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J. Großmann: »Vom Rand zur Mitte«?

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»Vom Rand zur Mitte«?

Discussions 2 (2009)

Johannes Großmann

»Vom Rand zur Mitte«?

Adel und Politik nach 1945 am Beispiel des Centre européen de documentation et d’information (CEDI)



Abstract

Ein aufschlussreiches Beispiel für adelige Versuche, die politische Entwicklung in Europa nach 1945 zu beeinflussen, ist das in Spanien gegründete Centre européen de documentation et d ’information (CEDI). Zu seinen Protagonisten zählten Otto von Habsburg sowie Mitglieder der fürstlichen Familien von Liechtenstein und Waldburg-Zeil, die sich im CEDI mit konservativen Politikern, Militärs und Geschäftsleuten aus Westeuropa trafen. Mit dem kollektivbiographischen Ansatz der ›Biographies croisées‹ soll insbesondere die Rolle von Adeligen im CEDI näher untersucht werden. Auf Basis bisheriger Quellenarbeit lässt sich die Hypothese formulieren, das CEDI habe der Demokratie gegenüber zunächst sehr skeptische Teile des Konservatismus an ›westliche‹ Werte herangeführt. Dies trifft vor allem für seine adeligen Mitglieder zu, die zwar weiterhin politischen Einfluss nehmen konnten, gleichzeitig aber einen Gesinnungswandel von autoritärem Denken hin zu demokratischen Vorstellungen vollzogen.

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»An sich ist es grotesk, daß in den zentraleuropäischen Demokratien, in denen der Adel abgeschafft oder höchstens als Teil des Namens gestattet ist, er auf der einen Seite nach wie vor als bevorzugter Stand angegriffen und bekämpft, auf der anderen Seite dagegen versucht wird, ihn als nicht mehr qualifiziert für das heutige politische Leben zu betrachten«1. Nur selten sprachen die Mitglieder des Centre européen de documentation et d ’information (CEDI) offen über die für Außenstehende so auffällige adelige Beteiligung an ihren Aktivitäten. Wenn Georg von Gaupp-Berghausen, der langjährige Generalsekretär des CEDI, im Oktober 1963 auf einer Ratsversammlung in Stuttgart dennoch zu dieser Frage Stellung bezog, so geschah dies in Reaktion auf mehrere Presseartikel, die sich in den vorangegangenen Wochen und Monaten meist kritisch über jenes »Zentrum der ›Hintergründigen‹«2 geäußert hatten. Tatsächlich, so Gaupp-Berghausens Erklärung für diese Anfeindungen, sei man böse, »daß in unseren Reihen Persönlichkeiten aus alten europäischen Häusern nicht nur materiell sondern persönlich tätig sind, und zwar so tätig, daß es keinen geeigneten Stoff, nach Geschmack dieser Herren, für Illustrierte gibt«3. Wo aber lag die Motivation für das adelige Engagement im CEDI? Was waren die Zusammenhänge, in denen sich diese Organisation bewegte, und welche Ziele verfolgte sie?

Fragestellung und Methode der ›Biographies croisées‹

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Im Unterschied zu den meisten anderen hier präsentierten Artikeln geht die vorliegende Untersuchung nicht von einer adelshistorischen Perspektive aus, sondern verfolgt einen in erster Linie diplomatiegeschichtlichen Ansatz. Dessen eigentliches Ziel ist es, einen Beitrag zur Erforschung der biographischen und gesellschaftlichen Dimension internationaler bzw. transnationaler Beziehungen zu leisten. Im Zentrum dieser Studie steht also explizit die Frage nach der politischen Einflussnahme von Adeligen auf internationaler Ebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ergibt sich aus der Natur der Sache, dass eine derartige kollektivbiographische Untersuchung, wenngleich sie sich auf die politische Rolle des Adels konzentriert, auch gesellschaftsgeschichtliche, ideengeschichtliche und im weitesten Sinne kulturgeschichtliche Perspektiven einbeziehen muss. Außerdem – und hier liegt eine wichtige Neuerung gegenüber der bisherigen Forschung zum Adel im zwanzigsten Jahrhundert – greift dieser Beitrag so weit wie möglich über den rein nationalstaatlichen Kontext hinaus, um sich der Analyse eines europaweiten Kommunikationsraumes, eines ›transnationalen sozialen Raumes‹4 zuzuwenden.

