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M. König, J. Requate, C. Reynaud-Paligot: Einleitung

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Die Entdeckung des "Anderen" im 19. Jahrhundert

Discussions 1 (2008)

Mareike König, Jörg Requate, Carole Reynaud-Paligot

Die Entdeckung des "Anderen" im 19. Jahrhundert

Einleitung zur Veröffentlichung der Beiträge des 4. Sommerkurses des DHIP

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Die Einheit von Nähe und Fremdheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist […] zu einer, am kürzesten so zu formulierenden Konstellation gelangt: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeutet, dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist. Denn das Fremdsein ist natürlich eine ganz positive Beziehung, eine besondere Wechselwirkung; die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd – dies wenigstens nicht in dem soziologisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes –, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah. Der Fremde ist ein Element der Gruppe selbst, nicht anders als die Armen und die mannigfachen "inneren Feinde" – ein Element, dessen immanente und Gliederung zugleich ein Außerhalb und Gegenüber einschließt.

Dies schrieb Georg Simmel 1908 in einem kurzen "Exkurs über den Fremden", der seitdem einen wichtigen Bezugspunkt in einer "Soziologie des Fremden" bildet1. Was Simmel hier über "den" Fremden äußert, lässt sich in gleicher Weise auf "das Fremde" beziehungsweise "das Andere" übertragen, um das es in den hier veröffentlichten Beiträgen gehen soll. Im Fremden, im Anderen, haben sich die Menschen seit jeher gespiegelt und sich selbst definiert. In der Antike definierten die Griechen die "Barbaren" als ihr Gegenüber und entwarfen vor diesem Hintergrund ihr Selbstbild. Durch das gesamte Mittelalter hindurch gab es immer wieder Begegnungen mit Fremden, und der Fremde hatte häufig einen spezifischen Stellenwert.

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Der 4. Sommerkurs des Deutschen Historischen Instituts Paris, auf den die hier veröffentlichten Beiträge zurückgehen, hat sich jedoch bewusst ganz auf das 19. Jahrhundert konzentriert. Für die Wahrnehmung und den Umgang mit "dem Anderen", so die Ausgangsthese, kommt dem 19. Jahrhundert eine ganz besondere Bedeutung zu, die mit einer Vielzahl von Einzelprozessen zusammenhängt, insgesamt aber mit dem komplexen Umbruch zur Moderne verbunden ist. Bleibt man zunächst bei den Einzelprozessen, zeigt sich an vielen Entwicklungen, wie die Begegnung mit und die Wahrnehmung des Anderen und Fremden ganz neuen Bedingungen unterworfen war. So entwickelte sich das 19. Jahrhundert zur Epoche der großen Forschungs- und Entdeckungsreisen. Auch wenn Alexander von Humboldt viele Vorgänger auf diesem Gebiet hatte, wurde mit ihm das Bereisen, das wissenschaftliche Erfassen, Ordnen, Kartografieren und das damit verbundene "Sich-Aneignen" fremder Welten zu einem zentralen Ansatz der "Welterfassung".

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Dieser Prozess hing nicht nur mit verbesserten Reisemöglichkeiten, sondern in hohem Maße auch mit rasanten kommunikativen und medialen Veränderungen des 19. Jahrhunderts zusammen. Der immer schneller expandierende Markt an Büchern, Zeitschriften und Zeitungen schuf eine rasch wachsende Nachfrage nach Neuem, Interessantem und Anderem. Die Entdeckung fremder Welten, ihrer Natur und ihrer Menschen lieferte hier nicht nur permanent neuen Stoff, sondern diente in zunehmendem Maße der Selbstvergewisserung, der Bestimmung des Eigenen und der Abgrenzung vom Anderen. Die Wissenschaften, die im 19. Jahrhundert ihren unaufhaltsamen Aufstieg erlebten, entwickelten hierfür die Kategorien. Vor allem aber schufen sie ein System, das nicht nur sammelte und ordnete, sondern in zunehmendem Maße auch Kategorien für Wertungen schuf. So lässt sich in vielen Bereichen beobachten, wie die Wertungen des Anderen immer klarer in eine hierarchische Ordnung eingepasst wurden. Das Andere wurde mehr und mehr zum Unterlegenen, zum "Primitiven". Die Kategorie der "Rasse" generierte "Höher-" und "Minderwertigere", über die Begriffe der Kultur und der Zivilisation wurden verstärkt Abstufungen von "Primitivität" und "Zivilisiertheit" geschaffen.

