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W. Demel: Perspektiven der Adelsforschung

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Perspektiven der Adelsforschung

Discussions 2 (2009)

Walter Demel

Perspektiven der Adelsforschung



Die Konjunktur der Adelsforschung

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Adelsforschung hat Konjunktur. Das ist zum Ersten eine Folge der vertrauten Erscheinung, dass irgendwann einmal alle Themenbereiche »abgegrast« erscheinen. Innerhalb der Sozialgeschichte, so könnte man salopp sagen, war eben, nach der Arbeiterschaft und dem Bürgertum, auch irgendwann einmal der Adel dran, wenn es um die Suche nach neuen Dissertationsthemen ging. Zum Zweiten sind die Einflüsse aus der Bürgertums- bzw. der Elitenforschung zu beachten, einerseits schon wegen der Frage der Abgrenzung (was ist eigentlich »bürgerlich« am Bürgertum?), andererseits aufgrund der Tatsache, dass der Adel als Elite1 – jedenfalls außerhalb Frankreichs – über die sogenannten Sattelzeit hinweg eine größere Kontinuität aufzuweisen scheint als das Bürgertum. Aus sozialhistorischer Perspektive eignet er sich daher besonders gut, die traditionelle Trennlinie zwischen Frühneuzeit und Neuester Zeit in Frage zu stellen2. Zum Dritten aber signalisieren, jedenfalls in Deutschland, neuerdings zahlreiche Ausstellungen zum Thema »Adel« ein Publikumsinteresse, das natürlich auch der Forschung zugute kommt und sich in diversen Katalogen und Tagungsbänden niederschlägt3. Nun erscheint es mir für einen Wissenschaftler nicht anrüchig, auf den anrollenden oder fahrenden Zug eines öffentlichen Interesses aufzuspringen. Denn besser ein Fachhistoriker widmet sich einem historischen Thema als ein vielleicht diesbezüglich ignoranter Journalist. Dennoch sollte gerade ein Wissenschaftler über die Ursachen eines so plötzlich auflodernden Interesses reflektieren. Steckt dahinter nicht vielleicht ein verbreitetes Gefühl der Verunsicherung angesichts neuer Grenzen nach 1990, der Globalisierung, neuer Terrorgefahren, Umweltkatastrophen, Finanzkrisen usw.? Sehnt sich nicht so mancher Zeitgenosse, vielleicht unterschwellig sogar ein Historiker, nach einer überschaubaren Welt, in der ein Mann mit gepuderter Perücke eine mehr oder minder patriarchalische Herrschaft über seine lokale Umgebung ausübt, in der eine ständische Ordnung die Überschaubarkeit von Lebensentwürfen garantiert?

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Solche Sehnsüchte waren nicht immer verbreitet, nicht einmal das Interesse am Niedergang einer Elite, die Jahrhunderte lang die Geschichte Europas geprägt hatte. Heinz Gollwitzer, auf der von Elisabeth Fehrenbach am Münchner Historischen Kolleg 1992 organisierten Tagung4 als eine Art Doyen der modernen deutschen Adelsforschung gerühmt, erzählte damals, kein Mensch habe sich anfänglich für sein später als »Pionierarbeit« gerühmtes Buch über die »Standesherren« sonderlich interessiert. Noch 1990 meinte Hans-Ulrich Wehler in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband »Europäischer Adel 1750-1950«, hinsichtlich dieser »langgestreckte[n] Phase des letztlich tödlichen Niedergangs und einer wortwörtlich fundamentalen Transformation der überlebenden Adelsgruppen ... wissen wir über den deutschsprachigen Adel noch immer verblüffend wenig«5 Das galt (und gilt wohl auch heute noch), nicht nur in Deutschland, freilich mehr für die Epoche der Neuesten Geschichte als für jene der Frühen Neuzeit – obwohl, wie etwa die Bände der von Heinz Reif herausgegebenen Reihe »Elitenwandel in der Moderne« oder auch die Vielzahl einschlägiger Referate dieser Tagung beweisen, hier nun neuerdings intensiv geforscht wird6. Aber selbst für die in Frankreich bzw. Spanien als »Histoire moderne« bzw. »Historia moderna« bezeichnete Epoche stellten Hamish M. Scott und Christopher Storrs noch 1995 in der Einleitung zu ihrem zweibändigen Werk über die »European Nobilities in the Seventeenth and Eighteenth Centuries« fest: »In certain countries, the scholarly study of the élite is still in its infancy. This is especially true in Portugal, and explains why this collection contains no study of the Portuguese nobility«7. So tun sich die Verfasser der diversen Wörterbücher oder Synthesen, welche die Ergebnisse der neueren Adelsforschung zusammenzufassen trachten – zuletzt mit großem Erfolg Ronald Asch für den frühneuzeitlichen europäischen Adel –, angesichts eines derart ungleichen Forschungsstandes nicht gerade leicht8.

Statistische und genealogische Forschungen zum Adel

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Selbst in Frankreich, wo doch die moderne Sozialgeschichte frühzeitig ein hohes Niveau und eine bemerkenswerte Forschungsdichte erreicht hatte, konnte man sich bis in die 1990er Jahre hinein kaum darüber verständigen, wie groß die Zahl der 1789 lebenden französischen Adeligen gewesen war; die einschlägigen Schätzungen schwankten zwischen 80000 und 4000009. Inzwischen hat man auf der Basis einzelner Landesteile vermehrt Forschungen vorgenommen. Nunmehr geht man davon aus, dass der adelige Bevölkerungsanteil in den meisten Regionen Frankreichs innerhalb der Spanne von 0,3–1,0% lag, und nur die Provinz Languedoc, Teile der Bretagne und der Normandie im Ancien Régime zumindest zeitweise deutlich höhere Werte aufwiesen. Für Gesamt-Frankreich nennt man für das Ende des Ancien Régime die Zahl von circa 140000 Adeligen, was etwa 0,5% der damaligen Bevölkerung entspricht – und damit einem Prozentsatz, der in etwa auch für das Reich ermittelt werden kann10.

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Dies zeigt die Bedeutung »flächendeckender« statistischer Untersuchungen zur Adelsdichte. Dabei ist für Frankreich und Spanien auch ersichtlich geworden, dass der Bevölkerungsanteil des Adels im Laufe des 18. Jahrhundert spürbar abnahm. Dass dazu staatliche Maßnahmen, wie in Frankreich die schon im 17. Jahrhundert durchgeführten Recherches de la noblesse, einen wesentlichen Beitrag lieferten, steht außer Frage11. Aber sie allein dürften den zumindest relativen demographischen Rückgang der adeligen Bevölkerungsgruppe nicht erklären, der sich im Übrigen auch in Deutschland im 19. Jahrhundert deutlich zeigte12. Andere Faktoren, namentlich Heiratsalter, Ehequote, Praktiken der Empfängnisverhütung et cetera, also ein von der übrigen Bevölkerung partiell abweichendes, wie man so schön sagt, »Reproduktionsverhalten«, müssen hinzugetreten sein. Die demographische Statistik liefert aber nicht nur Aussagen, die für die Bevölkerungsverhältnisse selbst von Interesse sind, sondern auch solche, die etwa das politische Verhalten des Adels in einem neuen Licht erscheinen lassen können. So modifiziert es beispielsweise das Bild vom prinzipiell konservativen Adel ein wenig, wenn ein im Nachlass König Max' II. von Bayern befindliches »Verzeichniß jener Männer, welche in den Jahren 1848 und ff. im liberalen Sinne sich hervorgethan haben« unter den 86 aufgeführten Personen immerhin sieben Adelige nennt. Das sind nämlich 8,1% der Gesamtzahl und damit siebenundzwanzigmal mehr, als der Adelsanteil an der Bevölkerung Bayerns betrug, der damals bei kaum 0,3% gelegen haben dürfte13!

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Neben statistisch-demographischen Betrachtungen haben selbst im Rahmen der politischen Geschichte – nicht nur des Mittelalters, sondern ebenso der Frühen Neuzeit – auch genealogische Untersuchungen ihren Platz. Ich selbst habe mich einmal mit den Verflechtungen zwischen den Hochadelsfamilien im Raum Englands, Frankreichs, der Niederlande und des Reichs beschäftigt. Dabei habe ich für die Jahrzehnte um 1700 ein von mir so genanntes »genealogisches Lotharingien« entdeckt, das sich freilich, anscheinend im Zuge einer zunehmenden »Nationalisierungsbewegung« in den betreffenden Staaten, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts langsam auflöste14. Das war und ist jedoch nicht viel mehr als eine These. Insofern freut es mich besonders, dass hier Wilko Schroeter über die »Demographie der regierenden Häuser Europas vom 17.-19. Jahrhundert« sprechen wird. Er nimmt damit eine geradezu ideale Datengruppe in den Blick, die Herbert Stoyan mit seinem »WW-Person auf CD«15 zwar einbezogen, aber nicht analysiert hat. Herr Schroeter dagegen untersucht mit fortgeschrittenen demographischen Instrumenten Mortalität, Heiratsverhalten und – v. a. eheliche – Fertilität. Nebenbei dürfte hier auch die Tatsache europäischer Verflechtungen im Bereich der Dynasten und des Hochadels verdeutlicht werden.

Wandel und Kontinuität der adelige Familie

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»Verflechtungen« gab es freilich auch innerhalb eines adeligen Geschlechts selbst. Wie eng der Familienzusammenhalt bisweilen sein kann, habe ich vor wenigen Jahren anlässlich einer Ausstellung über die sächsischen Freiherren von Bünau gelernt. Die halten nämlich seit dem frühen 16. Jahrhundert bis heute einmal im Jahr einen Familientag ab. Dass die Familie in der Frühen Neuzeit für den Adel eine zentrale Rolle spielte, ist ein Gemeinplatz. Besonders interessant aber erscheint die erstmals von Heinz Reif in seiner methodisch wegweisenden Studie über den westfälischen Stiftsadel thematisierte Frage nach Kontinuität und Wandel adeliger Familienstrukturen beim Übergang in die Moderne16. Diesem Ansatz schließt sich nun Daniel Menning an, wenn er die »Funktionen der Familie im deutschen Adel des 19. Jahrhunderts« vergleichend am ostelbischen und am schwäbischen Beispielfall untersucht. Dabei sollten vielleicht nicht nur die »Strategien des Obenbleibens« im Mittelpunkt stehen. Erinnert man sich, dass die neuere Frauen- und Geschlechtergeschichte eine um 1800 erkennbare »Geschlechterpolarisierung« herausgearbeitet hat17, so stellt sich die Frage, inwieweit dieses zunächst typisch »bürgerliche« Phänomen auf den Adel ebenfalls übergriff. Wurden auch die adeligen Frauen verstärkt an das Haus gebunden?