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Die hier gewählte Untersuchungsmethode kann wohl am besten mit dem Begriff der ›Biographies croisées‹ charakterisiert werden. Dieser greift den in der jüngeren Forschung zu transnationalen Beziehungen immer stärker verbreiteten Terminus der ›Histoire croisée‹ auf, der von Michael Werner und Bénédicte Zimmermann formuliert wurde, um den scheinbaren methodischen Gegensatz von vergleichenden und transferorientierten Ansätzen zu überbrücken und deren methodische Engführung gleichzeitig durch eine multiperspektivische Herangehensweise aufzuheben5. Das eigentliche Ziel der ›Histoire croisée‹ ist, Geschichte auf übernationaler Ebene nicht nur als Gesamtheit der bilateralen Beziehungen zwischen einzelnen Nationalstaaten mit ansonsten voneinander getrennter historischer Entwicklung zu verstehen, sondern als gemeinsam erlebte Geschichte von Gesellschaften. Übertragen auf die Biographie als klassische historische Disziplin bedeutet ›Biographies croisées‹ erstens, dass nicht nur eine sondern mehrere Biographien zum Gegenstand der Analyse werden. Im Vordergrund steht dabei weniger der Vergleich als die Frage nach der phasenweisen Parallelität, der Überschneidung und Verknüpfung mehrerer Lebenswege, aus der sich dann eine neue und eigene Dynamik entwickeln und auf die Einzelpersonen zurückwirken kann. Der Terminus der ›Biographies croisées‹ verweist ferner darauf, dass diese Lebenswege nicht als Selbstzweck, sondern im Kontext der jeweiligen politischen, sozio-ökonomischen, kulturellen und ideengeschichtlichen Zusammenhänge untersucht werden müssen. Denn gerade in diesem Zusammenspiel von strukturellen Entwicklungen und persönlichem Erleben besteht der eigentliche Erkenntnisgewinn biographischer Studien. Mit der Methode der ›Biographies croisées‹ soll schließlich explizit die grenzüberschreitende, transnationale Dimension persönlicher Werdegänge und persönlichen Erlebens erfasst werden, wodurch sich die historische Biographie zu einem unverzichtbaren analytischen Instrument für die Erfassung transnationaler und multilateraler Beziehungen wandeln würde.

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Um einen klar abgrenzbaren Untersuchungsgegenstand zu erhalten, bietet sich an, die Protagonisten bestimmter Interessengruppen oder Schicksalsgemeinschaften unter die Lupe zu nehmen. Diese Personenkreise sind dann besonders gut greifbar, wenn sie sich in Organisationen institutionalisieren, an denen beispielhaft das Verhalten einer bestimmten Gruppe analysiert werden kann. Die Nachkriegszeit, in der die Zahl der Neugründungen transnationaler Organisationen in Westeuropa geradezu explosionsartig anstieg6, stellt dafür einen besonders ergiebigen Rahmen dar. Wie die Mitglieder anderer sozialer Gruppen versuchten auch Adelige, über derartige Organisationen Einfluss auf die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen zu nehmen. Ein besonders signifikantes Beispiel dafür ist das CEDI, das den Gegenstand dieses Beitrages bildet7.

