S. Donig: Sozialer Wandel und neue Hierarchien – die schlesischen Magnaten als Teil einer Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts
Abstract
Der vorliegende Beitrag illustriert einen spezifischen Aspekt meines Dissertationsprojekts, das unter dem Arbeitstitel »Die Magnaten. Adeliges Unternehmertum in Schlesien (1770–1918). Integration und Repräsentation einer Elite im bürgerlichen Zeitalter« steht. Er greift eine Idee Ewald Fries auf, der im »Neuaufbau sozialer und kultureller Hierarchien im legitimatorischen Anschluss an die ständische Vergangenheit« einen der Wesenszüge des langen 19. Jahrhunderts sieht, zu dessen Verständnis die historische Adelsforschung einen wesentlichen Beitrag leisten könne. Ich thematisiere diesen Neuaufbau am Verhältnis zwischen den so genannten »schlesischen Magnaten« und dem Wandel von Natur und Gesellschaft in der massiven Urbanisierung und Industrialisierung des oberschlesischen Industriegebiets. Sozialer Wandel barg hier in vielfältiger Weise das Potential für Konflikte (etwa zwischen adeligem Grundherren und Untertanen, Arbeitgebern und Arbeitern oder zwischen Nationalitäten und Konfessionen), die wiederum durch Traditionsbildung ausgehandelt und internalisiert werden konnten. Zugleich zeigt der Beitrag auch, wie adeliges Selbstverständnis in diesem Prozess bekräftigt und neu hergestellt werden konnte.
Das Wesen des 19. Jahrhunderts,
so hat es vor kurzem Ewald Frie formuliert, liege im »Neuaufbau
sozialer und kultureller Hierarchien im legitimatorischen
Anschluss an die ständische Vergangenheit«, und Adelsgeschichte
könne einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieses Phänomens
leisten. Frie geht es in Anlehnung an Jürgen Osterhammel darum,
das 19. Jahrhundert als eigenständige Epoche mit Leben zu füllen,
statt es lediglich als eine Vorgeschichte des 20. Jahrhunderts zu
lesen1.
Es sei, so der Gedanke Fries, mehr als eine Phase des Übergangs
der feudalen Strukturen des Ancien Régime in die der modernen
zivilgesellschaftlichen Bürgerkulturen unserer Tage. Diese These
hat sich als eine fruchtbare Denkfigur für meine Arbeit
erwiesen.
Was könnte also ein solcher »Neuaufbau von Hierarchien« im Sinne
Fries sein? Und wie muss man sich den legitimatorischen Anschluss
an die Vergangenheit vorstellen?
Zunächst einmal möchte ich einen Moment bei der Silbe »Neu« verweilen, die wir eher selten in der historischen Adelsforschung finden. Mit Adel assoziieren wir für das 19. und 20. Jahrhundert häufig Begriffe wie »althergebracht«, »Tradition«, »etabliert« oder auch »statisch« und so weiter. Die von mir untersuchte Gruppe besteht dagegen aus Aufsteigern – Aufsteigern in die und innerhalb der Sozialformation Adel. Zugleich setzt sie sich aus fünf schlesischen Adelshäusern beziehungsweise acht ihrem Herkommen nach sehr unterschiedlichen Familien zusammen.
Da sind hochadelige Häuser des Alten Reichs wie die Fürsten von Hohenlohe-Öhringen (später Herzöge zu Ujest) und die Fürsten zu Hohenlohe-Schillingsfürst (später Herzöge von Ratibor). Da sind auch altadelige schlesische Geschlechter wie die Grafen von Hochberg (später Fürsten zu Pless), die Grafen Henckel von Donnersmarck (später in einer Linie gefürstet) oder die Grafen von Ballestrem. Daneben gibt es bürgerlich-adelige Elitenverbindungen wie die oberschlesische Linie der Grafen von Schaffgotsch oder auch nobilitierte Bürgerliche wie die Familie von Winckler (später Grafen von Tiele-Winckler)2. Wenn sich die Häuser und Familien also nach ihrer Anciennität und ihrem Rang innerhalb der Adelsgesellschaft unterscheiden, was eint sie?