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Das Thema »Die Rolle der adeligen Frau« ist zweifellos, für sich genommen, nicht mehr ganz neu. Über Stiftsdamen, Hofdamen, Mitglieder eines Damenklubs, einfache Gutsherrinnen und neuerdings sogar über hochadelige Kollaborateurinnen der Gestapo liegen in der Zwischenzeit Untersuchungen vor18, fürstliche Witwen werden derzeit verstärkt unter die Lupe genommen19. Trotzdem bietet sich meines Erachtens für Betrachtungen unter geschlechtergeschichtlicher Perspektive immer noch ein weites Feld, gerade auch für die Adelshistorie des 19. und 20. Jahrhunderts. Was ist mit den Frauen adeliger Militärs, sofern es zum Beispiel keinen Gutsbetrieb gab, den sie in Abwesenheit ihrer Männer leiten mussten? Wie wurde und wird der Heiratsmarkt organisiert? Es war ja immer eine Frage guter Organisation, dass etwa schon ein mittelalterlicher polnischer König davon erfuhr, dass für seinen Sohn oder seine Tochter in Lothringen ein geeigneter Heiratspartner existierte. Einen Hinweis auf heutige Praktiken habe ich kürzlich erhalten, als ich von der Veranstaltung »Adel auf dem Radl« erfuhr, wo junge Adelige sich zu gemeinsamen Radtouren treffen.

Adelsmigration und kommunikative Netzwerke

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Die geschlechtergeschichtliche Perspektive lässt sich aber natürlich nicht nur bei Untersuchungen über adelige Heiratsmärkte oder innerfamiliäre Strukturen einnehmen, sondern etwa auch bei Themen zur Migration und Kommunikation des Adels. Waren beide Geschlechter daran in gleicher Weise beteiligt? Das Reiten und ebenso das Aufkommen frühneuzeitlicher adeliger Kavalierstouren, um deren Untersuchung sich nicht zuletzt das DHI Paris verdient gemacht hat20, verschaffte doch eher adeligen Männern als adeligen Frauen Beweglichkeit. Gerade für Damen wurde das Reisen allerdings seit dem 18. Jahrhundert einfacher, bequemer und wesentlich schneller. Mit dieser neuen Schnelligkeit und der Verbilligung des Post- sowie später des Eisenbahnverkehrs wuchsen auch die Möglichkeiten, miteinander in Verbindung zu treten – persönlich oder zumindest brieflich, und zwar innerhalb des eigenen Standes als auch ständeübergreifend. Leistete die Adelsmigration nicht ebenso einen gewichtigen Beitrag zur Entstehung sowohl eines europäischen wie auch eines nationalen Bewusstseins, und zwar nicht nur in Ungarn oder Polen, wo die Rolle der »Adelsnationen« bekannt ist, sondern partiell sogar in Frankreich oder Deutschland21? Überhaupt wäre die Frage nach der Vielgestaltigkeit und Dichte der kommunikativen Beziehungen vielleicht ein Aspekt, der verschiedene der hier vorzustellenden Forschungsprojekte befruchten könnte. Dabei ließe sich mitunter auf ganz traditionelle Methoden zurückgreifen. Warum sollte die Itinerarforschung nur für das Mittelalter Ergebnisse zeitigen und nicht auch für die Neuzeit? Wenn man feststellt, dass im 18. Jahrhundert zum Beispiel die Herzöge von La Rochefoucauld ihre Schlösser im Périgord oder die Fürsten von Liechtenstein ihr gleichnamiges Fürstentum niemals besuchten22, so sagt dies einiges aus über die Beziehungen zwischen vielen Hochadeligen und einer Landbevölkerung, deren Herren sie immer noch waren – und damit über die veränderte Struktur ihrer Herrschaft. Natürlich wohnten diese hohen Herren damals vornehmlich in Paris, Prag, Wien oder wenigstens in der Nähe einer dieser Städte.

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Denn den Adel zog es seit langem in die Stadt. Von den französischen Adeligen sollen um 1500 lediglich 4% in Städten gelebt haben, im 18. Jahrhundert aber waren es schon über 40%23. Dass hierfür die Attraktivität der Stadt als Residenz und / oder als kulturelles Zentrum eine Rolle spielte, ist offenkundig. Deswegen hat der städtische Adel auch eine spezielle Betrachtung verdient. Der höfische Adel ist, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Erkenntnis der Bedeutung der Höfe, die mindestens noch bis 1917/18 fortbestand, verschiedentlich in den Blick genommen worden24. Auch dem Landadel, der sicherlich – von Italien abgesehen – wohl zumindest während der Frühen Neuzeit die Mehrzahl der Adeligen stellte, ist in letzter Zeit gerade für Deutschland verstärkt Aufmerksamkeit zuteil geworden25. Vom eigentlichen städtischen Adel aber haben nur einige Gruppen vermehrt das Interesse der Historiker geweckt, etwa die Parlamentsadeligen in Frankreich26 oder der württembergische Beamtenadel27. Selbst dem Adel von Paris ist erst jüngst eine eigene Monographie gewidmet worden28. Immerhin hat Claude-Isabelle Brelot 1995 dem Thema »Noblesses et villes (1780-1950) « einen eigenen Sammelband gewidmet29, nachdem für England die Bedeutung des Themas »Adel und Stadtentwicklung« speziell für das 19. Jahrhundert aufgezeigt worden war30.

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Die im Frankreich des 17. Jahrhunderts entstandene Salonkultur spiegelt Veränderungen in den adelig-bürgerlichen Beziehungen wider – war doch schon der Salon der Mme de Rambouillet (+ 1665) ein Kristallisationspunkt der neuen Eliten31. In ihrer Intensität, aber auch sektoralen Begrenztheit erscheinen sie im Falle der Salons und Freimaurerlogen, weniger in anderen, neudeutsch gesprochen: »Netzwerken«, recht gut erforscht zu sein32. Jedenfalls dürfte es eine lohnende Aufgabe sein, eine bestimmte, im Übrigen durchaus heterogene Gruppe wie die Maréchaux de France unter dem Aspekt ihrer Integration in die Kultur oder Kulturen des Aufklärungszeitalters zu untersuchen. Bei Simon Surreaux fasziniert nicht nur die Thematisierung des Verhältnisses von Militär und Geist – was mich als Angehöriger einer Bundeswehruniversität, die das Bild der Athene als Signet benutzt, erfreuen muss –, sondern auch, dass er sich dabei vor allem den Heirats- und Klientelbeziehungen zuwenden will.

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Adelige Klientelsysteme dürfen nämlich als noch nicht ausreichend ergründet gelten. Nun kann Anne-Valérie Solignat für die Auvergne und das Bourbonnais zeigen, wie Klientelverbindungen dazu dienten, diese Provinzen zwischen der Mitte des 15. und der Mitte des 17. Jahrhunderts unmittelbar der Krongewalt zu unterstellen. Arlette Jouanna hat bekanntlich für das Jahrhundert vor dem Regierungsantritt Ludwigs XIV. schon solche Systeme unter dem Aspekt der »Pflicht zur Revolte« erforscht33. Im Frankreich der Fronde scheiterten diese oppositionellen Bünde. In Polen dagegen waren es eher die Magnaten als die Könige, die mächtige, dauerhafte Netzwerke schufen, wobei die formelle Gleichheit aller adeligen »Brüder« Hand in Hand ging mit einer ausgeprägten inneradeligen Differenzierung. Antoni Mączak, der diese Verhältnisse intensiv untersucht hat, bezeichnete Klientelbeziehungen einmal als »ungleiche Freundschaft[en] «, was auf die bisweilen fließenden Übergänge zwischen »Klient« und »Freund« verweist34. Trotzdem deutet natürlich die eine Bezeichnung eher auf ein Abhängigkeitsverhältnis, die andere mehr auf Gleichrangigkeit, auch wenn beide dem Aufbau bzw. der Pflege von Netzwerken dienten. Schon deshalb erscheint es sinnvoll, dass Christian Kühner von Selbstzeugnissen ausgeht, wenn er über »Freundschaft« im französischen Adel des 17. Jahrhunderts spricht und dabei fragt, wie sie hergestellt und beendet wurde. Könnten bei der damaligen Betonung von Loyalität als Kern einer Freundschaft noch quasi-familiale Strukturen im Hintergrund gestanden haben? In späteren Epochen der »Empfindsamkeit« oder der »Romantik« scheint Freundschaft jedenfalls einen anderen emotionalen Gehalt besessen haben. Doch ihre Bedeutung für ein adeliges Identitätsbewusstsein war, so steht zu vermuten, im 19. und 20. Jahrhundert nicht geringer als zuvor.

Adelskultur und Adelsbilder

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Netzwerke dienten oft der Sicherung von Herrschaft. Für deren Augenfälligkeit und Legitimation sorgten nicht zuletzt Symbole. Ihnen hat sich die moderne Kulturgeschichte, die auch die Verbindung von Sozial- und Politikgeschichte herstellt, gewidmet. Sie fragt: Was heißt »adelige Kultur« im Gegensatz zu einer »bürgerlichen«? Muss man nicht auch noch zwischen einer städtischen und einer ländlichen Adelskultur unterscheiden35? Ab wann kann man von einer beginnenden »Verbürgerlichung« des Adels sprechen36, oder glichen sich nicht eher die bürgerlichen Eliten an adelige Normen an? Konkret etwa an Herrn Biersack gerichtet: Inwieweit spielten für die »Wissenskultur des spanischen Adels« schon im 16. Jahrhundert städtisch-bürgerliche Einflüsse ein Rolle37? Inwieweit blieb hier die kirchliche, speziell klösterliche Prägung des kulturellen Lebens dominant, die ja in Spanien bis hin zu dem »Vater der spanischen Aufklärung«, dem Benediktiner Feijóo y Montenegro, fortwirkte? Welche der unterschiedlichen Adelsgruppen (grandes/títulos, caballeros, hidalgos) wurden von der gelehrten Bildung primär erfasst, wie tief reichte die humanistische Prägung der adeligen Männer und Frauen? Humanistisch und überkonfessionell inspiriert waren auch die Projekte französischer Adelsakademien des 16. und 17. Jahrhunderts, die uns Andrea Bruschi vorstellen wird. Diese Pläne scheiterten letztlich trotz hochrangiger politischer Unterstützung. Man könnte vielleicht überspitzt sagen, das Ideal einer humanistischen Kultur der Feder und der Rede unterlag im Konkurrenzkampf der traditionellen adeligen Kultur des Schwertes und der höfischen Tugenden, die an den Ritterakademien dominierte38. In beiden Fällen wuchs indes die Bedeutung moderner Sprachen, namentlich des Französischen. Gibt das nicht einen Hinweis auf das fortgesetzte Bedürfnis nach innereuropäischer Kommunikation, aber auch, für Frankreich, auf einen Trend zur absolutistisch-nationalen Einheit39?

