D. Gusejnova: Die Krise des Adels und die Europaidee in Deutschland und Österreich, 1918–1939
Abstract
Die Zwischenkriegszeit war eine historische Phase besonders intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema europäische Identität unter Intellektuellen und Politikern in Deutschland und Österreich. Für Intellektuelle adeliger Herkunft bot die Europaidee einen kreativen Ausweg aus ihrer gesellschaftspolitischen Identitätskrise. Die Autoren, die im Mittelpunkt der Dissertation stehen – die Grafen Richard Coudenhove-Kalergi, Harry Kessler, und Hermann Keyserling – werden in meinem Forschungsprojekt als Mitglieder bestimmter sozialer Konfigurationen analysiert, in denen sich Adlige nach 1918 als Intellektuelle neu behaupten mussten. Aus dieser Analyse heraus ist ihr Beitrag zum europäischen Diskurs als Versuch einer existentiellen Selbstfindung sowohl innerhalb der neuen politischen Landschaft Europas als auch in ihren gesellschaftlichen Kreisen aufzufassen. Dies hat besondere Konsequenzen für die Bewertung des Charakters des europäischen Diskurses der Zwischenkriegszeit als politischer Theorie.
In meinem weitgehend ideengeschichtlichen Forschungsprojekt arbeite ich den spezifischen Beitrag adliger Schriftsteller und Publizisten zum neuen Europadiskurs im deutschsprachigen Raum heraus. Die Idee von einer neuen Ausrichtung der Politik, die Europa als politisch-kulturelle Gemeinschaft zum Mittelpunkt hat, entwickelte sich in der Zwischenkriegszeit zwar in verschiedenen europäischen Ländern, doch hatte sie in der deutschsprachigen Literatur eine eigene Farbe und einen besonderen Stellenwert. Um diesen herauszuschälen, wurden lange Zeit weitgehend ideengeschichtliche Methoden angewandt. Ausgehend von jüngeren Forschungsansätzen versucht dieses Forschungsprojekt dagegen, eine ideengeschichtliche Untersuchung des Diskurses stärker in eine Analyse der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse zu integrieren. Der Platz der Adelsgeschichte diente mir in diesem Zusammenhang ursprünglich als sozialgeschichtlicher Hintergrund, der mir eine nähere Differenzierung des deutschsprachigen Diskurses zur europäischen Idee ermöglichte. Der Kontext des Sommerkurses gab mir dagegen die Möglichkeit, die spezifische Problematik der Adelsgeschichte im 20. Jahrhundert in dem Projekt zu betonen. Zwei Aspekte der weiteren Adelsgeschichte kommen dabei in Betracht: das Problem der Definition von Adel in Bezug auf Staaten, in denen der Adel als Stand und Gruppe abgeschafft wurde; und die Frage nach den intellektuellen Besonderheiten, durch die das adlige Selbstverständnis die politische Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt hat. In meinem Beitrag diskutiere ich meine Arbeit aus der Perspektive dieser Problematik heraus.
Die Zwischenkriegszeit war eine historische Phase besonders intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema der europäischen Identität unter Intellektuellen und Politikern in Deutschland und Österreich. Die auffallend starke Präsenz adeliger Autoren in diesem Kontext erforderte eine Untersuchung der Frage, in welchem Maße sie das Erlebnis einer gesellschaftspolitischen Identitätskrise des Adels zu einem Orientierungspunkt ihrer Reflexionen über Europas Zukunft gemacht hatten. Die Verbindung zwischen der Legitimitätskrise des Adels und dem modernen Europabegriff wird besonders deutlich, wenn man sich das Werk einflussreicher Theoretiker Europas vor Augen führt, die verschiedenen Gruppen des deutschsprachigen Adels Mittel- und Osteuropas angehörten.
