.), Traduction et traducteurs au Moyen Âge, Paris 1989, S. 303–315.

26 Martin Kintzinger, Beatus Vir. Herrschaftsrepräsentation durch Handschriftenpolitik bei Karl V. von Frankreich, in: Christoph Dartmann, Christoph Weber (Hg.), Zwischen Pragmatik und Performanz. Kulturen der Schriftlichkeit im Mittelalter (im Druck); ders., Sakrale Repräsentation bei der Thronsukzession der Könige von Frankreich im Spätmittelalter, in: Ludolf Pelizaeus (Hg.), Wahl und Krönung in Zeiten des Umbruchs, Frankfurt a. M. 2008, S. 23–39.

27 Vgl. hierzu Assmann, Erinnerungsräume (wie Anm. 5), S. 134–142; Assmann, Kulturelles Gedächtnis (wie Anm. 8), S. 48f., besonders S. 56.

28 Vgl. Assmann, Erinnerungsräume (wie Anm. 5), S. 138f.

29 Vgl. eine Darstellung am Hof von Burgund bei Klaus Oschema, Des Fürsten Spiegel? Anmerkungen zu den Bibliotheken der burgundischen Herzöge im 14. und 16. Jahrhundert, in: Martin Stolz, Adrian Mettauer (Hg.), Buchkultur im Mittelalter. Schrift – Bild – Kommunikation, Berlin 2005, S. 176–192.

30 Françoise Autrand prägte dafür den Begriff des ›club du roi‹, vgl. dies., Charles V, S. 728–731.

31 Hierzu vgl. Raymond Cazelles, Société politique, noblesse et couronne sous Jean le Bon et Charles V, Genf 1982; Jean Favier, La guerre de Cent Ans, Paris 1980.

32 Geoffroi de Beaulieu, Vita Ludovici noni, in: Martin Bouquet (Hg.), Recueil des historiens des Gaules et de la France, Band XX, Paris 1840, S. 15.

33 Zitiert nach Jeannine Quillet, Nicole Oresme traducteur d 'Aristote, in: dies. et al. (Hg.), Nicolas Oreme. Tradition et innovation chez un intellectuel du XIVe siècle, Paris 1988, S. 81–91, hier S. 81.

34 Zitiert nach Léopold Delisle, Mandements et actes divers de Charles V (1364–1380), Paris 1874, S. VII.

35 Eine Übersicht im Anhang von Claire Richter Sherman, Imaging Aristote. Verbal and Visual Representation in Fourteenth-Century France, London 1995, S. 395f.

36 Jes. Sir. 14, 22. Das Ende des Satzes (hier in eckige Klammern gesetzt) ist nicht auf der Abbildung sichtbar.

37 Paris, BnF ms. fr. 24287, fol. 2.

38 Christine de Pisan (hg. von Solange Solente), Le livre des fais et bonnes meurs du sage roi Charles V, Paris 1936, Band 2, S. 12.

39 Jacques Krynen, L 'empire du roi. Idées et croyance politiques en France ; XIIIe–XVe siècle, Paris 1993, S. 209.

40 Zitiert nach Krynen, Idéal du prince (wie Anm. 17), S. 98.

41 Krynen, L 'empire du roi (wie Anm. 39), S. 208-224.

42 Delisle zählt neun Bücher von Johanna von Evreux. Diese Zahl ist irreführend. In der Louvrebibliothek befanden sich nur drei Bücher der verstorbenen Königin: eine Bibel, ein Fürstenspiegel und ein Buch über diverse Devotionen, vgl. Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 20f. Nr. 101; S. 60 Nr. 338bis; S. 65, Nr. 372. Delisles Repertorium führt Nr. 47, 110, 153, 164, 188, 244 als Bücher von Johanna von Evreux auf; diese befanden sich aber nicht in der Louvre-Bibliothek sondern in Vincennes.

43 Sie tragen den Beisatz »venue de la Royne« oder sind über Wappen »haschiez des armes de la Royne« identifizierbar, vgl. BnF ms. fr. 2700, fol. 12r., BnF ms. fr. 2700, fol. 22r., BnF ms. fr. 2700, fol. 22rv.