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Der Zusammenhang zu fundamentalen politischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts ist dabei unübersehbar. Dies gilt für den Aufstieg des Nationalismus in gleicher Weise wie für den Kolonialismus. Lässt sich der Nationalismus zunächst als ein innereuropäischer Prozess der Definition des Eigenen und der Abgrenzung vom (nahen) Fremden fassen, wurden im Kolonialismus die Grenzen der "Zivilisation" nach außen verschoben und umrissen. In der Durchsetzung des Prinzips der Staatsbürgerschaft und der Einführung des Passes im 19. Jahrhundert fand dieser Prozess der innereuropäischen Abgrenzung seinen greifbaren Ausdruck2, während nach außen vor allem das Konzept der Rasse und somit der Grenzziehung anhand von körperlichen Merkmalen seine nachhaltige Wirksamkeit entfaltete.

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Das Ineinandergreifen der schnellen und expansiven technischen, medial-kommunikativen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts umfasst jenen Prozess, der in vielfacher Weise als Entstehung der Moderne beschrieben wird. Zygmunt Baumann hat die tiefgreifenden Ambivalenzen dieses Prozesses betont. Der mit dem Aufstieg der Moderne verbundene Anspruch des Ordnens und des Kategorisierens, so Baumann, war unweigerlich mit umfassenden In- und Exklusionsprozessen verbunden. Die Beseitigung von Ambivalenz und damit die Grenzziehung zum Anderen und die Definition des Eigenen gegenüber dem Anderen spielt dabei in seinen Augen eine zentrale Rolle3. Tatsächlich zeigen auch die hier veröffentlichten Beiträge in vielfacher Weise, wie die Begegnungen mit dem Anderen in zunehmendem Maße vom Bedürfnis des Ordnens und des Beseitigens von Ambivalenzen verbunden war.

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Die Frage, was in welcher Gesellschaft von wem als "das Andere" wahrgenommen worden ist, lässt sich kaum prima facie festlegen. Da der Entwurf des Eigenen einem permanenten Konstruktions- und Rekonstruktionsprozess unterworfen ist, kann auch "das Andere", von dem sich gesellschaftliche Selbstentwürfe jeweils absetzen, erheblich variieren. Das Spektrum von wahrgenommener Alterität weist somit eine erhebliche Spannbreite auf, die sich in den Beiträgen niederschlägt. Dennoch lassen sich klare Schwerpunkte ausmachen, in denen sich die Wahrnehmung von Alterität in besonderem Maße zeigt und um die herum die Beiträge hier gruppiert wurden. Dies sind zunächst die rassischen und kolonialen Diskurse, die unmittelbar mit der Unterwerfung jener Teile der Welt zusammenhingen, welche die europäischen Staaten zu ihren Kolonien machten. Das Spektrum der Beiträge dieser ersten Sektion reicht dabei von einer Analyse des kolonialen Rassendiskurses im Deutschen Kaiserreich unter den Aspekten der Sexualität (Eva Blome) und Männlichkeit (Sandra Maß), über eine Untersuchung der Konstruktion des Eigenen und Fremden in den Texten von afrikanischen frankophonen Schriftstellern (Viviane Azarian) bis hin zu einer Analyse der deutschen Kolonialpresse im Hinblick auf die "Anderen" (Elisabeth Schmidt).

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Als ein spezifischer Teil der rassischen und kolonialen Diskurse können bildliche "Darstellungen des Anderen" gelten, um die sich die Beiträge der zweiten Sektion gruppieren. Sie beinhaltet den Artikel von Birgit Stammberger zur "Hottentottenvenus", den Beitrag von Bénédicte Percheron über die Darstellung außereuropäischer Völker in den Naturkundemuseen des 19. Jahrhunderts und den Beitrag von Mathilde Roussat über die Fotosammlung aus dem 19. Jahrhundert der "Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte".

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Umfassten die ersten beiden Sektionen eher Wahrnehmungen und Imaginationen des "ganz Fremden", verweisen die Beiträge der dritten Sektion stärker auf Fragen der nicht zuletzt national geprägten Selbstidentifikation. Hierzu gehören die Beiträge von Florian Keisinger über die Wahrnehmung der Balkankriege in der englischen, irischen und deutschen Presse, von Stefan Dyroff über die Funktion des polnischen Helden "Bartel" im nationalen Diskurs Polens, von Richard Pohle über die im 19. Jahrhundert konstruierte deutsch-griechische "Verwandtschaft" als Projektionsfläche für die deutsche Identität, von Christin Pschichholz über die Konfrontation der deutschen Einwanderer in Istanbul, Izmir und Eskişehir mit ihrem osmanischen Umfeld und von Evelyn Gottschlich über die Darstellung Tibets und die Entwicklung seines idealisierten Bildes in der westlichen Welt.