Die Bezeichnung »Magnaten«, die vor allem in deutschen Diskursen anzutreffen ist, ist eine Fremdzuschreibung. Diese Einstufung als ›magnes‹ bezieht sich dabei vor allem auf den Besitz3. Die unten stehende Tabelle zeigt die Einkommen und Vermögen der preußischen Spitzenverdiener im Jahre 19114. Unter den zwölf führenden Persönlichkeiten sind die Chefs von sechs Linien. Nicht mit in die Darstellung aufgenommen sind mit wesentlich kleineren Vermögen zwischen zehn und 20 Millionen Mark die Söhne des Grafen Hugo Henckel von Donnersmarck (zwischen denen der väterliche Besitz aufgeteilt wurde) und der Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Herzog von Ratibor.

Abb. 1: Die Spitzengruppe der Einkommensmillionäre in Preußen 1911 (Magnatenfamilien hervorgehoben)
Ein ähnliches Bild zeigt ein Blick auf den Grundbesitz. Auch hier weisen die meisten Familien außerordentlich umfangreiches Eigentum auf5.

Abb. 2: Grundbesitz ausgesuchter Magnatenfamilien 1880
Alle Familien verfügten also gleichzeitig über beachtlichen Grundbesitz und ein immenses Industrievermögen. Der Erwerb von beidem, so meine erste These, ging Hand in Hand und ist als Ausdruck derselben generativen Strategie zu sehen.
Manche Muster dieser Strategie kennen wir aus den vorausgegangenen Jahrhunderten. Das Haus Hochberg etwa kam durch die Heirat des Grafen Hans-Heinrich VI. mit Anna Emilia von Anhalt-Köthen in den Besitz der freien Standesherrschaft Pless. Diese hatte unter den Herzögen von Anhalt den Status eines Fürstentums genossen, und so gelang es dem Grafen bald, seine Erhebung in den Fürstenstand zu erbitten. Zugleich mit der Standesherrschaft fielen ihm besondere Vorrechte für den Abbau der dortigen Eisen-, Kohlen- und Zinkvorkommen zu. Die Fürsten von Pless setzten ihren sozialen Aufstieg im Laufe des 19. Jahrhunderts weiter fort. Sie erhielten Privilegien, die sie mit den alten Familien des Hochadels gleichstellten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist dann auch eine Heiratspolitik erkennbar, die sie mit wichtigen Familien der europäischen Aristokratie verbindet6.
Als zweites Beispiel habe ich die Grafen Schaffgotsch ausgewählt. Anders als die Grafen Hochberg verbanden sich die Schaffgotsch aus Sicht der Adelshierarchie nach unten. Hier war es auch nicht die Primogeniturlinie, sondern ein jüngeres Mitglied des Grafenhauses, Hans-Ulrich von Schaffgotsch, der Sohn des Breslauer Stadtkommandanten Emmanuel Schaffgotsch, der Johanna Gryczik heiratete. Diese war eine aus unterbürgerlichen Verhältnissen stammende Adoptivtochter des millionenschweren oberschlesischen Montanunternehmers Carl Godulla. Um die Ehe zu ermöglichen, wurde die Braut vom Preußischen König mit dem Beinamen von Schomberg-Godulla geadelt. Das Paar lebte, da sein Grundbesitz verglichen mit den etablierten oberschlesischen Geschlechtern eher gering war, vor allem von der Montanindustrie7.
Der Bergbau hatte schließlich auch einem bürgerlichen Unternehmer zur Nobilitierung verholfen. Franz Winkler war ein typischer Spitzenbeamter, der ähnlich wie Godulla seinen Verdienst und Gewinnbeteiligungen in den Ankauf von Bergwerken investierte. Die Witwe von dessen ehemaligem Arbeitgeber brachte die Herrschaft Myslowitz in die neue Ehe mit Franz Winkler ein. Dabei handelte es sich um einen im 16. Jahrhundert abgetrennten Teil der Standesherrschaft Pless. In Folge gelang es dem Paar und nach Winklers Tod seiner Tochter aus erster Ehe, vor Gericht dieselben Privilegien zu erstreiten, die auch die Fürsten Pless genossen. Diese Tochter heiratete einen adeligen Offizier aus Mecklenburg, die Kinder des Paares wurden in den preußischen Grafenstand erhoben8.
