J. Fournier: Zur Förderung wissenschaftlicher Zeitschriften
Im Folgenden lege ich zunächst dar, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) elektronische Zeitschriften fördert. Anschließend skizziere ich, in welcher Art und Weise die DFG herkömmliche Druck-Zeitschriften unterstützte. Sodann wird ausgeführt, wie die DFG auf die aus diesem Kontext resultierenden Problemfelder mit der Einrichtung eines neuen Förderprogramms namens »Wissenschaftliche Zeitschriften« reagierte. Abschließend wage ich einige persönliche Bemerkungen zu potenziellen Entwicklungen auf dem Markt wissenschaftlicher Zeitschriften.
Das Programm »Elektronische Publikationen«
Das Förderinstrument »Elektronische Publikationen« zielt allgemein auf die Einführung digitaler Medien in die Informationsangebote wissenschaftlicher Bibliotheken. Im Rahmen dieses Programms wurden seit Mitte der 1990er-Jahre auch der Aufbau und der Betrieb einiger elektronischer Zeitschriften gefördert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die eigentliche Zielsetzung des Förderinstruments eben nicht in der Etablierung neuer Periodika liegt. Vielmehr gilt die Förderung primär dem Testen, Ausloten und Umsetzen von neuen organisatorischen, technischen oder auch geschäftlichen Verfahren, über die elektronische Publikationen in die Forschung einbezogen werden1. Überspitzt formuliert waren und sind die in diesem Programm geförderten Zeitschriften also eher Vehikel, mit denen innovative Aspekte der Wissenschaftskommunikation ausprobiert werden. Diese Innovation steht tendenziell somit stärker im Vordergrund als die Zeitschrift an sich. Freilich müsste ein Projekt als gescheitert gelten, wenn die im Rahmen der Förderung erstellten Zeitschriften sich nicht auch in wissenschaftlicher Hinsicht als qualitativ hochwertige Periodika etablierten. Diese Spannung gilt es zu gestalten.
Wenn wir die einzelnen im Programm »Elektronische Publikationen« geförderten Zeitschriften betrachten, lassen sich im Wesentlichen zwei Entwicklungsphasen unterscheiden. In einer Einführungs- und Pilotphase von 1995 bis etwa zum Beginn des neuen Jahrtausends galt es vor allem, über die Förderung digitale Angebote auch in Fächern zu etablieren, die eine gewisse Zurückhaltung gegenüber der elektronischen Informationsversorgung zeigten bzw. in denen elektronische Publikationen bislang eher unüblich waren. Zu dieser ersten Phase gehören das »Forum Qualitative Sozialforschung«, die »sehepunkte« und »German Medical Science«, die heute – inzwischen ohne Zuschüsse der DFG – ihren Platz in der Wissenschaftskommunikation gefunden haben2.
Mit dem »Forum Qualitative Sozialforschung« ist der Versuch umgesetzt, eine vergleichsweise junge Disziplin durch konsequente Angebote zur Mehrsprachigkeit global zu adressieren. In den »sehepunkten«, einem Historikern ja bekannten elektronischen Rezensionsjournal, wird eindrücklich vorgeführt, wie die dem digitalen Medium inhärente Schnelligkeit den Geisteswissenschaften zum Vorteil gereicht. Etwas anders gelagert ist der Fall des Zeitschriftenportals »German Medical Science«. Denn in der Medizin waren elektronische Publikationen bereits verbreitet. Hier sollte jedoch ein neues Geschäftsmodell für E-Journals erprobt werden, das letztlich darauf hinausläuft, die Produktionskosten unterschiedlicher, fachlich spezifizierter Zeitschriften über die Vielzahl der medizinischen Fachgesellschaften zu bestreiten und somit Autoren und Leser, also Nutzer und Produzenten, an der Finanzierung der Zeitschriften zu beteiligen, die zu wesentlichen Teilen aus Mitgliedsbeiträgen der Fachgesellschaften aufgebracht wird.