Die Autoren, die im Mittelpunkt der Dissertation stehen – Graf Richard Coudenhove-Kalergi, Harry Graf Kessler, Hermann Graf Keyserling, und, in geringerem Maße, Prinz Karl Anton Rohan – werden heute unter anderem als wichtige Vordenker des europäischen Internationalismus betrachtet, den sie mit Projekten wie Paneuropa, Büchern wie Germany and Europe und Das Spektrum Europas, sowie Zeitschriften wie der Europäischen Revue, vertraten1. Biographisch gesehen kann man sie leicht als europäische Kosmopoliten stilisieren und idealisieren, oder aber als politisch ambivalente Vaterfiguren der modernen Europaidee betrachten2. Für eine politisch akkuratere Charakterisierung dieser Autoren schlage ich dagegen vor, sie vor allem als Mitglieder bestimmter sozialer Konfigurationen und kultureller Projekte zu untersuchen, deren Einfluss sich 1918 stark verändert hatte. Die Antwort auf die Frage nach der politischen Einordnung der Vordenker der modernen europäischen Identitätskonstruktionen ergibt sich aus der Untersuchung dieses sozialen Kontexts und seiner Veränderungen.
In einer solchen Betrachtungsweise fällt auf, dass das Jahr 1918 für Intellektuelle mit adligem Hintergrund in zweifacher Weise eine Neufindung ihrer Identität bedeutete: zum Einen als Mitglieder bestimmter Intellektuellenkreise, deren Einfluss sich nach 1918 veränderte; zum Anderen als Zugehörige von Staatssystemen, die nach 1918 nicht mehr bestanden. Was die erste Veränderung angeht, - die Neupositionierung Adliger in gemischten Intellektuellenkreisen, - so folge ich im ersten Kapitel der Arbeit den Ansätzen der jüngeren Forschung zur Ideengeschichte der Zwischenkriegszeit, die ihr Augenmerk auf die Kongruenz zwischen persönlichen Bekanntschaftsnetzwerken und publizistischer Tätigkeit richtete. Durch Untersuchungen von Zeitschriftenliteratur gelang es Vanessa Conze in diesem Zusammenhang, eine Typisierung von zwei deutschen Europamodellen des 20. Jahrhunderts vorzunehmen – der Reichsidee und der Idee von Westeuropa, und gleichzeitig die intellektuellen Kreise zu umreißen, in denen diese entstanden waren. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Guido Müller ebenfalls aufgrund der Untersuchung von Zeitschriftenliteratur3. Daran anknüpfend beginnt meine Arbeit mit einer Darstellung der literarischen Strategien und privaten Netzwerke der drei Hauptautoren im Lichte der als Ergebnis des Krieges erfolgten Politisierung der politischen Zeitschriftenliteratur, in deren Folge viele neue Zeitschriften zur kulturellen Identität Europas gegründet wurden.
Die drei Autoren gehörten zu verschiedenen Intellektuellenverbindungen der Vorkriegszeit, die nach 1919 insgesamt größere Machtpositionen beanspruchen konnten. Adlige formten in diesen Zirkeln einen charakteristischen Teil der deutschsprachigen »composite elite«, die Robert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften sehr treffend beschrieben hatte4. Dazu gehörte etwa Kesslers Kreis von Kritikern der wilhelminischen Kulturpolitik im Deutschen Reich, Keyserlings Kreise von nicht-akademischen Intellektuellen, die der Lebensphilosophie zuzuordnen sind, sowie Coudenhove-Kalergis Kreis der im Habsburgerreich bis 1919 offiziell verbotenen Freimaurer. Nach 1918 veränderte sich der Charakter dieser Eliten, da viele ihrer Mitglieder nun Regierungsposten übernahmen und eine größere öffentliche Ausstrahlung hatten, während Organisationen wie die Freimaurer nun legalisiert wurden. Dieser Prozess der Öffnung neuer Einflussmöglichkeiten für die kritisch gesinnten intellektuellen Eliten der Vorkriegszeit hatte für Adlige einen gegenteiligen Charakter, denn es war die Absicht vieler neuer Regierungen in Mittel- und Osteuropa, den Adel als Stand und soziales Identifikationsmerkmal aufzulösen. In Österreich wurde »der Adel, seine äußeren Ehrenvorzüge, sowie bloß zur Auszeichnung verliehene, mit einer amtlichen Stellung, dem Beruf oder einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Befähigung nicht im Zusammenhange stehenden Titel und Würden und die damit verbunden Ehrenvorzüge der deutschösterreichischen Staatsbürger« per konstitutionellem Beschluss im April 1919 abgeschafft5. In der Verfassung von 1920 wurde erklärt: »Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen«6. In der Weimarer Republik beseitigten die Artikel 181 und 109 der Verfassung den historischen Adel. Adelige Titel wurden, anders als in Österreich, zum Bestandteil des Nachnamens erklärt7. Für adlige Intellektuelle bedeutete es, dass sich in der Weimarer und Österreichischen Republik verglichen mit nichtadligen Intellektuellen aus ihren gesellschaftlichen Kreisen eher weniger Wege zum politischen und geistigen Establishment öffneten, während sich einige sogar schlossen.