Entstehung, Mitglieder und politische Bedeutung des CEDI

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Das CEDI war 1952 mit großzügiger finanzieller und ideeller Unterstützung der spanischen Regierung ins Leben gerufen worden. Sein Gründungsvater war Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn und Thronprätendent der untergegangenen Donaumonarchie8. Ziel dieser illustren Gesellschaft sollte es sein, auf eine Einigung Europas unter konservativen und christlichen Vorzeichen hinzuwirken. Diese nur auf den ersten Blick eindeutige politische und weltanschauliche Stoßrichtung wurde gemeinhin unter dem ebenso unbestimmten wie umstrittenen ›Abendland‹-Begriff gefasst, wobei die Bekämpfung marxistischen Gedankengutes und die Ablehnung der bipolaren Nachkriegsordnung Europas als feste Konstanten den Zusammenhalt der Gruppe sicherten. Erstes Anliegen des CEDI war die Beendigung der internationalen Ächtung, mit der das Franco-Regime seit Ende des Zweiten Weltkriegs als vermeintliches Relikt der faschistischen und nationalsozialistischen Epoche belegt worden war. Mehrere spanische Minister und Spitzenfunktionäre wie Alberto Martín Artajo, Gonzalo Fernández de la Mora und Manuel Fraga Iribarne, die größtenteils dem reformerisch gesinnten Flügel des Regimes zuzuordnen waren, gestalteten die Tätigkeit des CEDI aktiv mit und versuchten, die Organisation für ihre eigenen politischen Ambitionen nutzbar zu machen9. Aber auch hochrangige deutsche Politiker, darunter vor allem Hans-Joachim von Merkatz und Richard Jaeger, engagierten sich im Dokumentationszentrum10.

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Besonders auffällig am CEDI war jedoch die rege Partizipation von Adeligen. Neben Otto von Habsburg zählten Mitglieder der fürstlichen Familien von Liechtenstein, Schwarzenberg, Starhemberg und Waldburg-Zeil zu den prominentesten Adeligen im CEDI. Die traditionellen Bindungen und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen dem süddeutschen, katholischen Hochadel und den österreichischen und böhmischen Fürsten bzw. Standesherren mögen hier eine wichtige Rolle gespielt haben. Doch auch darüber hinaus engagierten sich im CEDI eine Vielzahl von Grafen, Freiherren und Lords für ein Europa nach christlich-konservativen Vorstellungen. Die prächtigen Jahreskongresse des CEDI, abgehalten meist im altehrwürdigen und symbolträchtigen Escorial vor den Toren Madrids, mussten Außenstehenden deshalb den Eindruck vermitteln, als träfen hier Vertreter einer längst vergangenen Welt zusammen11. Tatsächlich jedoch hatte die Organisation weitaus mehr zu bieten als die bloße Reminiszenz an eine vormalige Machtstellung. Denn insbesondere die adeligen Mitstreiter des CEDI hatten in der Europäischen Integration ein politisches Betätigungsfeld gefunden, das ihren persönlichen Erfahrungen, Vorstellungen und Möglichkeiten scheinbar so gut entsprach wie kein anderes. Gerade der politische Horizont des Hochadels hatte sich, zumindest nach eigener Darstellung, schon immer mehr auf Europa als auf die Nation bezogen. Gesellschaftliche und finanzielle Unabhängigkeit, eine fundierte Bildung, politische Weitsicht und die Fähigkeit, kurzfristige Entwicklungen in ihren breiteren historischen Zusammenhang einzuordnen, prädestinierten viele Adelige, zur Diskussion über gemeinsame europäische Wurzeln und Werte beizutragen. Nicht zuletzt konnte insbesondere der Hochadel ein weit verzweigtes und verlässliches Netz von internationalen Kontakten vorweisen, das auf verwandtschaftlichen Beziehungen fußte und alle europäischen Länder, also nicht nur die Mitgliedstaaten der europäischen Institutionen, mit einbezog12.

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Die konkrete politische Bedeutung des CEDI und sein Einfluss auf die internationalen Beziehungen sind nur schwer einzuschätzen. Unumstritten ist die zentrale Rolle, die der Organisation während der fünfziger und frühen sechziger Jahre in den deutsch-spanischen Beziehungen zufiel und die sich am besten mit dem Begriff der ›Substitutionsdiplomatie‹ umschreiben lässt13. In der Forschung bisher kaum bekannt ist die Bedeutung des CEDI für die gaullistische Europapolitik14. Seit Mitte der fünfziger Jahre engagierten sich enge Vertraute De Gaulles, unter ihnen Louis Terrenoire, Edmond Michelet, Michel Habib-Deloncle und zeitweise auch Michel Debré, in der französischen Sektion des CEDI, das deshalb im Frühling 1958 kurzzeitig zur vielleicht wichtigsten Informationsquelle der deutschen Bundesregierung über den neuen Kurs in Frankreich wurde. Auf eine direkte Initiative des CEDI zurückzuführen war außerdem die Parteienkooperation zwischen der französischen UNR-UDT und den deutschen Christdemokraten, die im Januar 1963 parallel zu den Bemühungen um den Élysée-Vertrag eingeleitet wurde. Ein derart offenes Eintreten für konkrete politische Ziele war jedoch eher selten. Vielmehr scheint es geradezu überraschend, dass eine Gruppe von derart namhaften, einflussreichen und mächtigen Personen im Rahmen des CEDI kaum vorweisbare politische Erfolge erzielen konnte. Die eigentliche Wirkungsmacht des CEDI lag daher wohl eher in seiner Sozialisierungsfunktion und in der Bereitstellung wichtiger internationaler Kontakte – wobei persönlichen Motivationen eine besonders hohe Bedeutung zugemessen werden muss.