Im Jahr 2003 führte die Unterzeichnung der »Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen« auch durch die DFG zu verstärkten Anfragen potenzieller Antragsteller, ob und in welcher Weise die DFG die Gründung von Open-Access-Zeitschriften finanziell unterstützen könne. Den Anfragen lag häufig die Vorstellung zugrunde, dass das Förderprogramm »Elektronische Publikationen« genau dazu geschaffen sei. Doch, wie ich bereits dargelegt habe, geht es hier keineswegs um die Unterstützung einer Zeitschrift als solcher. Zudem musste 2003 eine bereits längere Entwicklungsphase digitaler Publikationen berücksichtigt werden, die zur Entwicklung auch gewisser Standards geführt hatte. Um den Anspruch der Innovativität zu untermauern, genügte es somit nicht mehr, eine elektronische Zeitschrift gründen zu wollen, die letztlich »nur« das digitale Pendant einer traditionellen gedruckten Zeitschrift sein sollte. Vor diesem Hintergrund setzte eine zweite, bis heute andauernde Förderphase ein, in der die Erprobung neuer technischer und organisatorischer Verfahren nochmals stärker in den Vordergrund trat, wie einige derzeit geförderte Projekte zeigen können3.
So übertrug »Economics. An open-access, open-assessment journal« das bislang in Teilen der Naturwissenschaften umgesetzte Konzept des Open-Peer-Review erstmals in den Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Für diese Zeitschrift werden alle Beiträge zunächst als discussion papers über die Website bereitgestellt, damit ein Beitrag während eines Zeitraums von acht Wochen sowohl von durch die Redaktion bestellten Gutachtern als auch durch die gesamte Fachöffentlichkeit kommentiert werden kann. Die Autoren sind gebeten, auf die Kommentare zu reagieren und auf diese Weise in einen diskursiven Prozess einzutreten. Nach Ablauf von acht Wochen entscheidet einer der Herausgeber auf der Basis der redaktionell erbetenen Gutachten, der Kommentare durch die Fachöffentlichkeit sowie der Reaktionen des Autors, ob der Beitrag – gegebenenfalls mit den durch den offenen Review-Prozess angeregten Änderungen – als Artikel in »Economics« publiziert wird. Selbst nach diesem Zeitpunkt kann der Artikel weiterhin durch die Fachöffentlichkeit kommentiert werden, die zugleich gebeten ist, Artikel in einem 5-Punkte-Rating zu bewerten. Neben diesem Rating wird die Ermittlung und Veröffentlichung von Download-Statistiken und Zitationen der publizierten Artikel herangezogen, um deren Relevanz für die wissenschaftliche Diskussion durch mehrere, über die Website ebenfalls publizierte Indikatoren anzudeuten.
Die auf Fragen der Betriebswirtschaftslehre zielende Zeitschrift »Business Research« möchte den Anspruch einlösen, den publizierten Artikeln möglichst die zugrundeliegenden Primärdaten beizugeben, um so Nachprüfbarkeit und Validität der Forschungsergebnisse zu sichern. Dazu finden sich etwa mit den Artikeln verknüpfte Excel-Files mit Primärdaten, Formulare zur Kalkulation bestimmter Werte sowie ein Video, das die in einem Artikel beschriebene Verwendung einer spezifischen Software zur Anschauung bringt. Zudem verweist das Editorial des jüngsten Hefts auf eine Untersuchung, nach der mit Daten unterfütterte Artikel häufiger zitiert werden, und in diesem Sinne überschreibt der Herausgeber sein Editorial: »Well documented articles achieve more impact«4.