Adlige als intellektuelle Parvenus
Wie Prinz Heinrich Carolath es Harry Graf Kessler gegenüber formulierte, als Kessler eine Kandidatur für die DDP im Weimarer Parlament anstrebte: »Für Prinzen, Grafen und Kulturmenschen werden die Zeiten schwerer!«8 Zum Einen verloren viele Adlige, vor allem im Zusammenhang mit den territorialen Veränderungen der politischen Karte Europas, aber auch im Verlauf der Enteignung regierender Fürstenhäuser innerhalb Deutschlands etwa, ihre politisch bedingte finanzielle Unabhängigkeit. Zum Anderen waren sie oft nicht in der parlamentarischen Politik der neuen Staaten erwünscht. Der diplomatische Dienst und die Tätigkeit als freischaffende Intellektuelle und Förderer von Kulturprogrammen waren in diesem Zusammenhang die einzigen für sie verbleibenden Wege, doch selbst diese wurden zunehmend erschwert.
Für viele Zeitgenossen waren sie jetzt deklassierte »parvenus« in einem neuen Intellektuellenmilieu. Vor allem die publizistische Tätigkeit von Adligen betrachteten Zeitgenossen vielfach mit Hohn. Der Schriftsteller Karl Kraus mokierte sich etwa über adlige Intellektuelle in seiner Fackel. »Seit dem Umsturz«, schrieb er über die Gründung der österreichischen Republik, »wachsen die aristokratischen Schriftsteller wie die Pilze aus dem Boden hervor«9. In Berlin parodierte Kurt Tucholsky die philosophische Tätigkeit Hermann Keyserlings und bemerkte, er sei ein »Philosoph, gemildert durch den Grafentitel, ein Graf mit einem leichten philosophischen Fleck auf dem Wappenschild«10. Vielfach wurden adlige Europatheoretiker auch deshalb als intellektuelle Parvenus betrachtet, weil ihr kosmopolitischer Ausblick für gegenwärtige politische Verhältnisse als unangemessen betrachtet wurde. Das amerikanische Time Magazine beschrieb die Tätigkeit Richard Coudenhove-Kalergis im amerikanischen Exil als die eines »Bohemian citizen of the world turned visiting professor of history at New York University«11. Den Sohn eines Nobilitierten preußischen Bankiers und einer anglo-irischen aristokratischen Mutter, Harry Graf Kessler, traf der zynische Zorn von Karl Kraus. Kessler war als Gründer der elitären Cranach-Presse, mit der er sich einen europäischen Namen als Herausgeber von deutschen und europäischen Klassikern und als führende Figur der »unabhängigen Druckereibewegung« im Geiste der englischen Arts and Crafts Theoretiker gemacht hatte, als Kosmopolit in seinen Augen deutschfeindlich geworden. Kesslers in Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Malik-Verlag 1921 erschienene Gedichtsammlung »Sulamith« von Wieland Herzfelde und »Eroberung« von Johannes R. Becher, »auf Old Stratford, Zanders Bütten und van Geldern-Zonen abgezogen und mit der Hand in Leder resp. Seide gebunden«, wie Karl Kraus bemerkte, sei ein Versuch, »Berlin auf Old Stratford zu drucken«. »Gott strafe England!« fasste er sein Urteil zusammen12. Umgekehrt inszenierten Verlage wie Malik die adlige Identität als Show und Pose, wie etwa im Falle des »Falschen Prinzen«, Harry Domela, der eine zeitlang in den Berliner Salons als »Prinz von Preußen« akzeptiert war und nach seiner Entlarvung in denselben gesellschaftlichen Kreisen als Schriftsteller und Entertainer gefeiert wurde. »Erraten Sie, welchen Eindruck Graf Keyserling auf Domela gemacht hat?«, fragte der Herausgeber von Domelas Autobiographie seine Leser auf dem Umschlag des Buches13.