Das sind drei durchaus unterschiedliche Biografien von gesellschaftlichen Aufsteigern, die ihr soziales, symbolisches und ökonomisches Kapital im 19. Jahrhundert bedeutend steigern konnten. Dieser Aufstieg war aber nur möglich, weil er von neu geschaffenen Strukturen getragen wurde: von neuen Formen des Besitzerwerbs wie den industriellen Unternehmen, von neu geordneten Verhältnissen zwischen dem sich herausbildenden Anstaltsstaat und den Grundherren. Oder von einer rapiden Urbanisierung im verschlafenen Oberschlesien.
Sprechen wir zunächst vom Wandel von Verfügungsrechten. An erster Stelle ist dabei der Wandel von Herrschaftsrechten zu Privateigentum zu nennen. Besonders wichtig war hier die Stellung der schlesischen Standesherren, etwa der Fürsten von Pless und der Grafen Henckel von Donnersmarck. Aber auch Nobilitierte wie die Winkler profitierten, wie wir gesehen haben, von den Sonderrechten und Privilegien. Die anderen, egal ob Bürger wie Godulla oder Adelige wie die Grafen Ballestrem, verfügten über die Vorrechte der normalen Grundherrschaften. Allen Sonderrechten gemein war eine Verzerrung des Marktes: Sie bevorteilten einseitig den Grundherren und behinderten mögliche Konkurrenten, die je nach Rohstoff zu Entschädigungszahlungen an den Grundherren verpflichtet wurden oder ihm Anteile an den Bergbauunternehmungen überlassen mussten.
Dieser Wandel wurde noch durch die Urbanisierung beschleunigt, die wiederum eng mit dem Wachstum der Magnatenunternehmen zusammenhing. Nach der Einrichtung der von Tiele-Wincklerschen Bergwerksdirektion in dem kleinen Ort Kattowitz im Jahre 1858 etwa, explodierte die Gemeinde förmlich in einem wahren Goldrausch. 1865 erhielt die mittlerweile knapp 4000 Seelen große Ansiedlung die Genehmigung zur Einführung der Städteordnung, 1867 folgte die Einsetzung des ersten Magistrats. Das Rathaus wurde im alten Beamtenhaus des Obersts von Tiele-Winckler eingerichtet. Im Abstand von einem bzw. zwei Jahrzehnten verdoppelte bzw. vervierfachte sich die Einwohnerzahl9.

Abb. 3: Urbanisierung: Einwohnerzahl der Gemeinde, später Stadt Kattowitz von 1825–1895
Um den Weitertransport ihrer Erzeugnisse zu erleichtern, förderte die Familie von Tiele-Winkler den Bau von Chausseen und Eisenbahnlinien. Je mehr die Gemeinde wuchs, desto größer war der Grundbedarf. Und als sie zur Stadt wurde, wurde aus dem ehemaligen Grundherrn plötzlich der größte Privateigner und bald auch Terrainhändler von Kattowitz. Große Teile der Stadt gehörten der von den Grafen geschaffenen Aktiengesellschaft. 1904 zählten dazu etwa noch alle Gehsteige; und die öffentlichen Grünanlagen hatte die Stadt auf 50 Jahre von der AG gemietet10. Wenn die Stadt jetzt weiterwachsen sollte, traf sie auf ein gewachsenes Hindernis: die Grenzen des Gutsbezirks. Inzwischen in die Form eines Familienfideikomiss übergegangen, blockierte dieser faktisch jede weitere Expansion und wurde so zum Anlass mehrerer Gerichtsprozesse. Im Laufe dieses Wandlungsprozesses entstanden zahlreiche ähnliche Konflikte.
So gab es Konflikte zwischen dem Staat und den Standesherren bzw. Grundherren über das Ausmaß von deren Kompetenzen. Konflikte zwischen den Städten und den adeligen Grundherren wie im Fall der von Tiele-Winckler. Konflikte zwischen den adeligen Arbeitgebern und ihren Arbeitern sowie Konflikte innerhalb der Sozialformation Adel, etwa über morganatische Eheschließungen wie im Falle der Schaffgotsch. Für diese Konflikte galt es, auf symbolischer Ebene nach einer Lösung zu suchen. Sie waren die Anzeichen eines strukturellen Wandels, der der Legitimation, der Einbettung in das scheinbar Althergebrachte bedurfte.
