I. Cerman: Die Adelskultur im Böhmen des 18. Jahrhunderts
Abstract
Die Erforschung tschechischer Adelskulturen der Aufklärungszeit fand bis vor wenigen Jahren überwiegend unter den Vorgaben marxistisch inspirierter Erkenntnisinteressen statt und war vor allem um die Präzisierung eines Modells gesellschaftlicher Entwicklungen bemüht, das im 18. Jahrhundert eine Phase des Übergangs vom »Spätfeudalismus« zum stärker bürgerlich geprägten »Kapitalismus« sah. Das hier vorgestellte Projekt möchte sich von teleologischen Befangenheiten lösen und die historische Kultur des Adels in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen kontextualisieren, ohne sie ausschließlich als zweckgebundenen Ausdruck von »Prestige« zu begreifen. Zugleich soll damit den gesellschaftlichen Entwicklungen der Aufklärungszeit ein neuer Stellenwert innerhalb der tschechischen Geschichtskultur eingeräumt werden.
Mein Forschungsprojekt versucht, die adlige Kultur in Böhmen im 18. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Aufklärung zu thematisieren und dadurch zur Dekonstruktion der sogenannten »marxistisch-leninistischen Nationalgeschichte« in Tschechien beizutragen. Dieses durch die sozialistische Historiographie geprägte Interpretationsschema passte das traditionelle nationalistische Bild der tschechischen Geschichte dem marxistisch-leninistischen Dogma der gesellschaftlichen Entwicklung an und konservierte somit alte antiadlige Vorurteile, die in diesem Schema eine ideologische Funktion erfüllten. Das Zeitalter der Aufklärung wurde als die Zeit des »Spätfeudalismus« und des »Übergangs zum Kapitalismus« ausgelegt, wobei die Desinterpretation der adligen Kultur in diesem Geschichtsbild eine wichtige Stellung einnahm1.
Das Projekt knüpft an meine älteren Forschungen an, deren Befunde hier nicht eigens wiederholt werden. In meinen früheren Arbeiten habe ich mich der Erziehung und Ausbildung des Adels unter verschiedenen Aspekten gewidmet. In meiner an der Universität Tübingen verfassten Dissertation habe ich die Erziehung und Bildung im Milieu des Wiener Hofadels analysiert2. In meiner tschechischen Dissertation befasste ich mich mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Profil vierer Generationen der böhmischen Familie Chotek vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Diese Arbeit ist letztlich zu einem größeren Werk über das Profil dieser adligen Familie vom 15. bis zum 20. Jahrhundert erweitert worden, das vor kurzem in Tschechien erschienen ist3.
In diesem Projekt geht es dagegen um den Adel in Böhmen in seiner Beziehung zum Land und zu den Ständen. Daher werden die Themenbereiche in Bezug auf die adlige Einstellung zur patriotischen Kultur Böhmens neu formuliert. Dazu wurde ich von den Methoden und Fragestellungen der französischen Adelsforschung inspiriert, die sich seit den 1960er Jahren mit den marxistischen Schemata erfolgreich auseinandergesetzt hat. Insbesondere nach dem Auftritt von Guy Chaussinand-Nogaret in den 1970er Jahren wurde die marxistisch geprägte Auslegung der adligen Kultur gezielt dekonstruiert4. Diese Dekonstruktion hing freilich mit der Revisionistischen Wende in der Erforschung der französischen Revolution zusammen5. In den 1980er und 1990er Jahren wandte sich die französische Adelsforschung den Regionen, Biographien und Familienbiographien zu und ging von den großen Theorien und Diskussionen zu kleineren Themenbereichen über. Die großen Fragen der Revolutionsforschung werden somit anhand konkreter Fallstudien überprüft. Trotzdem werden auch in diesen Studien die großen Thesen schrittweise korrigiert und die Antworten in Bezug auf die verschiedenen Regionen differenziert. Die gegenwärtige französische Adelsforschung ist zwar nicht mehr durch die Einstellung zur marxistischen Interpretation gespalten, aber die Kontroversen, Thesen und Fragen, die in den letzten 40 Jahren gestellt und diskutiert wurden, sind auch für die mitteleuropäische Forschung sehr inspirativ. Die Werke von Michel Figeac, Olivier Chaline, Jean-Marie Constant, Michel Nassiet, Jean Meyer, Laurent Bourquin, oder Monique Cubells und Pierre Serna können der tschechischen Erforschung des 18. Jahrhunderts durchaus neue Impulse geben.