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Gewandtheit zu Pferd blieb ein adeliges Ideal. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert bevorzugten jedoch auch adelige Männer, nicht nur Frauen und Kinder, Reisen mit der Kutsche40. Ist das ein Zeichen einer Annäherung zwischen »adeliger« und »bürgerlicher Kultur«? Immerhin war das Reiten Jahrhunderte lang ein Symbol des adeligen Mannes, ja des vom Nicht- zum Niederadeligen aufgestiegenen Ritters. Selbst ein Don Quijote brauchte ein Pferd – und wenn es sich dabei auch nur um einen abgemagerten Klepper handelte. Wenn man sich dieses vielfach auch in der Moderne illustrierte Bild des sinnreichen Junkers von La Mancha vor Augen hält41, erscheint einem die Ausgangsthese der Sektion »Adelsbilder« des deutschen Historikertages 2006, nämlich dass Adel Sichtbarkeit voraussetzt, gar nicht abwegig – obwohl dies natürlich die Möglichkeit eröffnete, die Selbstdarstellung des Adels und sogar der Fürsten als »Ritter hoch zu Ross« karikaturhaft zu unterlaufen. Es sei hier deshalb auf den reichhaltigen Fundus von materiell vorhandenen Adelsbildern verwiesen, die man nicht lediglich zur Ornamentierung wissenschaftlicher Ausführungen verwenden, sondern in ihrem Quellenwert erkennen und auswerten sollte. Dann könnte man sich etwa fragen, ob sich die »Wissenskultur« des spanischen Adels konkret auch im Porträt niederschlug. Seit wann ließen sich Adelige statt mit Jagdhunden mit Büchern porträtieren?
Tiefgreifende Kulturbrüche mussten sich auf den Alltag eines Adels, der einem kulturellen Zentrum wie dem französischen Königshof nahestand, natürlich unmittelbar auswirken. Daher konnte die Französische Revolution42 mit ihrem Prinzip der »Égalité« für die bourbonischen Ritterorden nicht folgenlos bleiben. Doch auch wenn in der Revolution eine »Culture of Merit« nun tatsächlich zum Durchbruch gelangt sein mag43 – sprach nicht schon die Menschen- und Bürgerrechtserklärung von sozialen Unterschieden, die freilich nur auf den Gemeinnutzen gegründet sein sollten44? War es daher, Herr Caiani, denkbar, dass man die Ritterorden nicht abgeschafft, sondern unter Ausweitung ihrer sozialen Rekrutierungsbasis nur reformiert hätte, etwa im Sinne der späteren napoleonischen Ehrenlegion, besser vielleicht: ihrer Spitze, der sogenannten noblesse impériale?

Adel und Geld

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Unter dem Wort »Verdienst« kann man im Deutschen freilich auch noch etwas anderes verstehen als »merit«, d. h. einen berechtigten Anspruch auf Anerkennung. In einem Englischlexikon findet man als Übersetzungen auch die Begriffe »income« »earnings«, ja sogar »profit«. Damit sei das Verhältnis von Adel und Geld angesprochen. Grundsätzlich galt sicherlich lange Zeit als adeliges Ideal: Geld hat man, darüber redet man nicht, man gibt es aus. Daraus entstand, namentlich in sparsamen kleinbürgerlichen Kreisen, das Bild adeliger Verschwendung. Dafür finden sich sicherlich nicht nur vielfältige praktische Beispiele, auch die Theorie besagte, dass ein Adeliger sich durch finanzielle Freigebigkeit und Großzügigkeit auszeichnen sollte. Dass dies ebenso wie »conspicuous consumption« bei Hofe oft bis zu einem gewissen Grad einer eigenen Rationalität, einer »Ökonomie der Ehre«, entsprach, hat Andreas Pečar gezeigt45. Interessanterweise versah auch Esteban Maurer seine Ausführungen über das Haus Fürstenberg im 17. und 18. Jahrhundert mit dem Untertitel »Geld, Reputation, Karriere«46. Aber nicht immer standen Einkünfte und Ausgaben so recht im Gleichgewicht, vor allem nicht zu Zeiten, wo es immer schwieriger wurde, »d ’être à la mode«47, und besonders nicht bei Familien, die keine Buchführung betrieben und mitunter gar nicht wussten, was sie jeweils einnahmen und ausgaben. Wenn Marjorie Meiss-Even die »Fortunes et consommations aristocratiques dans la France de la Renaissance« am Beispiel der Herzöge von Guise untersucht, begibt sie sich auf ein zwischen Konsum- und Kunstgeschichte gelegenes Feld, das offenbar weitgehend noch der Bearbeitung harrt. Ähnlich steht es um die Frage der fürstlichen Verschuldung, des Kreditgebarens – und dabei nicht nur des Kreditnehmens, sondern auch des Kreditgebens48. Täuscht der Eindruck oder weitete sich das Spektrum adeligen Kreditgebarens zunehmend aus? Matthias Steinbrink wird uns in seinem Referat über »Adel und Kredit: Finanzen und Finanzkontrolle an Adelshöfen« sicherlich einiges dazu berichten – wobei das Wort »Finanzkontrolle« bereits andeutet, dass keineswegs alle Adeligen über ihre Einkünfte und Auslagen überhaupt nicht Bescheid wussten.

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Wie aber kam man zu Geld, wenn die traditionellen Einkünfte, speziell die Grundrenten, stagnierten oder inflationsbedingt sogar an Realwert verloren, der Konsumbedarf aber stieg, wie etwa bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts? Einen Ausweg bot immer schon ein adeliges Unternehmertum in Handel und Gewerbe. Dem waren nun allerdings, zumindest außerhalb der italienischen Stadtstaaten und Englands, mehr oder minder enge Grenzen gesetzt49. Freilich deutet das französische Beispiel an, dass diese Grenzen sich, vor allem im 18. Jahrhundert, zunehmend verschoben. Selbst, oder besser: gerade Hochadelige engagierten sich nun nicht selten als Unternehmer50. Adelige aber taten sich – im Lichte der Gefahr einer dérogeance – bekanntlich umso leichter, je mehr sie an traditionelle Formen adeligen Wirtschaftens anknüpfen konnten, das heißt vor allem an die Ausbeutung von eigenem Grund und Boden. Verkauf, selbst Fernexport des hier erzeugten Weins oder Getreides war noch nie ein schwerwiegendes Problem in dem Sinne, dass er dem adeligen Ansehen abträglich gewesen wäre. Aber auch der adelige Bergbau hatte seine Tradition. Trotzdem: Wenn Simon Donig die schlesischen Magnaten als Unternehmer in der Zeit von 1770 bis 1918 untersucht und diese Analyse mit dem Untertitel »Integration und Repräsentation einer Elite im bürgerlichen Zeitalter« versieht, so stellt sich hier nicht nur die Frage nach dem Ausmaß genealogischer Verflechtungen (auch mit großbürgerlichen Kreisen?), sondern auch nach dem Maß an Innovation, das diese Magnaten entwickelten. Toni Pierenkämper schrieb noch 1994: »Die Ursachen für die bemerkenswerte Behauptung der oberschlesischen Grundherren beim Übergang von einer agrarwirtschaftlichen Produktionsweise zum industriellen Kapitalismus sind bis heute umstritten«51. Warum und wie modernisierten die Magnaten um 1850 ihre Produktionssysteme? Wieweit entwickelten sie eine eigene Identität – gerade im inter-nationalen Grenzraum Oberschlesien? Schließlich gehörten diese Kohle-, Eisen- oder Zinkbarone zu den reichsten Familien in Preußen, ja im gesamten Deutschen Reich52.

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Als ähnlich reich gelten traditionell die böhmischen Magnaten, die bekanntlich ebenfalls unternehmerisch tätig waren – wobei natürlich nicht jeder böhmische Adelige gleich ein Magnat war. Wenn Ivo Cerman, in Auseinandersetzung mit einer sozusagen »national-marxistischen« Interpretation seines Heimatlandes, den Weg des böhmischen Adels »vom Feudalismus zur Aufklärung« nachzeichnet, so fragt es sich, ob es nicht zwei widerstreitende Aufklärungen gab, eine von Adeligen mit böhmischer Identität getragene und eine aufgeklärt-absolutistisch-zentralistische, von Joseph II. repräsentierte. Gab es Adelige, die aus aufklärerischen Motiven die Aufhebung der Leibeigenschaft bzw. Erbuntertänigkeit bereits vor dem kaiserlichen Steuer- und Urbarialpatent vollzogen oder wenigstens eingeleitet hatten? In Dänemark etwa bestand zur selben Zeit daran offenbar bei vielen Großgrundbesitzern ein erhebliches Eigeninteresse53. Und wie steht es um die Verwendung des von den böhmischen Magnaten angesammelten Reichtums? Kann man beispielsweise von einem Übergang von Ausgaben für religiöse Zwecke wie fromme Stiftungen noch mehr in Richtung auf Reinvestition, aber vielleicht auch auf noch mehr Komfort bzw. Luxus sprechen? Dies ließe sich unter anderem anhand von Erbschaftsinventaren, aber etwa auch durch Berichte über Besuche von Herrensitzen und Schlössern nachvollziehen. Dabei könnte die Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern wiederum gute Dienste leisten, weil Neubau oder neue Interieurgestaltung – Anpassung an die jeweilige Mode – infolge der damit verbundenen Baukosten einen gewissen Einblick in die Höhe adeliger Ausgaben gewähren. Für die Guyenne existiert eine Arbeit, die hier vielleicht methodische Anregungen vermitteln könnte54. Ein solcher Ansatz dürfte auch für das 19. und 20. Jahrhundert fruchtbar sein. Ich habe einmal einen fränkischen Freiherrn von Hutten kennengelernt, der sein im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörtes Schlösschen wiederaufbaute, und zwar im Wesentlichen aus den Erträgen seiner Weinberge – gerade heute, so scheint mir, eine finanzielle Stütze vieler Adelsfamilien. Das kann man als einen der vielen Erfolge des Agrarkapitalismus ansehen, den zahlreiche Adelige ja durchaus intensiv vorantrieben, wie allein schon der Adelsanteil an den seit dem 18. Jahrhundert in den meisten Ländern Europas gegründeten Landwirtschaftsgesellschaften beweist. Aber noch bemerkenswerter scheint mir in diesem Fall die Begründung, die damals Herr von Hutten für sein Engagement gab. Er erklärte nämlich wörtlich: »Man soll und will ja auch den Freiherrn spielen«!