Der industrielle Bergmann stellt etwas dergestalt strukturell Neues dar. Im Laufe des 19. Jahrhunderts war er vom mit besonderen Vorrechten begabten Spezialisten zum Proletarier herabgesunken. Seine Zahl hatte sich ins Gigantische vervielfacht. Er wohnte in Städten und hatte kaum noch Bezug zu der ihn umgebenden Natur. Eine Lehrerin berichtet 1906 schockiert aus Kattowitz, die dortigen Arbeiterkinder wüssten nicht einmal, was eine Kuh sei. Auch politisch erschienen die Massen Adel und Staat im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend bedrohlich.
Wie versuchten die Magnaten dieses Konfliktpotential zu regulieren? Welche symbolischen Wege der Integration fanden sich? Für die Fürsten Pless etwa bildeten die Bergleute einen festen Bestandteil der adeligen Selbstinszenierung. Sie wurden nicht etwa einfach nur integriert, sondern ersetzten sogar zunehmend andere Formen symbolischen Kapitals.
Je mehr der Staat die Vorrechte der freien Standesherren Schlesiens beschnitt, desto wichtiger wurden alternative Möglichkeiten, die eigene, adelige Sonderstellung gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit zu kommunizieren. So säumten die Bergleute in ihren Uniformen den Weg bei offiziellen Anlässen – bei Geburtstagen, Taufen oder Begräbnissen. Sie bildeten Fackelspaliere am Abend oder waren zusammen mit den Leibjägern der Fürsten Sargträger und Ehrenwache bei der Aufbahrung11.
Die Bergleute und die Landleute erschienen als zwei Seiten desselben symbolischen Kosmos. Beide ernteten die Schätze der Erde. Bei der Ankunft von Mary Cornwallis-West, der Ehefrau des späteren Fürsten Hans-Heinrich XV., auf Schloss Fürstenstein im Jahre 1892, säumten beide den Straßenrand. Die Bergleute in ihren Uniformen, die Bauern in Tracht. Jede Gruppe bot dem jungen Paar Tafeln mit Heugarben oder den Schätzen der Tiefe dar. Industrie- und Agrarromantik, oben und unten wurden symbolisch miteinander versöhnt12.
Diese idyllische Versöhnung fand ihren Niederschlag aber auch in diversen Artefakten, zum Beispiel in einem Fenster in der katholischen Kirche von Godullahütte in Oberschlesien. Die Kirche wurde von dem bereits erwähnten Grafenpaar Johanna und Hans-Ulrich von Schaffgotsch von 1867 bis 1872 errichtet13.

Abb. 4: Das Grafenpaar Hans Ulrich und Johanna von Schaffgotsch. Ausschnittvergrößerung eines undatierten Bildes aus der Festschrift von 1908, S. 2 (vgl. Anm. 17).
Der Ort selbst entstand als Kolonie für den Bergbau, er war eine sozial-patriarchale Mustersiedlung. Benannt hatte ihn das Paar nach dem Adoptivvater Johannas, dem es sein Vermögen und seine Stellung verdankte. Wohl als Dank an das Stifterpaar wurden 1911 auf eine Initiative führender Gemeindemitglieder zwei Fenster als Ersatz für deren durch Bodensenkung zerstörte Vorgänger in die Kirche eingebaut. Das von der Münchner Firma Franz Mayer gestaltete Thema14 fand die Zustimmung der Patronatsherrschaft, die zugleich auch einen großen Teil der Kosten trug15.