Politisch wurden Adlige als alte Eliten wahrgenommen, doch sie selbst sprachen eher vom »alten Europa«, wie es Helene von Nostitz formulierte14. Mit einem Wachstum des Nationalstaatsgedankens als legitimierende Kraft politischer Herrschaft konfrontiert, konnten sie sich mit der neuen politischen Karte Europas wenig anfreunden. So war Hermann Keyserling bis zur Oktoberrevolution ein russischer Untertan, Richard Coudenhove-Kalergi bis zur Gründung Deutschösterreichs ein Mitglied der Habsburger Reichseliten, und Harry Graf Kessler bis zur Ausrufung der Republik ein Bürger des Deutschen Reichs, dessen Grafentitel im übrigen nur in Preußen und im Ausland anerkannt war. Nach 1918 wurde Keyserling zunächst estnischer, dann deutscher Staatsbürger, Coudenhove-Kalergi wurde, der Lage seines größten Familienbesitzes entsprechend, tschechoslowakischer Staatsbürger. Nur Kessler behielt seine Zugehörigkeit zum Deutschen Staat bei, wenngleich dieser jetzt als Republik neu definiert war. Keyserling verlor seinen Grundbesitz im Baltikum, und in Deutschland wurde sein Grafentitel zu einem Namensbestandteil, wie Kesslers, während Coudenhove-Kalergi nach den Beschlüssen des österreichischen Nationalrats seinen Titel nicht mehr offiziell führen konnte.
Aus dieser Position heraus, so die These des Forschungsprojekts, sind ihre Vorschläge zur Zukunft Europas zunächst als eine Suche nach Antworten auf die Frage zu verstehen, wie sich Adlige in der neuen politischen Landschaft Europas und den gesellschaftlichen Kreisen in Deutschland und Österreich, zu positionieren haben. Umgekehrt ergibt sich daher, dass die Europaidee dieser Zeit nicht nur als theoretischer politischer Diskurs zu sehen ist, sondern auch als eine Form publizistischer Selbstfindung einer bestimmten sozialen Gruppe. Nicht weniger als die Nobilitierungspolitik die internen Unterschiede innerhalb des Adels und die Fragmentation der »composite elites« im 19. Jahrhundert verstärkt hatte, vergrößerte die Abschaffung des Adels entgegen der Absicht der Politiker die intern differenzierte Identifikation innerhalb der gesellschaftlichen Eliten Deutschlands und Österreichs. Nach 1919 konnte man zwar nicht mehr geadelt werden, aber man konnte auch nicht mehr eine »historisch« adelige Identität annehmen. In gewissem Maße versiegelten die konstitutionellen Beschlüsse den Adel zu einer durch ihr historisches Bewusstsein geprägten Erinnerungsgemeinschaft, deren interne Fragmentierung durch die Krisenerfahrung eher reduziert wurde, während sich ihre Abgrenzung nach außen hin aufgrund ihrer historischen Identität verstärkte.
Krise als historisch erlebter sozialer Wandel
Dieser Begriff der Krise ist zentral für die Argumentation der Arbeit. Die Fokussierung auf den Krisenbegriff folgt einem Anstoß Eckart Conzes, der auf den Begriff als vergleichende Linse für die politische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts jenseits der nationalen Traditionen hingewiesen hatte15. Für mich war vor allem von Bedeutung, dass der Begriff sowohl ein soziales Ereignis, als auch einen psychologischen Zustand umschreibt, der gesellschaftliche Gruppen als Ganzes erfasst16. Dabei ist von Bedeutung, dass die von Koselleck als »Erfahrungsraum« und »Erwartungshorizont« vorgegebene Sphäre der politischen Imagination nicht nur vertikal, also zeitlich zu verstehen ist, sondern auch horizontal eine sich wandelnde gesellschaftliche Positionierung einbezieht17. In Anlehnung an die Theorie der kollektiven Intentionalität John Searles kann man die Krise als eine Dimension der individuellen Erfahrung betrachten, insofern sie sein Bewusstsein als Teil einer Gruppe (Familie, Nation, »Stand«) betrifft. Die Zeit ab 1918 wurde von Adligen in noch stärkerem Maße als von anderen Intellektuellen, die den europäischen »Untergang« zu beobachten glaubten, als eine erzwungene Neuinterpretation der eigenen Familiengeschichte in ihrem Verhältnis zur territorialen und kulturellen Identität sich wandelnder Staatsformationen erlebt. Drei biographische Kapitel widmen sich dem sozialen und intellektuellen Kontext ihrer Wege zur Europaidee. Das letzte, synthetische Kapitel schließlich, verlässt die biographische Ebene, um zusammenfassend die europäische Dimension der Krise des deutschsprachigen Adels in Mittel- und Osteuropa zu beleuchten.