So hat auch die neuere Forschung zur »Prérevolution« in Frankreich6 einen Impuls zur Neuinterpretation der »ständischen Revolution« von 1790–1791 in der Habsburgermonarchie gegeben7. Im Zusammenhang mit der negativen Auslegung der adligen Kultur wird dieses Ereignis bis heute als »Konterrevolution« dargestellt. Im Zusammenhang mit neuen Entdeckungen in den Archiven und mit der Befruchtung durch die Arbeiten zur französischen »Vorrevolution« lässt sich die »ständische Revolution« in Böhmen als eine Kulmination der adligen Aufklärung auslegen und kann daher als Ausgangspunkt für die Erforschung der adligen Kultur in Böhmen dienen. Die Tätigkeiten und Deutungsmuster der adligen Akteure in dieser Bewegung passen nicht in die marxistisch-leninistische Auslegung der tschechischen Geschichte. Es waren doch die positiven Reaktionen der Adligen auf die frühe Phase der französischen Revolution, die das marxistische Bild der adligen Kultur in den 1980er Jahren unsicher machten8.
Es ist daher mein Ziel, von diesem Ereignis auszugehen und die marxistische Deutung durch eine Analyse der adligen Kultur zu dekonstruieren. Dabei geht es eher um locker gebundene Analysen, die der Identität, dem Wirtschaftsleben, dem kulturellen Wirken und der politischen Kultur des Adels gewidmet werden. Es geht konkret um folgende Themenbereiche, die durch die französische Historiographie angeregt sind:
Genealogie und Gesellschaftsbild
Ahnenstolz und hohe Geburt gehören zu den traditionellen Attributen adliger Identität und im historischen Bewusstsein werden sie häufig für deren wichtigstes Merkmal gehalten. Im Zeitalter der kritischen Geschichtsschreibung wurden die sagenhaften Genealogien des böhmischen Adels einer scharfen Kritik unterzogen. Diese epistemologische Umwälzung wurde in der marxistischen Historiographie als eine Kritik der bürgerlichen Historiographie an der »feudalen Ordnung« interpretiert, die Adelskultur wurde als eine auf Lügen basierende Ideologie dargestellt9.
Im vorliegenden Forschungsprojekt wird die »barocke« Genealogie ebenso wie ihre rationalistische Kritik aus dem Blickwinkel der Historiographiegeschichte interpretiert. Die Mythen der barocken Genealogien hatten ihre Wurzeln in der damaligen historischen Konzeption, die die Geschichte der Menschheit auf Grundlage der Bibel mit der Sintflut beginnen ließ, wobei Lücken in der historischen Kenntnis häufig mithilfe von Legenden geschlossen wurden. Im rekatholisierten Böhmen wurden die Genealogien in den Kontext der »Bohemia sacra« eingebettet, demgemäß wurden die Ursprünge des Königreichs Böhmen und seines Adels mit der heiligen Ludmila und dem Urvater Czech verbunden. Es war dieses Denkmodell und nicht die »feudale Ordnung«, die von der kritischen Geschichtsschreibung abgelehnt worden ist. Die neuen Generationen des Adels hatten kein Interesse daran, solche Mythen in ihren Genealogien oder in der Landesgeschichte zu verwenden, da sie eher peinlich wirkten. Im berühmten Streit um die Existenz des Urvaters Czech, der sich unter den Historikern abspielte, ergriff der Adel die Partei der kritischen »Anti-Czechisten«. Der Adel benötigte allerdings ahnenreiche Genealogien für die standesgemäße Versorgung der Söhne und Töchter in Ritterorden und in Damenklöstern, daher waren Stammbäume nach wie vor gefragt. Da sie zuverlässig sein mussten, wurden sie bei den kritischen Historikern wie Gelasius Dobner, Joseph Dobrovsky, Franz Martin Pelzel oder František Palacky bestellt. Dieses Engagement zeigt, dass sich der adlige Ahnenstolz mit der rationalistischen Kritik vereinbaren ließ. Solche Stammbäume griffen nicht mehr auf biblische oder antike Helden zurück, dennoch erfüllten sie ihre Funktion10.