Adelshistorische Dimension und Quellenlage

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Aus adelshistorischer Perspektive ist bemerkenswert, dass der Hochadel sich im CEDI – anders als noch in der Zwischenkriegszeit – von Anfang an zu einer konstruktiven politischen Zusammenarbeit mit nicht-adeligen Vertretern aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen bekannte15. Standeszugehörigkeit allein genügte dementsprechend auch nicht, um eine Mitgliedschaft im CEDI zu rechtfertigen. Das primäre und unverzichtbare Aufnahmekriterium war vielmehr politischer Natur, nämlich ein klares Bekenntnis zu konservativem Weltbild und zu konservativen Ordnungsvorstellungen. Nachgeordnete Auswahlkriterien waren einerseits Bildung – im Sinne eines hohen intellektuellen Niveaus und einer guten Kenntnis der internationalen Entwicklungen –, andererseits eine gehobene Stellung im politischen, wirtschaftlichen, militärischen oder kulturellen Leben. In ideologischer Hinsicht lassen sich drei konstante Größen ausmachen, die sowohl die Denkstrukturen als auch das Selbstbild praktisch aller CEDI-Mitglieder prägten. Dazu gehörte erstens ein gerade in den fünfziger Jahren besonders ausgeprägter Widerstandshabitus, der im Falle der adeligen Mitglieder sowohl auf tatsächliches oder vermeintliches Widerstandsverhalten deutscher Adeliger, als auch auf das harte Vorgehen der Nationalsozialisten gegenüber österreichischen Adeligen und insbesondere gegen das Haus Habsburg rekurrierte16. Zweitens ein scharfer Antikommunismus, der sich in seiner spezifisch adeligen Ausprägung einerseits noch aus der Zeit des russischen Bürgerkrieges, andererseits aus den Erlebnissen von gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostmitteleuropa vertriebenen Verwandten speiste17. Drittens schließlich das eindeutige Bekenntnis zu christlichen Werten – anfänglich noch rein auf die katholische Kirche bezogen, doch schon erstaunlich früh mit interkonfessioneller Stoßrichtung18.

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Die so entstandene Gruppe war letztlich kaum weniger homogen und exklusiv als eine Adelsgesellschaft. Sie bot den adeligen Mitgliedern jedoch die Möglichkeit, in geschütztem Rahmen über den familiären Tellerrand hinauszublicken und sich, trotz des Verlusts rechtlicher Privilegien, weiterhin als Teil einer europäischen Elite zu verstehen. Das Spektrum adeliger Betätigung im CEDI reichte dabei von der Übernahme von Führungs- und Repräsentationsaufgaben – insbesondere durch Otto von Habsburg – über das politische Mäzenatentum eines Fürsten von Waldburg-Zeil19 bis hin zur totalen Aufopferungsbereitschaft im Rahmen organisatorischer Funktionen wie im Falle des Generalsekretärs Gaupp-Berghausen. Was das Fortbestehen binnenadeliger Hierarchien angeht, so scheint eine Aussage von Fürst Waldburg-Zeil über die Tätigkeit eben dieses Georg Reichsritter von Gaupp-Berghausen besonders aussagekräftig: »Er war ein treuer Diener«.20 Auch beharrte man zumindest im Schriftverkehr und in der Außendarstellung des CEDI konsequent auf Adelstiteln und Adelsprädikaten. Bemerkenswert ist jedoch, dass die nichtadeligen Mitglieder des CEDI ohne größere Diskussionen ihren eigenen Platz innerhalb diesem, eben nicht mehr geschlossenen hierarchischen System finden konnten. Parameter für deren Rang und Funktion innerhalb des Dokumentationszentrums waren dabei ihre jeweilige gesellschaftliche und politische Stellung, vor allem jedoch ihre moralische Integrität. Trotz all dieser ungeschriebenen, aber äußerst stabilen Hierarchien blieb das Selbstbild der CEDI-Mitglieder jedoch über all die Jahre hinweg das eines elitären internationalen ›Freundeskreises‹21.