In den Kreisen der »composite elites« Deutschlands und Österreichs, die etwa in den Häusern der Berliner Salonières Cornelie Richter oder Mechthilde von Lichnowksy versammelt waren, hatten adlige Schriftsteller eine spezifische Rolle. Von allen sozialen Gruppen, die durch die politische und soziale Umwälzung nach 1918 geprägt waren, war der Adel von deutschem kulturellem Hintergrund am stärksten betroffen. In Deutschland, Österreich, in den Baltischen Staaten und in der Tschechoslowakei kamen nach 1918 neue Regierungen an die Macht, die in vielfältiger Weise die Entmachtung des alten deutschsprachigen wenn nicht ausschließlich deutschstämmigen, an die Hohenzollern und Habsburger gebundenen Adels verlangten. Dies führte zu Enteignung, Titelverlust und Machtverlust von einem historisch neuartigen Umfang. Der lawinenartige Prozess, der in Europa mit der Oktoberrevolution begann und auf unterschiedliche Art auch Staaten erfasste, die nach dem Ersten Weltkrieg neu gegründet wurden, hatte seinen Hauptimpuls um das Jahr 1918 herum, doch dauerte die Zeit der intensiven gesellschaftlichen »Umwertung« des Adelsbegriffs zwei Jahrzehnte an. Die Zwischenkriegszeit ist in vielerlei Hinsicht als» zwanzigjährige Krise« zu bezeichnen, doch in besonders akuter Weise war sie eine Krise des Adels von deutschem kulturellen Hintergrund. Aus dieser Perspektive heraus wählten viele Adelige, die ursprünglich in den Peripherien der Habsburger-, Hohenzollern, oder Romanovreiche wirkten, wie Hermann Keyserling, Richard Coudenhove-Kalergi oder Karl Anton Rohan, sich deutsche und österreichische Städte zum Hauptwirkungsort, um nach einer neuen europäischen Politik auf den Schultern einer aristokratischen Gesellschaft zu verlangen. Diese Perspektive des alten Adels steht in einem deutlichen Kontrast zu der Sichtweise eines, im deutschen Kontext zumindest, neuen Adligen, in der Arbeit vertreten mit Harry Graf Kessler. Dieser findet sich nach 1918 umgekehrt damit ab, dass der Adel in seiner historischen Form keine politisch und kulturell dominante Rolle mehr anstreben konnte, wie auch der preußische Staat mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs für ihn ein Ende genommen hat. Trotzdem bleiben seine kulturellen Wertvorstellungen einer hierarchischen Gesellschaftsordnung mit einer kulturbestimmenden composite elite aus altem Adel und Bürgertum verhaftet.
Besonders deutlich wird die Verbindung von persönlicher Interpretation der Familiengeschichte und Projektion der europäischen Idee im Werk von Hermann Keyserling. Zum Ende der 1920er Jahre schrieb er sein einflussreiches Werk Das Spektrum Europas, das in wenigen Jahren sofort in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Dieser »Spektralanalyse« der verschiedenen psychischen und kulturellen Besonderheiten der europäischen Nationen folgten Bücher über Nord- und Südamerika, in denen stets Europa als wichtigster Orientierungspunkt blieb. Den Schwerpunkt seiner Reflexionen bildet die Feststellung, dass hierarchische Gesellschaftsordnungen stets höhere Kulturen erzeugen als nichthierarchische. Die Phase des »Sozialismus«, wie Keyserling die Gegenwart bezeichnete, müsste nach einer Zeit durch einen Aristokratismus der Zukunft abgelöst werden. Der Schaffung dieses neuen Aristokraten widmete sich die Schule der Weisheit unter seiner Leitung. Zu seiner eigenen Identität schrieb Keyserling, dass er sich »an erster Stelle« als sich selbst empfand, »an zweiter« als »Aristokraten«, an dritter als »ein Keyserling«, an vierter als »Okzidentaler«, an fünfter als »Europäer«, an sechster als »Balte«, an siebter als »Deutscher«, an achter als »Russe« und an neunter, schließlich, als »Franzose«18.