Abb. 5 Kirchenfenster im Querschiff der Kirche Johannes des Täufers in Ruda Śląska – Godula (Aufnahme des Autors)

Abb. 6 Detail des Kirchenfensters (Aufnahme des Autors)
Eines der Fenster, dem allgemein der Titel »Christus unter dem oberschlesischen Volk«16 oder der vermutlich ältere Titel »Barmherzigkeit Gottes« gegeben wird, zeigt neben der bislang in der Kunstgeschichte vorrangig thematisierten religiösen Thematik17 auch eine mittlerweile vertraute Symbolik. Über Kreuz angeordnet sind die Bergleute und die Schornsteine der Industrie, die Landleute und die Dächer der Bauernhäuser, das Alte und das Neue. Das Grafenpaar selbst, an barocke Vorbilder angelehnt, ist kontemplativ versunken. Und sogar einzelne Personen des täglichen Lebens sind zu identifizieren, etwa der Generaldirektor der gräflich Schaffgotschschen Werke, Dr. Bernhard Stefan.

Abb. 7 Gemeinsame Sonderausgabe mehrerer schlesischer Zeitungen aus Anlass der goldenen Hochzeit des Grafenpaares 1908
Die Fenster waren zugleich mehr als nur ein Integrationsangebot an die Arbeiterschaft im Zeichen des Glaubens, patriarchalischer Fürsorge und symbolischem Anschluss an vergangene Herrschaft. Wie wir am Beispiel des Generaldirektors sehen, wurde das Unternehmen selbst zu einem Bestandteil dieses narrativen Kosmos.
Die neue Institution griff zu ihrer Legitimation auf die Geschichte zurück und stiftete selbst wiederum Gedächtnis. So etwa zur goldenen Hochzeit des Grafenpaares, als die »Gräflich Schaffgotsch ’sche Werke G.m.b.H.« eine große Festschrift zusammenstellen ließ, die ganz wesentlich auch eine Selbsthistorisierung des Unternehmens war18. Wie Verteilerlisten zeigen, wurde die Festschrift lokal, aber auch überregional und national an Bildungseinrichtungen, andere Adelsfamilien oder Geschäftspartner abgegeben. Nicht zuletzt auch durch ihre Verflechtung mit den Eigen- bzw. Domänenverwaltungen blieben die Unternehmen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wichtige Multiplikatoren für das Selbstverständnis ihrer adeligen Eigner.
Wenn in der deutschen Forschung von Adel und Industriekapitalismus die Rede ist, dann wird allzu oft vor allem das Auseinanderklaffen dieser beiden Welten betont19. Hartmut Berghoff hat in einem einflussreichen Aufsatz vor einigen Jahren deshalb zu Recht auch die Frage nach den Brücken »zwischen der Lebenswelt des Alten Reiches« und der wirtschaftlichen Moderne aufgeworfen20.
Der Perspektivenwechsel, den Ewald Frie vorschlägt, lässt in dem von mir untersuchten Beispiel beide Welten miteinander verschmelzen. Industrieller Besitz und adelige Identität bilden hier nicht länger notwendige Gegensätze. Vertraute generative Strategien, eine Ausweitung des Anstaltsstaates und eine Teilprivatisierung alter Herrschafts- und Verfügungsrechte schufen neue Strukturen mit massiven Auswirkungen vom Alltagsleben bis hin zur natürlichen Umwelt.
Ewald Fries Idee verweist also nicht nur auf den Wandel von Strukturen, sondern auch auf deren Legitimation. Hier habe ich ein Integrationsangebot »meiner« Magnaten an ihre Arbeiter aufzuzeigen versucht. Wir wissen noch zu wenig über die Praxis des Lesens etwa jener Kirchenfenster, um auch sinnvoll bestimmen zu können, ob und, wenn ja, wie die hier entworfene Vision ein Echo gefunden hat. Dies alles legt nahe, zumindest in diesen Adeligen nicht nur Getriebene des Wandels zu sehen, sondern auch dessen Betreiber.
Autor:Simon Stephan Donig
s.donig@gmx.de
1 Ewald Frie, Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts? Eine Skizze, in: Geschichte und Gesellschaft 33 (2007), S. 398–415, hier S. 414f.; Jürgen Osterhammel, In Search of a Nineteenth Century, in: German Historical Institute Bulletin 32 (2003), S. 9–28.