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Es liegt nahe, dass sich die Aktivitäten einer Organisation, die sich in der Grauzone zwischen offiziellen internationalen Kontakten und ›privater Außenpolitik‹22 bewegte, nicht allein auf der Basis staatlichen Quellenmaterials erschließen lassen. Zwar finden sich in den großen staatlichen Archiven der betroffenen Länder und insbesondere in den Aktenbeständen der Außenministerien immer wieder vereinzelte Hinweise, wie beispielsweise die jeweiligen Botschaftsberichte über die Jahrestagungen des CEDI23. Insgesamt bietet dieses Material – abgesehen vom Archiv des spanischen Außenministeriums, dem das spanische Zentrum de facto angegliedert war – nur wenig Erkenntnisse über das Innenleben der Organisation. Weitaus hilfreicher sind in dieser Hinsicht die Privatnachlässe früherer Mitglieder und Sympathisanten des CEDI. In Deutschland, wo viele Politiker ihre Nachlässe an die parteinahen Stiftungen abgeben, erweist sich diese Herangehensweise als besonders ergiebig24. Schwieriger ist die Archivlage in Frankreich, vor allem aber in Österreich und in Spanien, wo man nur in den seltensten Fällen Zugriff auf private Unterlagen erhält. Als ganz besondere Herausforderung erweisen sich dabei die Bemühungen, an Quellenmaterial zu gelangen, auf dessen Grundlage die Perspektive der adeligen CEDI-Mitglieder erschlossen werden könnte. Deren Unterlagen, Korrespondenzen und Manuskripte sind – wenn ihre Existenz überhaupt in Erfahrung gebracht werden kann – meist in Familienarchiven abgelegt, auf deren Bestände zum 20. Jahrhundert externe Forscher nur in seltenen Fällen unbeschränkt zugreifen können25.

Erste Ergebnisse

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Auf Grundlage der bisherigen Quellenarbeit lässt sich die Hypothese formulieren, das CEDI – eigentlich konzipiert für eine Einflussnahme auf die politische Entwicklung im konservativen Sinne – habe letztlich wichtige und der Demokratie gegenüber zunächst sehr skeptische Teile des Konservatismus an ›westliche‹ Werte herangeführt. Dies trifft insbesondere für die adeligen Mitglieder zu, die im Rahmen des CEDI weiterhin Einfluss auf das politische Geschehen nehmen konnten, gleichzeitig jedoch einen Gesinnungswandel weg von autoritärem Denken und hin zu demokratischen Entscheidungsformen durchliefen26. Interessant ist, dass sich dabei einzelne Elemente adeliger Lebensführung wie die ›Vererbung‹ politischer und gesellschaftlicher Funktionen in modifizierter Form erhielten und teilweise sogar von den ›bürgerlichen‹ Mitgliedern des CEDI kopiert wurden. Doch nicht nur im Hinblick auf das Zusammenspiel von ›adeligen‹ und ›bürgerlichen‹ Verhaltensweisen, sondern auch im breiteren Kontext der für die Nachkriegszeit so entscheidenden Synthese von konservativen und liberalen Gesellschaftsentwürfen und Ordnungsvorstellungen legt das Beispiel des CEDI den Schluss nahe, dass eher von einer gegenseitigen Beeinflussung als von einseitigen Entwicklungstrends ausgegangen werden sollte. Dies widerspricht der Ansicht, die ›Abendländische Bewegung‹ stelle eine zwar einflussreiche gesellschaftliche Strömung der Nachkriegszeit dar, sei jedoch letztlich auf dem ideengeschichtlichen Abstellgleis geendet27. Vielmehr hatten konservative Vordenker und mit ihnen auch eine nicht unerhebliche Zahl von Adeligen im CEDI ein geeignetes Instrument gefunden, um am politischen Leben der Nachkriegszeit zu partizipieren und ihren Einfluss in Europa geltend zu machen, ohne dabei in restaurative oder reaktionäre Stereotypen zurückzufallen. Aus Konservativen waren konservative Demokraten geworden.