Was das Ideal des Adels und seine Stellung in der Gesellschaft bedrohte, war das veränderte Paradigma des sozialen Denkens. Die Idee des Adels ging auf ein Gedankenmodell zurück, in dem die politische Organisation (»der Staat«) von der Gesellschaft nicht getrennt und soziale Strukturen aprioristisch konstruiert waren. Die Gesellschaft wurde also in a priori gesetzte Stände getrennt, die formal und moralistisch definiert wurden. Es handelte sich allerdings nicht um eine »funktionale Dreiteilung«, da die Stände in ein auf Gott orientiertes Weltbild eingebettet wurden, darüber hinaus wurden sie durch ihre Ehre (in der juristischen Terminologie »honestas«, bzw. »decorum«), jedoch nicht wirtschaftlich definiert. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde jedoch durch die staatlichen Statistiken und zahlreiche statistische Studien von Ignaz de Luca, Joseph Anton Riegger und anderen ein wirklich funktionales Gesellschaftsbild propagiert, das den Adel bereits wirtschaftlich definierte. Diesen komplizierten Umwandlungsprozess am Beispiel von Böhmen zu erschließen, ist eine weitere Aufgabe, die im ersten Abschnitt erfüllt werden soll. Anschließend an die klassischen Forschungen von Jürgen Habermas und Roland Mousnier11, die sich mit diesem Problem auseinandergesetzt haben, möchte ich zeigen, wie das Aufkommen des selbstständigen Gesellschaftsbildes die Idee des Adels überflüssig machte.
Wirtschaftliche Tätigkeit: Adel als Grundobrigkeit und »Feudalherr«
Die Macht und das Prestige des Adels beruhten teilweise auf Grundbesitz und obrigkeitlichen Rechten, über die er auf dem Land verfügte. Im 18. Jahrhundert wurden der wirtschaftliche Diskurs und die »feudale Ordnung« als Bezeichnungen für einen Typus der politischen Verfassung erfunden12. Die historische Entwicklung der öffentlichen Macht des Adels ist allerdings besser von Karl Ferdinand Werner ausgelegt worden13. Das 18. Jahrhundert ist auch die Zeit, in der, den schematisierenden Vorstellungen von der sozialen Entwicklung zufolge, der Adel in eine wirtschaftliche Krise geraten sei. Der Ausgang des »Spätfeudalismus« sei mit schweren Klassenkämpfen verbunden gewesen und der große Bauernaufstand von 1775 wird als ein typischer Ausdruck jener Krise des Feudalismus gedeutet.
Es ist daher mein Anliegen, im zweiten Teil meiner Studie die Finanzlage der adligen Grundherrschaften und die Beziehungen zu den Untertanen zu untersuchen. Bei einer Analyse der Finanzlage jener Adligen ist es von größter Bedeutung, die historischen Methoden des Rechnungswesens zu rekonstruieren. Das Bild, welches sich der Adel von seiner finanziellen Situation machte, wurde durch den Gebrauch des »alten Kanzleistils« beeinflusst, und die anachronistischen Rechnungsmethoden machen es heute schwierig, die finanzielle Lage der adligen Grundherrschaften richtig einzuschätzen. Aktuell sind diese Fragen erneut von dem tschechischen Historiker Ales Valenta aufgeworfen worden14.
Die Beziehungen zu den Untertanen und die Bauernrevolten sind bereits von der älteren Forschung untersucht worden. Erstaunlicherweise gelangte gerade in diesem ideologisch so bedeutsamen Punkt bereits die marxistische Forschung der 1960er und 1970er Jahre zu revisionistischen Schlussfolgerungen, die das schematisierende Bild des Klassenkampfes in Zweifel zogen15. Die im Rahmen dieser Forschungen zusammengebrachten Informationen über Urbare, Beschwerdeschriften und Editionen des theresianischen Katasters können noch heute als Grundlage für eine neue Erschließung dieser Frage dienen. Es ist allerdings auch in diesem Fall notwendig, den zeitgenössischen Konzepten Aufmerksamkeit zu schenken. Die Ausführungen über den obrigkeitlichen Schutz der Untertanen und ihre politische Vertretung erinnern wieder an Habermas’ Theorie der repräsentativen Öffentlichkeit. Diese Ideen müssen allerdings im Kontext der damaligen wissenschaftlichen Praktiken neu interpretiert werden.
Strukturwandel der Privatheit: das adlige Familienleben, Erziehungsentwürfe und adlige Wohnverhältnisse
Im Unterschied zu den Ausführungen von Jürgen Habermas besaßen auch die Adligen ein privates Familienleben, und im ausgehenden 18. Jahrhundert wurden die Eltern-Kind Beziehungen in diesem Milieu ebenso emotionalisiert wie es für das bürgerliche Milieu behauptet wird16. Sogar die literaturhistorische Erforschung der Empfindsamkeit fokussiert stark die bürgerlichen Kreise und ignoriert weitgehend den Adel17. Die Zeit nach 1760 war für den Adel in der Habsburgermonarchie die Zeit der Empfindsamkeit, die sich in seiner Selbstwahrnehmung und Kommunikation niederschlug.