Wie – immer noch der Zielsetzung des Programms »Elektronische Publikationen« entsprechend – Fördermittel eingesetzt werden können, um neue Geschäftsmodelle auszuloten, zeigt die »GIGA Journal Family«. In diesem Vorhaben wird die Überführung von vier bereits seit vielen Jahren bestehenden regionalwissenschaftlichen Zeitschriften vom Druck in ein elektronisches Open-Access-Format unterstützt. Dabei soll ein im Rahmen des Projekts zu entwickelndes Modell, das moderate Einnahmen über Autorengebühren mit Einkünften aus Spenden und Patenschaften, Erlösen aus dem Verkauf der weiterhin bestehenden Druckzeitschriften und den ohnehin aufgewendeten Eigenmitteln des Leibniz-Instituts für Global Area Studies kombiniert, die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Zeitschriftenfamilie sichern.
Druckbeihilfen im Förderprogramm »Publikationsbeihilfe für Zeitschriften«
Da gedruckte Zeitschriften weitaus älter sind als ihre elektronischen Pendants, verwundert es nicht, dass die DFG schon lange vor dem Einzug des Internets ein Förderangebot zur Unterstützung wissenschaftlicher Zeitschriften kannte. Hierbei handelte es sich um das Instrument »Publikationsbeihilfe für Zeitschriften«, in dessen Rahmen unter genau definierten Bedingungen – höchste, im Begutachtungsprozess attestierte wissenschaftliche Qualität des Periodikums, eine Auflage unter 1.000 Exemplaren, Nachweis einer Deckungslücke – ein Zuschuss zu den Herstellungskosten gedruckter Zeitschriften gezahlt werden konnte.
Je länger dieses Förderinstrument zum Einsatz kam, desto deutlicher zeigten sich damit verbundene Probleme. Insbesondere war zu konstatieren, dass manche Zeitschriften, die bereits seit den 1950er- und 1960er-Jahren unterstützt wurden, noch Ende des 20. Jahrhunderts auf die Zuschüsse der DFG angewiesen waren. Somit übernahm die DFG, eine für die Finanzierung von Projekten und somit zeitlich begrenzten Vorhaben zuständige Organisation, letztlich eine institutionelle Dauerfinanzierung.
In verschiedenen Gesprächen zum Thema, die in den Jahren 2004 und 2005 mit Mitgliedern von Fachkollegien und Vorsitzenden von Fachgesellschaften stattfanden, wurden weitere Handlungsfelder angemerkt. Da mit dem bisherigen Förderverfahren prinzipiell die Aussicht bestünde, Mittel der DFG ad infinitum erfolgreich einwerben zu können, fehlten Anreize für Herausgeber und Verlage, Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die auf eine dauerhafte wirtschaftliche Selbständigkeit und Tragfähigkeit der geförderten Zeitschriften zielten. Das sei umso problematischer, weil – so die Einschätzung der in einem Rundgespräch versammelten Fachkollegiaten – die von der Begutachtung zu erwartende Qualitätskontrolle unter einem gewissen Dilemma litt. Dass nämlich höchst spezialisierte Zeitschriften häufig von genau den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begutachtet wurden, die selbst in den zu begutachtenden Organen publizierten, führe zwangsläufig zu Interessenkonflikten. Daher sei es zwingend, künftig in der Begutachtung zu fördernder Zeitschriften den Fachkollegien mit ihrem breiteren Blick über die Disziplinen eine ausschlaggebende Rolle zuzumessen. Das gelinge umso eher, wenn Anträge auf die Förderung wissenschaftlicher Zeitschriften konsequent im Vergleich begutachtet würden. Schließlich wurde konstatiert, dass dieses Förderinstrument kaum eine Handhabe bot, auch elektronische Zeitschriften zu unterstützen, da die Förderung nahezu ausschließlich in einem Zuschuss zu den Satzkosten bestand. Damit war die Aufgabe skizziert, ein Programm zu konzipieren,
- das Zeitschriften unterstützen
kann, wenn keine ausreichenden Publikationsmöglichkeiten für
qualitativ hochwertige Inhalte eines bestimmten Bereichs
vorhanden sind,
- das durch die strikte Festlegung einer relativ großzügig
bemessenen Förderhöchstdauer sanften Druck auf Herausgeber und
Verlage ausübt, um in angemessener Frist wirtschaftliche
Selbständigkeit zu erreichen,
- das zugleich das Vordringen elektronischer Publikationsformate
auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften angemessen
berücksichtigt,
- und in dem die Einhaltung zwingend erforderlicher
Qualitätsstandards durch die strikt vergleichende Bewertung aller
Anträge unter Einbeziehung der Fachkollegien konsequent verfolgt
wird.