Autor:

Johannes Großmann
j.grossmann@mx.uni-saarland.de

1 Bericht des Generalsekretärs Georg von Gaupp-Berghausen vor dem Internationalen Rat des CEDI in Stuttgart am 26.10.1963, Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP), Nachlass Richard Jaeger, D 82.

2 Ein Zentrum der »Hintergründigen«. Adelsthing oder doch internationale Pressionsgruppe?, in: Hamburger Echo, 20.06.1963; vgl. außerdem beispielsweise Gustav Herrmann, Das CEDI gibt manche Rätsel auf. Ein internationales Adelsthing in Spanien mit prominenten deutschen Gästen, in: Frankfurter Rundschau, 13.09.1963.

3 Bericht Gaupp-Berghausens vor dem Internationalen Rat des CEDI (wie Anm. 1).

4 Guido Müller, Internationale Gesellschaftsgeschichte und internationale Gesellschaftsbeziehungen als historische Sozialwissenschaft, in: ders., Eckart Conze, Ulrich Lappenküper (Hg.), Geschichte der internationalen Beziehungen. Erneuerung und Erweiterung einer historischen Disziplin, Köln 2004, S. 231–258, hier S. 250.

5 Vgl. instruktiv Michael Werner, Bénédicte Zimmermann, Penser l histoire croisée. Entre empirie et réflexivité, in: dies. (Hg.), De la comparaison à l ’histoire croisée, Paris 2004, S. 1549.

6 Zur Entwicklung internationaler Nichtregierungsorganisationen seit dem 19. Jahrhundert und zum Gründungsboom von nichtstaatlichen internationalen Organisationen nach 1945 vgl. aus eher soziologischer Perspektive John Boli, George M. Thomas, INGOs and the Organization of World Culture, in: dies. (Hg.), Constructing World Culture. International Nongovernmental Organizations since 1875, Stanford/California 1999, S. 13–49, insbesondere S. 22f.

7 Einen guten Überblick über die Geschichte des CEDI bis in die 1960er Jahre gibt Vanessa Conze, Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920–1970), München 2005, insbesondere S. 169–206.

8 Zur Person siehe die autorisierte Biographie von Stephan Baier, Eva Demmerle, Otto von Habsburg. Die Biographie, Wien 2002, darin zum CEDI S. 239–241; aus journalistischer Feder und spanischer Sicht vgl. Ramón Pérez Maura, Del Imperio a la Unión Europea. La huella de Otto de Habsburgo en el siglo XX, Madrid 1997, insbesondere S. 275–306.

9 Zur innerspanischen Perspektive vgl. beispielsweise Antonio Moreno Juste, Actitud y reacción de España ante Europa (1951-1962). Franquismo y construcción europea, Univ.-Diss., Madrid 2001, S. 401–421, veröffentlicht im Internet, URL: http://www.ucm.es/BUCM/tesis/19911996/H/0/AH0026601.pdf <29.10.2008>; ders., El Centro Europeo de Documentación e Información. Un intento fallido de aproximación a Europa, in: Javier Tusell, Susana Sueiro, José María Marín, Marina Casanova (Hg.), El régimen de Franco (1936–1975), Madrid 1993, S. 459–475; Pedro Carlos Gunzález Cuevas, Neoconservatismo e identidad europea. Una aproximación histórica, in: Spagna contemporanea 13 (1998), S. 41–60.

10 Die deutschen Vertreter im CEDI stammten ursprünglich aus dem Umfeld der Abendländischen Akademie. Zu dieser Organisation vgl. ausführlich Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideengeschichte der 50er Jahre, München 1999, S. 21–82; Rudolf Uertz, Konservative Kulturkritik in der frühen Bundesrepublik Deutschland. Die Abendländische Akademie in Eichstätt (1952–1956), in: Historisch-Politische Mitteilungen 8 (2001), S. 45–71; Conze, Europa (wie Anm. 7), S. 127–169.