Diese Mode beeinflusste die Geschlechterbeziehungen und verhalf den adligen Frauen zu einem gewissen Aufstieg, da ihnen als Müttern eine höhere Bedeutung zugeschrieben wurde. In manchen Familien ist die frühkindliche Erziehung den Frauen anvertraut worden, die sich dieser Aufgabe den neuesten Ideen der aufgeklärten Philosophie gemäß widmeten. Die von diesen Frauen oder von Hofmeistern verfassten Erziehungsentwürfe informieren uns über das Selbstverständnis der »neuen Mütter« und ihre Einstellung zu den Kindern und ihrer Erziehung. Diese beschränkte Emanzipation brachte eine schärfere Grenzziehung zwischen der männlichen und weiblichen Sphäre mit sich, die allerdings teilweise revidiert worden ist. Die adligen Damen haben auch im geselligen Leben eine höhere Stellung eingenommen. Das Aufkommen einer Intimsphäre und die Grenzziehung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen lassen sich auch an den Wohnverhältnissen ablesen. Daher werden diesbezüglich auch die adligen Residenzen auf dem Land und in der Stadt berücksichtigt, großer Wert wird ebenso auf die Aufteilung von inneren Räumen gelegt.
Adlige Empfindsamkeit: Lektüre und literarisches Leben
Mit Empfindsamkeit und Privatheit hängt auch das Engagement der Adligen im literarischen und philosophischen Leben zusammen. Das »kurze 18. Jahrhundert« von etwa 1760 bis 1848 war eine Zeit massenhafter literarischer Produktion, die vorwiegend aus der Hand von Frauen stammte. Die Masse der literarischen Produktion bestand allerdings aus unveröffentlichten Briefen und Tagebüchern, die auf Französisch verfasst worden sind. Da diese Werke keiner der Landessprachen angehörten, wurden sie in der (sudeten-)deutschen und tschechischen Literaturgeschichte ignoriert. Die Briefliteratur darf als eine adlige Gattung bezeichnet werden. Briefe wurden zur Unterhaltung, zum ästhetischen Genuss geschrieben, die Verfasserinnen drückten in ihnen kunstvoll ihre inneren Empfindungen aus, häufig unter Verwendung von Metaphern und literarischen Techniken, die aus den berühmten Briefromanen entliehen wurden18. Diese Mode rührte aus der Beliebtheit der Lektüre. Mit Blick auf die Geschichte des Lesens ist zu betonen, dass die »gemeinsame Lektüre« (lecture en commun) im adligen Milieu sehr verbreitet war. Sie gehörte zu den konventionellen Unterhaltungsformen in den adligen Gesellschaften.
Dagegen gab es allerdings auch Adlige, die sich nicht nur auf Briefe beschränkten und rein literarische Werke für sich selbst oder für kleine Leserzirkel schrieben. In den Nachlässen dieser unbekannten SchriftstellerInnen befinden sich druckfertige Romane, Erzählungen, Gedichte und philosophische Betrachtungen, die nie im Druck erschienen sind. Es ist ein Anliegen dieses Projekts, diese Autoren zu entdecken und ihr Werk der Öffentlichkeit vorzustellen. Bisher handelt es sich um Leopold Adalbert Graf von Buquoy, Karl-Joseph Fürst von Clary-Aldringen, Adam Franz Graf von Waldstein-Wartenberg, Franz Joseph Graf von Thun-Hohenstein und Fürstin Alexandra von Dietrichstein geborene Schuwalow19.
Um die Beziehung des Adels zur Literatur seiner Zeit einschätzen zu können, muss man die wenigen im Druck erschienenen Werke adliger Autoren vor diesem Hintergrund betrachten. Sie stellen sozusagen die Spitze des Eisbergs dar. Bezüglich der Geschlechterbeziehungen ist es jedoch bemerkenswert, dass diese Werke ausschließlich von Männern verfasst worden sind, woraus allerdings ein falscher Eindruck entstehen kann. Ein Faktor mag dabei das männliche Monopol auf den öffentlichen Staatsdienst sein, weil auch die veröffentlichten Werke adliger Autoren immer auf irgendeine Weise den modischen Patriotismus und die Aufopferung für den Staatsdienst beschworen.