Durch einen Beschluss des Hauptausschusses der DFG vom Januar 2007 konnte diese Absicht mit dem Programm »Wissenschaftliche Zeitschriften« realisiert werden5.
Institutionalisierung des Förderangebots im Programm »Wissenschaftliche Zeitschriften«
Das Programm »Wissenschaftliche Zeitschriften« zielt auf die Verbreitung qualitativ hochwertiger Forschungsergebnisse in Fächern, in denen keine ausreichenden Publikationsmöglichkeiten gegeben sind. Um auf den derzeit zu beobachtenden Umbruch in der Wissenschaftskommunikation zu reagieren, setzt das Programm bewusst Anreize für eine elektronische Publikation, so dass die Förderung zudem dazu beiträgt, die Akzeptanz digitaler Medien zu erhöhen.
Gefördert werden können die Gründung neuer Zeitschriften, der Ausbau bereits bestehender sowie die Transformation gedruckter in elektronische Zeitschriften. Fördermittel werden in Form von Festbeträgen für bestimmte technische oder redaktionelle Tätigkeiten bereitgestellt, etwa die Einrichtung von Manuskripten für die Online-Publikation, die Adaption von Publikationssoftware oder die Organisation des Peer Review. Entscheidendes Kriterium für die Förderung ist stets die von einer Zeitschrift erwartete fachlich profilierende Wirkung in einem bestimmten Forschungsfeld, dazu treten Kriterien wie die internationale Zusammensetzung von Herausgebern, Beiräten, Autor- und Leserschaft, die Einhaltung strenger Begutachtungskriterien, Angebote zur Mehrsprachigkeit sowie die Übereinstimmung mit der Open-Access-Politik der DFG.
Seit dem 1. Januar 2008, dem Stichtag der ersten Ausschreibung, wurden zwanzig Anträge bewilligt, deren fachlicher Schwerpunkt, wie schon im Rahmen des früheren Programms »Publikationsbeihilfe für Zeitschriften«, weiterhin im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften liegt. Doch finden sich gelegentlich auch Anträge aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften und selbst aus der Medizin.
Für die überwiegende Mehrheit der im Rahmen des Programms geförderten Zeitschriften wurden mit dem Antrag (auch) Mittel zur Unterstützung einer digitalen Version der Zeitschrift eingeworben. Gerade hier zeigte sich – sowohl in der Antragsberatung als auch in der Begutachtung – der große Informations- und Beratungsbedarf in Bezug auf elektronische Publikationen. In aller Regel steht hinter dem Wunsch eines Wissenschaftlers nach der Etablierung einer elektronischen Zeitschrift primär die Idee, für das eigene Spezialgebiet ein Medium zu finden, das eine weitestmögliche Verbreitung von Forschungsergebnissen sichert. Wesentliche Punkte, deren Berücksichtigung im Rahmen der Antragstellung dazu beitragen soll, nur qualitativ hochwertige Zeitschriften zu unterstützen, sind im Merkblatt der DFG genannt und können daher von den Antragstellern leicht aufgegriffen werden. Dabei handelt es sich um naheliegende Erfolgskriterien wie die Zusammensetzung von Herausgebergremien und Beiräten mit hochkarätigen, auch international renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Doch in Bezug auf die vielfältigen technischen Aspekte, deren Umsetzung eine weltweite Verbreitung und Sichtbarkeit der zu publizierenden Forschungsergebnisse erst gewährleisten kann, ist eine gewisse Unkenntnis auf Seiten mancher Herausgeber zu konstatieren. Diese Unkenntnis beginnt etwa mit der Überlegung, welche Publikationssoftware den Produktionsprozess effizient unterstützen könne, und hört mit der Frage, warum eine