11 Eine Übersicht über die Jahreskongresse des CEDI bis 1971 gibt der Jubiläumsband von Georg von Gaupp-Berghausen (Hg.), 20 años C.E.D.I., Madrid 1971; außerdem wurden in Spanien jährlich Sammelbände mit den Rede- und Diskussionsbeiträgen der jeweiligen Kongresse gedruckt.

12 Bisher gibt es keine Untersuchung über Verhalten und Einstellung von Adeligen und insbesondere von vormals regierenden Häusern gegenüber der Europäischen Integration. Aussagen zu Übereinstimmungen und Widersprüchen zwischen adeligem Europadiskurs und tatsächlichem politischen Verhalten können daher nur auf spekulativer Basis getroffen werden. Es weist jedoch einiges darauf hin, dass die vermeintliche Kontinuität europäischen Denkens und Handelns erst vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges in den Mittelpunkt adeliger Diskurse rückte.

13 Birgit Aschmann, »Treue Freunde…«? Westdeutschland und Spanien 1945–1963, Stuttgart 1999, S. 425–435; zur Rolle des CEDI in den deutsch-spanischen Beziehungen vgl. außerdem Petra-Maria Weber, Spanische Deutschlandpolitik 1945–1958. Entsorgung der Vergangenheit, Saarbrücken, Fort Lauderdale 1992, S. 205–268; Carlos Sanz Díaz, España y la República Federal de Alemania (1949–1966). Política, económica y emigración, entre la Guerra Fría y la Distensión, Univ.-Diss., Madrid 2005, insbesondere S. 434–450, veröffentlicht im Internet, URL: http://www.ucm.es/BUCM/tesis/ghi/ucm-t28931.pdf <29.10.2008>; nur wenige neue Erkenntnisse bringt Walter Lehmann, Die Bundesrepublik und Franco-Spanien in den 50er Jahren. NS-Vergangenheit als Bürde? München 2006, S. 65–75.

14 Zur französischen Sektion des CEDI vergleiche neuerdings Johannes Großmann, Auf dem Jakobsweg. Das Centre Européen de Documentation et d ’Information (CEDI) als Mittler zwischen Spanien, Deutschland und Frankreich, in: Armin Heinen, Dietmar Hüser (Hg.), Tour de France. Eine historische Rundreise, Festschrift für Rainer Hudemann, Stuttgart 2008, S. 321–329.

15 Zur politischen Einstellung des deutschen Adels in der Zwischenkriegszeit siehe Stephan Malinowski, Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat, Berlin 2003; zur Entwicklung in Österreich vgl. Hannes Stekl, Österreichs Adel im 20. Jahrhundert, in: Günther Schulz, Markus A. Denzel (Hg.), Deutscher Adel im 19. und 20. Jahrhundert, St. Katharinen 2004, S. 35–80; zum Haus Habsburg vgl. Matthias Stickler, Abgesetzte Dynastien. Strategien konservativer Beharrung und pragmatischer Anpassung ehemaliger Häuser nach der Revolution von 1918 – Das Beispiel Habsburg, in: ibid., S. 397–444.

16 Für Deutschland verweist Malinowski, Vom König (wie Anm. 15), hier S. 603, auf den Unterschied zwischen dem ostelbischen Adel, aus dem die Nationalsozialisten »massive Unterstützung« erfahren hätten, und dem süddeutschen Adel, der eine »bleibende Distanz zum Nationalsozialismus« gewahrt habe; selbst weitgehend dem genannten Widerstandshabitus verhaftet ist die Darstellung von Gundula Walterskirchen, Blaues Blut für Österreich. Adelige im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Wien 2000; für eine ausgewogene Einschätzung vgl. Stekl, Österreichs Adel (wie Anm. 15), hier S. 57–60; speziell zum Haus Habsburg siehe Stickler, Abgesetzte Dynastien (wie Anm. 15), hier S. 416–422.

17 Einige Hinweise dazu in der insgesamt jedoch auf weitgehend anekdotischem und wenig analytischem Niveau verharrenden Darstellung von Ellis Wasson, Aristocracy and the Modern World, Basingstoke 2006, S. 156–190.