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Die letzte Sektion zu "Wissenschaft und Alterität" versammelt die Beiträge von Bénédicte Élie über Jules Michelet und seine Konstruktion der französischen Identität, von Frédéric Dupin über die positivistische Konzeption des Westens bei Auguste Comte, von Guillaume Bonnin über die Geschichte Koreas im Spiegel der Diskussionen innerhalb der französischen Naturwissenschaft und schließlich von Julie Dumonteil über die Ansichten Nietzsches zum deutschen Erziehungswesen und der Verschiedenheit, die im Zuge der Reformen nach 1871 dort geschaffen wurden.

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Der Abschlusskommentar von Volker Barth zu den Beiträgen ist jetzt unter dem Titel "Fremdheit und Alterität im 19. Jahrhundert: Ein Kommentar" als thematische Einführung veröffentlicht. Allen Aufsätzen sind eine deutsche und eine französische Zusammenfassung vorangestellt.

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Die hier veröffentlichten Beiträge gehen auf den 4. Deutsch-französischen Sommerkurs für Nachwuchswissenschaftler/innen zurück, den das DHI Paris im Juni 2007 mit finanzieller Unterstützung der Deutsch-französischen Hochschule organisiert hat. Drei Tage lang diskutierten zwanzig deutsche und französische Doktoranden in Paris über ihre Forschungsprojekte. Eine Exkursion führte die Gruppe zur damals noch nicht eröffneten "Cité nationale de l'histoire de l'immigration" an der Porte Dorée in Paris4.

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Die Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den Sommerkurs wurde über ein "Call for paper" getroffen, auf das über 70 Antworten eingingen. Die Teilnehmer/innen des Sommerkurses waren aufgefordert, ihre Beiträge zwei Wochen vor Beginn der Tagung einzureichen. Diese wurden in einem geschützten Bereich im Internet zugänglich gemacht. Anschließend hatte jeder die Aufgabe, einen kurzen Kommentar zu einem anderen Beitrag zu verfassen, der dann ebenfalls im Internet abrufbar war. Auf diese Weise wurde die Diskussion zwischen den Teilnehmer/innen schon vor der Tagung angestoßen, ein Konzept, das sich als sehr fruchtbar erwiesen hat. Die Veröffentlichung der Beiträge dokumentiert somit ganz explizit einen Prozess des "work in progress".

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An dieser Stelle sei noch einmal allen gedankt, die zur ersten Veröffentlichung der Vorträge eines Sommerkurses des DHI Paris beigetragen haben, allen voran Prof. Dr. Gudrun Gersmann, seit November 2007 Direktorin des DHIP, die den Vorschlag zur Publikation aufgegriffen und die notwendigen Mittel dafür bereitgestellt hat. Gedankt sei auch der Redaktion der Publikationsplattform "Perspectivia", Dr. Michael Kaiser und Tobias Wulf, für die umsichtige Korrektur und Formatierung der Aufsätze.

Paris und Bielefeld im September 2008

Mareike König, Jörg Requate und Carole Reynaud-Paligot

Autoren

Mareike König
DHI-Paris
mkoenig@dhi-paris.fr

Jörg Requate
Universität Bielefeld
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Theologie und Philosophie
joerg.requate@uni-bielefeld.de

Carole Reynaud-Paligot
Université Paris Sorbonne
Centre d’Histoire du XIX
eSiècle
c.reynaud-paligot@orange.fr

1 Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Leipzig 1908, S. 686f.

2 Vgl. dazu u.a. Andreas Fahrmeir, Paßwesen und Staatsbildung im Deutschland des 19. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 57-91.

3 Zygmunt Baumann, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 2005.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

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Zitation
 
: Die Entdeckung des "Anderen" im 19. Jahrhundert. Einleitung zur Veröffentlichung der Beiträge des 4. Sommerkurses des DHIP .
In: Das Andere. Theorie, Repräsentation und Erfahrung im 19. Jahrhundert (4. Sommerkurs des Deutschen Historischen Instituts, 2007) - L’autre. Théorie, représentation, vécu au XIXe siècle (4e université d’été pour jeunes chercheurs de l’Institut historique allemand, 2007), hrsg. von / éd. par Mareike König, Jörg Requate, Carole Reynaud-Paligot (discussions, 1)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/discussions/1-2008/koenig-requate-reynaud-paligot_einleitung
Veröffentlicht am: Oct 27, 2008
Zugriff vom: Jul 29, 2014
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