»Kunst des Obenbleibens« und sozialer Abstieg

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Wenden wir uns also der seit einem Aufsatz von Rudolf Braun oft zitierten »Kunst des Obenbleibens« zu55. Für die Frage nach Kontinuität und Wandel in der Adelswelt sind die Epoche um 1800 sowie die Zeit um 1918 bzw. 1945 natürlich von besonderem Interesse56. Hier helfen bisweilen auch literarische Ausführungen, um ein anschauliches Bild von der jeweiligen Situation zu zeichnen. »Rentrés en 1804, le duc et la duchesse de Grandlieu furent l objet des coquetteries de l Empereur; aussi Napoléon, qui les eut à sa cour, rendit-il tout ce qui se trouvait à la maison de Grandlieu dans le Domaine, environ quarante mille livres de rente. De tous les grands seigneurs du faubourg Saint-Germain qui se laissèrent séduire par Napoléon, le duc et la duchesse […] furent les seuls qui ne renièrent pas l ’Empereur ni ses bienfaits. Louis XVIII eut égard à cette fidelité lorsque le faubourg Saint-Germain en fit un crime aux Grandlieu ; mais peut-être, en ceci, Louis XVIII voulait-il uniquement taquiner MONSIEUR«57. Dieses Zeitbild aus Honoré de Balzacs »Glanz und Elend der Kurtisanen« – wobei mit »Monsieur« natürlich der Bruder des Königs, der reaktionäre spätere Karl X., gemeint war – ist sicher nicht in streng wissenschaftlichem Sinne korrekt58. Jedoch verweist diese literarische Schilderung recht treffend auf das Phänomen der personellen wie auch der sozioökonomischen Kontinuität zwischen dem führenden Stand des Ancien Régime und den Führungsschichten des 19. Jahrhunderts, sowie auf die mit inneren Spannungen einhergehenden Wandlungen, die der Adel in dieser Zeit erlebte59.

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Nun hat vor mehr als 25 Jahren Arno Mayer in einem Aufsehen erregenden Buch eine Kontinuität des Adels als wirtschaftliche, soziale und sogar politische Führungsschicht in Europa bis zum Ersten Weltkrieg behauptet60. Der Gegensatz zwischen feudalständischer Gesellschaft des Ancien Régime und der »bürgerlichen Gesellschaft« des 19. Jahrhunderts wäre somit ein scheinbarer; es würde sich vielmehr um einen gleitenden Übergang handeln. Am ehesten erscheint diese These natürlich durch einen Hinweis auf Frankreich angreifbar – von den Niederlanden und der Schweiz zu schweigen61. Hier können m. E. neue Familienbiographien weiterhelfen – ein aufwändiges, aber, wie erst wieder die beiden 2005 erschienen Arbeiten von Jacques Cuvillier und Sylvia Schraut gezeigt haben, auch ertragreiches Unternehmen62. Bertrand Goujon wird uns am Beispiel der Arenberg über die »stratégies aristocratiques d ’adaption et jeux d ’échelles dans l ’Europe du XIXe siècle« eines Geschlechts berichten, das zeitweise zumindest quasi-souveräne Rechte genoss.
Ganz so weit brachten es die österreichisch-böhmischen Harrach nicht. Aber immerhin waren sie ein altes, weithin begütertes Geschlecht, das die Reichsstandschaft erlangte und über Jahrhunderte politischen Einfluss auszuüben verstand. Wie veränderte sich die Welt der Grafen Harrach, so lautet die Frage an Konstantinos Raptis, über all die Umbrüche hinweg vom Jahr 1890, wo die gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Habsburgermonarchie durch die einsetzende Agrarkrise und den fortschreitenden Nationalismus zwar schon gefährdet, aber noch weitgehend intakt erscheinen konnten, bis hin zum ominösen Jahr 1938, dem Zeitpunkt des sogenannten Anschlusses an Hitler-Deutschland? Was vermochten die Harrach am längsten zu wahren: ihr im Ersten Weltkrieg kaum beeinträchtigtes Vermögen63, ihren politischen Einfluss oder ihr gesellschaftliches Ansehen? Oder war ihre Familiengeschichte in Österreich und der Tschechoslowakei eine einzige Historie des sozialen Abstiegs?

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Eine ähnliche Frage wird man an Marie-Emmanuelle Reytier richten müssen, die die Lebenswege zweier zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborener Prinzen zu Löwenstein-Wertheim vorstellt: der eine, Hubertus, ein Gegner der Nationalsozialisten, liberal-konservativer Publizist und Politiker, der andere, Karl, ein Vertreter des politischen Katholizismus, wie sein Vater und Großvater lange Jahre an der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken stehend. Beide Männer verfügten über zahlreiche Beziehungen, doch machte Karl, obwohl einst SA-Mitglied, in der Bundesrepublik eine steilere Karriere als der Emigrant Hubertus. Zwei Beispiele für eine schwierige, aber letztlich gelungene Anpassung des hohen Adels an Republik und Demokratie? Frau Reytier wird, denke ich, auch die Dimension des Verlusts an Einflussmöglichkeiten ansprechen64. Beispiele sozialen Abstiegs gab es zu allen Zeiten, und sie müssen Historiker interessieren. Warum wird fast immer nur der soziale Aufstieg von Familien untersucht? So wichtig und vielversprechend das Thema »Nobilitierung« immer noch ist65, allein der (zumindest relative) Rückgang der Zahl Adeliger legt nahe, sich doch auch einmal dem Thema des sozialen Abstiegs zu widmen, auch wenn dieses quellenbedingt vor allem für die Frühe Neuzeit eine große Herausforderung darstellt. Wenn ein Stand wie der Adelsstand einem Eisenbahnwaggon vergleichbar ist, so heißt dies, dass dort stets nicht nur Personen ein-, sondern auch ausgestiegen sind. Manche Familien stiegen sogar aus und später wieder ein, wie die schwäbische Reichsritterfamilie mit dem schönen Namen Hundbiß66. Überhaupt stellt sich die Frage, wie viele Geschlechter, deren Adel »ruhte«, ihn später wieder aufnehmen konnten.

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Im Prinzip scheint dies kein Problem gewesen zu sein, wenn ein zwischenzeitlich verarmtes Geschlecht sich finanziell wieder erholt und zu einem standesgemäßen Leben zurückgefunden hatte. Arme Adelige aber gab es in Gegenden mit hoher Adelsdichte nicht wenige. Unter dem Titel »Noblesse et pauvreté« hat Michel Nassiet 1993 ein Buch über den bretonischen Kleinadel veröffentlicht67. Über die benachbarte Normandie schrieb um 1700 der Marschall d Harcourt: »Je vois la pauvre noblesse de ce pays ici en si pitoyable état que tous les gentilshommes deviennent paysans pour n avoir pas le moyen d être élevés ni d apprendre seulement à lire et écrire, que cette pauvreté les oblige à se marier avec une paysanne pourvu qu elle ait un demi-arpent de terre à labourer«68. Martin Wrede und Horst Carl haben kürzlich einen Sammelband herausgegeben, der sich unter anderem dem Umgang einer Familie oder einer Adelsgesellschaft mit jemandem widmet, der ihr Schande bereitet hat, eben etwa durch eine Mésalliance, aber auch durch eine Rebellion oder einen Bankrott69. Letzterer konnte auch Hochadelige treffen, selbst im 19. Jahrhundert. Persönliche Verschwendungssucht bzw. übersteigertes Repräsentationsbedürfnis ebenso wie eine eher »bürgerliche« Spekulationshaltung ruinierten zum Beispiel den ehemaligen Minister Ludwigs I. von Bayern, Ludwig Fürst von Öttingen-Wallerstein, und brachten ihn sogar in Schuldhaft – ohne dass dieser Zusammenbruch jedoch automatisch sein Familienvermögen tangiert hätte70. Anders beim spanischen Haus Osuna, das um dieselbe Zeit Bankrott machte71.

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Aber häufiger traf der Niedergang natürlich Kleinadelige, in Spanien und Polen schon im ganzen 19. Jahrhundert, in vielen anderen Ländern schleichend ab den 1880er Jahren, deutlich sichtbar aber nach 1917/18. Wie ließ sich »Adeligkeit«, das heißt adelige Identität, in der Emigration gerade in dieser Zeit bewahren? Welche Rolle spielten Dienstgesinnung (gegenüber Dynastie und / oder Vaterland), Selbstdarstellung und selektive Erinnerung? Wenn Julia Hildt dies für den russischen Adel anhand autobiographischer Texte untersucht, verwendet sie hierbei eine Quellengattung, deren Wert für die Erforschung adeligen Selbstverständnisses und adeligen Selbstwertgefühls zunehmend wahrgenommen wird72. Es scheint, dass Teile des Adels nach einer Phase der »Nationalisierung« im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach dem Ersten und erneut nach dem Zweiten Weltkrieg wieder vermehrt auf den europäischen Zusammenhang setzten, der die Ideenwelt und die Netzwerke des hohen Adels immer schon geprägt hatte. Insofern scheinen mir die Themen von Dina Gusejnova, »Die Krise des Adels und die Europaidee in Deutschland und Österreich 1918-1939«, und von Johannes Großmann, »Diplomatie im Schatten Europas. Adel und Politik nach 1945 am Beispiel des Centre Européen de Documentation et Information« viele gemeinsame Bezüge aufzuweisen, nicht zuletzt hinsichtlich der meist christlich-konservativen Fundierung dieser »europäischen« Bestrebungen. Führten sie die Beteiligten an das moderne, demokratische Europa heran oder prägten sie vielleicht in einer bis heute problematischen Weise ein Ideal europäischer elitärer Geselligkeit, fernab von den »provinziellen« Sorgen der einfachen EU-Bürger73?

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Ambivalent wirkt diese Bewegung schon deshalb, weil manche Protagonisten vor 1945 einen Weg gingen, der eigentlich als Alternative zu ihrer eher »transnationalen« Orientierung erscheint, nämlich den der Annäherung an einen extremen Nationalismus. Gerade der ostelbische deutsche Adel, ist, wie wir namentlich von Stephan Malinowski wissen74, diesen Weg auf breiter Front gegangen – und damit in gewisser Weise in den eigenen Untergang marschiert. Michael Seelig wird aufzeigen, wie diese Adelsgruppierung nach der Flucht bzw. Vertreibung in der Bundesrepublik Deutschland wieder Fuß zu fassen und ihre adelige Identität suchte, und in welchem Umfang und wie lange ihr das gelang. Gab es in allen diesen Fällen »entwurzelter« Adelsgesellschaften vielleicht wiederum generationen-, das heißt Alterskohorten- oder auch geschlechtsspezifische Unterschiede?