Synthese: Die Krise des Adels und die Europaidee
Der Adel ist, aus der Perspektive der modern demokratischen Theorien, zwar nur als theoretische Chimäre zu sehen - als eine gesellschaftliche Gruppe, die, wie ein Symbol, gleichzeitig für sich selbst steht und repräsentativ ist. Gleichzeit bleibt aber unbestreitbar, dass adelige Identität nicht nur eine persönliche Form von Selbstverständnis blieb, sondern auch auf das politische Denken und Verhalten Auswirkungen hatte. Dies gilt, aus meiner Sicht, in besonderer Weise für den Diskurs zur Identität und Zukunft Europas, der stark von adligen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit geprägt wurde.
Wie man anhand der Biographien Kesslers, Keyserlings und Coudenhoves sieht, war es zwar nicht allein die Zugehörigkeit zu verschiedenen Adelskategorien, die ihr politisches Bild beeinflusste. Doch ihre Positionierung als Adlige innerhalb bestimmter sozialer Konfigurationen, in der sie sich nach 1918 fanden, prägte ihre Sichtweise auf die europäische Politik. Der Zusammenhang zwischen ihrer autobiographischen Reflexion, ihrer sozialen Position innerhalb von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, und ihren Vorstellungen von Adel unterscheidet adlige Intellektuelle von weiteren Zeitgenossen, die Neuadelsvorstellungen an den Tag legten. Insofern grenzt sich dieses Projekt von Forschungsansätzen ab, die versuchen, dem Beispiel von Paradigmen wie der »konservativen Revolution« folgend, aus einer ideengeschichtlichen und individualbiographischen Analyse einen Neuadelsdiskurs herauszuschälen19. Wie mir scheint, diente der Ruf nach einer Erneuerung und Neuerfindung des historischen Adels nach 1918 vielen Autoren zu recht unterschiedlichen Zwecken. Die Substanz ihrer Vorschläge wird erst deutlich, wenn man ihre Motivationen zur Projektion gesellschaftlicher und geopolitischer Utopien durch eine gruppenbiographische und kontextorientierte Analyse untermalt. Man kann diesen Ansatz mit Norbert Elias' Begriff der sozialen »Konfigurationen« bezeichnen, in denen man individuelle Autoren vorfindet und deren Veränderung ihre Ideen maßgeblich beeinflusst20.
Abschließend lassen sich zwei Bemerkungen zu dieser konfigurationsbezogenen Perspektive auf die Europaidee der Zwischenkriegszeit machen. Die erste betrifft die Einschätzung des Charakters der europäischen Idee, die von den hier genannten Autoren entwickelt wurde, in ihrem Verhältnis zur nationalsozialistischen Europaidee als negatives und der Europäischen Union als positives Bild. In der jüngsten wissenschaftlichen Forschung, vor allem in der deutschen Literatur, herrscht schon länger eine kritische Auseinandersetzung mit dem Europadiskurs der 1920er und 1930er Jahre vor. Allerdings ist diese Kritik oft hauptsächlich dahin ausgerichtet gewesen, dass sie die Rolle der Europa-Autoren in der Festigung des Naziregimes untersuchte21. In dieser jüngeren kritischen Literatur, die auf den Zusammenhang zwischen adeliger Herkunft und dem Europadiskurs hinweist, wird vielfach auf die reaktionären Aspekte der elitären, wie Guido Müller es formulierte, »adlig-bürgerlichen« Europaideen hingewiesen22. In der Tat wollten viele deutschsprachige Europatheoretiker eine »Synthese aus Wien, Weimar und Potsdam« als Herzstück Europas23. Ohne dieser Einschätzung der deutschen Europaideen als Form pangermanischen Dominanzstrebens ganz widersprechen zu wollen, unterstreicht die vorliegende Arbeit dagegen, dass die Vordenker der europäischen Einigung der Zwischenkriegszeit eine politisch weit vielfältigere Umwertung der Werte suchten. Dies gilt insbesondere für adlige Autoren, die das Projekt als existenzielle Selbstfindung empfanden. Inspiriert von Nietzsches Reflexionen zum Adel sowie anderen politischen Theorien ihrer Zeit, hatten ihre Ideen dabei keineswegs nur reaktionären Charakter. Unter anderem stelle ich Verbindungen zur Europaidee der »anti-europäisch« gesinnten Bewegungen wie etwa der französischen Négritude oder der russischen Eurasier auf, und weise daraufhin, dass umgekehrt deutschsprachige Europa-Theoretiker wie Kessler von den politischen Ideen der britischen Fabians und vom Austro-Marxismus beeinflusst worden waren. Einflüsse in beiden Richtungen sind vor allem durch persönliche Kontakte der Autoren mit Personen des öffentlichen Lebens der französischsprachigen afrikanischen und karibischen Minderheiten und anderen Intellektuellen zu erklären24. Gerade die oft als existenziell erlebte Krise des Adels erlaubte es adligen Europa-Theoretikern, Ideen zu entwickeln, die so unterschiedliche gesellschaftliche Vorstellungen berücksichtigen und beeinflussen konnten. So zeigt der Blick auf Autoren in einem gruppenbiographischen Kontext, wie stark die intellektuellen Wurzeln politischer Theorie von den sozialen Netzwerken ihrer Autoren geprägt werden.