18 Zu den Beziehungen zwischen dem CEDI und der katholischen Kirche vgl. Philippe Chenaux, Une Europe Vaticane? Entre le Plan Marshall et les Traités de Rome, Louvain-la-Neuve 1990, S. 207–244; zu interkonfessionellen Tendenzen in der abendländischen Bewegung vgl. beispielsweise Axel Schildt, Ökumene wider den Liberalismus. Zum politischen Engagement konservativer protestantischer Theologen im Umkreis der Abendländischen Akademie nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Thomas Sauer (Hg.), Katholiken und Protestanten in den Aufbaujahren der Bundesrepublik, Stuttgart 2000, S. 187–205.

19 Zum politischen Engagement der Familie Waldburg-Zeil seit dem Ersten Weltkrieg vgl. Andreas Dornheim, Adel in der bürgerlich-industrialisierten Gesellschaft. Eine sozialwissenschaftlich-historische Fallstudie über die Familie Waldburg-Zeil, Frankfurt a.M. 1993, S. 295–413.

20 Zeitzeugengespräch des Autors mit Georg Fürst von Waldburg-Zeil am 26.09.2007, Leutkirch im Allgäu.

21 Zum Freundschaftsbegriff in adeligen Diskursen vgl. den Beitrag von Christian Kühner.

22 Zum Terminus vgl. die politikwissenschaftliche Studie von Markus Heintzen, Private Außenpolitik. Eine Typologie der grenzüberschreitenden Aktivitäten gesellschaftlicher Kräfte und ihres Verhältnisses zur staatlichen Außenpolitik, Baden-Baden 1989.

23 Verwiesen sei hier insbesondere auf Archivmaterial zum CEDI im Archivo del Ministerio des Asuntos Exteriores (Madrid), im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (Berlin) und in den Archives du Ministère des Affaires Étrangères (Paris und Nantes). Im Österreichischen Staatsarchiv konnten kaum Informationen über das CEDI gefunden werden.

24 Besonders wichtig für unsere Themenstellung sind die Nachlässe von Hans-Joachim von Merkatz im Archiv für Christlich-Demokratische Politik (Sankt Augustin), von Richard Jaeger im Archiv für Christlich-Soziale Politik (München) und von Edmond Michelet im Centre d ’études Edmond Michelet (Brive-la-Gaillarde).

25 Im Rahmen seiner Untersuchungen konnte der Autor bisher lediglich Einsicht in die im Fürstlich von Waldburg-Zeil ’schen Gesamtarchiv auf Schloss Zeil archivierten Akten zum CEDI aus der persönlichen Korrespondenz von Georg Fürst von Waldburg-Zeil nehmen.

26 Alois Graf von Waldburg-Zeil, selbst langjähriges Mitglied des CEDI, gab seinen unveröffentlichten Memoiren, die er dem Autor in Auszügen zur Verfügung stellte, den bezeichnenden Titel »Vom Rand zur Mitte«. Neben persönlichem Erleben verweist diese Formulierung durchaus auch auf allgemeine gesellschaftliche Angleichungsprozesse.

27 So beispielsweise die Grundannahme von Schildt, Abendland (wie Anm. 10); anders Conze, Europa (wie Anm. 7), die davon ausgeht, dem ›Abendland‹ sei, »wenn auch in veränderter Form, sehr wohl der Sprung in die ›Neue Bundesrepublik‹ der sechziger und siebziger Jahre« gelungen (S. 204). Dass das CEDI – was Conze nicht mehr schreibt – seine Arbeit bis Anfang der neunziger Jahre fortsetzte und außerdem mehrere Organisationen direkt oder indirekt aus ihm hervorgingen, die in angepasster Form ebenfalls Einfluss auf die politische Entwicklung in Westeuropa und Nordamerika nahmen, scheint diese These zu bekräftigen.

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Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
J. Großmann: »Vom Rand zur Mitte«?
In: discussions, discussions 2 (2009) - Adel im Wandel (16.–20. Jahrhundert) / La noblesse en mutation (XVIe–XXe siècles)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/discussions/2-2009/grossmann_rand
Dokument zuletzt verändert am: 11.06.2010 10:47
Zugriff vom: 04.02.2012