2 Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder auch nur Repräsentativität seien als Überblickswerke mit überwiegend prosopografischem Schwerpunkt genannt: Zdzisław Jedynak, Zbigniew Kiereś, Wielkie rody, wielka własność: materiały do dziejów wielkiej własności ziemskiej na pruskim Górnym Śląsku 1742–1922 w zasobie Archiwum Państwowego w Katowicach, Kattowitz 2006; Arkadiusz Kuzio-Podrucki, Schaffgotschowie – Zmienne losy śląskiej arystokracji, Beuthen 2007; ders., Tiele-Wincklerowie. Arystokracja węgla i stali, Beuthen 2006; ders., Henckel von Donnersmarckowie. Kariera i fortuna rodu, Beuthen 2003; Rafał Kowalski, Dzieje rodu hrabiów von Ballestrem na Górnym Śląsku w latach 1798–1945, Ruda Śląska 1998 (Rudzki Rocznik Regionalny, 1); Irena Twardoch, Z dziejów rodu Schaffgotschów, Ruda Śląska 1999.
3 Jüngst Toni Pierenkemper, Oberschlesische Magnaten als Unternehmer, in: ders., Manfred Rasch (Hg.), Adel als Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter, Münster 2006 (Veröffentlichungen der Vereinigten Westfälischen Adelsarchive e. V., 17), S. 131–155. Weiter besonders: Jürgen Laubner, »Adliger Stand mit bürgerlichem Sinn« – die oberschlesischen Magnaten im deutschen Kaiserreich, in: Włodzimierz Stępiński (Hg.), Szlachta i ziemiaństwo polskie oraz niemieckie w Prusach i Niemczech w XVIII–XX w., Stettin 1996, S. 141–157; Wacław Długoborski, Die schlesischen Magnaten in der frühen Phase der Industrialisierung, in: Theodor Pierenkemper (Hg.), Industriegeschichte Oberschlesiens im 19. Jahrhundert, Wiesbaden 1992, S. 107–128; Stanisław Michalkiewicz, Gospodarka magnacka na Śląsku w drugiej połowie XVIII wieku (na przykładzie majątku Książ), Breslau / Warschau / Krakau 1969.
4 Eigene Übersicht nach Rudolf Martin, Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Preußen, Berlin 1912.
5 Eigene Zusammenstellung nach Paul Ellerholz, Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reich. Sechste Lieferung: Schlesien, Berlin 1880.
6 Zum industriellen Aufstieg des Fürstentums vgl. Klemens Skibicki, Industrie im oberschlesischen Fürstentum Pless im 18. und 19. Jahrhundert. Zur ökonomischen Logik des Übergangs vom feudalen Magnatenwirtschaftsbetrieb zum modernen Industrieunternehmen, Stuttgart 2002 (Regionale Industrialisierung, 2).
7 Simon Donig, Das bürgerliche Erbe einer oberschlesischen Magnatenfamilie: die Koppitzer Linie der Grafen von Schaffgotsch, in: Joachim Bahlcke, Ulrich Schmilewski, Thomas Wünsch (Hg.), Die Schaffgotsch. Herrschaft, Kultur und Selbstdarstellung eines schlesischen Adelsgeschlechts vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert (in Vorbereitung); Helmut Neubach, Hans-Ulrich und Johanna von Schaffgotsch, ein volkstümliches oberschlesisches Grafenpaar, in: Zeszyty Eichendorffa/Eichendorff-Hefte 17 (2007), S. 36–47.
8 Konrad Fuchs, Franz von Winckler, in: Ludwig Petry, Helmut Neubach (Hg.): Schlesische Lebensbilder (5): Schlesier des 15. bis 20. Jahrhunderts, Würzburg 1968, S. 107–112; Wipert von Blücher: Franz v. Winckler und Hubert v. Tiele-Winckler, Garmisch-Partenkirchen 1959.
9 Eigene Zusammenstellung nach Angaben bei Leo Woerl (Hg.), Illustrierter Führer durch das Oberschlesische Industriegebiet: mit besonderer Berücksichtigung der Orte Kattowitz, Konigshütte, Beuthen, Tarnowitz, Zabrze und Gleiwitz, Leipzig 1904, S. 18; Georg Hoffmann, Geschichte der Stadt Kattowitz, Kattowitz O/S 1895, S. 34.