Transnationale Vergleiche von Adelsgesellschaften

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Nicht nur mit Blick auf die »Verlierer« scheinen transnationale Vergleiche von Adelsgesellschaften angebracht. Das Haus Arenberg mit seinen ungemein zahlreichen internationalen Verflechtungen und Besitzungen liefert ein Beispiel, wie ein Geschlecht sich zwar in nationale Zweige aufspalten und dennoch einen gewissen »kosmopolitischen« Zusammenhang bewahren konnte. Überhaupt sollte m. E. stets die lokale, die regionale, die nationale und die europäische Perspektive so weit wie möglich miteinander verflochten werden. Frau Solignat untersucht den Adel zweier zentralfranzösischer Regionen. Gleichwohl ist ihre Arbeit nicht nur von »landesgeschichtlichem« Interesse. Indem sie eine Lücke füllt, kann sie, wenn sie ihre Ergebnisse abschließend in einen übergeordneten Zusammenhang stellt, auch einen Beitrag zumindest zur französischen, vielleicht sogar zur europäischen Geschichte leisten75. Adelslandschaften brauchten freilich nicht mit Provinzen oder Ländern identisch zu sein, doch allein die Organisation von Provinzial- und Landständen legt einen häufigen Zusammenhang nahe. Eine wirklich quellengesättigte adelsgeschichtliche Untersuchung muss sich also entweder einer Person, einem Geschlecht oder aber eben einer bestimmten Region zuwenden. Obgleich für verschiedene Epochen schon manche vorzügliche Monographien gerade den Adelsgesellschaften französischer Landschaften bzw. Provinzen gewidmet worden sind – ich erinnere nur an Arbeiten von Jean Meyer, Michel Nassiet und James D. Collins über die Bretagne, von Claude bzw. Claude-Isabelle Brelot über die Franche-Comté oder Michel Figeac über das Bordelais –76, so ist das Bild doch noch keineswegs »flächendeckend«. Wie wenig man aber die anhand einer Region gewonnenen Ergebnisse verallgemeinern darf, zeigt nicht nur die langjährige Überschätzung der französischen Adelsdichte, die sich anscheinend auf die in Jean Meyers Pionierwerk »La noblesse bretonne« ermittelten Zahlen stützte.

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In ähnlicher Weise hat man wohl, durch Verallgemeinerung von Ergebnissen, die anhand der Untersuchung schwäbischer und fränkischer Reichsritterkantone erzielt worden waren, ein wenig voreilig eine allgemeine Armut der meisten Reichsritter im 18. Jahrhundert postuliert, bis William Godsey zeigte, dass der durchschnittliche mittelrheinische Standesgenosse recht gut betucht war77. Das meine ich mit der Verflechtung der Perspektiven. So könnte man auch die Kontinuität bzw. Diskontinuität der Adelswelt um 1800 anhand verschiedener europäischer Länder untersuchen78. Das breit angelegte Forschungsprojekt, das uns Christine Schmitt vorstellen wird, fragt zum Beispiel danach, wie sich die politischen und kulturellen Umbrüche in Frankreich zwischen 1750 und 1850 auf die Adelsgesellschaft einer Grenzregion wie des Rheinlandes auswirkten, das ja linksrheinisch für 20 Jahre zu Frankreich gehörte. Eine konkretere Frage würde etwa lauten, ob sich eine bürgerlich-adelige Notabelngesellschaft, wie sie sich in Frankreich (freilich unter mehrfach veränderten Vorzeichen) entwickelte, im Rheinland durchsetzen konnte, jedenfalls deutlicher als in anderen deutschen Regionen, wo entsprechende Ansätze zwar nachweisbar sind, aber nie zur vollen Ausbildung gelangten79. Wie die genealogischen Verflechtungen verdienen es die hier zu erwartenden Ergebnisse sicherlich, im öffentlichen Bewusstsein verankert und dabei in ihren früheren und heutigen nationalpolitischen Konsequenzen reflektiert zu werden.

Die interkulturelle Perspektive

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Dabei sollte man jedoch den Blick nicht nur auf zwei Länder beschränken. Sicherlich: »La France et l Allemagne sont essentiellement l Europe. L ’Allemagne et la France sont essentiellement la civilisation« – das soll jedenfalls Victor Hugo um 1850 gesagt haben80. Damit stehen oder besser: sitzen wir im Deutschen Historischen Institut in Paris im Mittelpunkt Europas, ja der Kultur schlechthin. Trotzdem sollten wir uns nicht scheuen, auch einen Blick nach außen zu werfen, über die Grenzen Deutschland und Frankreichs, ja selbst über Europa hinaus. Ich habe kürzlich versucht, sowohl für den deutschen Adel dessen Spezifika innerhalb des europäischen Adels zu skizzieren, als auch die Besonderheiten des europäischen Adels aus globalhistorischer Sicht herauszuarbeiten81. Solche Versuche können nur als reichlich kühn bezeichnet werden. Sie sollen aber dazu beitragen, die Einordnung neu gewonnener Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang zu erleichtern. Gerade wer unter einem bestimmten Gesichtspunkt den europäischen Adel als Ganzes ins Auge fasst, wird nicht darum herum kommen, seinen Gegenstand auch von außen her in den Blick zu nehmen.

Autor:

Prof. Dr. Walter Demel
Universität der Bundeswehr München
Historisches Institut
walter.demel@unibw.de

1 Vgl. zum Beispiel Stephan Malinowski, »Wer schenkt uns wieder Kartoffeln?« Deutscher Adel nach 1918 – eine Elite?, in: Günther Schulz, Markus A. Denzel (Hg.), Deutscher Adel im 19. und 20. Jahrhundert, St. Katharinen 2004 (Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit, 26), S. 503-537.

2 Für diesen und andere Hinweise danke ich meiner lieben Kollegin Sylvia Schraut ganz herzlich.

3 Erwähnt seien nur die Ausstellungen »Adel auf dem Lande« (Cloppenburg, Dauerausstellung seit 2004), »Deutschlands Schatzhäuser« (München 2004/05), »Adel im Wandel« (Sigmaringen 2006), »Die Bünau« (Schloss Weesenstein in Sachsen 2006/07), »Adel in Bayern« (Rosenheim und Hohenaschau 2008). Daraus hervorgegangen sind zum Beispiel Heike Düselder (Hg.), Adel auf dem Lande. Kultur und Herrschaft des Adels zwischen Weser und Ems. 16. bis 18. Jahrhundert, Cloppenburg 2004; Mark Hengerer, Elmar L. Kuhn (Hg.), Adel im Wandel. Oberschwaben von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, 3 Bde., Ostfildern 2006; Walter Demel, Ferdinand Kramer (Hg.), Adel und Adelskultur in Bayern, München 2008 (Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte, Beiheft 32); Martina Schattkowsky (Hg.), Die Familie von Bünau. Adelsherrschaften in Sachsen und Böhmen vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Leipzig 2008 (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 27).

4 Ergebnis dieser Tagung war: Elisabeth Fehrenbach, Adel und Bürgertum in Deutschland 1770-1848, München 1994 (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien, 31).

5 Hans-Ulrich Wehler, Einleitung, in: ders. (Hg.), Europäischer Adel 1750-1950, Göttingen 1990 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 13), S. 9-18, hier S. 11. Vgl. Elisabeth Fehrenbach, Einführung, in: dies. (Hg.), Adel (wie Anm. 4), S. VII-XV, besonders S. VII. Immerhin erschien Gollwitzers Arbeit nicht nur 1957 in erster Auflage, sondern 1964 auch in zweiter: Heinz Gollwitzer, Die Standesherren. Die politische und gesellschaftliche Stellung der Mediatisierten 1815-1918, 2. Aufl., Göttingen 1964.

6 Heinz Reif (Hg.), Elitenwandel in der Moderne, bisher 7 Bde., Berlin 2000. Vgl. zum Beispiel Eckart Conze, Von deutschem Adel. Die Grafen von Bernstorff im zwanzigsten Jahrhundert, Stuttgart, München 2000.

7 Hamish M. Scott, Christopher Storrs, Introduction: The Consolidation of Noble Power in Europe, ca 1600–1800, in: Hamish M. Scott (Hg.), The European Nobilities in the Seventeenth and Eighteenth Centuries, Bd. 1, London, New York 1995, S. 1-52, zitiert S. 7f.

8 Genannt werden sollen hier aus den letzten Jahren nur Heinz Reif, Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999 (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 55); Michel Figeac, L ’automne des gentilshommes. Noblesse d Aquitaine, noblesse française au Siècle des Lumières, Paris 2002; Eckart Conze (Hg.), Kleines Lexikon des Adels. Titel, Throne, Traditionen, München 2005; Walter Demel, Der europäische Adel. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2005; Monika Wienfort, Der Adel in der Moderne, Göttingen 2006; Ronald Asch, Europäischer Adel in der Frühen Neuzeit, Köln u. a. 2008. Unter den älteren Werken wäre etwa zu nennen: Jean-Marie Constant, La noblesse française aux XVIe et XVIIe siècles, Paris 1985.

9 Robert Dauvergne, Le problème du nombre des nobles en France au XVIIIe siècle, in: Sur la population française au XVIIIe et au XIXe siècles, = Hommage à Marcel Reinhard, Paris 1973, S. 182-192, der ibid., auf Seite 191, von 300-40.000 Adeligen ausging. Weitere Schätzungen vgl. Christian de Bartillat, Histoire de la noblesse française 1789-1989, Bd. 1, S. 35; Guy Chaussinand-Nogaret, La Noblesse au XVIIIe siècle. De la Féodalité aux Lumières, Paris 1976, S. 11, 46-48.