Im Böhmen des 18. Jahrhunderts gab es im Grunde nur fünf adlige Philosophen, die mit ihren gedruckten Werken an die Öffentlichkeit getreten sind. Jene fünf Autoren bilden keine Schule, sie haben nur wenig gemeinsam, und nur manche von ihnen hatten Kontakte miteinander. Die Analyse ihrer Werke spielt in diesem Forschungsprojekt eine wichtige Rolle, da diese die aktive Teilnahme des Adels an der Philosophie der Aufklärung beweisen. Da es im Rahmen einer Synthese keinen Raum für eine detailierte Analyse gibt, wird der Fokus auf den literarischen Stil und die Stellungnahme dieser adligen Philosophen zu wichtigen Debatten der europäischen Aufklärung gerichtet.
Maximilian Joseph Graf von Lamberg machte sich als Verfasser von französischsprachigen Romanen einen Namen. Der berühmteste trägt den Titel »Memorial d ’un mondain« (1774). Hier äußert er sich zur Debatte über die korsische Verfassung. Alle seine Werke sind mit einer dem Bewusstseinsstrom ähnlichen Erzähltechnik geschrieben, die er als eine unaufhaltsame und ungeordnete Folge von Gedankeninhalten gestaltete. Seine Selbstironie und die phantasiehaften Formen seiner Belletristik (zum Beispiel Tablette phantastique) beweisen allerdings die Verwandtschaft mit den literarischen Methoden eines Laurence Sterne und einen kreativen Umgang mit literarischen Formen, der ihn zu einer bedeutender Figur der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts macht.
Franz Anton Graf von Hartig gestaltete in seinem Werk eine breite Skala von literarischen Gattungen, von Gedichten bis zu Abhandlungen über Agronomie. Sein Werk ist vor kurzem von der in Prag lebenden französischen Historikerin Claire Madl interpretiert worden20. Hartig hebt sich durch die Zweisprachigkeit seines Werks ab, das auf Deutsch und Französisch verfasst worden ist.
Der Direktor der Militär-Akademie in der Wiener Neustadt Franz Joseph Graf von Kinsky konzentrierte sich in seinen Schriften auf praxisbezogene Probleme des Staatsdienstes, den größten Ruhm erlangte er allerdings mit seinen Schriften zur militärischen Erziehung von jungen Kavalieren. Er war auch der einzige unter diesen Adligen, der seine Schriften in einer Gesamtausgabe veröffentlichte und damit seinem Oeuvre eine materielle Form verlieh. In der Habsburgermonarchie war es allein der Kameralist Joseph Sonnenfels, dessen Selbstverständnis als Gelehrter so ausgeprägt war, dass er sein Oeuvre in Form von »Gesammelten Schriften« herausgab. Diese Gattung war eine Neuheit, und sie ist ein wichtiger Beweis für das gestiegene Selbstbewusstsein von Laienintellektuellen im Zeitalter der Aufklärung.
Leutnant Georg Graf von Browne war ein weniger bedeutender Schriftsteller, dessen kurze französischsprachige Beiträge zur josephinischen Broschürenflut jedoch nicht zu ignorieren sind. Er brachte darin Ansichten über aktuelle philosophische Fragen zum Ausdruck, unter anderem zum Selbstverständnis der Aufklärung. Er ähnelt Kinsky, weil auch er im Militärdienst stand und seine Schriften sich auf seine Amtspflichten beziehen.
Joseph Nikolaus Graf von Windischgrätz unterscheidet sich sehr von allen übrigen Autoren, da er als einziger keine Belletristik und – als Privatmann – auch keine auf den Staatsdienst bezogenen Werke verfasste. Er zog sich auf seine Güter zurück und arbeitete ab etwa 1780 zielstrebig an seinem philosophischen Werk. Während Lamberg seine Ideen mit Humor und »ungeordneten Gedankensträngen« verschleierte, schrieb Windischgrätz ernst gemeinte philosophische Abhandlungen, in denen er sich explizit zu wichtigen Fragen der gegenwärtigen französischen Philosophie äußerte. Er nahm gelehrte Korrespondenzen mit den Brüdern Jacobi in Deutschland und mit Condorcet in Frankreich auf. Er versuchte auch Kontakte nach Großbritannien zu knüpfen, aber nur Adam Smith zeigte Bereitschaft, ein paar Briefe mit ihm zu wechseln21. In seiner Korrespondenz mit Condorcet legte er den Schwerpunkt auf Fragen der politischen Arithmetik, aber in seinen Werken stand die sensualistische Anthropologie im Mittelpunkt. Neben kleinen Schriften zu aktuellen Fragen der europäischen Politik verfasste Windischgrätz ein systematisches Oeuvre, in dem er eine konsequente Kritik der sensualistischen Anthropologie und Ethik vorlegte22.