10 Woerl, Führer (wie Anm. 9), S. 22.
11 Vgl. beispielsweise den »Rapport über die Betheiligung an den Beisetzungsfeierlichkeiten am 22. Januar Abends 5 ¾ Uhr«, in: Acten der Fürstlich Pless ’schen Central-Verwaltung der freien Standesherrschaft Fürstenstein betr: die Beisetzung Ihrer Durchlaucht der Fürstin Marie von Pless geb. Freiin von Kleist. Bd. 1. 1883. Archiwum Państwowe we Wrocławiu (APW) 146 I Arch 4399, fol. 49r–52v; hier fol 52r.
12 Abschrift einer Verfügung des Generaldirektors der Fürstensteiner Verwaltung, Dr. Ritter, betreffend den Empfang des Prinzenpaares auf Fürstenstein, in: Acten betr: den feierlichen Einzug seiner Fürstlichen Gnaden des Prinzen von Pless Hans Heinrich XV und Ihrer Fürstlichen Gnaden der Prinzessin Marie von Pless auf dem Fürstenstein am 5. Juli 1892. APW 146 I Arch 4940, fol 1–9; vgl. auch den Bericht im Waldenburger Wochenblatt Nr. 55 vom 9.7.1892, ibid. fol. 50; zur Person vgl. W. John Koch, Daisy von Pleß: fürstliche Rebellin, Frankfurt a.M. 1990.
13 Zur Baugeschichte vgl. Irma Kozina, Dzieje budowy kościoła w Goduli – »Fabrica Ecclesiae« 2. połowy XIX wieku, in: Ewa Chojecka (Hg.), Przestrzeń. Architektura. Malarstwo. Wybrane zagadnienia sztuki górnośląskiej, Kattowitz 1995, S. 41–73; Władysława Ślęzak, Joanna i Hans Ulryk Schaffgotschowie jako fundatorzy kościołów w okolicy Bytomia, 3. Aufl., Beuthen 1996.
14 Ryszard Szopa, Witraże pracowni Franza Borgiasa Mayera w obiektach sakralnych z terenu Rudy Śląskiej, in: Barbara Szczyka-Gwiazda, Michał Lubina (Hg.), Sztuka sakralna Rudy Śląskiej, Ruda Śląska 2005, S. 89–98.
15 Vgl. etwa ein Schreiben des damaligen Curatus Strzyz an die Verwaltung der Grafen Schaffgotsch. Godullahütte 14.10.1911. Acta der Gräflich Schaffgotsch ’schen Verwaltung betreffend Kirche und Pfarrei in Godullahütte. Bd. 2 [1869–1911]. Archiwum Państwowe w Katowicach (APK) 125 Schaffg Gl 1263, fol. 250.
16 Irma Kozina, Nie tylko Nazareńczycy. Malarstwo XIX wieku, in: Ewa Chojecka u.a. (Hg.), Sztuka Górnego Śląska od średniowiecza do końca XX wieku, Kattowitz 2004, S. 264–272, hier S. 270.
17 Zur kunstgeschichtlichen Analyse vgl. Irena Kontna, Ikonografia górnośląskich witraży sakralnych na początku XX wieku (na wybranych przykładach), in: Teresa Dudek-Bujarek (Hg.), Witraże na Śląsku: materiały sesji Górnośląskiego Oddziału Stowarzyszenia Historyków Sztuki, Königshütte 2001, Kattowitz 2002, S. 121–135.
18 Gräflich Schaffgotsch ’sche Werke GmbH (Hg.), Festschrift zur goldenen Hochzeits-Feier des Herrn Hans Ulrich Grafen Schaffgotsch auf Schloss Koppitz und der Frau Gräfin Johanna geb. Gryczik v. Schomberg-Godulla am 15. Nov. 1908, Beuthen O/S 1908.
19 Überblicksartig: Heinz Reif, Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999, S. 13f.
20 Hartmut Berghoff, Adel und Industriekapitalismus im Deutschen Kaiserreich – Abstoßungskräfte und Annäherungstendenzen zweier Lebenswelten, in: Heinz Reif (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 19. Jahrhundert, Berlin 2000, S. 233–271.
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