10 Vgl. Michel Nassiet, Le problème des effectifs de la noblesse dans la France du XVIIIe siècle, in: Traditions et innovations dans la société française du XVIIIe siècle, Paris 1995 (Association des Historiens Modernistes des Universités: Bulletin 18), S. 97-121; ders., Noblesse et pauvreté. La petite noblesse en Bretagne XVe-XVIIIe siècles, o. O. 1993, S. 238f., gibt für die Bretagne um 1700 (ohne die »ruhenden« Titel) knapp 1% Adelige an und meint, dass es – außer im Languedoc (1,4%) und vielleicht in der Normandie – in den übrigen französischen Provinzen zwischen 0,3% und 0,9% gewesen seien. Claude-Isabelle Brelot, La Noblesse réinventée. Nobles de Franche-Comté de 1814 à 1870, 2 Tle., Besançon 1992, Tl. 1, S. 19, spezifiziert für 1789: Franche Comté 0,28–0,39%, Orléanais 0,45%, Limousin 0,50%, Picardie 0,51%, Bordelais und Périgord je 0,6%, Normandie: Generalité de Rouen 0,66%, de Caen 1,08%. Claude Brelot, La Noblesse en Franche Comté de 1789 à 1808, Paris 1972, S. 18, hatte für diese Provinz – unter Annahme von 5 Mitgliedern pro Adelsfamilie – ebenfalls einen Anteil von nur knapp 0,3% der Bevölkerung ermittelt, für andere Provinzen Frankreichs allerdings (1972!) Raten von 1,1-1,8% angenommen. Vgl. schon Jean-Marie Constant, Une voie nouvelle pour connaître le nombre des nobles aux XVIe et XVIIe siècles: les notions de »densité et d espace« nobiliaires [1984], in: ders., La noblesse en liberté. XVIe-XVIIe siècles, Rennes 2004, S. 13-20; Laurent Bourquin, Jean-Marie Constant, Les fortes densités nobiliaires de l ’Ouest, in: Université du Maine (Hg.), Gens de l ’Ouest. Contribution à l ’histoire des cultures provinciales, Le Mans 2001, S. 179-197, die das Problem der Generalisierung lokaler Datenerhebungen herausarbeiten. Ich danke Herrn Prof. Dr. Constant herzlich für die Übersendung dieses Werkes und seine Hinweise.

11 Vgl. dazu Walter Demel, Der Adel im Reich bzw. in Deutschland aus europäischer Perspektive, in: Schattkowsky, Bünau (wie Anm. 3), S. 45-71.

12 Vgl. Reif, Adel (wie Anm. 8), S. 9; Wienfort, Adel (wie Anm. 8), S. 9.

13 Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Abt. III: Geheimes Hausarchiv München, Nachlass König Max II., Nr. 76/5/35, ad 21-1-2; Walter Demel, Struktur und Entwicklung des bayerischen Adels von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Reichsgründung, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 61, 1998, S. 295-345, hier S. 322f., 329; ders., Die wirtschaftliche Lage des bayerischen Adels in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in: Armgard von Reden-Dohna, Ralph Melville (Hg.), Der Adel an der Schwelle des bürgerlichen Zeitalters 1780-1860, Stuttgart 1988, S. 237-269, hier S. 266.

14 Walter Demel, »European nobillity« oder »European nobilities«? Betrachtungen anhand genealogischer Verflechtungen innerhalb des europäischen Hochadels (ca. 1650-1800), in: Wolf Dieter Gruner, Marcus Völkel (Hg.), Region – Territorium – Nationalstaat – Europa. Beiträge zu einer europäischen Geschichtslandschaft = Festschrift für Ludwig Hammermayer zum 70. Geburtstag am 7. Oktober 1998, Rostock 1998, S. 81-104.

15 Herbert Stoyan, WW-Person auf CD. Ein Informationssystem über den historischen höheren Adel im Heiligen Römischen Reich mit Berücksichtigung des europäischen Adels, Version 1, 12/1997, und weitere. Die 8. Version ist auch verfügbar unter http://www8.informatik.uni-erlangen.de/html/ww-person.html.

16 Heinz Reif, Westfälischer Adel 1770–1860. Vom Herrschaftsstand zur regionalen Elite, Göttingen 1979 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 35), S. 240-315.

17 Zum Beispiel Doris Alder, Die Wurzel der Polaritäten. Geschlechtertheorie zwischen Naturrecht und Natur der Frau, Frankfurt a.M. u.a. 1992.

18 Ute Küppers-Braun, Frauen des hohen Adels im kaiserlich-freiweltlichen Damenstift Essen (1605-1803). Eine verfassungs- und sozialgeschichtliche Studie. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Stifte Thorn, Elten, Vreden und St. Ursula in Köln, Münster 1997 (Quellen und Studien. Veröffentlichungen des Instituts für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen, 8); Marietta Meier, Standesbewusste Stiftsdamen. Stand, Familie und Geschlecht im adligen Damenstift Olsberg 1780-1810, Köln u.a. 1999; Kurt Andermann (Hg.), Geistliches Leben und standesgemäßes Auskommen. Adlige Damenstifte in Vergangenheit und Gegenwart, Tübingen 1998 (Kraichtaler Kolloquien, 1); Anke Hufschmidt, Adlige Frauen im Weserraum zwischen 1570 und 1700: Status – Rollen – Lebenspraxis, Münster 2001 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 22); Katrin Keller, Hofdamen. Amtsträgerinnen im Wiener Hofstaat des 17. Jahrhunderts, Wien u.a. 2005; Monika Wienfort, Gesellschaftsdamen, Gutsfrauen und Rebellinnen. Adelige Frauen in Deutschland 1890-1939, in: Eckart Conze, Monika Wienfort (Hg.), Adel und Moderne. Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2004, S. 181-203; Rudolfine von Oer, Carlfried Westerholt-Alst, Der Adelige Damenclub zu Münster 1800-2000, Münster 2000; Cyril Eder, Les Comtesses de la Gestapo, Paris 2006.

19 Näher erforscht wurde jüngst zum Beispiel die Person der Herzoginwitwe Anna Amalia von Sachsen-Weimar: Joachim Berger (Hg.), Der »Musenhof« Anna Amalias. Geselligkeit, Mäzenatentum und Kunstliebhaberei im klassischen Weimar, Köln u.a. 2001. Gritt Borowski (Göttingen) arbeitet derzeit über Witwen der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Verschiedene andere Arbeiten, die bei der am 11.4.08 von Ferdinand Kramer geleiteten Münchner Tagung »Zwischen Zeremoniell und Zerstreuung. Adel am Münchner Hof (17./18. Jahrhundert)« vorgestellt wurden, widmeten sich ebenfalls der Rolle adeliger Frauen, zum Beispiel der Princesse des Ursins (Corina Bastian, Bern).

20 Rainer Babel / Werner Paravicini (Hg.), Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, Ostfildern 2005 (Beihefte der Francia, 60). Vgl. auch Antje Stannek, Telemachs Brüder. Die höfische Bildungsreise des 17. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 2001 (Geschichte und Geschlechter, 33); Katrin Keller, Der sächsische Adel auf Reisen. Die Kavalierstour als Institution adeliger Standesbildung im 17. und 18. Jahrhundert, in: dies., Josef Matzerath (Hg), Geschichte des sächsischen Adels, Köln u. a. 1997, S. 257-274.

21 Vgl. William D. Godsey Jr., Nobles and Nation in Central Europe. Free Imperial Knights in the Age of Revolution, 1750-1850, Cambridge u.a. 2004; Jay M. Smith, Nobility Reimagined. The Patriotic Nation in Eighteenth-Century France, Ithaca/ NY, London 2005.

22 Figeac, L ’automne (wie Anm. 8), S. 69; Georg Schmidt, Fürst Johann I. (1760-1836): »Souveränität und Modernisierung« Liechtensteins, in: Volker Press, Dietmar Willoweit (Hg.), Liechtenstein – Fürstliches Haus und staatliche Ordnung. Geschichtliche Grundlagen und moderne Perspektiven, Vaduz u.a. 1987, S. 383-418, hier S. 385.

23 Mathieu Marraud, La noblesse de Paris au XVIIIe siècle, Paris 2000, S. 428.

24 Vgl. für Deutschland: Rainer A. Müller, Der Fürstenhof in der Frühen Neuzeit, München 1995 (Enzyklopädie deutscher Geschichte, 33); Karl Möckl (Hg.), Hof und Hofgesellschaft in den deutschen Staaten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, Boppard/Rhein 1990 (Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit, 18); neueren Datums: Andreas Pečar, Die Ökonomie der Ehre. Höfischer Adel am Kaiserhof Karls VI. (1711-1740), Darmstadt 2003; Mark Hengerer, Kaiserhof und Adel in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Eine Kommunikationsgeschichte der Macht in der Vormoderne, Konstanz 2004 (Historische Kulturwissenschaft, 3); für Frankreich zum Beispiel Bernard Hours, Louis XV et sa Cour. Le roi, l étiquette et le courtisan; essay historique, Paris 2002.

25 Vgl. zum Beispiel Marcus Weidner, Landadel in Münster 1600-1760. Stadtverfassung, Standesbehauptung und Fürstenhof, 2 Bde., Münster 2000 (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster, NF, 18); William W. Hagen, Ordinary Prussians. Brandenburg Junkers und Villagers, 1500-1840, Cambridge 2002; Martina Schattkowsky, Zwischen Rittergut, Residenz und Reich. Die Lebenswelt des kursächsischen Landadeligen Christoph von Loß auf Schleinitz (1574-1620), Leipzig 2007 (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 20); Barbara Kink, Adelige Lebenswelt in Bayern im 18. Jahrhundert. Die Tage- und Ausgabenbücher des Freiherrn Sebastian von Pemler von Hurlach und Leutstetten (1718-1772), München 2007 (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte, 26 ).

26 Zum Beispiel Jonathan Dewald, The Formation of a Provincial Nobility. The Magistrates of the Parlament of Rouen, 1499-1610, Princeton/NJ 1980; François Bluche, Les Magistrats du Parlement de Paris au XVIIIe siècle, Paris 1986; Olivier Chaline, Godart de Belbeuf, Le parlement, le roi et les Normands, Luneray 1996; ders., Yves Sassier (Hg.), Les parlements et la vie de la cité (XVIe-XVIIIe siècle), Mont-Saint-Aignan 2004.

27 Bernd Wunder, Adel und Verwaltung. Das Beispiel Süddeutschland (1806-1914), in: Kurt Adamy, Kristina Hübener (Hg.), Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Ein historischer Vergleich, Berlin 1996, S. 261-266. Das adelige Patriziat, das im Reich, aber selbst in der Schweiz existierte, hat dagegen als solches selten im Mittelpunkt einer Untersuchung gestanden. Auch mit Blick auf den spanischen Adel scheint man sich, soweit ich sehe, mehr für Organisationen wie die Ritterorden, für einzelne Hochadelsfamilien oder aber für die Situation der einfachen ländlichen Hidalgos zu interessieren als für die Caballeros und andere Adelige, die in vielen Städten nicht zuletzt für die Verwaltung eine wichtige Rolle spielten. Vgl. Christian Windler, Lokale Eliten, seigneurialer Adel und Reformabsolutismus in Spanien (1760-1808). Das Beispiel Niederandalusien, Stuttgart 1992; Bianca Maria Lindorfer, Kampf gegen Windmühlen. Der niedere Adel Kastiliens in der frühen Neuzeit, Wien, München 2004 (Studien zur Geschichte und Kultur der iberischen und iberoamerikanischen Länder, 9); David García Hernán, La nobleza en la España moderna, Madrid 1992, der S. 26f. zum Stadtadel einige Ausführungen macht, jedoch ohne spezielle Literatur zu nennen. Vielleicht eine gewisse Ausnahme bildet María Teresa Perez Picazo, La pequeña nobleza urbana en la transición del antiguo al nuevo régimen, 1750-1850. El caso de Murcia, in: Les noblesses européennes au XIXe siècle, Rom 1988 (Collection de l école française de Rome, 107), S. 473-528.