Die zweite Bemerkung zum Abschluss hat mit der Debatte zu tun, inwiefern die historische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Europaidee dazu beitragen kann, eine heute plausible europäische politische Identität zu entwickeln. In diesem Zusammenhang wird vielfach versucht, dem vielschichtigen historischen Erbe des europäischen politischen Diskurses Homogenität zu verleihen25. Dabei kommen Widersprüche an den Tag. Einer der Widersprüche ist etwa die schwierige Nachbarschaft der Idee einer repräsentativen Politik und ihrer europäischen Geschichte als politischem Wert mit der Praxis der elitär geprägten internationalen europäischen »Geselligkeit«, die ohne Repräsentation funktioniert. Dieser Widerspruch wird im Werk der adligen Europatheoretiker wie Keyserling besonders deutlich, der gerade darin den Vorzug des europäischen Adels sah: geboren und erzogen, um zu repräsentieren, waren die Privilegien des Adels gleichzeitig seine politische Pflicht. Obwohl durch bestimmte Kulturen geprägt, waren Adlige doch auch stets einer internationalen Gesellschaft zugehörig, die ihnen eine Vogelperspektive auf die europäische Politik erlaubte. Der Adel mag als soziale Formation ein Anachronismus sein, doch als Perspektive auf Geschichte und Politik ist er keinesfalls aus der europäischen Politik wegzudenken, solange diese dem Historismus der Nationalstaatstheoretiker treu bleibt und ihre Gemeinschaft aus der Geschichte heraus definiert. Der Europadiskurs von Adligen nach 1918 scheint ein Beispiel von einer Art Selbstüberwindung des Adels zu bieten, aus dem es jedoch kaum gelingen kann, ein nichtaristokratisches Gesellschaftsmodel zu entwickeln. Vielmehr scheint dieser Fall eher Einsichten zu bieten, wie stark sich ein privat, innerhalb von Familien tradiertes historisches Selbstbewusstsein dem staatlichen Eingreifen durch legislativ erzeugte gesellschaftliche Veränderungen widersetzen kann.
Autorin:Dr.
Dina Gusejnova
Peterhouse
University of Cambridge
UK Cambridge CB2 1RD
dgusejnova@uchicago.edu
1 Anne-Marie Saint-Gille, La Paneurope. Un débat d' idées dans l' entre-deux-guerre, Paris 2003; S. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, Paneuropa, Wien 1923; ders., Adel-Technik-Pazifismus, Wien, Leipzig 1925; Hermann Keyserling, Das Spektrum Europas, Heidelberg 1928; Karl Anton Rohan (Hg.), Europäische Revue (1925 – 1943); Harry Graf Kessler, Germany and Europe, New Haven 1923.
2 Zu den bestehenden Biographien dieser Autoren siehe Laird Easton, The Red Count. The Life and Times of Harry Kessler, Berkeley, Los Angeles, London 2002; Anita Ziegerhofer-Prettenthaler, Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren, Wien 2004; Vanessa Conze, Richard Codenhove-Kalergi: umstrittener Visionär Europas, Gleichen 2004; Ute Gahlings, Hermann Graf Keyserling. Ein Lebensbild, Darmstadt 1996 (Darmstädter Schriften, 68).