suchmaschinen-kompatible, standardisierte Verfügbarmachung von Metadaten essenziell für die Sichtbarkeit sei, nicht unbedingt auf. Dabei ist es keineswegs verwunderlich, dass Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler den technischen Aspekten der Zeitschriftenproduktion von vornherein nur wenig Aufmerksamkeit schenken, denn ihr Interesse und Erfahrungshorizont liegt nachvollziehbar auf wesentlich anderen Feldern. Vor diesem Hintergrund ist es ebenso wenig verwunderlich, dass die besten Anträge im Programm »Wissenschaftliche Zeitschriften« stets die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gemeinsam mit professionellen Informationsanbietern vorgelegten Anträge sind. Dabei können Bibliotheken, Verbundzentralen oder Verlage die Rolle des Dienstleisters wahrnehmen, der professionelle Hilfe beim Aufsetzen und Betreiben eines E-Journals bietet.
Es wäre daher von Vorteil für die wissenschaftlichen Beteiligten, wenn die eher technischen Aspekte, die zum Erfolg insbesondere eines neuen digitalen Zeitschriftenprojekts beitragen könnten, systematisch zusammengetragen und in komprimierter Form den Wissenschaftlern, die sich mit dem Gedanken tragen, ein E-Journal aufzusetzen, zugänglich gemacht werden könnten, so dass wesentliche Erfolgskriterien von Anfang an zureichend bedacht und konsequent umgesetzt werden könnten. Vor dieser Zielsetzung organisierte die DFG seit Herbst 2008 zwei Workshops, in denen Herausgeberinnen und Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften darlegten, wie ihnen ein erfolgreicher Umstieg von der gedruckten in die (auch) elektronische Welt gelungen ist. Zugrunde lag die Idee, aus den bisherigen Erfahrungen best practices für ähnliche Transformationsprozesse ableiten zu können. Zu den Workshops eingeladen waren Herausgeber vornehmlich geisteswissenschaftlicher Zeitschriften aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und Spanien, die sich mittlerweile als elektronische Periodika fest in ihren Fächern etabliert haben. Die – derzeit leider noch ausstehende – systematisierte Auswertung und anschließende Veröffentlichung der Vorträge mag ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Handreichung für potenzielle Herausgeber elektronischer Zeitschriften sein.
Ausblick
Vor der bislang aufgezeigten Folie des konkreten »Fördergeschäfts« möchte ich drei Bemerkungen formulieren, die Beobachtungen aus dem Förderalltag ins Allgemeine wenden, auch um so die Diskussion zu stimulieren. Ich muss zugleich vorausschicken, dass ich hiermit keineswegs offizielle Positionen der DFG referiere, sondern eigene Einschätzungen vortrage.
Das Vordringen digitaler Publikationen auch in den Geisteswissenschaften ist unaufhaltsam. Dieser Prozess wird am ehesten dann für Autoren und Leser attraktiv gestaltet werden können, wenn bereits bestehende Druckzeitschriften um eine digitale Version ergänzt bzw. in eine elektronische Fassung überführt werden können. Damit sind zwangsläufig Kosten verbunden, die – das ist das Angebot des Programms »Wissenschaftliche Zeitschriften« – unter bestimmten Voraussetzungen zumindest zu Teilen subventioniert werden könnten. Es ist wichtig, dass gerade die klein- und mittelständischen Verlage im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften diese Chance nach Möglichkeit nutzen, um jetzt in digitale Formate und elektronische Publikationsinfrastruktur zu investieren. Andernfalls dürfte deren Marktposition nachhaltig geschwächt werden.