44 BnF ms. fr. 2700, fol. 115r.; Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 22, Nr. 110.

45 Einige dieser Signaturen sind noch heute sichtbar, BnF ms. fr. 2700, fol. 114r.; 121v.; fol. 127v. und 128r. Aus dem Delphinat: Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 33, Nr. 181; ibid. S. 90, Nr. 529. Mindestens drei andere Bücher aus seinem Delphinat befanden sich in Vincennes. Andere Bücher beziehen sich auf Karl VI. als Dauphin; BnF ms. fr. 2700, fol. 113v. (von 1411) sowie ibid., fol. 34r.

46 Zu Vincennes siehe Jean Chapelot, Elisabeth Lalou, (Hg.): Vincennes aux Origines de l 'Etat moderne, Paris, 1996, darin insbesondere den Artikel von François Avril, Les livres de Charles V au château de Vincennes, S. 329–340.

47 Bezug genommen wird auf die Edition des Inventars von 1380 bei Jules Labarte, Inventaire du mobilier de Charles V roi de France, Paris 1879.

48 Labarte, Inventaire (wie Anm. 47), S. 317319, Nr. 30453066; S. 336341, Nr. 32783309.

49 Mindestens 27 Bücher vermerkt. Vgl. Labarte, Inventaire (wie Anm. 47).

50 Labarte, Inventaire (wie Anm. 47), S. 317, Nr. 3050; S. 318, Nr. 3055; S. 341, Nr. 3309.

51 Labarte, Inventaire (wie Anm. 47), S. 337, Nr. 3288 für Johanna von Evreux alleine S. 318, Nr. 3054; S. 337, Nr. 3288; S. 339, Nr. 3295.

52 Die Zuschreibung ist nicht ganz eindeutig. Bücher, die mit dem Wappen von Frankreich und Navarra verziert sind, können entweder von Johanna von Navarra, Ehefrau Karls III. stammen, oder aber von Johanna von Navarra (II.), Tochter Karls X.

53 Labarte, Inventaire (wie Anm. 47), S. 340, Nr. 3303–3305.

54 Vgl. Moeglin, Ancêtres (wie Anm. 1), S. VIII.

55 Peter Johanek, Die Schreiber und die Vergangenheit. Zur Entfaltung einer dynastischen Geschichtsschreibung an den Fürstenhöfen des 15. Jahrhunderts, in: Hagen Keller, Klaus Grabmüller, Nikolaus Staubach (Hg.), Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen, München 1992, S. 195–209, hier S. 197.

56 Keller et al. (wie Anm. 55), S. 195. Für den deutschen Raum siehe eine Übersicht über historiographische Produktion bei Norbert Kersken, Auf dem Weg zum Hofhistoriographen. Historiker an spätmittelalterlichen Fürstenhöfen, in: Carola Fey, Steffen Krieb, Werner Rösener (Hg.), Mittelalterliche Fürstenhöfe und ihre Erinnerungskulturen, Göttingen 2007, S 107–139; Steffen Krieb, Orte, Namen und Kleinodien. Erinnerungsmedien in der Flersheimer Chronik, in: Susanne Rau, Birgit Studt (Hg.), Geschichte schreiben. Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiografie (ca. 1350-1750), Berlin 2010, S. 347-358.

57 Siehe Gabrielle Michelle Spiegel, Past as text. The theory and practice of medieval historiography, Baltimore 1999.

58 Zwar räumen zahlreiche Gedächtnistheoriemodelle der Geschichtsschreibung keinen wesentlichen Platz ein. Dennoch ist davon auszugehen, dass diese schriftliche Produktion zu den Erinnerungsstrategien dazugehörte, wenn auch in begrenztem Maße. Gerade Chroniken boten für die der Schriftlichkeit mächtigen Gruppen den Vorteil, dass die Schrift fixierte. Geschichtsschreibung diente als Medium der Verbreitung und Wahrnehmung von Vergangenem und Gedächtnis; vgl. Völkel, Geschichtsschreibung (wie Anm. 20), S. 117; siehe beispielsweise bei Franz-Josef Schmale, Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung, Darmstadt 1993; Susanne Rau, Holsteinische Landesstadt oder Reichsstadt? Hamburgs Erfindung ihrer Geschichte als Freie Reichsstadt, in: Bea Lundt (Hg.), Nordlichter. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsmythen nördlich der Elbe, Köln 2004, S. 159-178, insbesondere S. 163f.