Politische Kultur: Ständetum und Staatsdienst
Da der Adel vorwiegend als politischer Stand definiert war (der in Böhmen in den Ritter- und den Herrenstand getrennt war), dürfen die Wandlungen in der politischen Stellung des Adels natürlich nicht außer Acht bleiben. Der Adel wurde zwar im politischen Denken als ein Stand wahrgenommen, aber Adlige waren traditionell zum Dienst für den Landesherrn verpflichtet. In der Reformmonarchie des 18. Jahrhunderts waren es die Adligen, die die Spitzenpositionen in den Staatsbehörden und in der Armee innehatten, sie waren es, die diese Reformen entwarfen und durchführten. Ihnen gegenüber traten jedoch andere Adlige als Vertreter der Landesversammlungen. Die Stände fungierten bis zum Regierungsantritt Kaiser Josephs II. 1780 eher als Partner und untergeordnetes Glied der Staatsverwaltung, erst der josephinische Despotismus und die Urbar- und Steuerreform von 1789 riefen eine entschiedene Opposition auf den Plan. Im letzten Teil dieses Forschungsvorhabens soll die politische Kultur der Habsburgischen Reformmonarchie anhand dieser Konflikte und Proteste ausgedeutet werden23.
Eine offenere Diskussion innerhalb des Adels und zwischen dem Staatsoberhaupt, den Adligen und einigen Bürokraten kam erst nach dem Tod Josephs II. auf und führte zur großen ständischen Revolte von 1790/9124. Auf den großen Landtagen von 1790 wurden Verfassungsprojekte und historische Argumente eingebracht, in denen sich das politische Denken des Adels einmalig ausdrückt. Während die ältere Forschung diese Landtage als Ausdruck des »Widerhalls der französischen Revolution« betrachtete und ihren Zusammenhang mit dem Geschehen in den anderen Ländern der Habsburgermonarchie weitgehend ignorierte, werden sie nunmehr als Resultate der inneren politischen Krise der Habsburgermonarchie interpretiert und in ihren innerpolitischen Kontext gerückt.
Erwartete Resultate
Die geplante Habilitationsschrift soll die Beziehungen zwischen Adelskultur und Aufklärung aus neuen Blickwinkeln beleuchten. Die einzelnen Elemente der Adelskultur sollen im zeitgenössischen Kontext und nicht zweckgebunden als Ausdrucksformen des »adligen Prestiges« interpretiert werden. Somit wird die Tautologie, die die gegenwärtige tschechische Adelsforschung charakterisiert, überwunden. Dieses Verfahren stellt allerdings hohe Ansprüche an die Kenntnis der Historiographie- und Wirtschafts- sowie der Literatur- und Ideengeschichte. Mithilfe von bereits durchgeführten Vorarbeiten und einem systematischen Verfahren kann dieses Vorhaben jedoch gelingen. Nichtsdestoweniger soll die Habilitationsschrift der Aufklärung einen Ort im tschechischen historischen Bewusstsein schaffen und zur Dekonstruktion des »marxistisch-leninistischen Konzepts der Nationalgeschichte« beitragen. Dies ist heute wieder ein aktuelles Thema geworden, weil Tschechien in den letzten zehn Jahren einen Prozess des raschen historischen Vergessens durchlaufen hat.
Autor:Dr. Ivo Cerman
Universität zu Budweis
Phil. Fakultät
Historisches Institut
Na mlýnské stoce 35
République Tchèque
37101 Ceské Budejovice
ivo.cerman@email.cz
1 Seit dem internationalen Historikertag 1955 wurden im kommunistischen Ostblock Versuche unternommen, die theoretischen Standpunkte des Marxismus-Leninismus auf den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus zu übertragen. Vgl. Arnošt Klíma, Zur Frage des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus in der Industrieproduktion in Mitteleuropa (16. bis zum 18. Jahrhundert), in: Karl Obermann (Hg.), Probleme der Ökonomie und Politik in den Beziehungen zwischen Ost– und Westeuropa vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin 1960; Josef Válka, Základní problémy pozdního feudalismu a přechodu ke kapitalismu [Grundprobleme des Spätfeudalismus und des Übergangs zum Kapitalismus], in: František Kavka, Zdeněk Šípek, Josef Válka, Dějiny Československa II (1437–1781), Prag 1965, S. 5–30; Ludvík Svoboda, Bemerkungen zum Verhältnis von Ideologie und gesellschaftlicher Entwicklung im 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch für die Geschichte der UdSSR und der volksdemokratischen Länder Europas 7 (1963), S. 325–334; Mikuláš Teich, Bohemia: From Darkness into Light, in: ders., Roy Porter (Hg.), The Enlightenment in National Context, Cambridge 1981, S. 141–163.