28 Marraud, La noblesse de Paris (wie Anm. 23).

29 Claude-Isabelle Brelot, Noblesses et villes. Actes du colloque de Tours 17-19 mars 1994, Tours 1995 (Collection science de la ville, Bd. 10).

30 David Cannadine, Lords and Landlords: the Aristocracy and the Towns, 1774-1967, Leicester 1980.

31 Jean-Marie Constant, La folle liberté des baroques (1600-1661), Paris 2007, S. 257-267, besonders S. 258.

32 Zum Beispiel Antoine Lilti, Le monde des salons. Sociabilité et mondanité à Paris au XVIIIe siècle, Paris 2005; Petra Wilhelmy-Dollinger, Die Berliner Salons, Berlin u.a. 2000; Daniel Ligou (Hg.), Histoire des francs-maçons en France, 2 Bde., Toulouse 2000; Hervé Vigier, Lumières de la Franc-Maçonnerie française, Paris 2006; Holger Zaunstöck, Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen. Die mitteldeutschen Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert, Tübingen 1999.

33 Arlette Jouanna, Le devoir de révolte. La noblesse française et la gestation de l Etat moderne (1559-1661), Paris 1989.

34 Antoni Mączak, Ungleiche Freundschaft. Klientelbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart, Osnabrück 2005; zum Vergleich der polnischen mit anderen Adelsgesellschaften, insbesondere der dänischen: ders., Der Staat als Unternehmen. Adel und Amtsträger in Polen und Europa in der Frühen Neuzeit, München 1989 (Schriften des Historischen Kollegs, Vorträge 10). Die Differenzierung des Adels reichte in Polen von Magnaten über einfache »Besitzer« (possessores, posesjonaci) bis hinunter zu den »Nackten« (gołota), landlosen Adeligen, die sich ihren Lebensunterhalt nur durch eine Dienststellung, häufig bei wohlhabenderen Standesgenossen, erwerben konnten. Zum frühneuzeitlichen polnischen Adel allgemein: Robert I. Frost, The Nobility of Poland-Lithuania, 1569-1795, in: Scott, European Nobilities (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 183-222, zu den Besitzverhältnissen speziell S. 196f.

35 Vgl. etwa Beate Spiegel, »Kultur« in einer kleinen Hofmark – Das Beispiel Tutzing um 1740, in: Demel, Kramer, Adel und Adelskultur (wie Anm. 3), S. 301-310. Dass sich »Adeligkeit« und »Bürgerlichkeit« besonders auf den kulturellen Bereich beziehen, betont Eckart Conze, Deutscher Adel im 20. Jahrhundert. Forschungsperspektiven eines zeithistorischen Feldes, in: Schulz, Denzel, Adel (wie Anm. 1), S. 17-34, hier S. 25-27.

36 Dieter Lohmeier, Der Edelmann als Bürger. Über die Verbürgerlichung der Adelskultur im dänischen Gesamtstaat, in: Christian Degn, ders. (Hg.), Staatsdienst und Menschlichkeit. Studien zur Adelskultur im dänischen Gesamtstaat im späten 18. Jahrhundert in Schleswig-Holstein und Dänemark, Neumünster 1980, S. 127-150.

37 Dabei ist freilich zu fragen, inwieweit es in Spanien überhaupt eine »bürgerliche Kultur« außerhalb der jüdischen Tradition bzw. der Welt etwa des Patriziats von Barcelona gab. Zur wachsenden Bedeutung der Bildung für den kastilischen Adel knapp zusammenfassend: Lindorfer, Kampf (wie Anm. 27), S. 85-89. Jedenfalls stellte sich der Anschluss an die schriftliche Kultur des Humanismus und des konfessionellen Zeitalters als ein schwieriges und langwieriges Unterfangen dar (vgl. Ronald G. Asch, Nobilities in Transition 1550-1700. Courtiers and Rebels in Britain and Europe, London 2003, S. 150-154). Doch hat auch Gerrit Walther Recht, wenn er meint, es sei kein Zufall gewesen, dass die »Kultur der Renaissance zum prägenden Lebensstil des neuzeitlichen Adels in ganz Europa wurde«, und der Adel sich überhaupt als »ein Meister permanenter Modernisierung« erwiesen habe. Ders., Freiheit, Freundschaft , Fürstengunst. Kriterien der Zugehörigkeit zum Adel in der Frühen Neuzeit, in: Hans Beck, Peter Scholz, Uwe Walter (Hg.), Die Macht der Wenigen. Aristokratische Herrschaftspraxis, Kommunikation und ›edler‹ Lebensstil in Antike und Früher Neuzeit, München 2008 (Historische Zeitschrift, Beihefte (Neue Folge), 47), S. 301-322, hier zitiert S. 303, 322. Vgl. ders., Adel und Antike. Zur politischen Bedeutung gelehrter Kultur für die Führungselite der Frühen Neuzeit, in: Historische Zeitschrift 266 (1998), S. 359-385.

38 Norbert Conrads, Ritterakademien der Frühen Neuzeit. Bildung als Standesprivileg im 16. und 17. Jahrhundert, Göttingen 1982. Vgl. aber für die spätere Zeit die differenzierten Ausführungen in dem Band von Ivo Cerman, Luboš Velek (Hg.), Adelige Ausbildung. Die Herausforderung der Aufklärung und die Folgen, München 2006.

39 Nach Eugen Joseph Weber, Peasants into Frenchmen. The modernization of rural France, 1870-1914, Stanford/CA 1976, sollte man vielleicht besser nicht davon ausgehen, dass es lediglich verschiedene französische Dialekte am Königshof und in den Provinzen gegeben hätte. Viele Untertanen verstanden noch 200 Jahre später nicht die »Sprache des Königs«, geschweige denn dass sie sich darin ausdrücken konnten. Im Grunde handelte es sich um verschiedene Sprachen!

40 Klaus Beyrer, Zeit der Postkutschen. Ein Überblick, in: ders. (Hg.), Zeit der Postkutschen. Drei Jahrhunderte Reisen 1600-1900, Karlsruhe 1992, S. 9-24, hier S. 10f., kommentiert einen zwischen 1612 und 1620 entstandenen Jahreszeitenzyklus des niederländischen Malers Joos de Momper, der in Kutschen fast ausschließlich Frauen und Kinder zeigt, mit den Worten: »Die Männer hingegen, unter denen die Wagenfahrt noch verpönt ist, begleiten das Fuhrwerk – standesgemäß – zu Pferde« (ibid., S. 11).

41 Zu dieser bewussten Parodie der Ritterromane: Lindorfer, Kampf (wie Anm. 27), S. 115-119.

42 Dass die Französische Revolution nicht nur einen gesellschaftlichen, sondern auch einen kulturellen Bruch bedeutete, ist seit langem bekannt. Vgl. Mona Ozouf, La fête révolutionnaire 1789-1799, Paris 1976; Serge Bianchi, La révolution culturelle de l an II, Paris 1982.

43 Vgl. allerdings Jay M. Smith, The Culture of Merit. Nobility, Royal Service, and the Making of Absolute Monarchy in France 1600-1789, Ann Arbor/MI 1996.

44 Déclaration des droits de l homme et du Citoyen du 26 août 1789, Art. 1: »Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits. Les distinctions sociales ne peuvent être fondées que sur l utilité commune. « (Jacques Godechot (Hg.), Les constitutions de la France depuis 1789, Paris 1970, S. 33.)

45 Pečar, Ehre (wie Anm. 24).

46 Esteban Mauerer, Südwestdeutscher Reichsadel im 17. und. 18. Jahrhundert. Geld, Reputation, Karriere: Das Haus Fürstenberg, Göttingen 2001 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 66).

47 Vgl. Zum Beispiel Natacha Coquéry, L hôtel aristocratique. Le marché du luxe à Paris au XVIIIe siècle, Paris 1998 (Histoire moderne, 39), S. 130f.

48 Nur gelegentlich finden sich Beiträge wie Gilles Poste-Vinay, Les domaines nobles et le recours au crédit (France, deux premiers tiers du XIXe siècle), in: Les noblesses européennes (wie Anm. 27), S. 199-220; Alain Plessis, Nobles et actionnaires de la Banque de France de 1800 à 1914, ibid., S. 255-265.

49 Barbara Stollberg-Rilinger, Handelsgeist und Adelsethos. Zur Diskussion um das Handelsverbot für den deutschen Adel vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Historische Forschung 15 (1988), S. 273-309.

50 Guy Richard, Noblesse d affaires au XVIIIe siècle, Paris 1974.

51 Toni Pierenkemper, Unternehmeraristokraten in Schlesien, in: Fehrenbach, Adel und Bürgertum (wie Anm. 4), S. 129-157, zitiert S. 132 (auch zum Folgenden).

52 Dominic Lieven, The Aristocracy in Europe, 1815-1914, Houndmills, Basingstoke 1992, S. 67.

53 Christian Degn, Die großen Agrarreformen, in: Olaf Klose, ders., Die Herzogtümer im Gesamtstaat 1721-1830, Neumünster 1960 (Geschichte Schleswig-Holsteins, 6), S 216-265, hier besonders 220-223; Christoph Dipper, Die Bauernbefreiung in Deutschland 1790-1850, Stuttgart u.a. 1980, S. 71-74.

54 Michel Figeac, La douceur des Lumières. Noblesse et art de vivre en Guyenne au XVIIIe siècle, Bordeaux 2001.

55 Rudolf Braun, Konzeptionelle Bemerkungen zum Obenbleiben. Adel im 19. Jahrhundert, in: Wehler, Europäischer Adel (wie Anm. 5), S. 87-95.

56 Lieven, Aristocracy (wie Anm. 52), dokumentiert eher das »Obenbleiben«, obgleich die deutsche Übersetzung seines Werks den Titel trägt: Abschied von Macht und Würden. Der europäische Adel 1815-1914, Frankfurt a.M. 1995. Vgl. aber zum Beispiel Josef Matzerath, Adelsprobe an der Moderne: Sächsischer Adel 1763 bis 1866. Entkonkretisierung einer traditionalen Sozialformation, Stuttgart 2006.