59 Vgl. Carla Bozzolo, Ezio Ornato, Les lectures des Français aux XIVe et XVe siècles. Une approche quantitative, in: Luciano Rossi (Hg.), Ensi firent li ancessor. Mélanges de philologie médiévale offerts à Marc-René Jung, Alessandria 1996, S. 713–762.

60 Für ein Fallbeispiel siehe Bernard Guenée, La culture historique des nobles: les succès des »Faits des Romains« (XIIIeXVe siècles), in: Philippe Contamine (Hg.), La noblesse au Moyen Age, XIeXVe siècles, Paris 1976, S. 261–288.

61 Vgl. Leah Shopkow, Dynastic History, in: Deliyannis, Historiography (wie Anm. 20), S. 217-248.

62 Vgl. dazu Spiegel, Past as text (wie Anm. 57), S. 83–110.

63 Spiegel, The chronicle tradition (wie Anm. 22); für die Grandes Chroniques unter Karl V. siehe Anne Dawson Hedeman, The royal Image. Illustrations of the Grandes Chroniques de France, 1274–1422, Berkeley 1991, insbesondere das Kapitel V. Siehe auch Bernard Guenée, Les Grandes chroniques de France, 1274-1518, in: Nora, Les lieux de mémoire (wie Anm. 9), Band 2, S. 189-215.

64 Zur Entstehung der Theorie vgl. Karl Ferdinand Werner, Die Entstehung des Reditus regni Francorum ad Stirpem Karoli, Heidelberg 1950. Für eine andere Lektüre vgl. Spiegel, Past as text (wie Anm. 57), S. 111–138; zum Platz des reditus in der mittelalterlichen Historiographie vgl. Krynen, Idéal du prince (wie Anm. 17), S. 253–258.

65 Colette Beaune, L 'utilisation politique du mythe des origines troyennes en France à la fin du Moyen Âge, in: École française de Rome (Hg.), Lectures médiévales de Virgile, Rome 1985, S. 331–355; Krynen, Idéal du Prince (wie Anm. 17), S. 245–251.

66 Vgl. Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 162–164; Nr. 987–995.

67 Delisle, Recherches (wie Anm. 3), S. 162f., Nr. 987 und Nr. 990.

68 Unter anderem die Fleurs des chroniques übersetzt von Jean Golein, BnF ms. naq. fr. 1409 und trägt auf dem letzten Folio die eigenhändige Unterschrift des Königs, was auf einen königlichen Auftrag hindeutet.

69 Anne-Marie Lamarrigue, Bernard Gui (1261–1331). Un historien et sa méthode, Paris 2000, vor allem S. 293–299 und S. 435–465.

70 Zur Evolution der Signatur vgl. Claude Jeay, La signature comme marque d 'individuation. La chancellerie royale française (fin XIIIe-XVe siècle), in: Brigitte Miriam Bedos-Rezak (Hg.), L 'individu au Moyen Âge: individuation et individualisation avant la modernité, Paris 2005, S. 59–78.

71 In der eigenhändigen Signatur aus dem Rational des divins offices, BnF ms. fr. 437, fol. 403r. Auf mehreren anderen überlieferten Handschriften aus der Bibliothek findet sich diese Zuschreibung.

72 Assmann, Kulturelles Gedächtnis (wie Anm. 8), S. 48–56.

73 Diesen Begriff verwendet A. Assmann in einem zeitgeschichtlichen Zusammenhang; das Beispiel eignet sich jedoch für eine Übertragung auf das Mittelalter, vgl. Aleida Assmann, 1998 – Zwischen Geschichte und Vergessen, in: Ute Frevert, Aleida Assmann (Hg.), Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit der deutschen Vergangenheit nach 1945, Stuttgart 1999, S. 21–52, hier S. 37.

74 Assmann, Kulturelles Gedächtnis (wie Anm. 8), S. 48.

75 Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 166, Nr. 1006.

76 Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 166, Nr. 1004.