Insbesondere für »Kleinstfächer«, deren Mitglieder sich nahezu rund um den Globus persönlich kennen, ist zu hinterfragen, ob das Medium einer (verlagsgebundenen, gedruckten) Zeitschrift den bereits verfügbaren Möglichkeiten zu Kommunikation und wissenschaftlichem Austausch noch angemessen ist. Denn über das Internet könnte der wissenschaftliche Austausch gerade kleinerer Gruppen in einer hocheffizienten Weise gestaltet werden. So wäre zu überlegen, ob unter den skizzierten Rahmenbedingungen kleinste Fächer nicht besser auf so genannte »Virtuelle Forschungsumgebungen« setzen sollten, über die nicht nur Quellen und Primärtexte, sondern auch Werkzeuge zur – gegebenenfalls kollaborativen – Bearbeitung dieser Materialien sowie zur Kommunikation darüber verfügbar gemacht werden könnten. Die Frage der Zertifizierung, die als wichtige Funktion wissenschaftlicher Zeitschriften gilt, müsste dabei freilich auch gelöst werden, was mich zu meiner letzten Bemerkung führt.
Konsequent weiter gedacht bedeutet »Elektronisches Publizieren in den Geisteswissenschaften« weit mehr als die Wahrnehmung, Verbreitung und Akzeptanz digitaler Zeitschriften. In den nächsten Jahren werden unter den derzeit lebhaft diskutierten Stichworten der »Virtuellen Forschungsumgebung« einerseits, des GRID-Computing andererseits auch in den Geisteswissenschaften digitale Welten geschaffen werden, in denen quasi als Arbeitsumgebung nicht nur die Quellen, Nachschlagewerke und Materialien bereitgestellt werden, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihre Forschung benötigen, sondern die darüber hinaus auch die Werkzeuge und Funktionen zur Kommunikation über die erforschten Gegenstände und gegebenenfalls zur Publikation der in solchen digitalen Forschungsumgebungen gewonnenen Erkenntnisse beinhalten. Hier ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, dass über derartige Plattformen nur qualitätsgesicherte Inhalte angeboten werden. Und zugleich wird der Aufbau solcher scholarly workbenches, die ja wesentlich auf die kollaborative Erarbeitung von Forschungsergebnissen zielen, die Frage immer drängender aufwerfen, wie Reputation und Leistung nicht mehr dem Individuum, sondern einer Forschungsgemeinschaft zuerkannt werden kann. Für die bislang vornehmlich auf die besondere Leistung des Einzelnen fixierten Geisteswissenschaften wird das eine der größten Herausforderungen der kommenden Zeit sein.
Autor:
Dr. Johannes Fournier
Deutsche Forschungsgemeinschaft, Bonn
Johannes.Fournier@dfg.de
1 Siehe das Merkblatt zum Programm »Elektronische Publikationen« unter http://www.dfg.de/download/programme/wissenschaftliche_literaturversorgung_informationssysteme/antragstellung/12_11/12_11.pdf. <17.11.2009>
2 Die genannten Zeitschriften sind über ihre Webseiten zu erreichen unter http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/index, http://www.sehepunkte.de/, http://www.egms.de/dynamic/de/index.htm.
3 Näheres auf den Webpräsenzen der im Folgenden genannten Zeitschriften unter http://www.economics-ejournal.org/, http://www.business-research.org/, http://hup.sub.uni-hamburg.de/giga/journal-family/index. <17.11.2009>
4 Sönke Albers, Editorial: Well Documented Articles Achieve More Impact, in: BuR – Business Research 2 (2009), S. 8, URL: http://www.business-research.org/bur/issues/volume2/volume2_issue1_may_2009.pdf <17.11.2009>.
5 Nähere Informationen im Merkblatt zum Programm unter http://www.dfg.de/download/programme/wissenschaftliche_literaturversorgung_informationssysteme/antragstellung/12_17/12_17.pdf. <17.11.2009>
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