2 Ivo Cerman, Habsburgischer Adel und Aufklärung. Bildungsverhalten des Wiener Hofadels im 18. Jahrhundert, Phil. Diss., Eberhard-Karls Universität zu Tübingen 2006.
3 Ivo Cerman, Chotkové. Příběh úřednické šlechty [Die Choteks. Eine Geschichte des Amtsadels], Prag 2008.
4 Guy Chaussinand-Nogaret, La noblesse au 18e siècle. De la Féodalité aux Lumières, Paris 1976. Diese Arbeit wurde selbstverständlich von der marxistischen Forschung kritisiert, vgl. die Rezension von Philippe Goujard, »Féodalité« et Lumières au XVIIIe siècle. L ’exemple de la noblesse, in: Annales historiques de la révolution française 49 (1977), S. 103–111.
5 Zur Entwicklung der Forschung zur französischen Revolution vgl. Jay M. Smith (Hg.), The French Nobility in the Eighteenth Century. Reassessment and New Approaches, University Park 2006; Vivian Gruder, Whither Revisionism? Political Perspectives on the Ancien Regime, in: French Historical Studies 20 (1997), S. 245-285; Gery Kates, The French Revolution. Recent Debates and Controversies, London, New York 1997; G. C. Comminel, Rethinking the French Revolution. Marxism and the Revisionist Revolt, London 1987.
6 Die an ältere Werke von Jean Egret anschließende Neuinterpretation öffnet und schließt das Buch von G. Chaussinand-Nogaret. Hier wird die provokative These eines Kampfes des Adels gegen das Ancien Régime aufgestellt. Vgl. G. Chaussinand-Nogaret, Noblesse, chapitre VII, S. 181-227; V. Gruder, Paths to Consciousness. The Assembly of Notables of 1787 and the Pre-Revolution in France, in: French Historical Studies 13 (1984), S. 323- 355; dies., The Notables and the Nation. The political schooling of the French, 1787–1788, Cambridge/Ma., London 2007 (Harvard Historical Studies, 157).
7 Vgl. Ivo Cerman, Aufgeklärtes Ständetum? Die Verfassungsdiskussion in Böhmen 1790/91, in: Gehrke, Roland (Hg.), Aufbrüche in die Moderne. Frühparlamentarismus zwischen altständischer Ordnung und monarchistischem Konstitutionalismus 1750–1850. Weimar, Wien 2005 (= Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte, 12), S. 179–204.
8 Vgl. Josef Polišenský, Napoleon a srdce Evropy [Napoleon und das Herz Europas], Prag 1970; Josef Petráň, Kalendář. Velký stavovský ples v Nosticově národním divadle v Praze dne 12. září 1791 [Der große ständische Ball im Nostitz ’schen Nationaltheater in Prag am 12. September 1791], Prag 1988; Jiří Kroupa, Alchymie štěstí. Pozdní osvícenství a moravská společnost 1770 – 1810 [Alchemie des Glücks. Die Spätaufklärung und die mährische Gesellschaft 1770–1810], Brünn 1987. Das letzte Werk kann kaum als »marxistisch« bezeichnet werden, ist allerdings in der Zeit des prägenden marxistischen Paradigmas verfasst worden.
9 Vorwiegend Josef Haubelt, České osvícenství [Die tschechische Aufklärung], Prag 1986.
10 Vgl. Ivo Cerman, Gelasius Dobner a česká šlechta. Proměny šlechtické genealogie ve věku osvícenství [Gelasius Dobner und der böhmische Adel. Wandlungen der adligen Genealogie im Zeitalter der Aufklärung], in: Václav Bůžek, Pavel Král (Hg.), Šlechta a paměť, Prag 2007, S. 88–110.
11 Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1990, 1. Aufl. 1962, S. 76–77; Roland Mousnier, Les hierarchies sociales de 1450 à nos jours, Paris 1969.