77 Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S. 165, Nr. 999f.

78 Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band 2, S.166, Nr. 1007. Dies befand sich wahrscheinlich nur sehr kurz in der Bibliothek, denn die Inventare aus der Bibliothek vermerken, dass es in Vincennes sei.

79 Vgl. Christopher Allmand, The Hundred Years War. England and France at War ca. 1300–c.1450, Cambridge, 2. Aufl. 1989.

80 Delisle, Recherches (wie Anm. 3), Band II, S. 166, Nr. 1005.

81 Die Texte im Kompendium lassen sich in der Tat im Trésor wiederfinden, vgl. André Artonne, Le Recueil des traités de la France composé par ordre de Charles V, in: Société de l 'École des chartes (Hg.), Recueil des travaux offerts à M. Clovis Brunel, Paris 1955, S. 53–63.

82 Artonne, Le Recueil des traités (wie Anm. 81).

83 Vgl. zum politischen Diskurs Krynen, Empire du roi (wie Anm. 39), S. 135–146. Zum historischen Kontext Françoise Autrand, La succession à la couronne de France et les ordonnances de 1374, in: Joel Blanchard (Hg.), Représentation, pouvoir et royauté à la fin du Moyen Âge, Paris 1995, S. 25–32.

84 Vgl. Hedeman, Valois Legitimacy, (wie Anm. 23), S. 97–117.

85 Verwiesen sei auf eine neue Edition der Chroniken Johanns II. und Karls V.: Pierre d 'Orgemont: Chroniques de Jean II et Charles V, (traduite de l 'ancien français par Nathalie Desgrugiller), Clermont-Ferrand 2003 in der die eingefügten Texte sichtbar sind. Hier alle Stellen herauszuschreiben, würde den Rahmen der Fußnote sprengen. Erwähnt werden sollen deshalb nur S. 152–168, § 125–129 bezüglich des Vertrages von Brétigny; in der Chronik von Johann II., und S. 205–230, § 4–10 der Chronik Karls V.

86 Max Weber, Politik als Beruf [1919], in: Wolfgang Mommsen, Wolfgang Schluchter (Hg.), Max Weber Gesamtausgabe, Bd. 17, Tübingen 1992, S. 159f.

87 Vgl. Weber, Politik als Beruf (wie Anm. 86), S. 159f.

88 Assmann, Kulturelles Gedächtnis (wie Anm. 8), S. 71.

89 So genannte TGB, Très grande Bibliothèque, Site Tolbiac an der Seine, XIII. Arrondissement.

90 Jacqueline Mélet-Sanson, La réalisation d 'un grand projet, in: Myriam Bacha, Christian Hottin (Hg.), Les Bibliothèques Parisiennes. Architecture et décor, Paris 2002, S. 224–231.

91 Vgl. für die neuen Sammlungsansätze ab der Renaissance Simone Balayé: La Bibliothèque Nationale des origines à 1800, Genève 1988.

92 Stellvertretend: Avril, La librairie (wie Anm. 12); Tesnière, La librairie modèle (wie Anm. 12).

93 Zit. nach Etienne Dennery (zu diesem Zeitpunkt Generaldirektor der Nationalbibliothek von 1964 bis 1975), in: ders., Préface, in: Avril, La librairie (wie Anm. 12), S. IX-XIV, hier S. IX (eigene Hervorhebungen).

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Metadata

Your download should start automatically.

To download manually click: here

Zitation
 
: Raum und Erinnerung . Die königliche Bibliothek im Louvre
In: Raumkonzepte - Raumwahrnehmungen - Raumnutzungen (6. Sommerkurs des Deutschen Historischen Instituts Paris in Zusammenarbeit mit der Universität Paris I-Panthéon-Sorbonne, 14.-17. Juni 2009) / Espaces: concepts - perceptions - usages (6e université d’été pour jeunes chercheurs de l’Institut historique allemand Paris en coopération avec l’université Paris I-Panthéon-Sorbonne, 14 - 17 juin 2009), hg. von / éd. par Susanne Rau (discussions, 5)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/discussions/5-2010/kopp_raum
Veröffentlicht am: May 26, 2013
Zugriff vom: May 26, 2013
Document Actions