57 Honoré de Balzac, Splendeurs et Misères des Courtisanes, Paris (Éditions Garnier Frères) 1958, S. 105.

58 Immerhin verkehrte Balzac Ende der 1820er Jahre im Salon der Herzogin d ’Abrantès, nach 1830 in legitimistischen Kreisen und verschiedenen Provinzsalons. Vgl. de Bartillat, Histoire (wie Anm. 9), S. 284. Seinen Adelstitel hatte er allerdings usurpiert.

59 Das Schicksal des napoleonischen Neuadels erforscht zum Beispiel Natalie Petiteau, Élites et mobilités: la noblesse d Empire au XIXe siècle (1808-1914), Paris 1997. Dass es immer Wandlungen in der Adelsstruktur gegeben hat, betont Ralph Gibson, The French nobility in the nineteenth century – particularly in the Dordogne, in: Jolyon Howorth, Philip G. Cerny (Hg.), Elites in France: Origins, Reproduction and Power, London 1981, S. 5.

60 Arno J. Mayer, The Persistence of the Old Regime. Europe to the Great War, New York 1981, besonders S. 6f., 329, S. 7: »Across Europe the landed nobilities occupied first place not only in economic, social and cultural terms but also politically«. Dabei behandelte Mayer Spanien allerdings gar nicht, Frankreich unter Hinweis auf die Bedeutung des Adels innerhalb der »Notabelnschicht« und sein Weiterleben selbst in der Dritten Republik meist in dem Sinne, viele Traditionen und feudale Rechte hätten durch adeliges Wirken »even in France, after the Revolution« fortgelebt (vgl. ibid., S. 129, 152, zitiert S. 134f.).

61 Albert Tanner, Bürgertum und Bürgerlichkeit in der Schweiz. Die »Mittelklassen« an der Macht, in: Jürgen Kocka (Hg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert, Bd. 1, München 1988, S. 193-199, der andererseits eine vor 1798 zunehmend adelige Orientierung der Patrizier von Bern, Freiburg, Luzern und Solothurn einräumt.

62 Jacques Cuvillier, Famille et patrimoine de la haute noblesse française au XVIIIe siècle. Le cas des Phélypeaux, Gouffier, Choiseul, Paris 2005; Sylvia Schraut, Das Haus Schönborn. Eine Familienbiographie. Katholischer Reichsadel 1640-1840, Paderborn u.a. 2005.

63 Das zeigte schon Konstantin Raptis, Auf dem Weg zum Niedergang? Österreichischer Hochadel im Ersten Weltkrieg am Beispiel der Familie Harrach, in: Schulz, Denzel, Adel (wie Anm. 1), S. 377-396.

64 Vgl. den Untertitel von Marie-Emmanuelle Reytier, Die Fürsten Löwenstein an der Spitze der deutschen Katholikentage: Aufstieg und Untergang einer Dynastie (1868-1968), in: Schulz, Denzel, Adel (wie Anm. 1), S. 461-502.

65 Zum Beispiel Samuel Gibiat, Hiérarchies sociales et ennoblissement. Les commissaires des guerres de la Maison du roi, 1691-1790, Paris 2006.

66 Vgl. dazu die Dissertation meines leider verstorbenen Schülers Claus Fackler, Stiftsadel und geistliche Territorien 1670-1803. Untersuchungen zur Amtstätigkeit und Entwicklung des Stiftsadels, besonders in den Territorien Salzburg, Bamberg und Ellwangen, St. Ottilien 2006 (Forschungen zur Landes- und Regionalgeschichte, 11), S. 221-249, besonders S. 232-239.

67 Michel Nassiet, Noblesse et pauvreté. La petite noblesse en Bretagne XVe-XVIIIe siècle, Rennes 1993.

68 Zitiert nach Figeac, L ’automne (wie Anm. 8), S. 114, unter Verweis auf Louis Tuetey, Les officiers sous l ’Ancien Régime, nobles et roturiers, Paris 1912, S. 12.

69 Martin Wrede, Horst Carl (Hg.), Zwischen Schande und Ehre. Erinnerungsbrüche und die Kontinuität des Hauses. Legitimationsmuster und Traditionsverständnis des frühneuzeitlichen Adels in Umbruch und Krise, Mainz 2007 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Abt. Universalgeschichte, Beiheft 73).

70 Karl-Heinz Zuber, Der »Fürst Proletarier« Ludwig von Oettingen-Wallerstein (1791-1870). Adeliges Leben und konservative Reformpolitik im konstitutionellen Bayern, München 1978, S. 340ff., 346ff.

71 Ignacio Atienza Hernández, Aristocracia, poder y riqueza en la España moderna. La casa de Osuna, siglos XV-XIX, Madrid u.a. 1987.

72 So die Einschätzung von zeitenblicke 4, 2005, Nr. 2 und 3: Selbstverständnis – Selbstdarstellung – Selbstbehauptung. Der Adel in der Vormoderne I und II (hg. von Gudrun Gersmann / Michael Kaiser), URL: http://www.zeitenblicke.de/2005/2/ und http://www.zeitenblicke.de/2005/3/ <12.11.2008>.

73 Zu den »europäischen« Aktivitäten Adeliger im 20. Jahrhundert vgl. zum Beispiel Ina-Ulrike Paul, In Kontinenten denken, paneuropäisch handeln. Die Zeitschrift Paneuropa 1924-1938, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 5 (2004), S. 161-192, mit zahlreichen Literaturhinweisen.

74 Stephan Malinowski, Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat, Berlin 2003 (Elitenwandel in der Moderne, 4). Vgl. auch diverse Beiträge in: Conze, Wienfort, Adel (wie Anm. 18), besonders Wencke Meteling, Der deutsche Zusammenbruch 1918 in den Selbstzeugnissen adeliger preußischer Offiziere, in: ibid., S. 289-321; ferner Alexandra Gerstner, Rassenadel und Sozialaristokratie. Adelsvorstellungen in der völkischen Bewegung (1890-1914), Berlin 2003. Dass diese Radikalisierung in begrenzter Form selbst in Großbritannien erfolgte, zeigt David Cannadine, The Decline and Fall of the British Aristocracy, Ausgabe New York 1999, S. 273, 555f.

75 Es wäre wichtig, die Charakteristika einer regionalen oder nationalen Adelsgesellschaft im europäischen Vergleich herauszuarbeiten. Dies tut der Band von Conze, Wienfort, Adel (wie Anm. 18), trotz des Untertitels im Grunde nicht; er stellt nur – zweifellos interessante – Beiträge über verschiedene Adelsgesellschaften einander gegenüber. Ähnlich steht es um den Sammelband »Les noblesses européennes« (wie Anm. 27).

76 Jean Meyer, La noblesse bretonne au XVIIIe siècle, 2 Bde., Paris 1966; Nassiet, Noblesse (wie Anm. 67); ders., Problème (wie Anm. 10); James B. Collins, Classes, estates, and order in early modern Brittany, Cambridge u. a. 1994; Brelot, Noblesse (wie Anm. 10); Brelot, Noblesse réinventée (wie Anm. 10); Figeac, L ’automne (wie Anm. 8); ders., Douceur (wie Anm. 54).

77 Godsey, Nobles (wie Anm. 21), besonders S. 29. Auch diese interessante Untersuchung widmet sich der »Sattelzeit«, und zwar speziell auch unter dem Aspekt des Verhältnisses von Adel und Nationalismus.

78 Vgl. Zum Beispiel Joseph Canning, Hermann Wellenreuther (Hg.), Britain and Germany Compared: Nationality, Society and Nobility in the Eighteenth Century, Göttingen 2001.

79 Vgl. Walter Demel, Von den Notabeln von 1787/88 zu den Großnotabeln des Bürgerkönigtums. Ein Beitrag zur Frage der Elitentransformation in Frankreich zwischen Ancien Régime und Julimonarchie, in: Dieter Albrecht u. a. (Hg.), Europa im Umbruch 1750-1850, München 1995, S. 137-154; ders., Adelsstruktur und Adelspolitik in der ersten Phase des Königreichs Bayern, in: Eberhard Weis (Hg.), Reformen im rheinbündischen Deutschland, München 1984 (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien, 4), S. 213-228, hier S. 223-228. Zum Scheitern des angestrebten Elitenkompromisses anhand einer Analyse des Vereinslebens in sieben Städten, darunter drei (rechts-)rheinischen, nämlich Karlsruhe, Mannheim und Wiesbaden: Lothar Gall, Adel, Verein und städtisches Bürgertum, in: Fehrenbach, Adel (wie Anm. 4), S. 29-43. Problematisch an Galls Feststellungen finde ich allerdings die Prämissen, einerseits das Wirtschaftsbürgertum als »eigentliches« städtisches Bürgertum zu verstehen und andererseits, die bürgerlichen Beamten nicht dem Bildungsbürgertum zuzurechnen (ibid., S. 34f.).

80 Zitiert nach Martina Winkler, Ute Dietrich, Konstruktionen und Wahrnehmungen oder: Der Boden unter unseren Füßen, in: Martina Winkler, Ute Dietrich (Hg.), Okzidentbilder. Konstruktionen und Wahrnehmungen, Leipzig 2000 (Ambivalenzen der Okzidentalisierung, 3), S. 7-10, zitiert S. 7.

81 Walter Demel, Die Spezifika des europäischen Adels. Erste Überlegungen zu einem globalhistorischen Thema, in: zeitenblicke 4 (2005), Nr. 3, [13.12.2005], URL: http://www.zeitenblicke.de/2005/3/Demel/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-2440, ders., Der Adel im Reich (wie Anm. 11).

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Zitation
 
: Perspektiven der Adelsforschung . Die Konjunktur der Adelsforschung
In: Adel im Wandel (16.–20. Jahrhundert) (5. Sommerkurs des Deutschen Historischen Instituts Paris in Zusammenarbeit mit dem Centre de recherches sur l’histoire de l’Europe centrale der Universität Paris IV–Sorbonne, 2008) - La noblesse en mutation (XVIe–XXe siècle) (5e université d’été pour jeunes chercheurs de l’Institut historique allemand Paris en coopération avec le Centre de recherches sur l’histoire de l’Europe centrale de l’université Paris IV–Sorbonne, 2008), hrsg. von / éd. par Christiane Coester, Bernd Kleßmann, Marie-Françoise Vajda (discussions, 2)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/discussions/2-2009/demel_perspektiven
Veröffentlicht am: May 25, 2013
Zugriff vom: May 25, 2013
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