12 Vgl. John Q. C. Mackrell, The Attack on Feudalism in 18th Century France, Toronto, London 1973.
13 Karl Ferdinand Werner, Naissance de la noblesse. L ’essor des élites politiques en Europe, Paris 1998.
14 Aleš Valenta, Zur finanziellen Situation der aristokratischen Großgrundbesitzer in Böhmen 1740 – 1800, in: Ivo Cerman, Lubos Velek (Hg.), Adel und Wirtschaft. Lebensunterhalt der Adeligen in der Moderne, München 2009, S. 23 - 47; ders., Finanční poměry české šlechty ve druhé polovině 18. století: chlumečtí Kinští v letech 1740 – 1770 [Finanzlage des böhmischen Adels in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Die Kinsky von Chlumetz in den Jahren 1740–1770], Königgrätz 2006.
15 Vgl. Jiří Svoboda, Protifeudální a sociální hnutí v Čechách na konci doby temna (1750 – 1770 ) [Antifeudale und soziale Bewegungen in Böhmen zum Ende der Finsternis 1750 – 1770 ], Prag 1967; Josef Petráň, Nevolnické povstání 1775 [Der Aufstand der Leibeigenen 1775], Prag 1972; ders., Miroslav Toegel, Jindřich Obršlík (Hg.), Prameny k nevolnickému povstání v Čechách a na Moravě v roce 1775 [Quellen zum Aufstand der Leibeigenen in Böhmen und Mähren 1775], Prag 1975.
16 Habermas, Strukturwandel (wie Anm. 11), S. 107–115, 238–247.
17 Zur literaturhistorischen Forschung vgl. Gerhard Sauder, Empfindsamkeit. Bd. 1: Voraussetzungen und Elemente, Stuttgart 1974; ders., Empfindsamkeit. Bd. 3: Dokumente, Stuttgart 1980; Karl Eibl (Hg.), Themenschwerpunkt: Empfindsamkeit, Hamburg 2001 (= Aufklärung 13). Sauder betont zu Recht den Zusammenhang des literarischen Stils mit der Moralphilosophie Rousseaus und anderer, die sich auf den moralischen Sinn stützte.
18 Ivo Cerman, Empfindsame Briefe. Familienkorrespondenz der Adeligen im Ausgang des 18. Jahrhunderts, in: Václav Bůžek, Pavel Král (Hg.), Společnost v zemích habsburské monarchie a její obraz v pramenech (1526–1740), Budweis 2006 (= Opera historica 11), S. 283–301.
19 Vgl. Ivo Cerman, La noblesse de Bohême dans l ’Europe française. L ’énigme du français nobiliaire, in: Michel Figeac, Caroline Le Mao (Hg.), Le Rayonnement de la France en Europe Centrale (im Druck).
20 Claire Madl, L ’écrit, le livre et la publicité. Les engagements d ’un aristocrate éclairé en Bohême: Franz Anton Hartig, Thèse, E.H.S.S. Paris 2007.
21 Vgl. Martina Grečenková, Windischgrätz et Condorcet: Une collaboration et une correspondance sur les projets des Lumières, in: Ivo Cerman, Lubos Velek (Hg.), Adelige Ausbildung. Die Herausforderung der Aufklärung und die Folgen, München 2006, S. 279 – 297; dies., Le reseau épistolaire scientifique européen de Joseph Nicholas von Windischgrätz, in: Pierre-Yves Beaurepaire (Hg.), La plume et la toile. Pouvoirs et réseaux de correspondance dans l ’Europe des Lumières, Arras 2002, S. 289–305; dies, Les formules générales de tous les contrats imaginables. Un débat dans la république des lettres sur la réforme de la société, in: Studies on Voltaire and the eighteenth century 2003/1, S. 271–289.
22 Vgl. Ivo Cerman, Habsburgischer Adel (wie Anm. 2), Kap. IV.4.7.
23 Ivo Cerman, Opposition, oder Kooperation? Der Staat und die Stände in Böhmen 1749–1789, in: Gerhard Ammerer, William Godsey, Martin Scheutz (Hg.), Bündnispartner und Konkurrenten der Landesfürsten? Die Stände in der Habsburgermonarchie, Wien 2007 (= Veröffentlichungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 49), S. 374–393.
24 Robert J. Kerner, Bohemia in the 18th Century, 1. Aufl. 1932, Orono 1969; Ivo Cerman, Aufgeklärtes Ständetum? Die Verfassungsdiskussion in Böhmen 1790/1791, in: Roland Gehrke (Hg.), Aufbrüche in die Moderne. Frühparlamentarismus zwischen altständischer Ordnung und monarchischem Konstitutionalismus 1750–1850, Köln, Weimar, Wien 2005, S. 179–205.
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