3 Vgl. dazu Vanessa Conze, Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920-1970), München 2005; Guido Müller, ›Europa‹ als Konzept adlig-bürgerlicher Elitendiskurse, in Heinz Reif (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland II. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert, Berlin 2001, S. 235–268.
4 Zu den deutschen composite elites siehe vor allem Werner Mosse, ›Adel und Bürgertum im Europa des 19. Jahrhunderts. Eine vergleichende Betrachtung‹, in Jürgen Kocka (Hg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, München 1988.
5 Siehe Adelsaufhebungsgesetz, StGbl. Nr. 211, Vollzugsanweisung vom 18. April 1919, und StGbl 237.
6 Artikel 7 der Österreichischen Verfassung von 1920.
7 Zu diesem Aspekt der Abschaffung siehe Bernhard Raschauer, Namensrecht: eine systematische Darstellung des geltenden österreichischen und des geltenden deutschen Rechts, Wien, New York 1978.
8 Harry Graf Kessler, Tagebucheintrag vom 24.12.1918, in Harry Graf Kessler, Das Tagebuch 1880-1937 (Hg. von Roland S. Kamzelak and Ulrich Ott), Stuttgart 2004-2008.
9 Siehe dazu Karl Kraus, Der Adel von seiner schriftstellerischen Seite, in: Die Fackel 27 (1925), S. 137, in: http://corpus1.aac.ac.at/fackel/, <1.10.2008>.
10 Kurt Tucholsky, Peter Panter, Der Darmstädter Armleuchter, in: Die Weltbühne, 25, 19. Juni 1928, S. 936.
11 NN, One Europe, Time Magazine, 26.3. 1945, http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,803470,00.html?iid=chix-sphere <5.11.2008>.
12 Karl Kraus, Notizen: Was es in Berlin noch gibt, in Die Fackel 29, 9. Oktober 1917, S 89. Kraus bezieht sich auf Harry Kessler (Hg.), Virgil, Eclogae & Georgica, Latine et Germanice. Volumen prius: Eclogae, Weimar, Cranach 1914; Wieland Herzfelde, Sulamith, Berlin 1917.
13 Harry Domela, Der falsche Prinz, Berlin 1926.
14 Helene von Nostitz, Aus dem alten Europa, Leipzig 1924.
15 Eckart Conze, Only a dictator can help us now. Aristocracy and the Radical Right in Germany between the Wars, in Karina Urbach (Hg.), European Aristocracies and the Radical Right 1918–1939, Oxford 2007, Kapitel 8.
16 Siehe Dazu E.H. Carr, The twenty years’ crisis, 1919-1939: an introduction to the study of international relations, Basingbroke 2001.
17 Vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 1988, S. 349-76.
18 In: Keyserling, Das Spektrum Europas, S. 450-451.
19 So etwa in: Alexandra Gerstner, Neuer Adel: Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus, Darmstadt 2008.
20 Der Begriff der Konfiguration wird zum ersten mal entwickelt in Norbert Elias und John L. Scotson, The Established and the Outsiders, London 1965, S. 170-171.
21 Siehe etwa Stephan Malinowski, Vom König zum Führer: Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat, Berlin 2003; Ian Kershaw, Making Friends with Hitler: Lord Londonderry and the Roots of Appeasement, London 2004; Jonathan Petropoulos, Royals and the Reich: The Princes von Hessen in Nazi Germany, Oxford, New York 2006; Walter Struve, Elites against Democracy. Leadership Ideals in Bourgeois Political Thought in Germany, 1890-1933, Princeton 1973.
22 In Müller, ›Europa‹ (wie Anm. 3). Siehe auch Luisa Passerini, Europe in Love, Love in Europe, New York 1999.
23 Karl Anton Rohan, Die Aufgabe der Europäischen Revue im neuen Deutschland, Europäische Revue 5 (1933), S. 535.
24 Siehe dazu etwa die Rezeption von Keyserlings Werk bei Léopold Sédar Senghor in Jacques Louis Hymans, Léopold Sédar Senghor: an intellectual biography, Edinburgh 1971. Und Senghor ’s Memoiren, Négritude et Humanisme, Paris 1964.
25 Vgl. Jürgen Kocka, Wege zur politischen Identität Europas. Europäische Öffentlichkeit und europäische Zivilgesellschaft, in http://www.fes-online-akademie.de/modul.php?md=5&c=texte&id=59 <1.3.2008>.
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